Römer | Die irische Meerjungfrau | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 270 Seiten

Reihe: Fin O'Malley Krimi

Römer Die irische Meerjungfrau

Ein Fin O'Malley Krimi
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-941657-53-3
Verlag: CONTE-VERLAG
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Ein Fin O'Malley Krimi

E-Book, Deutsch, Band 1, 270 Seiten

Reihe: Fin O'Malley Krimi

ISBN: 978-3-941657-53-3
Verlag: CONTE-VERLAG
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



'Ein Brummen weckte ihn. Ein Diesel, der monoton vor sich hin nagelte. Er spürte Gewicht und Wärme der tuckernden Maschine. Vorsichtig öffnete er ein Auge. Ein orangefarbenes Auto. Mit grünen Scheinwerfern. Er öffnete beide Augen. Sofort hörte das Brummen auf. Es war kein Auto. Es war eine Katze.' Für Detective Sergeant Fin O'Malley kommt es knüppeldick. Frau und Tochter lassen ihn sitzen und sein Chef schiebt ihn aufs Abstellgleis. Er soll in einem Nest an der nordwestlichen Küste Irlands einen Verdächtigen aufspüren, der schon zehn Jahre tot ist. Hier in Foley, zwischen redseligen Iren und schweigenden Lämmern, beißt Fin erst mal auf Granit. Besonders bei Charlotte Quinn, die Kirchenfresken repariert und in einem einsamen Leuchtturm wohnt. Spannend und mit viel Humor erzählt Carolin Römer in ihrem Krimierstling eine Story, wie sie nur in Irland spielen kann. Hier tauchen ehemalige Piraten auf, atheistische Pfarrer, untergetauchte IRA-Leute, trinkfeste Großmütter, unsichtbare Kobolde, verschwundene Rennpferde - und eine geheimnisvolle Meerjungfrau.

Carolin Römer arbeitet als Cutterin beim Fernsehen. Sie lebt in Saarbrücken, wenn sie nicht in Irland ist. Für ihre Ermittlerfigur Fin O'Malley ist bereits ein weiterer Fall bei ihr in Arbeit.
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Prolog
1. Pleurants
2. The Fisherman
3. Foley
4. Maighdean mhara
5. Keane
6. Malcolm Keane
7. Cape Cloud
8. Charlie
9. Shergar
10. Nora
11. Charlotte
12. Horse's Neck
13. Blue Boy
14. Quinn
15. Tirfotoin
16. Papaver somniferum
17. St. Mary
18. Vincent
19. Thomas
20. Jack
Fin


1. Pleurants


Er blinzelte.

Mit etwas Phantasie sahen die Felsen tatsächlich aus wie eine düstere Prozession mittelalterlicher Mönche, besonders wenn die Phantasie von fünfzehn Jahre altem schottischen Single Malt beflügelt wurde. Im Reflex klopfte er gegen die Innentasche seiner Barbourjacke. Der Flachmann klang erschreckend hohl. Er sollte ihn im nächsten Pub nachfüllen.

Sein Reiseführer hatte das Naturschauspiel beschrieben. Welchem unergründlichen Muster auch immer Gott gefolgt war, als er diese Steine in den Sand geworfen hatte, sie gaben den Menschen seit jeher Rätsel auf. Mannshohe Felsbrocken, die in einer geheimnisvollen Ordnung über den Strand zu marschieren schienen, die aber anders als prähistorische Steinkreise nicht von Menschenhand dorthin gestellt worden waren, sondern allein das Werk von Mutter Natur waren. Sonne und Wind, Ebbe und Flut hatten den Steinen über die Jahrtausende zugesetzt. Algen und Flechten wucherten Bärten gleich auf der verwitterten Oberfläche. Muscheln hatten sich in den winzigsten Winkeln festgekrallt und bizarre Muster gebildet, während das Salzwasser stetig am Fundament nagte. Es war abzusehen, dass in ein paar hundert Jahren nichts mehr da sein würde, das die Phantasie eines Betrachters beflügeln konnte.

Im vergangenen Jahrhundert hatte ein findiger Tourismusmanager der Felsformation den Namen Pleurants gegeben. Das war Französisch und bedeutete frei übersetzt so viel wie Trauerzug, in Anlehnung an steinerne Figuren bedeutender Grabmale noch bedeutenderer Könige. Genützt hatte es nichts, Touristen waren keine gekommen, und die rätselhaften Steine wanderten weiter unbeachtet über einen menschenleeren Strand. Es gab weit und breit nichts Bemerkenswertes. Keine bedeutenden Kulturschätze, weder römische Ausgrabungen noch himmelstürmende Zeugnisse mittelalterlicher Baukunst. Nur Landschaft. Und selbst die war wenig spektakulär. Eintöniges Grün, Wiesen und Weiden, die ohne Vorwarnung in scharfen Klippen zum Meer hin abbrachen, ein schmaler Streifen Strand, mit Felsen gespickt, schließlich eine langweilig graue Pampe, die sich Atlantik nannte. Und über allem ein wolkenverhangener Himmel, aus dem es meistens regnete. Wer’s mochte …

Nein, hierher kam niemand freiwillig. Im Gegenteil, seit mehr als tausend Jahren hatten die Menschen alles daran gesetzt, von hier fortzukommen.

Day’s Foreland war eine Halbinsel im äußersten Nordwesten Irlands. Wobei Day eine englische Verballhornung des gälischen Wortes dia war. Dia bedeutete nichts Geringeres als Gott, und ursprünglich hieß der Landstrich An Lámh Dé – die Hand Gottes. Tatsächlich sah die Küstenlinie mit ihren tief ins Land reichenden fjordähnlichen Buchten auf der Landkarte aus wie eine Hand mit fünf ausgestreckten Fingern. Aber diese Gegend schien von Gott ebenso verlassen wie von allen anderen Lebewesen.

Die ersten Spuren menschlichen Wirkens hinterließ – wie sollte es in diesem Lande anders sein – eine Handvoll Mönche, die im achten Jahrhundert hier durchgezogen war. Sie hatten sich nicht lange aufgehalten. Der Legende nach waren sie mit einem Boot, einem lederbezogenen Curach, von einer Landzunge aus in See gestochen. Sie waren dem Zeigefinger Gottes gefolgt, der ihnen den Weg ins Gelobte Land weisen sollte. Wenn sie unterwegs nicht abgesoffen waren, hatten sie wahrscheinlich Grönland entdeckt. Was am Ende aus ihnen wurde, ist nicht überliefert. Aber es ist unwahrscheinlich, dass sie nach dieser Entdeckung noch große Lust verspürt hatten, mehr vom Rest dieser Welt zu sehen.

Wenig später begannen auf dem Nachbarfinger ganz andere Elemente einem eher unchristlichen Handwerk nachzugehen. Denn ganz oben, sozusagen auf der Kuppe des fast schon obszön langen Mittelfingers, lag das Dorf Foley – und der eigentliche Grund für Fins Anwesenheit.

Denn er war ganz und gar nicht freiwillig hier, und er hätte sonst was dafür gegeben, in diesem Augenblick woanders zu sein.

Fin schlug den Kragen seiner Jacke hoch und schniefte.

An sonnigen Tagen konnte er einer solchen Landschaft durchaus etwas Reizvolles abgewinnen, aber an Tagen wie heute? Er war ein Stadtmensch. Völlig ungeeignet für das Leben unter freiem Himmel. Das einzige Grün, das er gelten ließ, waren die Parks in Dublin mit all ihrem staubigen Laub, den überquellenden Abfalleimern, umherirrenden Touristen und vierundzwanzigstündigem Lärmpegel. Autoabgase waren auch nicht schlechter als der muffige Geruch von abgestandenem Salzwasser, verwesenden Krabben und modernden Algen.

Es war viel zu still hier. Kaum ein Laut war zu hören, nicht mal eine einzige keifende Möwe. Das Meer kotzte lustlos auf den Strand und ließ den schmutzigbraunen Seetang hin und her schwappen. Kein Wind, der die Wellen dramatisch aufwühlte oder wenigstens die winzigen Mücken vertrieb. Dazu ein Nebel, der den dicksten Großstadtsmog in den Schatten stellte, milchig, sämig und unappetitlich wie Haferschleim. Der Horizont war hinter einem dichten Schleier aus feinem Nieselregen verschwunden. Während der ganzen Autofahrt hatte es geregnet, und noch immer trommelten die stecknadelfeinen Tropfen auf die harte Schale seiner nagelneuen Wachsjacke.

Er hatte sich gut vorbereitet. Nicht nur eine neue Jacke gekauft. Oder diesen handgestrickten Pullover aus handgesponnener Wolle von freilaufenden Schafen, der eigentlich bloß unangenehm auf der Haut kratzte und bei der ersten Wäsche wahrscheinlich auf Zwergengröße einschrumpfte. Er hatte sich sogar knöchelhohe, wetterfeste Schnürschuhe gekauft, bloß lagen die jetzt im Kofferraum seines Wagens oben an der Straße, weil er es viel zu unbequem fand, mit diesen klobigen Waldbrandaustretern Auto zu fahren.

Seine hellen Wildlederschuhe waren komplett durchweicht. Der kurze Spaziergang über den Strand hatte genügt. Nein, es waren keine handgenähten italienischen Maßschuhe, bloß ein Sonderangebot, aber es wurmte ihn dennoch. Sie waren fehl am Platz. Genau wie er.

Er hätte Gummistiefel mitbringen sollen. Auf der Fahrt war er an einem noblen Country Hotel vorbeigekommen. Dort hatte eine ganze Reihe von Gummistiefeln an der Garderobe ausgeharrt, kein Paar unter zweihundert Euro wert. Im hoteleigenen Pub hatten ihre Besitzer an der Theke gestanden und zwanzig Jahre alten Whisky geschlürft. Unternehmensberater, Investmentbanker und Topmanager, die ein Event-Weekend gebucht hatten und eine Menge Geld dafür hinlegten, in einem Selbsterfahrungskurs mit Anglerstiefeln bis zum Bauch im kalten Wasser zu stehen und ahnungslosen Lachsen aufzulauern. Für einen kurzen Moment hatten ihn Marmorbäder und Internetanschluss, Bibliothek und Rauchersalon gereizt, aber ihm war schnell klar geworden, dass die Preise sein Budget sprengten. So hatte er es bei einem feudalen Mittagsmahl belassen.

Mangels echter Alternativen hatte er sich für ein Bed&Breakfast entschieden. An der Tankstelle in Foley hatte er gefragt und die Adresse der Witwe MacCormack erhalten, die am Ausgang des Dorfes wohnte und Zimmer vermietete. Er fand einen Bungalow aus den frühen achtziger Jahren, dessen große Panoramafenster über einen akkurat geschnittenen Rasen, ebenso akkurat gestutzte Büsche und weniger akkurat verblühte Astern auf eine weite Bucht hinausgingen. Im Garten die unvermeidliche Wäschespinne, auf deren Leine selbst bei strömendem Regen wenigstens ein einzelner Bettbezug die unermüdliche Hausfrau verriet. Auf einem Pfosten neben der Auffahrt zur Garage thronte eine kitschig bunte Marienstatue aus Gips, zu ihren Füßen ein Ewiges Licht. Hier würde man ihn gewiss nicht von der Schwelle weisen. Dennoch hatte ihn die Witwe MacCormack – fünfundsiebzig (geschätzt), hundertachtzig Pfund (über den Daumen gepeilt) und schwarzgefärbt (todsicher) – misstrauisch angesehen, als er vor ihrer Tür aufgekreuzt war. Die Urlaubssaison war längst vorbei, kein Mensch im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte verbrachte Anfang November seine Ferien an der rauen Nordwestküste, da pflichtete Fin ihr insgeheim bei. Aber schließlich hatte sie ihm doch ein Zimmer aufgesperrt, die Plastikschutzhülle vom Bett genommen und den Geruch von Mottenkugeln zum Fenster hinausgejagt. Ein gutes Geschäft ließ sich hier eben niemand entgehen. Wahrscheinlich tackerte sie in diesem Augenblick gerade den plüschigen blassgelben Bettvorleger auf dem Boden fest und nahm das vergoldete Kruzifix über dem Bett herunter. Nicht dass sie ihm nicht über den Weg traute …

Er hatte seine Reisetasche abgestellt, sich mit seiner Straßenkarte bewaffnet und war wieder ins Auto gestiegen. Erst mal wollte er die Gegend erkunden und war einfach der Straße nachgefahren. Am Kap vorbei mit dem alten Leuchtturm, immer die kurvenreiche Küste entlang bis ein Schild am Straßenrand ihn auf dieses touristische Highlight aufmerksam gemacht hatte.

Vom Parkplatz führte ein schmaler Trampelpfad durch Gras und Heidekraut bis zum Rand der Dünen. Er spazierte eine Weile über den Strand, die Hände in den Taschen vergraben. An manchen Stellen hatten Wind und Meer den nackten Fels unterm Sand freigefegt, im Dunst konnte er in der Brandung verborgene Riffe erahnen. Die Küste galt seit Menschengedenken als gefährlich. Vor Inbetriebnahme des Leuchtturms hatten die Menschen ihr...


Carolin Römer arbeitet als Cutterin beim Fernsehen. Sie lebt in Saarbrücken, wenn sie nicht in Irland ist. Für ihre Ermittlerfigur Fin O'Malley ist bereits ein weiterer Fall bei ihr in Arbeit.



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