E-Book, Deutsch, 188 Seiten
Röper / Gade "Gib mir einen Negerkuss!"
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7412-4321-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein GI Baby im Nachkriegsdeutschland auf der großen Suche nach Daddy
E-Book, Deutsch, 188 Seiten
ISBN: 978-3-7412-4321-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ingrid R. Gade ist ein GI Baby. Ihre Geschichte ist eine wahre Geschichte. Es ist eine unglaubliche Geschichte.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 5 - „Martha, versündige dich nicht an dem Kind!“
Das kleine Haus an der Marktstraße Nr. 4 im damals etwa 16.000 Einwohner zählenden Nürtingen steht heute noch. Einen etwas mitgenommenen Eindruck macht es, mit seinen ein wenig schief hängenden Fensterläden und dem fleckigen Putz, hat sich aber seit damals eigentlich kaum verändert. Das Haus befindet sich etwa 40 Kilometer von Muttis Dachgeschosswohnung in Geislingen entfernt, aus der sie damals eifrig Liebesbriefe mit ihrem Verlobten Werner Schabel austauschte.
Mit drei Jahren, im November des Jahres 1949, betrat ich das Haus zum ersten Mal, wurde in Privatpflege dort untergebracht. Bei Martha, ihrem einjährigen Sohn Uli und der bettlägerigen, alten Großmutter. Allesamt wohnten sie in der kleinen, kalten und finsteren Dienstbotenwohnung unter dem Dach.
Die Großmutter sah ich während der kommenden drei Jahre niemals sitzend oder gar stehen. Sie lag, mit Kissen ein wenig aufgerichtet, im großen Bett am Fenster der Wohnküche. Von ihr erinnere ich nichts als Falten und weißes Haar. Unbeweglich wie sie war, konnte sie mir während der kommenden Zeit nicht helfen. Manchmal jedoch erhob sie ihre Stimme, rief zu ihrer Tochter herüber, mit dieser rauen und zittrigen Stimme: „Martha, versündige dich nicht an dem Kind!“
Martha war eine damals etwa 25-jährige, blonde, etwas füllige und kräftige Frau. Pünktlich zu meinem Eintreffen im November des Jahres 1949 hatte sie mein Zimmer vorbereitet. In der Rumpelkammer hatten die Kartoffeln und Äpfel ihren Platz, das Altpapier, wie auch Kartons voller alter Schuhe und Kleidung, außerdem das Holz zum Feuern im Küchenherd, der einzigen Heizquelle der Wohnung.
Eine nackte Glühbirne baumelte an der Decke. In diese Kammer hatte Martha mein Kinderbett geschoben. Ein aus Brettern gezimmertes Gestell mit einer Strohmatratze darin, wie es damals üblich war. Herzlich willkommen! Hier sollte für die nächsten drei Jahre mein Kinderzimmer sein. Der Eingang des kleinen Raumes ging von der Wohnküche ab, dort am Fußende des Bettes mit der alten Frau darin.
Meine Kammer war fensterlos.
Kohlrabenschwarz war es dort; bei Tag und bei Nacht.
Eine unglaubliche, vollkommene Dunkelheit.
Meine kleine, mir von Mutti einst geschenkte Porzellankopfpuppe hatte Martha in den großen Bauernschrank im Treppenhaus geschlossen. Ich sah sie all die Jahre nicht.
Welche Einsamkeit einen befangen kann, wo ich es doch gewohnt war, immer Kinder um mich zu haben. Diese Einsamkeit war mir neu.
Mitten in dieser Dunkelheit ich, als dreijähriges Mädchen, eingehüllt in eine Decke und vollkommen verängstigt. Jeder Blutstropfen meines Körpers, jeder Zentimeter Haut, jede Locke, mein Mund, meine Augen, meine Eingeweide, alles war voller Angst.
Wie in so vielen Nächten überkam mich irgendwann der Drang, zu urinieren.
Nebenan im Schlafzimmer schliefen Martha und ihr Sohn Uli in einem großen Bett. In der Wohnküche schnarchte die alte Großmutter.
Die Toilette lag draußen im Hausflur. Dort war es nachts ebenso finster wie in der Kammer. Vielleicht würde ich einem Erwachsenen begegnen, einem Nachbarn oder sonst wem, auch davor hatte ich panische Angst. Wie ich vor allen Erwachsenen Angst hatte.
Diesen Bretterverschlag von Toilette habe ich eigentlich die ganzen Jahre nicht einmal betreten.
Bald würde ich es nicht mehr aushalten können.
Rausgehen, durch die Wohnung, die Wohnungstür öffnen, den finsteren Hausflur betreten?
Das war mir unmöglich.
Ich bewegte mich nicht. Ließ den Urin rauslaufen, runter an meinen Beinen, alles wurde nass. Es stank. Rann in die Matratze hinein. Martha wird mich wieder schlagen, dachte ich. Die Angst hörte niemals auf. Irgendwann schlief ich ein.
Erwachte.
Und hörte wie so oft Marthas Flüche: „Du verdammte Bettnässerin, du wirst das schon lernen, du Niggerbastard! Du dreckige Zigeunerin!“, schrie sie wieder. Das schrie sie oft: „Niggerbastard“.
Martha riss mich aus dem Bett, wusch und ertränkte mich beinahe im eiskalten Wasser des Metallzubers, stieß mich immer wieder unter Wasser, dann auf ein Töpfchen, das in meiner Rumpelkammer stand. „Mach dein Geschäft“, sagte sie herrisch und verschwand im anderen Zimmer.
So wenig wie ich aß. Es ging nicht. Das Töpfchen blieb leer.
Denn täglich gab es Sauerkraut und angebrannte Kartoffeln, beides in Schweineschmalz gebraten. Ich bekam es nicht runter. Martha wurde fahrig, wütend, brutal, stopfte mir das angebrannte und nach Schweineschmalz stinkende Zeugs mit ihren Kochlöffeln in den Mund, hielt mich dabei fest, fluchte, und stopfte es hinein, hinein, hinein.
Das waren die einzigen Momente, die ich bei jemandem auf dem Schoß saß.
Ihr leiblicher Sohn Uli hatte es da besser. Wie liebevoll Martha ihn fütterte mit Apfelmus, Brei und Schokolade. Immer hatte er eine Köstlichkeit in der Hand. Hätte ich ihm etwas weggenommen, Martha hätte mich windelweich geschlagen.
Nie hatte ich Kontakt zu Uli. Auch wenn wir doch ein wenig miteinander hätten spielen können.
Das ließ Martha nicht zu.
Auch Spielzeug hatte ich keines, und nahm zur Hand, was ich in der Küche fand. Tagelang faltete ich Papiere zusammen und wieder auseinander. Manchmal spielte ich mit Besteck auf dem Fußboden der Küche „Familie“. Die verschieden großen Löffel waren meine kleine Familie. Sie unterhielten sich, herzten sich, schliefen manchmal und lachten. Das war schön.
Das Töpfchen blieb oft leer.
Es machte Martha irrsinnig.
Einmal kam sie mit dem Besen hereingestürzt, starrte in das Töpfchen, riss den Besen hoch in die Luft und schrie mich an: „Wenn du jetzt nicht dein Geschäft machst, dann schlage ich dich zusammen.“
Vor Schock und Angst habe ich gedrückt, mit ganzer Kraft, bis es nur noch schmerzte und blutete. Überall Schmerz und Blut. Mein Darm war herausgekommen. „Rektumprolaps“ nennen das die Mediziner, ein Ausstülpen des Enddarms mit all seinen Wandschichten bis vor die Afteröffnung.
Alles war voller Blut und Schreien.
Martha bekam Angst, zog mich hoch, schleppte mich panisch ins Bett und stürmte davon.
Nach einer Stunde kam sie wieder. Begleitet von einem Arzt. Der setzte sich aufs Bett, um mit aller Gewalt den Darm wieder in meinen Kinderkörper zu drücken.
Das war die schlimmste Nacht meines Lebens.
Fünf Jahre alt war ich damals.
Fünf.
Meine übermächtige Angst hat sich noch vergrößert. Hat sich von den Tagen als Alpträume auch in und durch die Nächte gezogen.
Manchmal erwachte ich in diesen Nächten, hatte großen Hunger und Durst. Ich stand auf und suchte in der Dunkelheit nach einem Apfel. Hastig aß ich diesen. Plötzlich fiel mir ein, dass darin sicher ein Wurm lebte. Erschrocken warf ich ihn weg, kroch schnell zurück in mein Bett, fror, wie ich eigentlich immer fror, weil der Wind durch alle Dachritzen pfiff. „Das sollst du mir büßen!“, weckten mich Marthas Schreie. „Du hast einen Apfel gestohlen!“
An den Haaren zerrte sie mich aus dem Bett, verprügelte meinen ausgemergelten Kinderkörper mit aller Brutalität.
Kochlöffel nahm sie zur Hilfe.
Wie viele an mir zerbrochen sind.
Ich schrie so laut ich konnte.
Plötzlich wieder die Stimme der alten Frau: „Martha, Martha! Versündige dich nicht an dem Kind!“
Dann ließ sie ab von mir. Bis sie mich wegen einer anderen Kleinigkeit wieder in die Mangel nahm. Oder wegen meiner nächtlichen Bettnässerei. Aber da schmiedete Martha eines Tages einen anderen Plan.
Ganz einfach. Sie würde mir ab nachmittags nichts mehr zu trinken geben. Sicher würde ich dann nachts nicht ins Bett pullern.
Seit diesem Tag hatte ich nachts einen qualvollen Durst.
Ich erwachte. Meine Zunge lag trocken im Mund.
So manches Mal war das gänzlich unerträglich.
Ich zog das Töpfchen unter dem Bett hervor und trank den Urin in einem Zug aus.
Zuerst war das eklig.
Dann wurde es besser.
Und besser allemal als zu verdursten.
Eines Tages kam Mutter.
Sie besuchte mich. Eine Tafel Schokolade in der Hand.
Martha empfing sie mit Flüchen:
„Du Ami-Hure. Du Nigger-Nutte.“
Mutti wich zurück.
„Dieser verdammte Bastard!“, rief Martha und deutete auf mich. „Dieses Bimbokind, sie nässt ein. Hört nicht. Wirft alles um. Lässt sich nicht erziehen. Und Sie bringen diesem Dreckstück noch Schokolade mit.“
Mutti floh förmlich aus der Wohnung.
Sie kam nie wieder.
Später erzählte Mutti, sie habe sich nicht mehr in die Wohnung getraut, fortan Päckchen mit Schokolade geschickt und Zettelchen mit der Aufschrift: „Für meine Ingrid!“ Diese Päckchen sind niemals bis zu „ihrer Ingrid“ gelangt.
Tatsächlich warf „Ingrid“ oft Gegenstände um, verschüttete Flüssigkeiten, stolperte, benahm sich tollpatschig; „dummes, trotteliges Niggerkind!“
Da ich von Martha nie zu einem Arzt mitgenommen wurde, wusste natürlich auch niemand von meiner Kurzsichtigkeit, die meiner Mangelernährung und einem Vitamin-D-Mangel durch die ständige Dunkelheit geschuldet war. Bereits im Alter von einem Jahr war ich einmal mit Diphterie in das Esslinger Krankenhaus eingeliefert worden, sonst wäre ich erstickt. Auch das schadete meiner Sehkraft.
Ich warf Dinge um, nässte ein, spielte ein wenig auf dem Küchenfußboden, stand die meiste Zeit auf Marthas Befehl zerbrechlich in der Ecke. Dennoch fand sie immer einen Grund, mich noch schlimmer zu bestrafen als mit andauernder Prügel. Sie zerrte mich dann aus der kleinen Wohnung, die Treppen herunter und in den Hinterhof....




