E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Roger Die Bücher des Monsieur Picquier
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-641-25212-0
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-641-25212-0
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
„Der alte Buchhändler“ – so nennen ihn die Pfleger hinter vorgehaltener Hand. Denn Monsieur Picquiers winziges Zimmer im Seniorenheim ist vollgestopft mit Tausenden von Büchern. Sie sind seine Schätze, sein wertvollster Besitz. Doch Parkinson und Grüner Star machen es ihm unmöglich, darin zu lesen. Da bietet sich eines Tages der Hilfskoch Grégoire als sein Vorleser an. Ihm ist alles recht, um für eine Zeitlang dem harten Dienst in der Küche zu entgehen. Was als Zweckgemeinschaft beginnt, wächst rasch zu einer engen Freundschaft, die Picquier aus seiner Einsamkeit erlöst und Grégoire den Mut gibt, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen.
Marc Roger tritt als Vorleser auf und organisiert Lesungen in Buchhandlungen und Bibliotheken in ganz Frankreich. 2014 erhielt er den Coup de Cœur des Grand Prix Livres Hebdo für seine herausragende Rolle als Literaturvermittler. »Die Bücher des Monsieur Picquier« ist sein erster Roman.
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2
Ich bin gerade achtzehn geworden. Nach Collège und Lycée ging es für mich sofort ans Arbeiten. Ich hab die Kurve nicht gekriegt. Eigentlich ist es ganz einfach: Laut Statistik bestehen achtzig Prozent das Abitur. Aber ich bin unbemerkt auf die Seite der zwanzig Prozent gerutscht. Ich weiß nicht mal, ob ich in diesen Statistiken überhaupt auftauche. Die Lehrer haben mich jedenfalls nie wahrgenommen. Egal, welches Fach gerade dran war, Grégoire Gélin war abwesend anwesend. Wie einer, der durch Wände gehen kann.
Schon in der achten, als das mit der Berufsvorbereitung losging, habe ich Panik geschoben. All diese Berufe, für die man diesen oder jenen Studiengang braucht … keine Ahnung, aber für mich war das, als würde mir eine Tür nach der anderen vor der Nase zugeschlagen. Ich habe mit meiner Mutter darüber gesprochen:
»Diese Berufsberater haben keine Ahnung. Ich habe gesagt, ich würde Bäume mögen, und da hat er vorgeschlagen, ich sollte Forstwirtschaft studieren. Dafür braucht man aber ein naturwissenschaftliches Profil, und Mathe kapiere ich nicht. Was soll ich denn machen?«
Meine Mutter meinte darauf ganz pragmatisch:
»Geh arbeiten, so wie ich in deinem Alter!«
Die Stadtverwaltung suchte Aushilfen, aber das Grünflächenamt war eine Pleite. Mir hätte es dort gefallen können, ehrlich, draußen sein ist mein Ding, aber mein Job bestand aus Rasenmähen und Laubblasen, den ganzen Tag, und am Ende habe ich noch Hundekacke und kaputte Flaschen eingesammelt. Ich hatte schnell die Nase voll. Meine Mutter kennt Monsieur Théron, den Beigeordneten für Soziales, er hat dann seine Beziehungen spielen lassen, seinen direkten Draht zur Leitung von Les Bleuets. In meinem Arbeitsvertrag heiße ich »Hilfskraft für Krankenhausdienste«. Fünfunddreißig Stunden die Woche. Madame Masson, die Leiterin des Pflegeheims, hat mein Gehalt selbst festgelegt. Ein klein bisschen weniger als der Mindestlohn, um meinen Status als Ungelernter zu unterstreichen. Ich habe ohnehin keine Wahl. Meine Mutter meinte zu mir:
»Endlich habe ich mal ein bisschen Luft!«
Mit meinem Lohn beteilige ich mich an den Haushaltskosten. Das ist die offizielle Seite. Ich selbst nenne mich APDAM – ahnungsloser Praktikant, der alles macht. Der alte Buchhändler sagt dazu »Faktotum«. Inzwischen kann ich darüber lachen.
In der Küche bin ich an einem 1. Februar gelandet. Die brauchten unbedingt jemanden, also bin ich hin. Draußen war es kalt, so um die drei, vier Grad, mehr nicht. Drinnen das absolute Dampfbad, siebenundzwanzig Grad, das heißt, kurz vor Mittag, als Jean-Mi, der Küchenchef, das Tagesgericht fertig hatte, waren es sicher dreißig. Einen Monat arbeite ich jetzt da und habe in dieser Zeit vor allem gelernt, dass man in Küchen bestimmt keine ruhige Kugel schiebt.
Sechzig Gerichte, mittags und abends. Vierzig im Speisesaal, zwanzig auf den Zimmern. Es gibt zwei Küchenhilfen, Marie-Odile und Chantal, denen ich, so gut es geht, zuarbeite, indem ich schweißgebadet zwischen Vorratsraum und ihren Arbeitsplatten hin und her renne. Mir gefällt es. Ich schäle Kartoffeln und wasche Salat. Wir hören Radio auf Partylautstärke. Wir reden dummes Zeug, aber oftmals schimpfen die beiden auch:
»Vier müssten wir sein! Immer wird hier runtergespart, die saugen uns aus.«
Weil ich der Neue bin, muss ich die Misere bezeugen. Aber es stimmt, wenn ein, zwei Leute mehr da wären, würde es das Arbeitspensum erleichtern. Besonders nach dem Essen, wenn alles sauber gemacht und weggeräumt werden muss, zwischen den ratternden, dampfenden Geschirrspülern. Das ist echt hart. Am Ende sind wir durchnässt und stinken so übel, dass man kotzen möchte.
Im Speisesaal sind es sieben, vier Frauen und drei Männer, die sich je nach Bedürftigkeit verteilen. Ich habe gesehen, dass vier Bewohner gefüttert werden. Die anderen schlagen sich, so gut es geht, alleine durch. Und nach dem Essen: Was soll ich sagen? Mich erinnert das an die Schulkantine und das Chaos, das wir immer veranstaltet haben, wenn es Erbsen gab. Aber was man da macht, strengt auch den Kopf an. Entweder du hast Mitgefu¨hl, oder du hast keins. Es gibt alte Leute, die einfach zumachen, die sich an jedem Bissen verschlucken, die sich wegen nichts beklagen – wenn man es dann noch schafft, Späße zu machen und freundlich zu bleiben, dann läuft es. Wenn man aber ungeduldig wird, kann man sehr schnell verletzend werden oder gar übergriffig, wie sie es nennen. Und das hat nichts mit Bösartigkeit oder so zu tun: Man hält es einfach nicht mehr aus, ständig seine Bewegungen und seinen Tonfall zu kontrollieren. Wenn es richtig schlimm wird, rufen wir einen Kollegen, der einspringt, und dann geht man erst mal raus und versucht, mit einer Zigarette oder einem Kaffee runterzukommen. Wenn es dieses Miteinander nicht gäbe, würde die Stimmung ganz schnell kippen. Denn über uns steht die Pflegeleitung, die uns pausenlos einhämmert:
»Vergessen Sie nicht, dass Sie mit Menschen zu tun haben!«
»Vergessen Sie nicht, dass wir auch Menschen sind!«, erwidern dann manche, die einfach nicht mehr können.
Für die Essen auf den Zimmern gibt es fünf Kräfte, die je vier Bewohner versorgen. Die Hölle. Hier wird nicht mehr mit dem Löffel, sondern mit dem Trichter gefüttert. Monsieur Picquier gehört zu denen, die auf dem Zimmer essen. Er könnte auch runter in den Saal gehen, aber seine Parkinson-Krankheit schränkt ihn immer mehr ein. Vor allem aber ist es sein Wunsch, die Mahlzeiten allein zu sich zu nehmen. Das »Gegröle« im Speisesaal deprimiert ihn, meint er. Und versichert gleichzeitig, dass das nicht arrogant oder herablassend gemeint ist, sondern dass er sich einfach seelisch nicht dazu in der Lage fühlt.
»Wenn man immer weniger wird, so wie ich«, meint er. »Und dabei noch klar sieht, dann leidet man weniger, wenn man allein ist. Der Anblick der anderen hält einem unweigerlich den eigenen Verfall vor Augen.«
Vor drei Jahren, als sein behandelnder Arzt die Krankheit zum ersten Mal diagnostizierte, wollte er es erst nicht glauben. Doch dann häuften sich die Symptome, und elf Monate später war er gezwungen, die Entscheidung zu fällen, die ihm sein Arzt schon nahegelegt hatte. Haus, Auto und Buchhandlung, er hat alles verkauft, um das Pflegeheim bezahlen zu können, zweitausendfünfhundert Euro monatlich alles inklusive. Besonders traurig fand er, sich von Tausenden Büchern trennen zu müssen. Als ich wieder in sein Zimmer komme, nachdem ich mich um das Essen seiner Flurnachbarn gekümmert habe, höre ich zu, wie er von seiner Bibliothek erzählt wie von einem geliebten Menschen, der gerade verstorben ist. Mit einer kreisförmigen Bewegung seines rechten Arms deutet er auf die Zimmerwände, und mit kummervoller, verzweifelter Stimme erklärt er mir die Aufschrift an der Tür.
»Pauca meæ, das ist Latein und bedeutet: ›Das Wenige, das mir von ihr bleibt‹. Das, was du hier siehst, ist nur ein Zehntel dessen, was mir auf der Welt am meisten bedeutet hat. Es war grauenvoll, mich für diese dreitausend entscheiden zu müssen, sie den anderen vorzuziehen. Ein Schmerz, als würde man amputiert. Hast du schon mal von Phantomschmerz gehört?«
»…«
»Das abgetrennte Körperteil juckt und kribbelt, aber du kannst dich nicht kratzen. Ein Albtraum. Stell dir das mal vor! Siebenundzwanzigtausend Bücher, die ich nicht mehr in die Hand nehmen kann!«
Wie soll ich mir das vorstellen? Ich kann ihm ja nicht sagen: »Bücher? Bei mir zu Hause gibt es kein einziges.« Also erwidere ich mitfühlend, ohne groß zu überlegen:
»Sie sprechen über Ihre Bücher, als wären sie Ihre Familie oder Ihre Freunde.«
»Ja, genau so ist es.«
»Monsieur Picquier, würden Sie mir Ihren Teller geben? Ich muss weiter, die Mädels aus der Küche haben gesagt, ich soll mich beeilen.«
»Ja, ganz recht. Aber komm gerne wieder. Ich laufe nicht weg.«
Immer wenn ich kann, schaue ich bei ihm vorbei. Nicht sehr lange, denn nach der Arbeit bin ich komplett erledigt. Aber der alte Buchhändler in seinem Zimmer wirkt auf mich wie ein Magnet. Es ist wirklich komisch, aber einmal am Tag muss ich zu ihm. Mir ist schon klar, dass ich von kaum etwas eine Ahnung habe, ich ziehe ja ganz enge Kreise zwischen der Arbeit in Les Bleuets und der Zeit zu Hause mit meiner Mutter. Er aber ist ein richtiger Kopf, ein ganzes Leben voller Bücher, eine riesige Erfahrungsquelle. Aber was suche ich da eigentlich? Was tue ich bei diesem alten Mann, zwischen lauter Büchern? Übrigens hüte ich mich, die Bücher anzufassen oder gar aufzuschlagen. Vielleicht aus Angst? Ich weiß es nicht. Sicher ist das mein Schultrauma. Der alte Buchhändler spricht mich nicht darauf an. Aber ich bin ja nicht blöd, ich merke wohl, was er vorhat. Er lässt ein Buch herumliegen, damit ich den Titel sehen kann. Einen Titel, der mich neugierig machen könnte, glaubt er. Es ist wie ein Spiel: Ich lasse ihn in der Annahme, dass Lesen mich null interessiert, und er tut so, als habe er Wichtigeres zu tun, als mich umzustimmen. Was ist da falsch gelaufen in der Schule, dass ich zwei Jahre danach noch vor dem zurückschrecke, was sie am besten verkörpert: Bu¨cher, die mich zugleich faszinieren und anwidern. Mir widerstrebt es, auch nur eines von ihnen durchzublättern. Monsieur Picquier würde sich freuen, das weiß ich. Aber so schnell werde ich nicht weich. Es ist wie ein stilles Abkommen. Der Status quo ist uns nicht unangenehm und hält mehrere Wochen, bis dieser unüberlegte, selbstgefällige Satz fällt:
»Monsieur Picquier, Sie sagen mir doch immer,...




