Roggenkamp Tochter und Vater
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-10-401270-4
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-10-401270-4
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Viola Roggenkamp, in Hamburg geboren, aus deutsch-jüdischer Familie, Studium der Psychologie, Philosophie und Musik. Sie reiste und lebte mehrere Jahre in verschiedenen Ländern Asiens und in Israel. Als Schriftstellerin und Publizistin lebt sie heute wieder in Hamburg. 2004 erschien ihr Roman ?Familienleben?, ein Bestseller, übersetzt in mehrere Sprachen, 2005 ihr großer Essay ?Erika Mann. Eine jüdische Tochter? und 2009 der Roman ?Die Frau im Turm?. Zuletzt erschien 2011 ihr Roman ?Tochter und Vater?.
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I.
Ihr Vater war kurzsichtig und weitsichtig. Er konnte hellsehen und sah meistens schwarz. Niemals eilte er jemandem voraus. Dazu war er zu bequem. Er war vorauseilend in seiner Besorgnis. Beim Gehen hielt er den Kopf gesenkt und setzte seine Fußspitzen weit nach außen, wie um jedes Eindringen in anderer Leute Raum zu vermeiden. Aber seit Wochen ging er nicht mehr spazieren, er trat inzwischen nicht einmal mehr ans Fenster. Zu Hause, im Pyjama, in seinen Ohrensessel zurückgelehnt und dermaßen geschwächt, daß er seine eigenen Knochen nicht mehr zu tragen vermochte, bat er seine Tochter, ihm aus dem Schlafzimmer vom Nachttisch seine Brieftasche zu holen. Entschuldige, daß ich sitzen bleibe. Sie beugte sich über ihn. Er war unrasiert, und das war ihm unangenehm. Du wirst dich aufkratzen. Er betastete ihre Wange. Deine schöne Haut. Sie mochte ihn unrasiert. Sie mochte seine stoppelig kratzende, seine eigene Art an ihrem Gesicht. Er würde sich nicht mehr rasieren vor dem Sterben.
Ihre Schritte von ihm fort und aus dem Zimmer, über den Flur, jede ihrer Bewegungen entfernte ihn von ihr. Sie sah sich nach ihm um. Er nickte ihr zu. Sie öffnete die Tür zum Schlafzimmer ihrer Eltern. Auf dem linken Nachttisch wartete seine Brieftasche darauf, von ihr geholt zu werden. Dunkles Leder, abgewetzt und ausgebessert an den Nähten. Sie sah in das ungemachte Doppelbett und eilte zurück über den Flur. Wieder an seiner Seite, erkannte sie, daß er sich unaufhaltsam davonmachte.
Sie gab ihm die Brieftasche. Sein weißes, großes Taschentuch, das gebügelt und zu einem kleinen Quadrat zusammengefaltet neben seinem zerwühlten Kopfkissen gelegen hatte, steckte jetzt in ihrer Rocktasche. Sie hatte es an sich genommen, nicht ohne zu zögern, dann schnell. Ein Vorgriff auf die Zeit nach seinem Dasein. Es beschlich sie deshalb ein Schuldgefühl. Sie konnte ihn fragen, und er würde es ihr geben. Sie sah seine knochigen Schultern, sie sah seinen eingefallenen Hals. Und sie behielt es für sich.
Alma war fortgegangen. Er hätte seine Tochter nicht ins Schlafzimmer geschickt, wäre seine Frau dagewesen. Kauf uns etwas Schönes zu essen, hatte er zu Alma gesagt. Er konnte nichts mehr essen, nur Astronautenkost, farbloser Glibber in winzigen Metalldöschen. Und Alma war gegangen. Für ihn hatte sie sich schön gemacht, hatte ihr Parfum aufgetragen, jeweils einen Tropfen hinters Ohrläppchen. Dann war sie auf Pumps hinausgeschwebt, nach draußen, in die Sonne.
Ihr Vater saß über seine Brieftasche gebeugt und fingerte ein Adreßbuch daraus hervor. Es war schmal und klein, wie für eine Damenhandtasche gemacht. Sein Bruder und dessen Frau sollten nicht zur Beerdigung kommen. Besser für Alma, du kannst ihn später benachrichtigen, laß eine Woche vergehen. Er befeuchtete seinen Zeigefinger, tippte und tappte mit der Fingerkuppe gegen seine schlaff hängende Unterlippe und blätterte sich durch Verwandte und Freunde. Auf keinen Fall Leimann und Misch. Auch Leimann und Misch würden Alma zu sehr aufregen. Das sah er voraus. Um mehrere Namen zog er einen Kreis, legte den so Bezeichneten die Rotstiftfessel an, und seine Tochter versprach, nach seinem Wunsch zu handeln. Von Leimann und Misch hatte sie noch nie gehört. Gib keine Anzeige auf, sonst wird womöglich doch jemand kommen, der nicht dabei sein soll.
Vielleicht wollte ihre Mutter ein bißchen Gesellschaft im Krematorium haben? Er nahm seine Brille ab, er schüttelte den Kopf, er putzte die Gläser mit seinem großen, weißen Taschentuch. Genau so ein Taschentuch, wie sie es jetzt bei sich trug. Wenn es in meiner Macht stünde, sagte er, würde ich Alma das alles ersparen. Und bitte keine Reden. Sie nickte. So schnell wie möglich über die Bühne damit. Was zu sagen wäre, könne sowieso nicht gesagt werden. Sorge dafür, daß mein Sarg nicht vor Almas Augen zum Verbrennungsofen abgesenkt wird. Das darf nicht geschehen. Versprich es mir. Sie nickte.
Wer sind Leimann und Misch?
Er grinste. Er verzog seine Lippen auf eine Weise, wie seine Tochter es nie zuvor an ihrem Vater gesehen hatte. Ihr Vater pflegte zu lächeln. Und hob er dabei ein wenig den linken Mundwinkel, lag darin ein Hauch von Resignation. Dieser Vater hier im Sessel, dürr, fast vollständig vertrocknet, grinste breit. Bis zu seinen großen Ohren zerschnitt der Mund das ausgemergelte Gesicht. Wangenknochen und Jochbeine traten hervor, und über dem eckigen Kinn spannte sich die Haut, daß aus den Gelenkgruben des Unterkiefers die Bartstoppeln auferstanden.
Er zögerte, ihr zu sagen, wer Leimann und Misch waren. Er war von seinem Tod noch so weit entfernt, sich diesen Umweg zerrinnender Zeit leisten zu können. Er schob die Brille auf seine große Nase und öffnete das Zigarettenetui, in dessen Deckel Alma eingeklebt war, Alma, ausgeschnitten mit der Nagelschere, Teufelshörner in den dunklen Locken, ein Maskenball vor dreißig Jahren. Gib deinem Vater mal Feuer. Also, Leimann und Misch. Blaugrauer Rauch trat ihm vor Mund und Nase. Leimann und Misch sind alte Kameraden. Ja, da staunst du. Die haben mich vor ein paar Jahren aufgestöbert, haben mich eingeladen, und ich bin zweimal hingefahren, vielleicht auch dreimal.
Ihr Vater und Kameradentreffen? Das war ihr peinlich. Welche Kriegsgeschichten konnte ihr Vater mit solchen Männern teilen? Deine Mutter ist mitgefahren. Ihre Mutter war mitgefahren, um auf ihren Mann aufzupassen. Sie kannte ihre Mutter. Alma war dabeigewesen, um sein Reden im Sog der Erinnerung am Ausschweifen zu hindern, um zwischen Buttercremetorte und Bohnenkaffee bei erster Gelegenheit sein Wort in gemütlicher Runde abzuwürgen. Nein, Paul, laß mich mal, du erzählst es ja völlig falsch. Und er würde vor den alten Kameraden und deren guten Ehefrauen aufgelacht und gleich darauf geschwiegen haben. Während Alma die Version für sogenannte Freunde zum Besten gegeben hatte, sah seine Tochter ihn hinunterlächeln, was er wußte, was er für sich behielt, den linken Mundwinkel resigniert verzogen, und er würde wieder Tritt gefaßt haben auf dem offiziellen Erzählpfad.
Später, im Auto, auf der Heimfahrt über die Landstraße, Alma auf dem Beifahrersitz ihn fixierend: Paul, wie konntest du nur. Vor diesen Leuten! Und er am Steuer, beschämt über die Verletzung, ihm zugefügt von seiner Frau vor den Augen der anderen Männer, was er hätte voraussehen können, er kannte doch Alma, abgeschnitten sein Wort, ausgerechnet vor diesen Leuten, aber gerade vor diesen Leuten hatte er endlich mal etwas zeigen wollen, am Steuer seines Autos rang er darum, ihren Vorwurf der Unvorsichtigkeit von sich abzuwenden. Diese Zeiten waren schließlich vorbei. Das haben die bestimmt nicht kapiert. Und Alma: Was siehst du mich an? Sieh nach vorn. Du fährst viel zu dicht auf. Er blinkte nach links, gab Gas, die Lippen zusammengepreßt überholte er, reihte sich wieder ein, atmete durch, sprach weiter. Du weißt doch, wie die sind. Was damals war, davon wissen die heute nichts mehr. Damals hatte er Alma weggesperrt. Er mußte es tun, zu ihrer Sicherheit, es ging ja nicht anders. Alma war natürlich dennoch auf die Straße gegangen, in der Handtasche die von ihm gefälschte Kennkarte, das arische Papier. Was willst du? Ich bin jetzt eine verheiratete Frau, mein Mann ist ein guter Deutscher, dann kann ich mich auch gleich selbst umbringen, und wer weiß, wie lange wir noch leben. Wie schön sie aussah, seine jüdische Geliebte, und wie leicht konnte sie verhaftet werden. Das wäre ihr Ende gewesen, für sie alle drei. Für Alma, für ihn, für Almas Mutter. Auf dem Marktplatz in Krakau war Alma von SS-Männern auf einen Lastwagen gezerrt worden. Partisanen hatten zwei Nazis getötet. Oh Jubel und Furcht vor dem, was unweigerlich folgte. Razzia. Eingezwängt zwischen Frauen, Kindern, Männern, durchwühlte Alma ihre Handtasche nach dem von Paul gefälschten Papier, ihr falscher Geburtsname, schön arisch, und der Zusatz: ausgebombt in Hamburg, was ein sehr dürftiges und lediglich vorläufiges Legitimationspapier war, sie hatte es nicht bei sich, mein Gott, verzeih mir, oh, mein Gott, Paul, ich bin an allem schuld. Nein, doch nicht, da steckte es zwischen Puderdose und Portemonnaie. Hallo, hier, ich bin eine verheiratete Frau! Was ja nicht stimmte. Sie hielt die vermeintliche Kennkarte, vorsorglich von Paul in eine kleine Klarsichthülle gesteckt, weil die dünne Papierqualität sie verraten hätte, hielt die Fälschung dem SS-Mann entgegen, mußte aufpassen, nicht zu fallen, immer mehr Menschen wurden von Wehrmachtssoldaten und SS-Männern auf die Ladefläche geprügelt, mußte aufpassen, nicht nach hinten abgedrängt zu werden, alles schrie, weinte, zappelte, und dazwischen Alma, fuchtelte mit ihrem arischen Papier dem Betongesicht vor der Nase herum, schrie, sie sei keine Polin, schrie, sie sei keine Jüdin, sie sei eine deutsche Frau. Und da ließ der SS-Mann sie gehen, hob sie vom Lastwagen oder ließ sie hinunterklettern und griff sich eine andere Frau, einen anderen Mann, ein Kind, bloß um eine bestimmte Zahl beieinander zu haben.
Sein gelb gerauchter Zeigefinger blätterte sich bis Misch zurück. Er sah zu seiner Tochter auf. Fritz Misch aus W. in der Lüneburger Heide. Von dem Ort wußte sie, er lag an der Eisenbahnstrecke, die ihr Vater von Polen gekommen war, allein unter der Plane eines Lastwagens hockend, verladen auf einen offenen Güterwaggon, September 1944. Gebeugt über seine Schulter, las sie Name und Adresse, um sich Misch zu merken. Dann fiel ihr ein, daß sie sein kleines Adreßbuch in ein paar Tagen würde an sich nehmen können. Nichts wußte sie von den langen Stunden dieser Reise. Nichts hatte er jemals davon erzählt. Er war allein unterwegs gewesen. Ohne Alma. Der Zug ging nach Westen. Alma hatte mit ihrer Mutter...




