E-Book, Deutsch, 248 Seiten
Rohmert Kopfkino
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7528-6352-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Geschichten von hier und da und irgendwo dazwischen
E-Book, Deutsch, 248 Seiten
ISBN: 978-3-7528-6352-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Andrea Rohmert, geboren 1978 in Bottrop, studierte Germanistik und Geschichte in Bochum. Sie lebt und arbeitet in Gelsenkirchen.
Autoren/Hrsg.
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Navigationssystem
Zehn Minuten vor seinem Termin hastete Marvin aus der Tür. Nie hatte er sich so sehr gewünscht, noch zu studieren; das berühmte akademische Viertel käme ihm jetzt gerade recht, wenn er nicht zu spät ankommen wollte. Wer hatte überhaupt diese Verabredung getroffen? Hätte er eine Sekretärin besessen, so wäre sie von Minute an entlassen gewesen.
Es nieselte, sogar ziemlich heftig, doch wie gewöhnlich hatte Marvin auf seine Jacke verzichtet. Männer froren nicht, und im Auto behinderte ihn eine Jacke doch bloß. Als sich jedoch die feinen Tropfen in den Stoff seines Hemdes sogen und es um seine Schulterpartie herum feucht wurde, fluchte Marvin herzhaft, zog den Kopf beim Laufen wie eine Schildkröte ein und fuchtelte mit der Fernbedienung seiner Zentralverriegelung herum, bis endlich sein Wagen aufblinkte. Er hatte ihn ein Stück die Straße hinunter geparkt, und trotz seiner Eile und des feuchten Hemdes genoss Marvin für einen winzigen Moment wieder das Gefühl, durch die Fernbedienung mit seinem Wagen nahezu kommunizieren zu können. Er brauchte ihn, als Schutz, als Transportmittel, als Freund, und schon leuchteten die Blinker orangerot auf. Das erinnerte ihn jedes Mal nostalgisch an Knight Rider, jene amerikanische Serie mit dem sprechenden Wunderauto K.I.T.T., und für wenige Herzschläge fühlte er sich wie David Hasslehoff – nur ohne die hässliche Frisur und die billige Lederjacke.
Als er hinter das Lenkrad seines Autos glitt, warf er einen raschen Blick auf seine Armbanduhr, während er mit der anderen Hand bereits den Schlüssel in den Anlasser fummelte und herumdrehte. Sein Wagen schnurrte wie ein Kätzchen, die Scheibenwischer surrten herbei und befreiten die Windschutzscheibe von abertausenden kleinen Regentröpfchen, und Marvin atmete erleichtert auf. Mit etwas Glück und wenn er sofort einen Parkplatz fand, würde sich seine Verspätung so sehr in Grenzen halten, dass er sogar noch beinahe als pünktlich gelten konnte – sofern man beide Augen fest zudrückte.
»Herzlich willkommen«, erklang eine warme, freundliche Frauenstimme von den Armaturen, kaum dass das Auto sich in den Verkehr eingefädelt hatte. Marvin zuckte zusammen, erkannte dann aber sogleich den Klang seines Navigationssystems. Egal wie lange er es schon besaß, es versetzte ihm doch noch immer einen Schrecken, wenn er allein im Wagen saß und jemand ihn ansprach. »Dies ist Ihr automatischer Navigationsservice. Mein Name ist Rita, und ich werde Sie sicher an Ihr Ziel geleiten. Bitte nennen Sie den Zielort.«
»Nein danke«, erwiderte Marvin fest, während er zunächst umsichtig seine Fahrt verlangsamte, um dann mit Vollgas über ein Stoppschild zu brettern, als er sicher war, dass niemand kam. Er hatte sich damals für das wahnsinnig überteuerte Modell mit Spracherkennung entschieden, um die Hände zum Lenken und Rauchen freizuhaben. Außerdem fand er die Knöpfe an den meisten Geräten zu winzig und ihre Bedienung zu kompliziert. »Ich brauche dich heute nicht. Ich kenne den Weg.«
»Seit wann?« Die Freundlichkeit aus der Stimme war mit einem Schlag verschwunden; nun war deutlich ein gekränkter Klang zu vernehmen, nur um in automatisch-höflicher Tonlage zu wiederholen: »Bitte nennen Sie den Zielort.«.
»Oh nein.« Ächzend verdrehte Marvin die Augen. »Nicht heute! Nicht jetzt! Ich habe keine Zeit für einen Streit!« Außerdem schien der Ford vor ihm einen Rekord im Kriechen aufstellen zu wollen; nur gut, dass er gleich abbiegen musste.
»Du solltest dir die Zeit aber nehmen. Sonst verfranzt du dich nur und schimpfst du dann auf mich, nur weil dir wieder mal zu fein warst, dein Navigationssystem um Hilfe zu bitten. – Bitte dem Straßenverlauf folgen.«
»Rita«, versuchte er es im Guten. Zu dumm, dass sie heute zum Diskutieren aufgelegt war; für gewöhnlich schwieg sie nur eingeschnappt, wenn er sie nicht nutzte, um sich dann bei ihrem nächsten Einsatz mit einem tückischen Umweg zu rächen. »Ich fahre nur zur Bahnhofsstraße. Den Weg fahre ich jede Woche zweimal! Ich kenne ihn!«
»Das hat Odysseus auch vom Heimweg nach Ithaka behauptet, und wie lange hat er gebraucht? Zehn Jahre!«
»Das könnte auch an Heras und Poseidons Fluch gelegen haben«, brummte Marvin. Im Moment hätte er die Wut der griechischen Götter, die er einst studiert hatte, gern in Kauf genommen, wenn er Rita dafür eintauschen könnte.
»Ausreden«, behauptete das Navigationssystem knapp. »An der nächsten Kreuzung bitte rechts abbiegen.«
Marvin sparte sich den erneuten Hinweis, dass er den Weg kannte, seufzte schwer und betätigte den Blinker. Vielleicht sollte er Rita einfach nebenher laufen lassen; ihre Stimme ging ihm zwar nach einigen Minuten immer schrecklich auf die Nerven – hinter dem metallischen Beiklang klang sie wie eine dieser ewig freundlichen Nachrichtensprecherinnen, die einem vermutlich auch dann noch ins Gesicht lächelten, wenn man ihnen gestand, gerade ihren kleinen Hund überfahren zu haben. Marvin sah sich selten Nachrichten im Fernsehen an; er las Zeitung – oder schaltete den Ton ab. Nur dumm, dass er das bei Rita nicht konnte.
»Bitte wenden Sie den Wagen bei nächster Möglichkeit. Sie haben Ihren Abzweig verpasst. Bitte wenden.«
»Habe ich nicht, Rita«, widersprach er mechanisch. »Das ist eine Abkürzung.«
»Oh, eine Abkürzung!« Das Navigationssystem blinkte hektisch auf. »Bin ich hier das Navi, oder du? – Bitte wenden.«
»Ich werde nicht wenden!«, erklärte Marvin energisch. »Ich bin knapp dran, und wenn ich nicht über die Hauptstraße fahre, spare ich mir eine Ampel. Dann biege ich den Goetheweg, und dann...«
»Bitte wenden«, wiederholte die Stimme stoisch. »Ihr Umweg beträgt 730 Meter.«
»Mein Umweg ist eine Abkürzung«, knurrte Marvin hartnäckig.
»Route wird neu berechnet.« Es klickerte leise. »Bitte biegen Sie an der nächsten Ampel links ab.«
»Ich bin schon in der richtigen Spur«, murmelte Marvin leise. Am Ende der Straße sprang die Ampel auf Rot, und Marvin trat energischer auf die Bremse als nötig. Vielleicht hätte er die Bedienungsanleitung besser gelesen, anstatt sie gleich ins Altpapier zu werfen. Andererseits hatte er es als unter seiner Würde betrachtet, sich mit so einem Schriftstück herumzuplagen. Seine Ikea-Möbel standen doch auch, ohne dass er die Anleitung gebraucht hatte, und sie sahen beinahe so aus wie in den Katalogen.
»Du bist in der richtigen Spur«, gab das Navigationsgerät eingeschnappt zurück. »Du müsstest nämlich eigentlich wenden, weil dieser Weg viel länger ist.«
»Aber er ist schneller.« Diese Nörgeleien konnten nicht normal sein! Vielleicht gab es eine Erklärung, wie man diese umgehen konnte. Oder wenigstens den Ton abdrehen wie bei den Ansagerinnen. Seine Finger trommelten auf dem Lenkrad und dem Schalthebel der Gangschaltung, und kaum sprang die Ampel auf Grün, drückte Marvin das Gas durch.
»Papperlapapp. In vierzig Meter links abbiegen. Folgen Sie dem Straßenverlauf.« Einen Moment lang waren nur die Geräusche der Scheibenwischer und des Motors zu hören. Dann meldete sich das Navigationsgerät gekränkt zu Wort. »Warum du mich eigentlich nicht, wenn du eine Abkürzung suchst? Und ras nicht so.«
Er sog tief die Luft ein, um sie dann in einem gewaltigen Stoß wieder auszublasen. ‚Neuheit’ hatte auf der Packung gestanden. ‚Innovation’. ‚Technisches Meisterstück’. Hätten sie nicht auch einen Warnhinweis über die anstrengende Persönlichkeit des Sprachchips hinzufügen können? Jahrelang hatte es geheißen, diese Technologie stecke noch in den Kinderschuhen; dass sie mittlerweile in die Pubertät gekommen war, hatte man den Verbrauchern allerdings verschwiegen. »Ich habe dich nicht gefragt, weil...«
»Oh, lass mich raten. Weil Männer nicht nach dem Weg fragen. – Fahren Sie in den Kreisverkehr und nehmen Sie die zweite Ausfahrt. – Männer kennen den Weg.«
»In diesem Fall: ja.« Darauf hatte er sie jetzt doch schon oft genug hingewiesen.
»Und es interessiert sie natürlich nicht, dass ihr Weg nicht unbedingt der schnellste oder kürzeste ist. – Bitte folgen Sie dem Straßenverlauf.«
»Dieser hier schneller.« Warum diskutierte er eigentlich mit ihr? Er hatte oft seinen Computer bei Abstürzen, seinen Drucker bei Papierstau und seinen Toaster bei verkohlten Brotscheiben angeschnauzt, aber damals war er noch auf der sicheren Seite gewesen und hatte keine Widerworte befürchten müssen. Hätte er sich das Schimpfen doch nur nie angewöhnt!
»Männer«, ließ sich das Navigationssystem vernehmen, »Männer lassen sich da ja...




