Rolf | Nicolai Hartmann: Einführung in die Philosophie | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 280 Seiten

Reihe: Intentio Recta

Rolf Nicolai Hartmann: Einführung in die Philosophie


1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7597-9176-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 280 Seiten

Reihe: Intentio Recta

ISBN: 978-3-7597-9176-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das Buch ist die autorisierte Nachschrift einer Vorlesung zur »Einführung in die Philosophie«, die Nicolai Hartmann im Sommersemester 1949 an der Universität in Göttingen für Hörer aller Fakultäten gehalten hat. Die Vorlesung besteht aus zwei Teilen: einem Kurzüberblick über einige Stationen der Philosophiegeschichte sowie einer vertieften systematischen Einleitung in Hartmanns Neue Ontologie. Das Buch ist Band 2 der Editionsreihe "INTENTIO RECTA".

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I. EINLEITENDE BETRACHTUNG DER WICHTIGSTEN
PROBLEME DER PHILOSOPHIEGESCHICHTE


1. Die Philosophie der Antike


»Philosophie« hat anfänglich nichts anderes bedeutet als das, was das Wort eigentlich besagt: die Liebe zum Wissen. Es gab eine Zeit, in der die Philosophie noch nicht getrennt war von den einzelnen Wissenschaften und ihrer heutigen Mannigfaltigkeit. Man schloß damals – noch in der Zeit, in der der Geist der Griechen auf seiner klassischen Höhe war – das gesamte Wissen der Zeit in sie ein. Im Laufe der Jahrhunderte erst haben sich die einzelnen Wissenschaften langsam von der Philosophie gelöst. Noch bis in die jüngste Zeit hinein vermag man diesen Prozeß zu verfolgen; so machten sich erst im 19. Jahrhundert die Psychologie und die Soziologie selbständig.

Die wichtigsten Fragen der Philosophie, die im Kern vorwiegend metaphysische Fragen sind, sind im Wesentlichen solche, die von Anfang an bis heute immer wieder neue Lösungen gefordert haben. Die Unlösbarkeit ihrer Probleme ist ein wesentliches, charakteristisches Moment der Philosophie. Die Antwort auf die Frage: Was ist Philosophie? kann also lauten: Philosophie ist die Behandlung derjenigen Fragen, die nicht bis zu Ende gelöst werden können und deswegen perennieren. Im Hinblick hierauf äußerte Kant zu Beginn der »Kritik der reinen Vernunft«: »Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer Gattung ihrer Erkenntnisse: daß sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann, […] die sie aber auch nicht beantworten kann.« So sieht es auf den ersten Blick beinahe aus, als sei die Philosophie dazu verdammt, in Ungewißheit zu verharren und keine Fortschritte machen zu können.

Jedoch ist andererseits die Philosophie, wie es gleichfalls Kant ausdrückte, in ihrer Weise die Königin der Wissenschaften. Denn sie ist diejenige, bei der es sich um eine Schau des Weltganzen handelt, wobei die Bedeutung des »Weltganzen« in einem sehr weiten Sinne genommen werden muß; dazu gehören nicht nur die weiten Gebiete der physischen Natur, sondern auch die Gottheit, der Mensch, seine Erkenntnis, seine Seele und der Geist. Die Philosophie bleibt in ihrem Themengebiet, auch wenn sie den Umschwung von der Schau der Welt zurück auf das Wesen dieser Schau, d.h. auf das Wesen der Erkenntnis vollzogen hat. In alten Zeiten hat man unter diesem weiten Gebiet die Metaphysik verstanden. Das Wort selbst verdankt seine Entstehung eigentlich einem äußeren Anlaß. Das Werk des Aristoteles, das die Probleme abhandelte, die heute als »metaphysische« bezeichnet werden, stand in der Sammlung seiner Werke hinter der Physik (metá ta physiká). Aristoteles selber nannte die »Metaphysik« die »Erste Philosophie« (próte philosophía) oder die Wissenschaft vom Seienden als Seienden (epistéme tou óntos he ón) oder vom Seienden als solchem.

Sie geht der Sache nach allem anderen voran Die Bezeichnung »Metaphysik« ist freilich dem bloßen Wortsinn nach eine zu enge. Denn sie behandelt unter vielem anderen z.B. auch das Recht und die Künste, und da sie sich auch mit dem Problem, den Hintergründen der menschlichen Seele befaßt, könnte man deren Thema ebenfalls als »metaphysisch« bezeichnen. Die Bedeutung der Metaphysik geht nun dahin, daß sie zur Wissenschaft von dem wird, was hinter den Dingen steht. So umfaßt sie später etwa die Fragen des Ursprunges der Welt, des Ursprunges des seelischen Seins, der menschlichen Gesellschaft und der Kultur. Die Anfänge dieses Wissens sind freilich bescheidener. Sie entstanden aus dem, was der Mensch vom natürlichen Sein wußte. So kam es am Anfang der griechischen Philosophie, daß man ein nicht weiter ableitbares und erklärbares Prinzip als den Ursprung der Dinge ansah – so Anaximander das Unendliche oder auch das Unbestimmte (ápeiron). Gemeint ist ein solches Prinzip, aus dem sich durch Differenzierung das Einzelne ergibt. Zuerst ist das Unbestimmte bei Anaximander auch als ein göttliches Prinzip gedacht. Das Hervorgehen der Dinge aus ihm stellte man sich vor als eine Versündigung, für welche die Dinge Buße und Strafe zu zahlen hätten. Man sieht also in ihrem Entstehen eine Ungerechtigkeit (adikía), deren Sinn wohl darin liegt, daß die Dinge dazu verurteilt sind, wieder zugrunde zu gehen. Sie bezahlen für ihr Entstehen, das in Bestimmung, Begrenzung liegt, Buße und Strafe aneinander, immer an das Nächste, das aus ihnen wird. So finden wir hier schon etwas von der Grundkonzeption eines Prozesses, der die ganze Welt umfaßt.

Diese Vorstellung steht keineswegs allein da, sondern tritt ein halbes Jahrhundert später (ca. 500 v. Chr.) in der Philosophie des Eleaten1 Parmenides wieder hervor. Er dachte sich das Entstehen und Vergehen als Hervorgehen des Seienden aus dem Nichts und als ein Zurückgehen in das Nichts. Das, was wir nun eigentlich das Seiende nennen, ist für Parmenides kein eigentlich Seiendes, sondern auch zugleich Nichtseiendes. Letzteres aber ist nicht. Es vermag auch nicht gedacht zu werden; denn nur Seiendes kann man denken. Wenn aber nun das Werden als der Übergang vom Nichtsein zum Sein und wieder zurück in das Nichtsein verstanden wird, das Nichtsein als eine Voraussetzung dieses Werdens aber gar nicht existiert, so folgt daraus, daß auch das Werden gar nicht wirklich sein kann. Es ist vielmehr bloßer Schein (dóxa), der uns durch die trügerischen Sinne vermittelt wird. Das eigentliche Sein aber, das hinter dem Werden steht, vergeht und entsteht nicht, es hat Unvergänglichkeit und Unsterblichkeit. (Diese Auffassung, in Sein und Werden zwei ganz verschiedene Arten des Bestehens überhaupt zu sehen, steht im Gegensatz zu unserer heutigen Anschauung, für die alles real Seiende im Werden befindlich ist.)

Gleichzeitig mit Parmenides (ca. 500 v. Chr.) stellt Heraklit eine andere Lehre auf. Für ihn ist die ganze Welt ein stetes Werden, ein Fluß (pánta rhei). Der Prozeß, das Werden, ist das eigentlich Seiende. Wir vermögen nicht zweimal in denselben Fluß zu steigen, nicht nur, weil der Fluß ein anderer geworden ist, sondern weil auch wir selbst andere geworden sind. In diesem Prozeß ist der Weg aufwärts – aus dem Nichts in das Sein – und der Weg abwärts – aus dem Sein in das Nichts – ein und derselbe Vorgang. Das Entstehen des einen ist das Vergehen des anderen. In diesem Übergang des einen in das andere besteht gerade der Weltprozeß. In diesem Wechsel der Formen erkennt Heraklit aber etwas das den Prozeß zusammenhält und hinter ihm als identisch bestehen bleibt. Es ist der lógos. (Dieses nur schwer übersetzbare Wort ist hier vielleicht am besten mit »Weltgesetz« wiederzugeben.) In dem ontologischen Problem vom Sein als solchem war also neben der Frage nach dem Urstoff die nach einem – später so genannten – »Formprinzip« aufgetaucht. Sie fußt auf der schon früh beobachteten Gleichmäßigkeit und steten Wiederkehr von Formen auf allen Gebieten. So ist es nicht erstaunlich, daß etwa ein Jahrhundert später eine Lehre auftaucht, welche die Form selbst zum Prinzip erhebt. Der damalige Ausdruck für sie war Eidos. Dieses Eidos kehrt in den einzelnen Individuen immer wieder; es hat den Charakter eines Urbildes, nach dem die einzelnen Dinge geformt sind. Der ewige Sinn dieser bekannten Platonischen Ideenlehre ist der, daß es wirklich gleichbleibende Formen gibt. Das Formprinzip entspricht dabei in etwa einem Magneten, der die Einzeldinge zu sich hinzieht. Die Dinge haben die Tendenz, so zu sein, wie die ewig und unberührt stehenden Ideen, aber sie erreichen sie nicht ganz, sie verhalten sich schwächer als die Ideen.

Dieses Reich der Ideen vermögen wir gerade noch mit unserem Denken zu erreichen; vielmehr erinnern wir uns eigentlich daran. Denn unsere Seele hat – wie Platon [427347 v. Chr.] erklärt – in ihrer Präexistenz, bevor sie in unseren Leib eintrat, die Ideen unmittelbar geschaut. Bei der Bindung an den Leib, d.h. bei der Geburt des Menschen, hat sie diese Kenntnis verloren. Wenn sie aber im Laufe des Lebens die unvollkommenen Nachbildungen der Ideen – die Dinge – auf Erden wahrnimmt, besinnt sie sich auf die vollkommenen Formen. Diese Erinnerung, diese nachträgliche Besinnung (anámnesis) füllt das ganze menschliche Leben aus.) Anámnesis heißt auch Heraufholen. Es ist ein Heraufholen aus den Tiefen der Seele, das oft durch geschicktes Fragen veranlaßt wird. Sokrates war ein Meister dieser Kunst, den Menschen durch Fragen der in ihm ruhenden Vorstellung zu entbinden und ihn zur Besinnung zu führen. Am Anfang des Weges zur Besinnung stand dabei die Überzeugung vom eigenen Nichtwissen, das Wissen um das Nichtwissen.

Die Wirkung Platons war sehr groß. Immer wieder kann man seine Lehre oder ihr ähnliche Anschauungen in der Geschichte der Philosophie auftauchen sehen. Überhaupt läßt sich die Vielfalt der Namen, der Systeme und Theorien, ihrer Titelbegriffe, in der Philosophiegeschichte auf verhältnismäßig wenige, immer...



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