Romahn | Der Tigerbiss auf dem Weihnachtsmarkt | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Romahn Der Tigerbiss auf dem Weihnachtsmarkt

Authentische Kriminalfälle
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-360-50092-2
Verlag: Das Neue Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Authentische Kriminalfälle

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-360-50092-2
Verlag: Das Neue Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein gastfreundliches Ehepaar wird getötet für einen Fahrschein nach München. Im Altersheim findet man eine alte Dame in ihrem Lesesessel auf - einen Seidenschal um den Hals, leblos. Eine Frauenleiche fällt aus einem Schneehaufen auf ein Autodach. Auf mysteriöse Weise gelangt ein niedergestochener Mann in die Notaufnahme der Charité. Und einem westdeutschen Besucher wird auf dem Alexanderplatz der Arm abgebissen - von einem Tiger und bei Weihnachtsmusik. Unglaubliche Fälle, denen sich der ehemalige Kriminaloberrat Ralf Romahn als damals zuständiger Ermittler zuwendet. Ob nun Eifersucht oder Rache, Sexualtrieb oder schlichtweg Übermut zur Tat führten, stets schildert der Autor die Fälle auf spannende, ergreifende Weise und gibt nebenbei einen interessanten Einblick in Polizei- und Justizstrukturen und behördliche Entwicklungen.

Ralf Romahn, geboren 1953 in Zwickau, begann als Streifenpolizist und war schließlich Leiter des Dezernats 'Leben und Gesundheit' in Berlin-Mitte. Als Oberstleutnant bei der Volkspolizei und nach 1990 als Kriminaloberrat befasste er sich mit den Fällen nahe der deutsch-deutschen Grenze. Heute lebt er als Pensionär in Berlin.
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Der Tigerbiss auf dem Weihnachtsmarkt

Unterwachtmeister Kraetke schob die Schirmmütze ein Stück nach hinten. Auch wenn er eigentlich keine echte Hoffnung hegte, dadurch wirklich einen besseren Überblick zu erhalten, hatte er so doch wenigstens das Gefühl, nicht mehr ganz so planlos zu sein. Auf einem schmalen Pfad aus Kieseln und Lehm saß er auf seinem Motorrad und brauchte eine neue Idee. Als er aus der Dienststelle in Pankow losgefahren war, um den Leiter der Untersuchung der K von Berlin-Mitte ausfindig zu machen, war er sich noch nicht darüber im Klaren, dass ein Offizier der Volkspolizei, der sich an einem Sonntag im Sommer 1986 in einer Parzellensiedlung am Stadtrand aufhielt, zur Nadel im Heuhaufen werden konnte. Kraetke selbst hatte nicht mal einen Balkon, wusste aber, dass die Berliner mit Garten die Sommerwochenenden nutzten, um sich entweder an den Grill zu stellen oder unter den strengen Augen der Nachbarn dem wuchernden Rasen und den grenzüberschreitenden Hecken zu widmen.

Er hatte sich also darauf eingestellt, mehr als genug Leute zu finden, die ihm den Weg zur Parzelle von Hauptmann Gerhardt würden weisen können. Er kannte den Mann nicht persönlich, da er noch nicht lange bei der Volkspolizei am Rande Berlins beschäftigt war. Ihm blieb also ohnehin nichts anderes übrig, als nachzufragen. Praktischerweise wurde ihm die Aufmerksamkeit der Kleingärtner schon zuteil, bevor er überhaupt eine Frage ausgesprochen hatte. Das rhythmische Knattern seines Dienstmotorrads hatte den Leuten zumindest interessierte Blicke abringen können.

»Entschuldigen Sie die Störung«, sprach Kraetke einen Kleingärtner an, »können Sie mir vielleicht sagen, wo ich das Pachtgrundstück von Polizeihauptmann Gerhardt finde?«

»Gerhardt? Nee, kenn ich nicht. Wusste gar nicht, dass hier auch jemand von der Polizei seinen Garten hat. Vielleicht weiter den Weg runter, bei der neuen Anlage.«

Kraetke bedankte sich und fuhr weiter.

Die Eingänge zu den Parzellen unterschieden sich äußerlich nicht stark voneinander, und kaum jemand legte Wert darauf, ein großes Namensschild an seine Eingangspforte zu nageln. Zu allem Überfluss standen die Hecken schon in saftigem Grün und versperrten Kraetke die Sicht. Ganz gleich, wie weit er die Mütze aus dem Gesicht schob– mit den Augen konnte er sein Ziel nicht ausfindig machen. Aber der Befehl kam von weit oben, das hatte ihm sein Vorgesetzter nachdrücklich mit auf den Weg gegeben, bevor der junge Kollege aus der Dienststelle losgefahren war.

Entschlossen atmete der Unterwachtmeister aus und warf das Motorrad wieder an. So unangenehm es ihm auch war, er musste sich in seiner Position als Vertreter der Staatsmacht in eher unangemessener Weise zum Störer des sonntäglichen Gartenfriedens machen. So langsam wie möglich fuhr er den Weg weiter in die Anlage hinein und rief regelmäßig laut zu den Seiten nach dem Untersuchungsleiter:

»Genosse Gerhardt! Genosse Gerhardt!«

Dabei musste er Acht geben, nicht in eins der im Frühjahr ausgespülten Schlaglöcher zu fahren. Zum Jahresbeginn war es zeitweise bitterkalt gewesen. Wasseruhren waren zugefroren, Leitungsschäden sorgten für vermehrten Baubetrieb auf den Straßen, und die unbefestigten Wege waren stärker aufgerissen als nach den vorhergehenden Wintern. Wenn die MZ ETZ 250 auch eigentlich ein recht sportliches Motorrad war, war sie ihm doch aufgrund der Frontblende und der Kastenaufbauten hinter dem Sitz und an den Seiten zu breit und zu klobig für diese Holpertour. Kraetke selbst war Mitte dreißig, aber trotzdem schon ordentlich in die Breite gegangen, so dass ihm die wacklige Fahrt besonders unangenehm war.

Abgesehen von den teils erbosten, teils verständnislosen Blicken, die ihm über die niedrigeren Hecken hinweg zugeworfen wurden und die nicht zu bemerken er sehr bemüht war, fand er aber zunächst nichts außer einer breiteren Querstraße. Hier parkten an den Seiten auch einige Trabbis und Mopeds. Offensichtlich hatte er anfangs nicht den Haupteingang genutzt, sondern war in einen Nebenweg gefahren. Zu seiner Rechten sah er jetzt den breiten Torbogen mit dem Namensschild der Siedlung: »Erholung«. Er fuhr also links weiter und rief etwas lauter, um die neue Breite des Weges zu kompensieren.

Kurz darauf gelangte er zu neuen Parzellen, die durch eine Erweiterung der Anlage mehr Berlinern die Freuden des Wochenendurlaubs im Grünen ermöglichen sollten. Hier standen nur vereinzelt Bungalows, und die Obstbäume waren gerade erst gepflanzt worden. Ganz entgegen seiner Erwartung reagierten gleich zwei junge Männer auf seine Rufe und wiesen ihm die Richtung zu einem grünen Trabant vor einer Parzelle. Kraetke nickte ihnen dankbar und erleichtert zu. Er brachte sein Motorrad hinter dem Auto zum Stehen und stieg ab.

Am Gartentor begrüßte ihn ein drahtiger Mann in Unterhemd und Blaumann, der ihm jünger als er selbst und definitiv zu jung schien, um stellvertretender Leiter der K von Mitte zu sein. Kraetkes Gegenüber hielt in der einen Hand eine alte Sense, die wohl soeben noch in Gebrauch gewesen war, und wischte sich mit der anderen Hand den Schweiß von der Stirn. Auf dem Grundstück stand gerade mal eine Werkzeughütte. Ansonsten gab es nur zur Hälfte gemähten Rasen, auf dem Frau und Tochter spielten.

»Genosse Gerhardt?«, fragte Kraetke in verunsichertem Ton über die Pforte hinweg.

»Der bin ich.«

Gerhardt reichte ihm freundlich, aber mit fragendem Blick die Hand und trat hinaus auf den Weg.

»Unterwachtmeister Kraetke. Ich soll sie benachrichtigen. Man braucht schnellstmöglich einen Vorgang aus dem letzten Jahr. Sie sollen sich bitte bei der Dienststelle in Mitte melden.«

»Wie? Es ist Sonntag. Wer ist denn ›man‹ und will einen Vorgang? Was ist denn so wichtig?«

Hauptmann Gerhardt geriet in Aufregung. Nicht dass er den Sonntag aus religiösen Gründen von jeder Arbeit frei halten wollte. Schließlich hatte er auch heute mehr als genug zu tun, damit der Garten, den er auf Wunsch seiner Familie erst vor acht Wochen angeschafft hatte, in naher Zukunft überhaupt einmal zur Erholung taugte. Aber ob mit Gartenarbeit oder ohne– dass er überhaupt mal einen Tag mit der Familie verbringen konnte, war wertvoll genug. In der Kleingartenanlage kannte er bisher auch kaum Leute, so selten hatte er es bisher hierher geschafft. Seit er im letzten Jahr stellvertretender Leiter der K und Leiter der Untersuchung in Berlin-Mitte geworden war, kam ihm ständig etwas dazwischen. Dieser Bezirk quoll beinahe über vor Ämtern, Kaufhäusern, Kirchen, Grenzübergängen und Gästen aus dem Ausland und damit auch vor kurzfristigen Aufgaben. Wer hier Verantwortung trug, hatte an allen Ecken und Enden alle Hände voll zu tun.

»Worum es genau geht, kann ich leider auch nicht sagen. Tut mir ja auch leid, Sie stören zu müssen.«

Nach der peinlichen Suche war Kraetke nun auch das Gespräch unangenehm. Er wünschte sich schnellstens in die Dienststelle an seinen Schreibtisch zurück.

»Ja, gut. Danke, Genosse. Ich rufe an.«

Gerhardt lächelte versöhnlich. Er hatte tatsächlich nicht die Absicht gehabt, den Unterwachtmeister anzuschnauzen. Den Ärger hob er sich für den Moment auf, in dem er erfahren würde, worum es eigentlich ging und wer sich das alles hatte einfallen lassen.

Gerhardt reichte dem Kollegen zum Abschied die Hand. Dann ging er zurück auf das Grundstück, brachte die Sense weg und verabschiedete sich von Frau und Tochter. Er versprach, sich zu beeilen. Nachdem er sich eine Jacke übergeworfen hatte, setzte sich der Hauptmann in seinen grünen Trabbi und machte sich zur etwa fünf Minuten entfernt liegenden nächsten Telefonzelle auf. Der beleibte Unterwachtmeister hatte die Gelegenheit, weiteren Peinlichkeiten zu entfliehen, bereits genutzt und war abgefahren.

»Wir sollen sofort alle Unterlagen zu dem Vorkommnis auf dem Weihnachtsmarkt letztes Jahr raussuchen und dafür alle Kollegen in Bereitschaft alarmieren«, teilte der operative Diensthabende der Dienststelle in Mitte Hauptmann Gerhardt am Telefon mit. »Weißt du, welchen Fall ich meine?«, fragte ODH Baumann

»Klar, ich erinnere mich.«

»Gut. Das hätte oberste Priorität, wurde mir gesagt. Und du sollst dich auch in der Dienststelle bereithalten. Da könnten noch weitere Fragen kommen«, erklärte Baumann.

»Wer, bitte, hat das heute in Auftrag gegeben?«, fragte Gerhardt konsterniert.

»Die Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit.«

Das MfS also. Daher die Eile. Obwohl sich der ODH bezüglich des Falles nicht gerade präzise ausgedrückt hatte, wusste Gerhardt sofort, um welchen Vorfall es ging. Beide arbeiteten in Mitte schon länger zusammen und verstanden sich gut. So gut, dass sie, wie es schien, manchmal auch zwischen den Zeilen des anderen lesen konnten. Außerdem machte sich das offene Verhältnis, um das sich Gerhardt auf der Dienststelle besonders bemühte, damit er als junger Dachs auf seinem Posten den Kollegen mehr in die Augen sehen als auf die Füße treten konnte, jetzt bezahlt. Er war ganz einfach geradeheraus.

»Mensch Armin, es ist Sonntag. Ich klingele doch jetzt nicht die ganzen Kollegen an ihrem freien Tag raus für einen Vorgang, den ich ordentlich abgeschlossen habe. Da sind die Sofortmeldungen damals an alle Stellen rausgegangen. Die Leute von der Registratur haben doch keine Bereitschaft, wie soll ich denn die überhaupt erreichen?«

»Na, du hast Nerven«, wunderte sich Baumann.

»Wieso? Ich bin morgen wie immer pünktlich halb sieben in meinem Büro, da übergebe ich den Genossen gerne den...



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