E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Romahn Kindstod
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-360-50165-3
Verlag: Das Neue Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mord in Berlin-Mitte und andere Kriminalfälle
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-360-50165-3
Verlag: Das Neue Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ralf Romahn, geboren 1953 in Zwickau, begann seine Laufbahn als Streifenpolizist und war schließlich Leiter des Dezernats 'Leben und Gesundheit' in Berlin-Mitte. Als Oberstleutnant bei der Volkspolizei und nach 1990 als Kriminaloberrat befasste er sich mit den Fällen nahe der deutsch-deutschen Grenze. Heute lebt er als Pensionär in Berlin. Im Verlag Das Neue Berlin erschien 2015 'Der Tigerbiss auf dem Weihnachtsmarkt. Authentische Kriminalfälle' und 2017 'Kremserfahrt in den Tod. Authentische Kriminalfälle'.
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Martina
Es war Sonntagabend und die Luft lau. Ich hatte am Tage den Rasen gewässert und die Hecke im Garten geschnitten, nun streckte ich meine Beine entspannt von mir und zündete mir eine Zigarette an. Mein Konsum hatte sich durch die Wende nicht verändert, im Durchschnitt lag ich bei fünfzig Juwel pro Tag, nun rauchte ich HB. Der Husten am Morgen blieb der gleiche. Auch der Duft der freien Welt war Stacheldraht in meinen Lungen. Überhaupt hatte sich für mich persönlich nur wenig geändert. Ich war jetzt nicht mehr Genosse Oberstleutnant, sondern Herr Kriminaloberrat. Zwar hatte ich meine Uniform abgegeben, nicht aber meine Gesinnung. Bis zum August des Vorjahrs war ich Leiter der Kriminalpolizei in Berlin-Mitte und arbeitete in der Keibelstraße. Jetzt leitete ich das Dezernat II »Leben und Gesundheit« und saß in der vierten Etage des Hauses in der Hans-Beimler-Straße in eben jenem Gebäudekomplex unweit des Alexanderplatzes, der bis vor Kurzem noch dem Präsidium der Berliner Volkspolizei, der VP-Inspektion von Mitte, dem Revier 6 und der Untersuchungshaftanstalt Obdach gab. Ach ja, und eine Etage über uns saßen zwei, drei Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. Sie bildeten die Außen- und Verbindungsstelle zur Bezirksverwaltung und hatten als erste ihr Büro räumen müssen. Damals, im November ’89.
Jetzt war Juni, und die Tage der DDR waren gezählt. Noch standen Datum und Prozedere der Beerdigung nicht fest. Erst einmal sollte das Westgeld kommen.
Die Selbstentleibung der Republik war mit dem blumigen Wortungetüm »Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion« umhüllt worden. Doch was war die Abgabe der Finanzhoheit an einen auswärtigen Staat – und etwas anderes war die Bundesrepublik nun mal nicht –, wenn nicht ein politischer Suizid? Im Kleinen wie im Großen galt: Wer das Geld gibt, bestimmt die Musik, die gespielt wird. Der Dirigent würde nach dem 1. Juli in Bonn sitzen, legalisiert durch eben jenen Staatsvertrag, das Orchester in Berlin musste nur noch so lange spielen, bis die vier Siegermächte der Vereinigung ihren Segen erteilt haben würden. Sollte schließlich völkerrechtlich alles korrekt zugehen und nach innen demokratisch aussehen.
Das Telefon schrillte laut auf dem Flur und stoppte meinen Gedankenfluss. Es läutete lauter als gemeinhin üblich, schien mir. Wahrscheinlich lag das aber nur an der Stille, die im Hause herrschte. Die Strippe hatte nicht bis ins Schlafzimmer gereicht, weshalb der Klingelton auf maximal gestellt war. Selbst nachts, so hatte ich angewiesen, sollte mich in dringenden Fällen der diensthabende Offizier anrufen. Und an den Wochenenden schickte man einen Krad-Melder nach Märkisch-Buchholz. In meinem Garten gab es keinen Telefonanschluss. Bestimmte Verhaltensmuster verloren sich nicht mehr. Wie zu DDR-Zeiten wähnte ich mich noch immer 24 Stunden täglich im Dienst. Das hatte nichts mit Wichtigtuerei oder Ehrgeiz zu tun, sondern entsprach meiner Arbeitsethik. Verbrecher kannten keinen Schichtdienst, weshalb wir Kriminalisten? Aber lassen wir mal die Kirche im Dorf: Allzu oft wurde ich aus der Dienststelle nicht angerufen oder im Garten gestört.
»Ja doch«, rief ich genervt, als sei der Apparat ein quengelndes Kleinkind und hätte Ohren. »Ich komme ja schon.«
Meine Frau und die Kinder waren noch auf der Datsche geblieben, sie konnten nicht hören, wie ich den selbstverordneten Zwang vernehmbar verfluchte. Regina hatte sich in den dreizehn Ehejahren daran gewöhnt und kommentierte solche Reflexe wie auch andere meiner Marotten nicht mehr. Pädagogische Fähigkeiten waren ihr nicht abzusprechen. Schließlich arbeitete sie, Diplomökonomin von Hause aus, als Lehrausbilderin im VEB Goldpunkt. Sie wusste, woran man besser nicht rührte. Was man etwa beim Partner, also bei mir, tolerieren und nachsehen sollte.
Das schrille Schnarren sägte ins Gehör und verstummte erst, als ich den Hörer abnahm. Demonstrativ unwirsch nannte ich meinen Namen. Der Anrufer sollte schon beim ersten Wort merken, dass ich mich in meiner Sonntagabendruhe gestört fühlte, egal, ob es sich um ein privates oder um ein dienstliches Anliegen handelte, weshalb meine Nummer gewählt worden war.
Der Anruf kam aus der Dienststelle. Und der Offizier des Hauses (OdH) erfüllte nichts als seine preußische Pflicht. »Herr Romahn«, sagte der Anrufer mit emotionsloser Stimme, »es gibt eine Leiche«.
»Hm«, entgegnete ich, ohne dass mich die Nachricht sonderlich erregt hätte. Tote gehörten zu meinem Geschäft. Auch wenn meine diesbezügliche Statistik seit dem Fall der Mauer keine auffällige Bewegung erfahren hatte. Die Mortalitätsrate bewegte sich auf dem gewohnt niedrigen Niveau. Extreme Ausschläge gab es in der Statistik allein bei Eigentumsdelikten, bei Raub und anderen Straftaten. De facto war seit November ’89 die DDR ein rechtsfreier Raum. Wer sich strafbar gemacht hatte, haute einfach ab in den Westen und war damit dem Zugriff der Ermittlungsorgane entzogen. Verantwortungslose Eltern ließen ihre Kinder zurück, Fahrer- und Fahnenflüchtige setzten sich aus Angst vor Verfolgung ab, Räuber passierten mit Diebesgut unbehelligt die Grenze, Ganoven verschwanden auf Nimmerwiedersehen und verloren sich in den Weiten der Welt. Die offene Grenze verstanden manche geradezu als Einladung zum Gesetzesbruch. Ossis wie Wessis gleichermaßen. Manche kamen nämlich nur zum Fischzug herüber. Und irgendwie färbte das auch auf den Westteil Berlins ab. Dort nahm die Zahl der Straftaten ebenfalls drastisch zu, wie mir dortige Kollegen besorgt verrieten.
Nur bei den Tötungsdelikten blieb, gottlob, die Rate bislang moderat niedrig. Ich nahm es als Indiz, dass die DDR-Gesellschaft wohl doch ein beachtliches Zivilisations- und Kulturniveau erreicht hatte. Womit sich auch erklärte, dass beim jetzt vollzogenen Machtwechsel nicht ein einziger Schuss gefallen und niemand zu Tode gekommen war. Anders etwa als in anderen Staaten, wo der Macht- oder Systemwechsel blutig verlaufen war. Da mochte etwas dran sein, wiewohl mir dieser Überlegenheitsgedanke schon aus Prinzip nicht gefiel. Mordmotive waren nicht an den Charakter einer Gesellschaft gebunden. Hass, Neid, Missgunst, Eifersucht, Rache und andere Instinkte existierten unter jeder Fahne, auch unter der roten. Warum sonst gab es mein Kommissariat oder Dezernat, wie es sich jetzt nannte?
»Wo?«, erkundigte ich mich.
»In Marzahn, Allee der Kosmonauten.« Der OdH nannte eine Hausnummer und die Etage. Die Kriminaltechniker seien bereits unterwegs, Staatsanwaltschaft und Gerichtsmedizin informiert.
»In Ordnung. Ich fahre hin«, sagte ich und legte auf. Ich warf noch einen prüfenden Blick in die Küche, was insofern überflüssig war, als ich seit meiner Rückkehr aus dem Garten außer der Kühlschranktür nichts bewegt hatte. Der Gasherd war kalt. Doch gegen die Gewohnheit kam ich nicht an. Rituale frästen sich im Laufe der Jahre ins Unterbewusstsein wie ein Gebirgsbach in den Fels. Die Rinne blieb gleichsam als genetischer Defekt für immer bestehen. Nicht minder automatisch langte ich nach dem Sakko an der Garderobe. Ich musste nicht prüfen, ob alles beieinander war. Linke Tasche – Autoschlüssel, rechte Tasche – Wohnungsschlüssel, linke Brusttasche – Dienstausweis, rechte Brusttasche – Papiere. Alles an seinem Platz. Alles hatte seine Ordnung und seine Struktur. Innen wie außen. Sonst herrschte Chaos im Leben wie auf Arbeit.
Vorm Haus stand der Dienstwagen. Ich schwang mich in den 353er Wartburg und startete. Der Wagen vor mir kam aus dem Westen, der hinter mir ebenfalls. Gebrauchte Möhren. Drüben hätte sich niemand für diese Schrotthaufen interessiert, doch die doofen Ossis freuten sich, für kleines Geld einen fahrbaren Untersatz bekommen zu haben. Gleich zum Mitnehmen und ohne Wartezeit. Welchen Ärger sie sich damit eingehandelt hatten, sollten sie schon bald merken, wenn TÜV und Reparaturen fällig werden würden. Ein altes Auto war nun mal ein altes Auto, selbst wenn es aus den ehemaligen Hermann-Göring-Werken in Wolfsburg kam oder aus den bayerischen Betrieben der Quandts, deren Reichtum auf der Ausbeutung von Zwangsarbeitern im Kriege und auf den Profiten aus der Hochrüstung fußte.
Ich fuhr die Naugarder Straße hinunter zur Greifswalder, durch die S-Bahn-Unterführung und vorbei am Ernst-Thälmann-Park. Die riesige Bronze war inzwischen durch Schmierereien hemmungslos verunstaltet. Es hatte nicht lange gedauert, da war aus Westberlin die Unsitte herübergeschwappt, Häuserwände und Freiflächen zu besprühen und zu bemalen. Diese Graffiti hatten wenig mit Kunst zu tun, es war mehrheitlich Dreck, Tags genannt, die Schriftzüge ließen sich kaum entziffern. Sie waren nicht mal politisch, denn die Farbe am Kopf des einstigen KPD-Führers hatte weder etwas mit dessen Überzeugung noch mit seiner Verklärung in der DDR zu tun. Vermutlich kannten die pubertierenden Hohlköpfe nicht einmal den Namen des Mannes, dem die hohle Bronzeplastik galt. Ich regte mich jedes Mal auf, wenn ich beim Vorüberfahren neue Farbkleckse und Initialen wahrnahm.
An der Kreuzung zur Dimitroffstraße stauten sich die Autos. Die Sonntagsausflügler und Datschenbesitzer kehrten in die Stadt zurück. Es vergingen einige Ampelphasen, ehe ich nach links ziehen konnte. Am SEZ bog ich in die Leninallee. Das Sport- und Erholungszentrum war erst vor wenigen Jahren von den Schweden gebaut und umgehend zum Publikumsmagnet geworden. Die Massen drängten wie gewöhnlich durch die weiten Eingänge, wieder, denn nach der Öffnung der Grenze waren alle erst einmal in die Blubs und Spaßbäder Westberlins geströmt, bis sie merkten, dass dort auf den Rutschen auch nur Wasser hinunterlief und der Eintritt ins Freizeitvergnügen erheblich...




