Romahn | Kremserfahrt in den Tod | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Romahn Kremserfahrt in den Tod

Authentische Kriminalfälle
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-360-50140-0
Verlag: Das Neue Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Authentische Kriminalfälle

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-360-50140-0
Verlag: Das Neue Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Als Ende der 80er Jahre in Ostberlin wiederholt Kinder bei Kremserfahrten verschwinden und später tot aufgefunden werden, bringt dies nicht nur eine groß angelegte Fahndung in Gang. Die Polizei ruft auch alle Bürger zur Mithilfe auf. Trotz Aufklärung erfährt die Tatserie nach der Wende eine grausame Fortsetzung. Als zuständiger Ermittler schildert Ralf Romahn gewohnt versiert den Fall und berichtet von den Hintergründen. Detailliert geht er auch bei weiteren Fällen auf die Polizeiarbeit ein, bei der er zuweilen in persönliche Interessenskonflikte gerät. Dass Eifersucht manchmal den Falschen trifft und dass auch Angestellte des Morddezernats nicht immer unbescholten sind, weiß Romahn überaus eindrücklich zu erzählen.

Ralf Romahn, geboren 1953 in Zwickau, begann seine Laufbahn als Streifenpolizist und war schließlich Leiter des Dezernats 'Leben und Gesundheit' in Berlin-Mitte. Als Oberstleutnant bei der Volkspolizei und nach 1990 als Kriminaloberrat befasste er sich mit den Fällen nahe der deutsch-deutschen Grenze. Heute lebt er als Pensionär in Berlin. Im Verlag Das Neue Berlin erschien 2015 sein Buch 'Der Tigerbiss auf dem Weihnachtsmarkt. Authentische Kriminalfälle'.
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Totentanz

»Ej, du bist doch so’n Westarsch!«

Die Ansage ist eindeutig, und auch der Ton lässt keinen Raum für Interpretationen. Eine offene Kriegserklärung. Der Satz flattert auf einer Alkoholfahne, getränkt in Aggressivität, welche in nüchternem Zustand gewiss ein wenig unterdrückt worden wäre. So aber bricht die Gereiztheit unüberhörbar und ungeschützt hervor. Gleichsam als eruptive Sammelanklage, in die alles hineinzufließen scheint, was in der Vergangenheit vom Schreihals als ungerecht empfunden wurde.

»Du glaubst wohl, weil du von drüben kommst, kannste dir alles erlauben, wa?!«

Jochen sieht ins Gesicht des wütenden jungen Mannes, der vor ihm auf der Treppe steht. Er kann es kaum erkennen. Das Licht der Straßenlaterne fällt von hinten und von oben, die Schatten verdunkeln es, zudem ist er selbst auch nicht ganz nüchtern. Der Alkohol lässt die Konturen etwas verschwimmen. Sein Gehirn allerdings arbeitet noch einigermaßen präzise. Es sagt ihm, dass Gefahr im Verzug ist.

»Was willst du Zonendödel von mir?«

Er stößt mit der flachen Hand den Kerl vor die Brust, ganz leicht, gewiss, aber hinreichend, um diesem zu signalisieren, dass sein Gegenüber nicht gewillt ist, die Beleidigung widerspruchslos hinzunehmen. Westarsch, pff. Natürlich kommt der von drüben.

Durch die Stadt zieht sich eine Mauer, die sie in Westberlin und in Ostberlin teilt. Daran ist doch nicht er schuld. Und sie macht ihn auch nicht zu einem anderen Menschen, nur weil er im Westteil lebt. Okay, im Unterschied zu den meisten anderen hier auf der Treppe kann er hinüber und herüber fahren, wann immer er will. Er muss zwar jedes Mal 25 D-Mark Eintritt zahlen, doch für die 25 Ostmärker kriegt er mehr als bei sich zu Hause für 25 Westmark. Für 20 Pfennig kann man mit der Straßenbahn, mit U- oder S-Bahn in Ostberlin so weit fahren, wie man möchte. Das Bier ist billig, das Schnitzel auch.

»Eh, nicht anfassen, du Großkotz!«

Der Mann vor ihm schlägt den Arm, der gegen seine Brust drückt, energisch beiseite. »Nimm die Pfoten weg, du Arschloch aus Charlottenburg.«

Was will der überhaupt von ihm? Außerdem wohnt er in Neukölln. Jochen verspürt leichten Schmerz im getroffenen Unterarm und lässt ihn fallen. Weshalb attackiert ihn dieser Idiot? Er hat ihn im Discogewimmel nicht gesehen, vorhin. Weder auf der Tanzfläche noch am Tresen. Er hat auch niemanden angerempelt oder auf den Fuß getreten, keinem das Glas unachtsam umgekippt oder die Freundin ausgespannt. Das hat er nicht nötig. Er kam in Begleitung. Mit Manuela ist er seit einem Vierteljahr zusammen.

»Leck mich und lass mich vorbei«, sagt er nach einem Moment des Innehaltens. Erneut berührt Jochens Hand den Provokateur, diesmal an dessen Oberarm, als wolle er ihn beiseite schieben.

»Fass mich nicht an, du Pfeife«, brüllt nun der Kerl, worauf einige Jungs, die die Treppe des Pressecafés hinuntereilen, ihre Schritte stoppen. Sie bleiben stehen, schauen auf die Kontrahenten.

»Gibt’s was?«, erkundigt sich einer interessiert.

»Nee, lass mal«, sagt der, der auf der Stufe vor Jochen steht. So sehen sie beide aus, als wären sie gleich groß. Stünden sie nebeneinander, wäre der Unterschied in der Körpergröße deutlich sichtbar. Zudem ist Jochen alles andere als ein Preisboxer. Die Schultern sind schmal, der Körper schmächtig, Muckibuden kennt er nur von außen. Wäre er nüchtern, wüsste er das Kräfteverhältnis besser einzuschätzen und ginge seiner Wege.

Manuela an seiner Seite hat den ganzen Abend über weniger als er getrunken und darum den realistischen Überblick. »Komm!«, fordert sie und versucht, ihren Freund zum Gehen zu bewegen. Aber der steht auf der Stufe wie ein Fels. Naja, relativ. Jochen wankt ein wenig, die Füße jedoch sind mit dem Waschbeton fest verwachsen.

»Komm!«

Die junge Frau wiederholt ihren Appell. Ein wenig lauter und ein wenig schrill, weil sich inzwischen Angst eingestellt hat. Sie kennt diese Rüpeleien nach dem Schwoof, seit sie tanzen geht. Es sind die üblichen Rempeleien der Platzhirsche mit den Rivalen von außen, die ihnen vermeintlich »ihre« Bräute ausspannen. Manuelas Eltern sind zugezogen und wuchsen auf dem Land auf. Von denen weiß sie, dass es fast bei jedem Dorfbums eine Prügelei gab. Oft zogen die Jungs aus dem Nachbarort mit blutenden Nasen heim, wenn die Einheimischen ihr Revier gegen die Eindringlinge erfolgreich mit den Fäusten verteidigt hatten.

Ihre dritte Aufforderung verhallt ohne Wirkung bei Jochen. Hilflos steht sie hinter ihm und beobachtet, dass immer mehr junge Männer stehenbleiben und sich hinter dem Provokateur versammeln. Die Szenerie wirkt bedrohlich.

Manuelas Blick geht hinüber zum Interhotel Stadt Berlin, das wuchtig in den nächtlichen Himmel ragt. Auf der Kreuzung davor fährt kein Auto, es ist kurz nach Mitternacht. Da schnarchen die meisten Berliner bereits in ihren Betten. Selbst wenn Wochenende ist, wie augenblicklich. Nur ein paar Taxis, offizielle wie private, die sogenannten Schwarztaxis, fahren die Karl-Liebknecht-Straße hinauf und hinunter. Weit und breit ist keine Uniform zu sehen. Immer wenn man die Polizei braucht, ist sie nicht da … Scheiße, wie kommen sie aus dieser Nummer, denkt sie, was unschwer in ihrem Gesicht abzulesen ist.

»Ihr Arschlöcher aus dem Westen glaubt wohl, dass ihr mit euren bunten Scheinen unsere Weiber einfach so abschleppen könnt? Wie? Was?«

Der Kerl brüllt Jochen an, Speichel fliegt von den Lippen. Der Blick geht Beifall heischend in die Runde. Er glaubt, Gleichgesinnte um sich zu haben. Das trifft auf die Mehrheit zu, nur wenige ziehen weiter, als sie merken, was hier lautstark verhandelt wird.

»Mit Westgeld sie schmieren und dann bumsen, das könnt ihr!« In der Ansage schwingt ein Anflug von Triumph mit, weil der Absender wähnt, eine Wahrheit, die vermeintlich unterdrückt und von niemandem angesprochen wird, endlich einmal tapfer öffentlich gesagt zu haben.

Manuela möchte lautstark protestieren. Sie fühlt sich nicht bestochen und gefügig gemacht. Es ist Liebe. Als ihr Jochen zum ersten Mal begegnete, wusste sie zunächst nicht, dass er von drüben kam. Erst später, als er sich von ihr verabschiedete, weil er wieder rüber musste, wurde es ihr bewusst. Bis vor Kurzem noch war 24 Uhr Zapfenstreich, spätestens dann hatten die Westberliner die Grenze passiert zu haben. Sie konnten zwar drüben auf dem Absatz kehrtmachen und erneut »einreisen«, um wieder in das warme Bett der Liebsten zu schlüpfen. Doch inzwischen zeigte sich die Obrigkeit einsichtig und bewilligte den durchgängigen Aufenthalt von Freitag 22 Uhr bis Sonntag 24 Uhr. Das waren zwei Tage, vor allem zwei Nächte ohne grenztechnische Pause. Lindenbergs Wunsch in »Mädchen aus Ostberlin« von seiner Platte »Alles klar auf der Andrea Doria«, die Jochen einmal als Musikkassette durch die Grenze geschmuggelt hatte, war also für sie in Erfüllung gegangen: »Ich hoffe, dass die Jungs/das nun bald in Ordnung bringen/denn wir wollen doch einfach nur zusammen sein«. Nun können Jochen und Manuela etwas enger und etwas länger zusammen sein: das ganze Wochenende.

Aber Manuela schweigt. Was soll sie hier sagen? Jedes Wort würde wie ein Flammenwerfer wirken. Mit Benzin lässt sich kein Feuer löschen. Soll sie sagen, dass sie nicht für ein paar lumpige Westjeans die Beine breitmacht? Dass sie dem Freund aus Westberlin nicht für Bohnenkaffee einen bläst? Diese Sprache würde der Idiot verstehen, es ist die seine, aber er würde nicht begreifen, was sie damit sagen will. Also beißt sich Manuela auf die Lippe und schweigt.

Jochen jedoch strafft sich. Er ist zur Salzsäule erstarrt, sagt nichts. Seine Rechte fährt in die Hosentasche und kommt langsam wieder hervor, ohne dass dies von den Umstehenden bemerkt wird. Auch Manuela sieht nicht, wie die Klinge aus dem Springmesser schießt, als Jochen auf den Knopf am Heft drückt. Erst als er zusticht, nehmen es alle wahr.

»Er hat ein Messer«, schreit einer, und schon spritzt die Gruppe auseinander.

So blitzartig, wie er das Messer in den Bauch seines Gegenübers gestoßen hat, zieht es Jochen auch wieder aus dem Körper und fuchtelt wild damit herum. Der Arm mit der Klinge kreist und fährt nach vorn, trifft da und dort auf Widerstand. Den einen erwischt es am Oberschenkel, aus dem Schnitt in der Hose schießt unmittelbar danach Blut heraus. Ein junger Mann, den das Messer am Arm verletzt, schreit auf und greift mit der Hand nach der Wunde. Der erste jedoch, auf den Jochen eingestochen hat, sagt kein Wort mehr. Er ist auf die Knie gesunken und kippt dann vornüber. Das alles geschieht in Bruchteilen von Sekunden.

Die Gruppe löst sich blitzartig auf, die Männer und ihre Begleiterinnen rennen die Treppe hinunter und versuchen, sich in Sicherheit zu bringen. Panik hat sich ihrer bemächtigt, nur weg hier. Nicht einer fällt dem Mann mit dem Messer in den Arm. Niemand ist auf der Treppe, der dem schmächtigen Kerl die Klinge aus der Hand schlägt. Rette sich, wer kann, ist die Parole. Die Schreie verhallen ohne Echo auf dem weiten, leeren Areal zwischen dem Verlagshochhaus und dem Interhotel. Stumm blinken die roten Lichter des Fernsehturms.

Jochen greift nach Manuelas Hand und zieht sie hinter sich her. Im Laufen klappt er die Klinge ein und lässt das Messer in der Hosentasche verschwinden. Sie eilen die Stufen hinab und quer über die Kreuzung, die Unterführung ignorierend. Atemlos hetzt Jochen dem Taxistand am Interhotel entgegen, ohne dass sich ihm jemand in den Weg stellt oder folgt.

Die beiden haben Glück. Tatsächlich steht...



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