Romes | Das Geheimnis der Hyazinthen | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Romes Das Geheimnis der Hyazinthen

Roman
2. Auflage 2021
ISBN: 978-3-8412-2647-1
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-8412-2647-1
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das Geheimnis eines verwilderten Gartens auf der Isle of Skye.

Lilly hat drei Jobs gleichzeitig, als ihre krebskranke Mutter ihren letzten Wunsch äußert: Noch einmal möchte sie die Blüte jener seltenen Hyazinthe sehen, die einst im Garten ihres Cottages auf der Isle of Skye blühte. Lilly kehrt in ihre alte Heimat zurück, doch ihr früheres Zuhause ist heruntergekommen, und die Suche nach der Blume gestaltet sich schwieriger als gedacht. Dabei trifft sie nicht nur auf Liam, dem heute das Grundstück gehört, sondern auch auf ein Geheimnis, das ihre Mutter ein Leben lang vor ihr gehütet hat ...



Claudia Romes wurde 1984 als Kind eines belgischen Malers in Bonn geboren. Mit neun Jahren begann sie, ihre eigenen Geschichten zu erzählen, und fasste den Entschluss, eines Tages Schriftstellerin zu werden. Nach einigen beruflichen Umwegen widmete sie sich schließlich ganz dem Schreiben und lebt heute ihren Traum. Die Autorin wohnt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in der Vulkaneifel.
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Kapitel 1


Lilly stand am Fenster und beobachtete, wie sich die Dämmerung über die Stadt legte. Die Straßenlaternen flackerten auf und schickten ihr warmes Licht in die urigen Gassen, die Edinburgh Castle umgaben. Majestätisch thronte die Burg auf dem Castle Rock im Zentrum der Hauptstadt. Jeden Abend genoss Lilly diesen atemberaubenden Ausblick, den sie einer engagierten Krankenschwester namens Helen zu verdanken hatten. Diese hatte sich bei der Heimleiterin dafür eingesetzt, dass Lillys Mutter genau dieses Zimmer zugeteilt wurde – obwohl sie es sich nicht leisten konnte. Vermutlich war Mitleid der Grund für das Einlenken der ansonsten so strengen Nonne gewesen. Iris Warren war vor knapp zwei Monaten ins St.-Andrews-Pflegeheim gekommen, weil Lilly sich nicht mehr allein um sie kümmern konnte. Das Traurige daran war, dass es nicht an ihrer mangelnden Fürsorge lag, sondern daran, dass es Lilly durch ihre drei Jobs schlichtweg zeitlich nicht schaffte, ihrer schwer kranken Mutter gerecht zu werden. Geld war ein weiterer maßgebender Faktor.

Eigentlich ging es immer nur darum: Solange sie zurückdenken konnte, hatte ihre Familie zu wenig davon gehabt, und das war ein Umstand, der schon ihre Mutter zu einem Leben voll harter körperlicher Arbeit und ständiger Existenzsorgen verurteilt hatte. Nun zog er sich auch durch ihres. Es war wie ein Fluch, dem sie nicht entkommen konnte und dessen Ironie ihr so manches Mal die Tränen in die Augen trieb. Ihr Teilzeitjob im Blumenladen reichte gerade so für die Miete. Um über die Runden zu kommen, kellnerte sie nachmittags in einem Café, an den Wochenenden arbeitete sie zusätzlich in einer Bar. Manchmal hatte sie nicht mehr als zwei Stunden Zeit für den Haushalt, die Einkäufe und den täglichen Besuch bei ihrer Mutter, die nicht bemerken sollte, wie ausgelaugt Lilly war. Niemand wusste, wie viel Zeit Iris noch blieb, deren sanfte Stimme sich nun in Lillys Gedanken drängte.

»Seit wann bist du hier?«

Lilly drehte sich zu ihr um. »Noch nicht sehr lange. Ich wollte dich nicht aufwecken. Du hast so friedlich geschlafen.« Sie kam an ihr Bett.

»Du darfst mich ruhig wecken«, sagte ihre Mutter und nahm ihre Hand. »Das weißt du doch. Ich kann später noch genug schlafen. Hier passiert nicht sonderlich viel, bei dem es sich lohnen würde, wach zu bleiben. Es sei denn, du bist hier.«

»Ich hab dir die Schokolade mitgebracht, die du so gerne magst.« Lilly setzte sich auf die Bettkante, holte eine Tafel Vollmilch-Karamell aus ihrer Tasche und reichte sie ihrer Mutter.

»Du bist ein Engel«, sagte diese.

»Wo die herkommt, gibts noch mehr.« Lilly bewegte ihre Brauen verheißungsvoll auf und ab. Ihre Mutter lächelte matt. Lilly merkte, dass ihre Euphorie nur gespielt war – vermutlich hatte sie wieder keinen Appetit. In den vergangenen Wochen hatte Lilly ihr jeden Abend etwas mitgebracht, das sie früher gern gegessen hatte, nur um am nächsten Tag feststellen zu müssen, dass sie nichts davon angerührt hatte. Und selbst wenn doch, fehlte nur so viel, dass man hätte meinen können, eine Maus habe daran geknabbert. Lilly ahnte, dass sie diese Sachen nur ihretwegen überhaupt probierte. Schon lange hatte ihre Mutter keinen Gefallen mehr am Essen. Es strengte sie nur an. Trotzdem versuchte Lilly es weiter, auch wenn der Nachttisch mittlerweile aus allen Nähten platzte und einer Süßigkeitenabteilung im Supermarkt in nichts mehr nachstand. »Geht es dir nicht gut?«, fragte Lilly ernst nach.

Ihre Mutter war blass geworden. Ihre Wangenknochen traten hervor, wahrscheinlich hatte sie weiter an Gewicht verloren. Iris litt an einer seltenen Form von Leukämie. Sie war stets eine Kämpferin gewesen, eine Person, die sich nicht so leicht geschlagen gab. Aber nach zwei erfolglosen Chemotherapien und unzähligen Bestrahlungen war sie es leid, zu kämpfen. Ihre Entscheidung, alle weiteren Therapieversuche auszuschlagen, war für Lilly nur schwer zu akzeptieren, denn ihre Mutter bedeutete ihr alles. Iris hatte stets ihre eigenen Bedürfnisse für sie zurückgestellt und ihr trotz schwerer Zeiten unzählige Augenblicke der Unbeschwertheit geschenkt. Jetzt war sie an der Reihe. Für ihre Mutter da zu sein, so wie diese immer für sie da gewesen war, war selbstverständlich. Und es war alles, was sie noch für sie tun konnte.

»Es bleibt schon länger hell«, stellte Iris mit Blick aus dem Fenster fest.

Lilly tat es ihr gleich, und die beiden lächelten.

»Bald kommt der Frühling.«

Lilly wusste, dass er ihr von allen Jahreszeiten die liebste war. Ein Anflug von Wehmut überkam sie bei dem unwillkürlich aufkommenden Gedanken, dass ihre Mutter ihn vielleicht nicht mehr erleben würde. Tränen drängten sich in ihre Augen. Lilly blinzelte sie weg und zwang sich, ihre Traurigkeit hinunterzuschlucken. Für die Dauer ihres Besuchs musste sie stark sein – das hatte sie sich vorgenommen.

»Du siehst müde aus.« Iris richtete sich im Bett auf, legte ihre Hand an Lillys Wange und musterte sie prüfend. »Hat dich Barry wieder Überstunden in der Bar schieben lassen?«

»Das ist nur das Licht«, sagte Lilly, ohne weiter darauf einzugehen. Ihre Mutter sollte nicht wissen, dass sie seit drei Nächten kaum Schlaf bekommen hatte. Sie wollte auch nicht darüber nachdenken, dass sie bald schon wieder von Barry erwartet wurde. Noch nicht.

»Du wirkst aber erschöpft.« Iris ließ sich nicht so leicht täuschen und sah sie durchdringend an. Lilly kannte das außerordentliche Einfühlungsvermögen ihrer Mutter und setzte rasch ein breites Lächeln auf.

»Es geht mir gut.«

Iris schien durch sie hindurchzusehen, während sie über ihre Antwort nachdachte. »Wenn du das sagst«, murmelte sie beiläufig und kramte in ihrer Nachttischschublade.

»Ich habe etwas für dich.« Sie holte ein Kuvert und ein Foto heraus, das sie Lilly hinhielt. »Erinnerst du dich noch daran?«

Stirnrunzelnd nahm Lilly das Bild. »Natürlich«, sagte sie und strich mit dem Finger über das glänzende Foto, das ein Cottage mit einem blühenden Vorgarten zeigte. »Das ist unser altes Haus in Portree. Ich weiß noch ganz genau, wie es sich anfühlte, dort zu sein.«

»Es war eine schöne Zeit, oder?«

Lilly lächelte zustimmend.

»Die beste«, korrigierte sich Iris leise. »Wir sind damals viel zu schnell fortgegangen.«

»Ich konnte mich nicht einmal richtig verabschieden.«

»Vielleicht kannst du es jetzt.«

Lilly sah erwartungsvoll zu ihr auf.

»Ich dachte, du würdest vielleicht gerne wieder dorthin zurückfahren.«

»Na ja, sicher«, entgegnete sie schulterzuckend. »Irgendwann.«

»Nicht irgendwann. Und nicht vielleicht.« Iris hielt ihr das Kuvert hin, und Lilly kniff misstrauisch die Augen zusammen.

»Was ist da drin?«

»Mach’s auf, dann weißt du es.«

Sie öffnete den Umschlag. Ungläubig blinzelnd wandte sie sich daraufhin an ihre Mutter. »Ein Busticket auf die Isle of Skye? Und eine Buchungsbestätigung über sieben Tage in einer Pension in Portree? Mum, was soll das?«

Iris lächelte geheimnisvoll.

»Du weißt genau, dass ich jetzt nicht wegkann.«

»Du kannst, wenn du willst.«

»Okay, ich will nicht. Ich will dich im Augenblick nicht allein lassen.«

»Ich bin nicht allein, Lilly. Oder wer, glaubst du, hat mir bei der Umsetzung meines Plans geholfen?«

Lilly legte grummelnd den Kopf schief. »Helen.« Das war ja klar.

»Du brauchst endlich mal eine Auszeit.«

»Tue ich nicht. Wirklich nicht!«

»Du kannst mir nichts vormachen, Lilly. Ich kenne dich dein ganzes Leben lang, und du warst noch nie gut im Lügen.«

Da hatte ihre Mutter leider recht. »Aber selbst wenn.« Sie schnaufte verdrossen. »Wir können es uns nicht leisten, dass ich für eine ganze Woche weg bin.«

»Das denke ich schon. Es ist bereits alles geregelt. Ich habe im Blumenladen angerufen, Heather ist eingeweiht.«

»Ich habe sie eben noch gesehen, da hat sie kein Wort gesagt. Sie ist so beschäftigt mit ihrer Hochzeitsplanung …«

»Sie hat mir versichert, dass sie ohne dich im Blumenladen zurechtkommen wird. Wie du weißt, wollen sie die Flitterwochen auf den Malediven verbringen. Da wird Heather dich im Geschäft eher brauchen.«

»Vier Wochen Luxusurlaub.« Lilly nickte und schnalzte mit der Zunge. Sie konnte nichts dagegen unternehmen, dass sie sich hin und wieder fragte, warum ihr Leben und das ihrer Mutter im Vergleich zu anderen so ungerecht verlief. Sie wünschte niemandem ein schweres Schicksal, aber manchmal überkam sie eine bittere Eifersucht, über die sie keine Kontrolle hatte.

»Sie meinte, du hättest ihr dafür schon zugesagt?«

»Ja, habe ich.«

Ihre Mutter schmunzelte.

»Es ist ja erst im Juni«, fügte Lilly resigniert hinzu.

Heather war sechs Jahre jünger als sie. Die Tatsache, dass sie mit Mitte zwanzig schon weit mehr vorzuweisen hatte als Lilly, frustrierte sie manchmal. Andererseits war sie die Einzige, die Lilly ihre Freundin nannte, auch weil sie so viel Verständnis für ihre Lage zeigte. Wann immer Lilly eine Schicht verschieben musste, weil ihre Mutter sie brauchte, ließ Heather sich darauf ein. Sie war ein guter Mensch und eine talentierte Floristin. Leider mangelte es ihr am Geschäftssinn – der Blumenladen, für den ihre Eltern die finanziellen Mittel zur Verfügung...



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