E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Rooseboom Motte und die Metallfischer
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7348-0231-7
Verlag: Magellan Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Kinderbuch ab 10 Jahren über ein Mädchen, das den Mut hat, sie selbst zu sein.
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-7348-0231-7
Verlag: Magellan Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sanne Rooseboom arbeitete nach ihrem Studium der Internationalen Beziehungen als Journalistin in den Niederlanden und Großbritannien. 2016 gab sie ihr Debüt als Kinderbuchautorin. Für Motte und die Metallfischer (Originaltitel Mot en de metaalvissers) wurde sie 2023 für den flämischen De Boon Literaturpreis sowie für den Woutertje Pieterse Prijs nominiert und gewann De Leesjury 2024 in der Kategorie der 10- bis 12-Jährigen.
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8
EIN EIGENER ANGELPLATZ
Motte hatte die ganze Woche bis zum Samstag gewartet. Sie wollte ihren Magneten erst verwenden, nachdem sie mit Lukas gesprochen hatte. Nicht nur, weil sie das gerne tat, sondern auch, weil sie nicht aus Versehen auf dem Platz von jemand anderem stehen wollte.
In ihrem Zimmer hatte sie Knoten binden geübt, damit ihr Magnet auch wirklich gut am Seil befestigt war. Danach hatte sie alle eisenhaltigen Gegenstände zu Hause mit ihrem Angelzeug gefangen: die Hausschlüssel, einen kleinen Stahlkochtopf, Gabeln, ein Sieb, Nägel. Ihre Lieblingsangelbeute waren Löffel. Die schienen lebendig zu werden, wenn sie ihren Magneten darüberhielt. Sie sprangen hoch, von links nach rechts, stellten sich auf einer Seite auf und flogen dann mit einem Riesenschwung und einem lauten Schlag an den Magneten.
Als Motte jeden eisenhaltigen Gegenstand, den sie zu Hause finden konnte, geangelt hatte, schrieb sie einen Brief an ihren Vater und berichtete ihm von ihrem neuen Hobby. Ihr Vater wohnte auf einer Insel am anderen Ende der Welt. Einer Insel, auf der die Sonne im Winter nur ganz kurz zu sehen war und auf der sie im Sommer nicht unterging. Mottes Eltern waren nur ein paar Monate zusammen gewesen. Danach war ihr Vater wieder auf seine kalte Insel zurückgekehrt und ihre Mutter hatte Motte bekommen. Oder eigentlich Schmetterling, zumindest damals noch. Motte schrieb ihrem Vater etwa einmal pro Woche und einmal im Monat kam ein Brief von ihm zurück. Diesmal hatte sie eine ziemlich gelungene Zeichnung von ihrem rostigen Schlüssel mitgeschickt.
Außerdem hatte sie jeden Tag in dem Buch gelesen, das Rosie ihr mitgegeben hatte. Über gefährliche Gegenstände im Wasser, woran man eine Bombe erkennen konnte und dass man zu einem Stadtwächter gehen musste, wenn man eine Pistole herausfischte. Motte hatte das Buch dreimal gelesen.
Sie war bestens vorbereitet.
Die Sonne war hinter den weißgrauen Wolken fast nicht zu sehen, als Motte die Tür hinter sich zuzog. Zum Glück, denn dadurch würde die Hitze nicht in der Stadt hängen bleiben. Fast hopsend lief Motte durch die schmale Gasse, über die Brücke, dann nach rechts. Heute fühlte sie sich anders als die anderen Male, als sie am Kai entlanggegangen war. Dieses Mal ging sie nicht spazieren, sondern sie war hier, weil sie einen Magneten dabeihatte.
Lukas winkte ihr schon von Weitem zu.
»Ich hab einen!« So schnell sie konnte, lief sie auf ihn zu. »Er ist in meinem Rucksack!«
»Gratuliere!« Lukas wischte sich die rechte Hand an seinem grünen Mantel ab und streckte sie Motte entgegen. »Jetzt gehörst du wirklich zu den Metallfischern!«
Motte spürte, wie sie rot wurde. Zu so einer coolen Gruppe wollte sie wahnsinnig gern gehören. »Aber es ist kein superstarker Magnet«, sagte sie. »Kategorie 2.«
»Das ist stark genug«, antwortete Lukas. »Jetzt brauchst du noch deinen eigenen Angelplatz. Einen festen Platz, an dem nur du fischen darfst.«
»Darf ich hier bei dir bleiben?«, fragte Motte.
»Schon«, entgegnete Lukas, »aber es ist viel lustiger, wenn du einen eigenen Abschnitt am Wasser hast. Und außerdem muss ich dann nicht quatschen, wenn ich keine Lust dazu habe.« Er zwinkerte ihr zu.
Motte nickte ernst.
»Wir gehen zum gebogenen Kran.«
»Wo ist das?«
Lukas zeigte nach vorn. »Dort, beim Schilf.«
Motte folgte seinem Blick. Am Wasser vollführte ein Mann wilde Bewegungen. Er beugte sich nach vorn, sprang in die Höhe und streckte seinen Arm in die Luft. Motte hatte ihn schon öfter auf diese Art fischen sehen.
Sie gingen am Kai entlang zum gebogenen Kran.
»Brauche ich eigentlich eine Erlaubnis von irgendwem, dass ich hier fischen darf?«, fragte Motte.
Lukas schüttelte den Kopf. »Nichts Offizielles.«
»Und ich muss auch keinen Test machen, um zu beweisen, dass ich das kann?«
»Auch nicht! Das Einzige, was du machen musst, ist mich rufen, wenn du etwas Verdächtiges siehst. Komm!«, sagte Lukas. »Rosie hat mir erzählt, dass du die Ausrüstung zusammen mit einem Freund gekauft hast.«
Motte seufzte. »Nee. Vincent ist nur mitgekommen. Der geht in die gleiche Schule wie ich.«
»Und ist ein Verwandter von Arkon Bolwerd?« Lukas sah sie neugierig an.
»Das hab ich auch nicht gewusst«, erwiderte Motte. »Und bis letzte Woche hab ich nicht mal gewusst, dass dieser Mann hier so viel zu sagen hat. Ich hatte geglaubt, nur sein Vater, der Erfinder, war so mächtig. Und sein Sohn wäre einfach nur unser Vermieter mit einem gelben Boot und einem riesigen Haus.«
Lukas seufzte. »Arkon hat alles von seinem Vater geerbt. Die Villa, die Grundstücke, das Geld. Nur nicht das Hirn und noch viel weniger das Bedürfnis, der Stadt etwas Gutes zu tun. Dieser Mann will, dass alles größer und besser wird. Aber nur für ihn selbst, weißt du? Nicht für uns.«
»Was hat die Werft eigentlich mit Arkon zu tun?«, fragte Motte. »Ich weiß nur, dass unsere Lehrerin manchmal dorthin geht, um sich Zirkusvorstellungen anzusehen.«
»Das ist ein Teil des alten Hafens am Rande der Stadt«, erklärte Lukas. »Eine Halle, die zum früheren Hafen gehörte. Sie wird bewohnt und es ist wirklich wunderschön dort und tatsächlich geben wir auch Vorstellungen.«
»Wohnst du denn auch dort?«
»Ja.«
»Und Arkon Bolwerd will wieder einen Hafen daraus machen?«
»Ja, aber nicht so einen wie früher, in den Schiffe mit Holz und Getreide einfuhren. Was Bolwerd will, ist ein Platz für Luxusjachten, wo Leute shoppen können, in beheizten Bädern schwimmen und in Restaurants ein kleines Vermögen ausgeben. Er ist schon seit einiger Zeit mit dem Bau beschäftigt. In ein paar Wochen will er die Werft abreißen lassen.«
Motte dachte an den neuen Auftraggeber ihrer Mutter. War das womöglich Arkon?
Sie gingen ein Stück weiter und kamen dem Mann mit den wild schlenkernden Armen und Beinen immer näher.
»Dieser Abschnitt …«, Lukas zeigte auf den Kai, »… gehört Hinke-Nisa. Die hast du hier vielleicht auch schon mal gesehen.«
»Ältere Frau, geht am Stock, bunte Röcke?«
»Genau die!«
»Hast du eigentlich so wie Hinke-Nisa und Taucher Tom auch einen Beinamen?«
Lukas nickte.
»Soll ich raten?«
Er nickte erneut, aber diesmal zeigte er auf die alte Verletzung neben seinem Mund.
Motte verstand sofort. »Lukas mit der Narbe?«
»Fast. Narben-Luuk.«
»Kriege ich auch einen Beinamen?«
»Irgendwann schon«, antwortete Lukas.
Motte fing gleich an, sich Namen auszudenken.
Magische Motte, weil sie so viel herausfischen würde.
Mordrätsellösende Motte, weil sie eine Tatwaffe finden und der Stadtwache damit ein entscheidendes Indiz liefern würde.
Mutige Motte.
Sie ignorierte die Stimme ihrer Mutter in ihrem Kopf, die »mollige Motte« vorschlug.
»Und hier«, sagte Lukas, »kommen wir zum Angelplatz von William dem Wüstling.«
Motte kicherte.
»Lach nur«, sagte Lukas. »Aber er ist dein Nachbar. Komm, wir machen einen kleinen Bogen um ihn herum.«
»Mein Abschnitt liegt neben dem von einem, der William der Wüstling heißt?«
»Richtig.«
»Das klingt wie etwas, worüber sich meine Mutter Sorgen machen würde.«
Lukas grinste sein schiefes Grinsen. »Er ist nicht gefährlich, das verspreche ich dir.«
Motte sah ihren Nachbarn genauer an. Er hatte strähniges Haar, fröhlich funkelnde Augen und er trug einen weiten roten Pulli. Sie schätzte ihn auf etwa dreißig. Er zog seinen Magneten mit einer unglaublichen Kraft aus dem Wasser und warf ihn dann wieder hinein. Es spritzte in alle Richtungen. Seine Bewegungen waren tatsächlich wüst, dachte Motte, aber ganz offensichtlich genoss er das Magnetfischen sehr. Sie grüßte ihn, aber er war zu sehr mit seinem Magneten beschäftigt, um sie zu bemerken.
Sie gingen noch ein Stück weiter, zu einem Abschnitt, an dem der Kanal leicht nach rechts abbog, dann blieb Lukas stehen. »Wir sind da. Dieser Bereich gehört dir!«
Motte sah sich ihren Kai-Abschnitt an. Er war sehr kurz. Vielleicht drei Meter lang, bevor ein breiter Streifen mit Schilf begann, durch den man nicht zum Wasser gelangen konnte. Für heute würde es schon reichen, aber danach?
»Das Schilf kommt noch weg, damit wurde schon begonnen«, erklärte Lukas, der ihren besorgten Blick sah. »Wahrscheinlich, weil es bereits Pläne gibt, den Kai wegzureißen und den Kanal zu verbreitern.«
»Jetzt schon?«
Lukas zuckte mit den Schultern. »So schnell wird es nicht gehen. Jetzt verschwindet erst mal nur das Schilf. Und das sind ausgezeichnete Neuigkeiten für dich, denn der Schlamm unter dem Schilf wurde noch nie von Metallfischern abgesucht. Wer weiß, was du da alles finden wirst! Sieh mal!«
...



