Rose | Der Beethoven-Fluch | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Reihe: MIRA Taschenbuch

Rose Der Beethoven-Fluch


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-95576-266-7
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Reihe: MIRA Taschenbuch

ISBN: 978-3-95576-266-7
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Mysteriöse Visionen - immer begleitet von einer leisen Melodie - verfolgen die Psychologin Meer Logan. Was haben die quälend lebendigen Erinnerungen an längst vergangene Zeiten zu bedeuten? Ihre Nachforschungen führen Meer direkt zum Geheimbund der Memoristen nach Wien. Dort jüngst aufgetauchte Hinweise deuten auf eine geheime Melodie, die tödliche Erinnerungen an frühere Leben auslöst. Bei ihren Ermittlungen quer durch alle Kontinente und Epochen wird Meer immer tiefer hineingezogen in einen gefährlichen Strudel aus Mord und Verrat. Denn sie ist nicht die Einzige auf der Jagd nach dem mächtigen Geheimnis. Kann sie die Melodie entschlüsseln, ehe ihre finsteren Gegner einen tödlichen Plan umsetzen?

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1. KAPITEL


– –

David Yalom bewegte sich am Rande der unterirdischen Schlucht, ohne auch nur ein Mal in den schwarzen Abgrund zu schauen. Nichts an seinen bedächtigen Schritten ließ vermuten, dass er sich der Gefahr bewusst war, die bei einem Absturz drohte. Dabei hatte noch Minuten zuvor sein Führer einen Stein in den dunklen Schlund geworfen, um zu demonstrieren, wie tief es hinunterging. Das Geräusch des Aufschlages war nicht zu hören gewesen. Vier Stunden waren sie mittlerweile unterwegs: auf und ab durch ein finsteres Labyrinth aus Röhren und Kanälen, durch unterirdische Wasserläufe, über stille, mit Tropfsteinzapfen gespickte Teiche und brodelnde Seen hinweg. Nun endlich sah er das Ziel der Irrfahrt direkt rechter Hand vor sich, genau an der von Hans Wassong angegebenen Stelle: ein massiver, grob in den Fels gehauener Bogendurchgang, markiert mit einem in den Stein gemeißelten Kreuz.

“Dann gibt es sie also tatsächlich, diese Stelle, von der Sie mir erzählt haben”, rief David lachend. Seine Stimme klang indes so bitter, als gäbe es auf dieser Welt nichts Erheiterndes mehr.

“Ich hab Ihnen ja gleich gesagt, Sie können mir ruhig trauen.” Die beiden Männer – der israelische Journalist und der österreichische Kriminelle – verständigten sich auf Englisch, zwar mit unterschiedlichem, doch gleichermaßen ausgeprägtem Akzent. “Der ganze Bereich hier gehört zu einer größeren Planagrabung”, ergänzte Wassong.

“Planagrabung?” Davids unbezähmbare Neugierde setzte sich durch. Wenngleich er hier nicht als Reporter vor Ort war, kam er nur schwer gegen die in langen Berufsjahren erworbene Eigenart an, sämtliche Aspekte einer Reportage zu beleuchten.

“Bei einer Planagrabung”, erläuterte Wassong wichtigtuerisch, “werden einzelne Kulturschichten untersucht oder abgetragen. Etwa ein jüdisches Getto über einer mittelalterlichen Stadt, die wiederum auf einer antiken römischen Siedlung aufbaut. Wollte man diese Unterwelt aus Abwasserkanälen, Kellern und Katakomben kartografieren, müsste man sämtliche Straßen Wiens abtragen.”

Die Szenerie unmittelbar vor ihnen flimmerte im Halogenlicht der Helmlampen. Alles andere ringsum versank in schattenhafter, bodenloser Finsternis; mit jedem Schritt ließ man ein Nichts hinter sich zurück. Die letzten Meter ging es steil an der gefährlichen Schlucht entlang, dann war der Zugang erreicht. Wassong marschierte einfach unter der niedrigen Wölbung hindurch; David hingegen musste sich bücken, um ihm in die Krypta zu folgen.

Aufgescheucht von den Schritten, schoss eine Ratte mit rot aufblitzenden Augen aus einem Totenschädel heraus, huschte davon und verschwand in einem Stoß altersbleicher Gebeine.

Von dem unheimlichen Geräusch alarmiert, zog David schnell seine Pistole, doch Wassong drückte entschieden seinen Arm herunter. “Nicht! Sonst lösen Sie noch einen Erdrutsch aus, und wir werden womöglich verschüttet. Ich möchte aber lieber dort begraben sein, wo meine trauernden Hinterbliebenen mich noch besuchen können.”

Überall ringsum, in zu Dutzenden in das Gestein eingelassenen Nischen, ruhten völlig intakte Skelette. Ein geheimer Friedhof. David schaute sich um, bemüht, die Züge seiner Lieben nicht auf diese Gerippe zu übertragen. Vergeblich. Er betrachtete inzwischen sämtliche Tote als seine persönlichen Trauerfälle, als Opfer der Feinde seines Landes, ihrer unablässigen Bemühungen, ein ganzes Volk von der Landkarte zu tilgen. Als katastrophales Versagen der politisch Verantwortlichen, wenn es darum ging, wehrlose Unbeteiligte zu schützen.

“Hören Sie mal! Diese Akustik!”, bemerkte Wassong. Er wies zur Decke, als würden sich die Noten gleichsam durchs Gestein zwängen. “Sagenhaft, dass der Klang bis hier herunter durchdringt, was?”

Die schrillen Töne, die die dumpfe Luft durchdrangen, klangen für David jedoch nicht wie Geigenklänge, sondern wie das Gejaule des Luftalarms. Es dauerte eine Weile, bis er begriff, dass es sich bloß um eine Sinnestäuschung handelte. Er hätte sie nur zu gern unterdrückt, diese Erinnerungen, die ihn permanent überfielen. Aber was hätte ihn dann noch motiviert, um seinen Plan auch in die Tat umzusetzen? Sein Gedächtnis war ihm ein Rätsel. Wieso entsann er sich an manche Momente, wurde regelrecht von ihnen verfolgt, während er sich an andere ums Verrecken nicht erinnern konnte, mochte er sich auch noch so verzweifelt das Hirn zermartern? Zum Beispiel daran, wie das Haar seiner Frau geduftet hatte.

“Wir befinden uns jetzt direkt unter dem berühmtesten Konzertsaal Wiens”, betonte Wassong, “dem Musikverein.” Er setzte seine Brille ab und polierte die Gläser mit seinem dunkelblauen Halstuch. In seinem ersten Artikel über den österreichischen Kriminellen hatte David diese Angewohnheit zum Anlass genommen, ihn zu charakterisieren.

Nachdem er die Brille wieder aufgesetzt hatte, zeigte Wassong auf eine Wand, die etliche Risse aufwies. “Dieser Bereich stößt an einen uralten Schacht, und der führt rauf in das Kellergewölbe unter dem Konzertgebäude. Die Töne fließen durch ein Rohrsystem, das früher mal zu einer alten Heizungsanlage gehörte.”

“Und Sie sind sicher, dass die ganze Gegend hier nie aufgezeichnet wurde?”

Ein dissonantes Crescendo aus Celli, Hörnern, Flöten und Oboen bemühte sich vergebens um einen harmonischen Abschluss. Ein einzelnes Instrument klang deutlich aus dem Getöse heraus, ein weiteres kam hinzu, dann noch eins, bis alle zusammen in ein disharmonisches Chaos mündeten – etwa so, wie Davids Hirn mitunter völlig unvermutet unterschiedliche Erinnerungen wie Bildfetzen durcheinanderwürfelte. Das Gesicht seiner Frau, grauenvoll zugerichtet und bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, ein blutiger Brei. Dann Liesel bei einem gemütlichen Nachmittag am Strand, Jahre zuvor; ihr Lachen ob seines kläglichen Versuchs, einen Witz zum Besten zu geben. Sein fünfjähriger Sohn Isaac, wie er unbedingt das Fahrrad, das er gerade erst geschenkt bekommen hatte, mit ins Bett nehmen wollte. Dann der blutige Stumpf an der Stelle, wo vorher Isaacs Bein gewesen war. Und so weiter. David zählte jede Erinnerung, als könne er damit etwas beweisen. Nur was? Dass er einmal ein normaler, rational denkender Mensch gewesen war, der etwas machen wollte aus seinem Leben? Oder dass es nachvollziehbare und ganz konkrete Gründe gab für das, was er sich vorgenommen hatte?

Hans Wassong dozierte derweil ungerührt weiter. “Seit dem Mittelalter wurden diese Gewölbe hier unten zumeist als Grabkammern benutzt. Dann hat man sie im 18. Jahrhundert unter Kaiser Josef II. aus hygienischen Gründen versiegelt. Die Gräber vorher noch zu kartografieren, daran hatte niemand ein Interesse.”

“Das Ding da sieht aber nicht gerade nach dem 18. Jahrhundert aus.” David wies auf einen zerknautschten, olivgrünen Eimer, der halb unter Schutt begraben in einer Ecke der Grotte lag. Schon als Anfänger hatte er gelernt: Es waren solche Kleinigkeiten, die einem Journalisten die Wahrheit verrieten, wenn die Menschen logen.

“Während des Zweiten Weltkriegs hat man vonseiten der Regierung einige Sektoren wieder geöffnet und als Luftschutzbunker genutzt. Als die darüberliegenden Gebäude Bombentreffer abbekamen, stürzten einige der Gewölbe ein. Hunderte von Menschen wurden verschüttet; unsere unterirdische Stadt wurde aus Sicherheitsgründen erneut geschlossen. Allerdings fühlt sich so mancher von uns hier unten sicherer als dort oben, was?”

David überhörte den augenzwinkernden, anbiedernden Unterton in Wassongs Stimme. “Aber es gibt doch sicher welche, die von dieser Unterwelt wissen?”

“Die gab es, freilich, aber wie’s aussieht, ist hier schon seit Jahrzehnten keiner mehr gewesen. Da können Sie sich getrost auf mich verlassen, David. Und bezahlen dürfen Sie mich auch. So war’s ja schließlich vereinbart.”

Zehn Jahre zuvor, als David an einem Artikel über illegale Waffengeschäfte in Osteuropa geschrieben hatte, hatte er Hans Wassong kennengelernt. Der stand damals schon wegen des Verdachts auf Entführung, Totschlag sowie Waffen- und Sprengstoffschmuggel seit Jahren auf der Fahndungsliste von Interpol. Mit der Zeit hatte sich der Journalist das Vertrauen des Kriminellen erworben und ihn als Quelle genutzt. Jetzt arbeiteten sie zwar wieder zusammen, jedoch unter umgekehrten Vorzeichen: Diesmal schrieb David nicht an einer Story, sondern war auf dem besten Wege, selber Geschichte zu machen. Wassong wiederum hätte ihn jederzeit verpfeifen können.

David öffnete den Reißverschluss seines dunkelgrünen Rucksacks, zog einen dicken Umschlag hervor und reichte ihn Wassong. Der machte ihn auf, zählte das Bündel aus Zweihundert-Euro-Scheinen durch, stopfte das Kuvert anschließend wortlos in die Innentasche seines Anoraks und klopfte die Ausbeulung glatt. “Sagen Sie mal – wann soll’s denn so weit sein?”

“Etwa Montag oder Dienstag.”

“Dann wollen Sie also hier unten kampieren?” Wassongs Frage klang, als wolle er ihn förmlich dazu drängen.

“Was gibt’s denn Neues? Irgendwelche Gerüchte?”

“Nichts Konkretes. Ahmed Abdul soll in Serbien gesichtet worden...



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