Rose | Der Memory Code | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Reihe: MIRA Taschenbuch

Rose Der Memory Code


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-95576-265-0
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Reihe: MIRA Taschenbuch

ISBN: 978-3-95576-265-0
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nach einem Bombenanschlag in Rom verfolgen den Fotografen Josh Ryder mysteriöse Visionen. Erinnerungen an ein früheres Leben? Immer wieder versucht er verzweifelt, eine Frau namens Sabina zu retten - und den Schatz, den sie hütet. Aber wer ist Sabina? Seine Recherchen führen Josh auf die Spur der Archäologin Gabriella Chase. Vor Kurzem hat ihr Ausgrabungsteam eine Grabkammer entdeckt, die ein mächtiges Geheimnis birgt: die legendären Memory-Steine, die das Rätsel der Wiedergeburt für immer zu lösen versprechen. Doch Josh und Gabriella wollen nicht als einzige den Code der Steine entschlüsseln. Sie geraten ins Fadenkreuz einer gefährlichen Verschwörung, die auch vor dem Vatikan nicht halt macht. Schon bald müssen sie fürchten, dass sich eine blutige Spur aus der Vergangenheit bis in die Gegenwart zieht. Und der nächste Mord geschieht ...

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1. KAPITEL



– Rudyard Kipling –

Josh Ryder blickte durch den Sucher der Kamera. Im Brennpunkt befand sich ein Sicherheitsposten, der gerade mit einer jungen Mutter aneinandergeriet. Die Frau hatte so feuerrot gefärbtes Haar, dass es aussah, als stünde sie in Flammen, und die Durchsuchung ihres Kinderwagens nahm offenbar rasch Formen an, die über reine Routine hinausgingen. Joshua schob sich dichter an die Streitenden heran, um einen besseren Winkel für seine nächste Aufnahme zu bekommen.

Bisher hatte er sich lediglich die Zeit vertrieben. Eigentlich wartete er auf die Ankunft einer internationalen Delegation von Blauhelmen, die an diesem Morgen zu einer Audienz beim Papst geladen waren. Ebenso wie vermutlich die Pressekollegen und Touristen, die die heftige Auseinandersetzung entweder von vornherein ignoriert oder inzwischen die Lust daran verloren hatten, beschlich ihn allerdings langsam ein mulmiges Gefühl. Zwar waren solche Kontrollen rund um die Welt an der Tagesordnung, doch konnte man sich gleichwohl des Eindrucks nicht erwehren, als hinge in der Luft eine latente Gefahr für Leib und Leben, als könne man sie förmlich riechen wie Rauch bei einem Feuer.

Von Ferne rief ein klangvoller Glockenton die Gläubigen zum Gebet, sein hallendes Echo ein krasser Gegensatz zum schrillen Gekeife der Frau, die sich weiter mit dem Sicherheitsposten herumstritt. Mit einem Male rammte sie dem Wachmann mit voller Wucht den Kinderwagen gegen die Beine, und genau in dem Moment, als Josh die Szene mit jener Schärfe erfasste, die er als seinen “perfekten Blick” bezeichnete, jene Art Konfliktaufnahme also, um die sich die Zeitungen rissen und die sie mit Vorliebe auf Zelluloid gebannt erhielten, sah er den bläulich-weißen Lichtblitz.

Dann ein heftiger Knall.

Im nächsten Augenblick explodierte die Welt.

Geborgen im schützenden Schatten des Altars besprachen Julius und sein Bruder im Flüsterton noch einmal die abgeänderten Pläne für den letzten Teil der Rettung. Beide hielten die Hand am Dolch, kampfbereit, sollten sie aus dem Dunkel heraus von Soldaten des Kaisers angegriffen werden. Im Jahre des Herrn 391 boten die Tempel den heidnischen Priestern schon lange keine Zuflucht mehr. Ein Übertritt zum Christentum war ihnen nicht etwa freigestellt, sondern von oberster Stelle angeordnet. Widersetzte man sich, beging man ein Vergehen, das mit dem Tod geahndet wurde. Im Namen der Kirche vergossenes Blut war nicht etwa Frevel – es war der Preis des Sieges.

Die beiden Brüder legten sich ihren Schlachtplan zurecht: Drago sollte noch eine Stunde länger im Tempel ausharren und sich anschließend am Grabmal beim Stadttor mit Julius treffen. Die pompöse Bestattung, die noch am Morgen dort stattgefunden hatte, war als Ablenkungsmanöver zwar erfolgreich gewesen, doch waren aufseiten der beiden Brüder bei Weitem nicht alle Sorgen zerstreut. Alles hing davon ab, dass der nun folgende letzte Teil in ihrer Strategie reibungslos klappte.

Den Mantel eng um den Körper gezogen, legte Julius dem Bruder die Hand auf die Schulter, wünschte ihm Glück und Lebewohl und stahl sich sodann aus der Basilika hinaus, dicht an der Wand des Tempels entlang, um nicht gesehen zu werden. Da plötzlich vernahm er das Klappern von Hufen, vermischt mit dem Geratter von Rädern. Reglos und mit angehaltenem Atem drückte sich Julius rücklings an die steinerne Außenmauer. Ohne anzuhalten polterte das Gespann an ihm vorbei.

Gerade hatte er den äußeren Rand des Portals erreicht, da hörte er hinter sich einen zornigen Ausruf, der die Stille zerriss wie eine unvermutete Felslawine: “Zeig mir, wo die Schatzkammer ist!”

Das war die Katastrophe, die Julius und sein Bruder befürchtet hatten. Dragos Gebot aber war unmissverständlich: Auch von einem Angriff auf den Tempel sollte Julius sich nicht aufhalten lassen. Er durfte weder umkehren noch Drago zu Hilfe kommen. Der Schatz, den Julius in Sicherheit bringen sollte, war bedeutender als irgendein Menschenleben oder auch derer fünf oder fünfzig.

Als sich ihm aber ein Schmerzensschrei messerscharf in die Ohren bohrte, verwarf Julius ihren Plan, rannte durchs schattenhafte Dunkel zurück in den Tempel und eilte hinauf zum Altar.

Sein Bruder war nicht dort, wo er sich von ihm verabschiedet hatte.

“Drago?”

Keine Antwort.

“Drago!”

Wo war er?

Julius tastete sich durch einen von glimmenden Fackeln notdürftig beleuchteten Seitengang und dann den nächsten Zwischengang wieder hinauf. Dass er Drago dort fand, lag nicht daran, dass er ihn hörte oder erblickte. Nein, er stolperte förmlich über den Körper des Bruders.

Er zog ihn weiter hinein in den Fackelschein. Dragos Haut hatte bereits eine tödliche Blässe angenommen. Unter seiner zerrissenen Robe klaffte ein sechs Zoll langer horizontaler Schnitt, in der Mitte gekreuzt von einer senkrechten Wunde. Man hatte ihn regelrecht der Länge nach von oben bis unten aufgeschlitzt.

Julius würgte. Ausgeweidete Körper sowohl von Menschen als auch von Tieren hatte er schon des Öfteren gesehen und sie kaum eines weiteren Blickes gewürdigt. Opfergaben, niedergemachte Soldaten oder bestrafte Verbrecher waren das eine. Das hier aber war Drago, Blut von seinem Blute.

“Du solltest doch nicht … zurück…kommen”, röchelte Drago, jede einzelne Silbe mit Mühe hervorwürgend, als steckten sie ihm in der Kehle fest. “Er wollte die Tempelschätze … Ich habe … ihn … zu den … Truhen … geschickt … Ich dachte … Abgestochen hat er … mich trotzdem … Doch … noch ist Zeit … noch können wir … entkommen …!” Als er sich qualvoll hochstemmte, um sich aufzusetzen, quollen ihm bei jeder Bewegung die Eingeweide aus dem aufgeschlitzten Bauch.

Julius hielt ihn fest und drückte ihn wieder zu Boden.

“Wir müssen … sofort … los …” Dragos Röcheln wurde schwächer.

Um die Blutung zu stillen, klemmte Julius die klaffende Öffnung mit den Fingern zusammen, als könne er so die Eingeweide und Nervenstränge und Blutgefäße zwingen, sich an ihren angestammten Körperstellen neu zu verbinden. Allein, es kam nichts weiter dabei heraus, als dass er sich mit der klebrigen, warmen Masse die Hände besudelte.

“Wo sind die Jungfrauen?” Dröhnend hallte die Stimme durchs innere Rund des Tempels, ohne Warnung, gleich dem Ausbruch des Vesuvs. Derbes Gelächter folgte.

Wie viele Soldaten mochten es sein?

“Auf, holen wir uns die Beute!”, ließ eine weitere Stimme sich vernehmen. “Deswegen sind wir doch hier!”

“Noch nicht! Wo stecken sie denn, die jungfräulichen Dirnen? Her mit ihnen!”

“Die Schatzkammer zuerst, du geiler Bock!”

Noch mehr Gelächter.

Demnach war’s nicht bloß einer; offenbar hatte eine ganze Kohorte den Tempel gestürmt, blutrünstig, brüllend, nach Beute gierend. Sollten sie den Tempel getrost plündern und sich austoben – sie kamen zu spät: Es gab keine Heiden mehr zu bekehren, keinen Schatz mehr zu finden, keine Frauen mehr zu schänden. Entweder waren sie tot, oder sie hielten sich versteckt.

“Wir müssen … los …”, flüsterte Drago, erneut mit letzter Kraft bemüht, sich aufzurichten. Er war zurückgeblieben, um allen anderen zu ermöglichen, sich in Sicherheit zu bringen. Warum er? Warum Drago?

“Du kannst nicht! Du bist verwundet …” Julius stockte. Er wusste nicht, wie er dem Bruder sagen sollte, dass ihm die Eingeweide bereits zur Hälfte aus der Bauchhöhle quollen.

“Dann lass … mich hier! Du musst … zu ihr … Rette sie … und den Schatz … Keiner … keiner … außer dir …”

Es ging nicht mehr um die sakralen Gegenstände. Es ging vielmehr um zwei Menschen, die dringend auf Julius angewiesen waren: um die Frau, die er liebte, und um seinen Bruder. Und nun verlangten die Schicksalsmächte von Julius, einen dieser Menschen für den anderen zu opfern.

Ganz gleich, wie seine Entscheidung ausfallen mochte: Wie sollte er mit ihr leben?

“Seht mal, was ich gefunden habe!”, schrie da einer aus der Soldatenmeute.

Rachegebrüll toste durch das majestätische Rund, übertönt von gellendem Kreischen – dem Entsetzensschrei einer Frau.

Gedeckt von einem Pfeiler, robbte Julius ein Stückchen vor und spähte ins Tempelschiff. Den Oberkörper der Frau konnte er nicht erkennen, da ein massiger Unhold auf ihr lag. Verzweifelt trat sie mit ihren bleichen Beinen um sich, während der Schänder sich derart brutal an ihr verging, dass sich unter ihr eine Blutlache bildete. Wer mochte sie sein, die Arme? Hatte sie sich in den alten Tempel geflüchtet in der Hoffnung, dort sicheres Obdach zu finden? Nur um anschließend festzustellen, dass sie geradewegs in die Unterwelt hinabgestiegen war? Konnte er, Julius, ihr beistehen? Die Plünderer überraschen? Nein, es waren ihrer zu viele. Mindestens acht. Inzwischen hatte die Schändung noch mehr Aufmerksamkeit erregt und weitere Soldaten angezogen, die ihre Schatzsuche erst einmal unterbrachen, um sich lüstern an dem scheußlichen Akt zu ergötzen und ihren Kameraden anzufeuern.

Außerdem: Was sollte mit Drago geschehen, falls er von seiner Seite wich?

Allein, die Frage erübrigte sich, denn Julius fühlte, wie Dragos Herzschlag aussetzte.

Mit den Fäusten hämmerte Julius auf die Brust des...



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