Roselt Regie im Theater. Regietheorien
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-89581-370-2
Verlag: Alexander
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Geschichte - Theorie - Praxis
E-Book, Deutsch, 504 Seiten
ISBN: 978-3-89581-370-2
Verlag: Alexander
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jens Roselt, geboren 1968, ist Theaterwissenschaftler und Dramatiker. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Ästhetik des zeitgenössischen Theaters und der Performancekunst, Geschichte und Theorie der Schauspielkunst, Methoden der Aufführungsanalyse und Probenprozessen. Seit 2008 ist er Professor für Theorie und Praxis des Theaters an der Universität Hildesheim.
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August Lewald
»IN DIE SCENE SETZEN«
(1837)
[…] »In die Scene setzen« heißt, ein dramatisches Werk vollständig in Anschauung bringen, um durch äußere Mittel die Intention des Dichters zu ergänzen und die Wirkung des Drama zu verstärken, doch immer, wohl verstanden, nur im Sinne der Dichtung dabei zu verfahren. Das Geschäft der Mise en scène – man gestatte mir den französischen Ausdruck für das weitläufigere »In die Scene setzen« – bedingt also nicht nur die vor Allem erforderliche Einsicht in das Wesen eines dichterischen Werkes und die vollkommenste Kenntniß der Kunst des Schauspielers, sondern auch die Kunst des Maschinisten will begriffen seyn, um nicht das Unmögliche und Ueberspannte von ihm zu fordern, und hierdurch gezwungen zu seyn, seiner vermeinten bessern Einsicht, zum Nachtheil des Ganzen, sich unterordnen zu müssen; ferner soll man dabei für das Malerische ein fein gebildetes Auge voraussetzen können, um in der Zusammenstellung der Dekorationen nicht, wie es so oft geschieht, die Linien sich durchkreuzen und brechen zu lassen, Schatten und Licht so zu vermischen, daß jede Täuschung aufgehoben wird, und Felsen und Bäume auf die Köpfe zu stellen oder ohne Sinn und Verstand auf einander zu bohren. Eben dieses ausgebildete Gefühl für das Malerische darf aber auch bei der Anordnung der Kostüme nicht fehlen. Die Wissenschaft von den Kostümen überhaupt, so wie der verschiedenen Baustyle, muß ebenfalls vorhanden seyn, um Anachronismen zu vermeiden, welche – wenn sie auch von der Masse nicht sogleich heraus gefühlt werden sollten – doch bei dem edleren Theile des Publikums Mißbehagen erregen und ein Vorurtheil gegen sämmtliche Bemühungen hervorrufen, indem sich aus solchen Mängeln auf einen totalen Mangel an Bildung bei dem Leitenden und Lenkenden der Schluß so leicht finden läßt.
Dieses complicirte Geschäft, dessen hohe Bedeutung für jede Bühne einleuchtet, wird einem Manne übertragen, der den Titel »Regisseur« führt und der bis in das minutiöseste Detail für jede Vorstellung verantwortlich gemacht werden soll; denn wenn gleich mehre Regisseure sich im Amte theilen, so kann doch nur jedesmal Einer allein funktioniren, und sein College in der Regie muß sich dann, eben so wie jeder andere angestellte Künstler, seinen Anordnungen unterwerfen.
Das Geschäft des Regisseurs: die Mise en scène, beginnt mit dem Vertheilen der Rollen eines neuen Stückes und endet mit dem Aufziehen des Vorhangs vor dem versammelten Publikum. Den Gang einer von ihm gewissenhaft eingeleiteten und vorbereiteten Darstellung hat er, bei wohl eingerichteten Bühnen, dann nicht mehr zu überwachen. Dies kann den Inspizienten, Nachlesern, Requisiteuren und den übrigen Unterbeamten getrost überlassen bleiben. […]
Wie oft wird einem Schauspieler zur Last gelegt, was einzig und allein der mangelhaften Scenerie zuzuschreiben ist. Das Oben oder Unten, Hinten oder Vorn auf der Bühne, Bäume, Felsen, Rasenbänke, als Stütze, Ruhepunkt, Lager, gangbare Steige und Wege zu Gebirgen und Brücken, Möbel, Requisiten, weite oder enge Kleidung: alles Dies kann das Spiel des Künstlers hemmen und fördern, und alles Dies besser anzuordnen, steht oft nicht in seiner Macht und Willkühr. Er ist hierin ganz dem Eigensinn des Regisseurs unterworfen. […]
Daher sollte ein Schauspieler, von dessen Fähigkeit und Talent man einmal die Ueberzeugung gewonnen, auf unsern Theatern, wie sie sind, für das Mißlingen einer neuen Rolle, die übrigens seinem Fache angehört, nur selten verantwortlich gemacht werden, die Verantwortlichkeit treffe hingegen stets nur den Regisseur. […]
Ich will jetzt die Geschäfte des Regisseurs oder die der Mise en scène, im weitesten Sinne, wie sie ihm obliegen, hier näher erörtern.
I.
Die Rollenvertheilung.
Im Durchschnitte werden im Jahre einige hundert dramatische Neuigkeiten, geschriebene und gedruckte, in Deutschland zu Tage gefördert. Alle diese wandern, wie sich von selbst versteht, in die Canzleien derjenigen Theater, die überhaupt davon Notiz nehmen, sie aufführen und dafür Honorare zahlen. […]
Es ist anzunehmen, daß nur in den wenigsten Fällen die eingesandten Stücke alle gelesen und einer gehörigen Prüfung unterworfen werden. Ich verstehe darunter, nicht nur ihre Zuläßigkeit zur Darstellung überhaupt zu prüfen, sondern genau zu erwägen, wie sie durch etwaige Veränderungen einer scenischen Belebung angepaßt werden könnten, mit kritischem Blicke das Ungehörige auszuscheiden und, wenn man hierüber zur vollkommenen Ueberzeugung gelangt ist, sich mit dem Dichter ins Vernehmen zu setzen, um ihm Vorschläge zu machen, und die Verbesserungen entweder von seiner Hand zu erwarten oder nach seiner Vollmacht selbst vorzunehmen. […]
Die erste Frage bei einem angenommenen Stücke ist: wie die Rollen zu besetzen seyen? Wenn der Dichter im Orte anwesend ist, so sollte dies nie ohne seine Zuziehung geschehen, und dieser mit Freimüthigkeit und unumwunden seine Meinung sagen. […]
Da nun die natürliche Rollenvertheilung durch den Dichter nicht stattfindet, so sollte sie doch wenigstens von einem Comité, aus den ersten Künstlern bestehend, vorgenommen werden. Um ein Uebriges zu thun, könnte man dem Regisseur, der ja immer im Sinne der Intendanz handeln muß, zwei Stimmen geben. […] Hierdurch würden die Handlungen einer Theater-Direktion einen Charakter erhalten, dessen sie jetzt fast gänzlich entbehren; selbst der Getroffene wäre nicht im Stande, über Unrecht zu klagen, und wenn vollends die Rollenvertheilung durch Stimmenmehrheit der besten und ersten Mitglieder der Kunstanstalt geschähe, wenn Alles dabei so öffentlich als möglich vor sich ginge, dann würden auch die Fälle der Unzufriedenheit ohnedies immer seltener werden. […]
Jetzt wollen wir annehmen, das neue Stück sey glücklich ausgetheilt, die Rollen eigenhändig vom Intendanten mit dem Namen der Betheiligten überschrieben und dem Theaterdiener eingehändigt, um sie auszutragen und Tag und Stunde der Leseprobe anzusagen. […]
Wenn der Schauspieler seine Rolle erhalten hat, so wäre es seine Pflicht, sie mit Ernst durchzulesen und zu überdenken, um bei der Leseprobe dem vorsitzenden Regisseur einen Abklatsch von dem Bilde zu geben, das die scenische Darstellung später ausführen soll. Zu diesem Behufe ist es auch nothwendig, dass die Inhaber der größeren Rollen sich alsbald das Stück holen lassen, um den ganzen Zusammenhang desselben kennen zu lernen. […]
II.
Die Leseprobe.
Die Leseprobe ist das wichtigste Geschäft bei der Mise en scène; der geheimnißvolle Moment der Krisis, wo das poetische Kind eigentlich geboren wird. Jeder Einsichtige ist von dieser Wichtigkeit überzeugt; die weisesten Gesetzgeber des Theaters haben es ausgesprochen und schwere Strafen für die Uebertreter der streng anbefohlenen Ordnung dieser Proben verhängt, aber dennoch herrscht nirgend die late Observanz [eigentümliche Gepflogenheit, Anm. d. Hg.] im höhern Grade als eben hier. Der geringste Anlaß wird zum trivialen Scherze ausgesponnen und der ernste Regisseur selbst legt seine Würde ab und reißt Zoten. –
Um eine Leseprobe wie es sich gebührt zu halten, ist es erforderlich, daß außer den betheiligten Schauspielern auch mehrere Beamte des Theaters gegenwärtig sind, um bei allen scenischen Anordnungen, die hier vorläufig besprochen und festgesetzt werden, ihre Stimme zu vernehmen. Wo dies unterlassen wird, geschieht es, daß die Rechnung ohne den Wirth gemacht wird, und man bei den spätern Scenenproben auf Hindernisse stößt, die eine ganze vorläufige Mise en scène umstoßen können.
Der Theatermeister, Requisiteur und Souffleur sollen daher immer bei der Leseprobe anwesend seyn, eben so der Musikdirektor, um über alles Musikalische, was zwischen der Handlung sich etwa bemerkbar macht, seine Erklärung abzugeben und das Erforderliche zu berathen. […] Man wird sich doch wohl leicht davon überzeugen, daß das laute, belebte Vorlesen eines Stücks durch Künstler, wovon ein Jeder in seinem Charakter zu lesen verpflichtet ist, für diese Theatermeister und Consorten klarer werden muß, als wenn man ihnen ein solches Buch ruhig überläßt und sie es dann nach genossenem Mahle zu sich nehmen und bei den ersten Scenen vielleicht schon darüber einschlafen.
An einer langen Tafel sehen wir nun die Hauptpersonen des Dramas sitzen, die kleinen Partien im Kreise rings umher; der Regisseur präsidirt, ihm gegenüber sizt der Souffleur, welcher in dem für ihm zum Souffliren bestimmten Buche nachliest, alle Anmerkungen und scenischen Vorschriften des Autors laut verkündet, ehe ein Akt oder eine...




