Rosen | Der deutsche Lausbub in Amerika | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 674 Seiten

Rosen Der deutsche Lausbub in Amerika


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-2422-4
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 674 Seiten

ISBN: 978-3-8496-2422-4
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wie der Autor selbst sagt: ein Buch des Leichtsinns, in dem seine amerikanischen Wanderjahre beschrieben werden. In ehrlicher Münze zahlt der Lausbub mit Hunger und Elend und harter Arbeit für seinen frischen Optimismus. Eine Autobiografie, die sich liest wie ein Abenteuerroman. Dies ist die Ausgabe mit allen drei Bänden.

Rosen Der deutsche Lausbub in Amerika jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material



Wie ich mir einen Revolver kaufte.– Der policeman und der Stiefelputzer. – Wie man eingeseift und barbiert wird. – Im Geschwindigkeits-Restaurant. –Die Bowery. – Hallelujamädchen. – Im Park.

»Bleiben Sie lieber im Heim,« meinte das kleine Männchen. »Es ist gescheiter und billiger!«

»Fällt mir nicht im Traum ein,« sagte ich.

» Well, ich habe Sie gewarnt. Dies ist eine große Stadt, eine feine Stadt, aber eine merkwürdige Stadt. Wenn Sie morgen in Ihr leeres Portemonnaie gucken und weinen, dann ist's Ihr eigenes Begräbnis! Also der Dampfer geht morgen früh um acht Uhr ab!«

Und er trippelte aus dem Bureau.

Ich sah ihm lachend nach. Hier im Auswandererheim in der State Street wehte Zwischendeckluft, und Zwischendeckluft hatte ich gründlich satt. Da waren große Räume mit lauter Schlafplätzen dreifach übereinander; Kojen, richtige Kojen – da war ein Eßraum mit riesig langen Tischen und Bänken. An denen saßen Auswanderergestalten, denn es war gerade Essenszeit. Und Bündel lagen umher, und dumpfe Luft war in dem Raum, und ich machte, daß ich hinauskam.

»Wohin?« fragte der Mann mit der Mütze, der an der Türe stand.

»'raus!«

»Lieber nicht. Viel zu heiß zum Spazierengehen.«

»Mir egal. Ich will 'raus.«

»Hm. Fahren Sie weiter?«

»Ja. Mit dem Mallory-Dampfer morgen früh.«

»Texas? Was Sie nicht sagen! Haben Sie schon 'n Revolver?«

»Mann!« sagte der mit der Mütze erstaunt und mitleidig, als ich den Kopf verneinend schüttelte. »Da unten muß man unbedingt 'n Schießeisen haben!«

Daß ich aber auch daran nicht gedacht hatte! Ich machte mir schwere Vorwürfe über meinen unverzeihlichen Leichtsinn und war von tiefer Dankbarkeit erfüllt, als der Mann mit der Mütze sich erbot, mir einen Laden zu zeigen. Er führte mich in ein Geschäft am Broadway, flüsterte mit dem Verkäufer, bekam irgend etwas in die Hand gedrückt, und ging wieder. Er dürfe nicht lange fortbleiben – der gentleman dort würde mich schon fixen.

» I – I desire to buy a revolver!« stotterte ich. » Certainly« antwortete der Verkäufer. » Talk German. Bitte, sprechen Sie nur deutsch. Sie wünschen einen Revolver?«

Ich bejahte.

»Sie müssen natürlich das beste haben, was es nur gibt, besonders da Sie nach Texas reisen, wie mir der Mann vom Heim sagte. Dort kann das Leben eines Mannes leicht genug von der Güte seiner Waffe abhängen!«

(Texas muß ja fa–mos sein! Dachte ich mir, freudig überrascht).

»Ich möchte Ihnen diesen Smith und Wesson Revolver bestens empfehlen. Feinster Nickelstahl. Selbsttätiger Patronenauswurf. Selbstwirkende Sperrvorrichtung. Treffsicherheit auf dreihundert Meter garantiert. Kolossal bequem in der Hüftentasche zu tragen!«

»Ich weiß doch nicht ...« sagte ich, die kleine Maschine möglichst sachverständig betrachtend. »Gerade mit diesem System bin ich nicht vertraut.« (Ich verstand überhaupt nichts von Revolversystemen.)

»Ich erkläre Ihnen den Mechanismus genau. Außerdem können Sie die Waffe auf unserem Schießstand probieren. Diese Tür dort!«

Ich zitterte vor Freude. Das war ja wunderbar. Kaum konnte ich meine Ungeduld meistern, als wir in die Schießbahn kamen, und er mir zuerst den Mechanismus, das Laden, das Patronenauswerfen zeigte. Endlich gab er mir den Revolver in die Hand, und schleunigst knallte ich auf die von Glühlampen hellbeleuchtete kleine Scheibe los.

»Ausgezeichnet!« rief der Waffenhändler.

»Hab' ich getroffen?« fragte ich errötend.

»Ob Sie getroffen haben?« meinte er. (Als ob das gar nicht anders möglich sei.) »Selbstverständlich. Ins Zentrum haben Sie getroffen!«

Beinahe hätte ich Hurrah geschrien. Ich freute mich wie ein kleiner Junge. Nach dem zwölften Schuß ging der Waffenhändler zur Scheibe und brachte mir das Stückchen Pappe. Sämtliche Schüsse saßen in den beiden inneren Kreisen. Wie stolz ich war! So stolz, daß ich ohne weiteres den sehr teuren Revolver kaufte. Hätte ich damals schon gewußt, daß es ein alter Trick amerikanischer Waffenhändler ist, auf den Schießständen sauber zurechtgeschossene Scheiben in Bereitschaft zu haben, die den Kunden für ihre eigenen unterschoben werden, so würde ich wohl bedeutend weniger eingebildet gewesen sein!

Die sollten mir nur kommen in Texas! Meine texanische Zukunft schien mir gesichert! Ich besaß einen Revolver!

... Ich muß versucht haben, den Fahrweg des Broadway zu überschreiten. Eine elektrische Straßenbahn wenigstens gab sich die erdenklichste Mühe, mich zu rädern – die Pferde eines Lastwagens versuchten mit zynischem Gleichmut, mir die Füße wegzutreten – ein Radfahrer kollidierte zuerst mit meinen Rippen und hielt sich dann vertrauensvoll an meinem Halse fest – und siebenundzwanzig Kutscher brüllten zu gleicher Zeit auf mich ein.

»Hilfe!« schrie ich.

Da tauchte ein Hüne von Polizist mit grauem Helm, blauem Rock und einem niedlichen kleinen Knüppel in der Hand neben mir auf, sah mich mißbilligend an und hob den kleinen Finger der rechten Hand ein bißchen in die Höhe. Wie durch Zauberschlag standen all' die Wagen still, schwiegen all' die Kutscher, hörten all' die Elektrischen mit ihrer dröhnenden Klingelei auf. Und der Hüne faßte mich behutsam am Arm und bugsierte mich auf die andere Seite der Straße.

»Donnerwetter!« rief ich.

»Oh – aha!« sagt« der policeman in deutscher Sprache. »Frisch von drüben? Lassen Sie sich in eine Unfallversicherung aufnehmen!«

Sprach's und schritt majestätisch weiter. Ich aber guckte betrübt an mir hinab und konstatierte, daß mein Rock bestaubt, meine Stiefel mit Schmutz bespritzt und meine Manschetten zerknüllt waren.

Da sah ich an der Straßenecke einen pompösen, mit Messingblech verzierten Lehnstuhl stehen, vor dem ein Negerjunge hockte, und ich begriff, daß das ein Etablissement zum Stiefelputzen war.

Wie hießen doch Stiefel auf englisch? Richtig – boots. Aber wie drückte man sich auf englisch aus, wenn man etwas geputzt haben wollte? Keine Ahnung! Damals begann ich zum erstenmal speziell den Lehrern der englischen Sprache zweier bayrischer Gymnasien allerlei Uebles an den Hals zu wünschen. In Zukunft tat ich das noch häufig. Wie der schöne und wahre Satz: »Die Tugend ist das höchste Gut« auf englisch hieß, das hatte man uns gelehrt: die spartanischen Jünglinge und die verschiedenen Enormitäten ihrer Erziehung – das war ein sehr beliebtes Uebersetzungsthema gewesen. Aber wie man sich auf englisch die Stiefel putzen ließ – das war den Herren Humanisten wahrscheinlich zu gewöhnlich gewesen. Und auf dem Broadway von New York dankte ich den Göttern, daß ich als Primaner in Burghausen so viele englische Schundromane gelesen und so viele englische Liebesbriefe geschrieben hatte. Sonst wär' ich dagesessen mit meinem humanistischen Englisch! Nein, das Wort für reinigen fiel mir nicht ein. Ich kletterte daher wortlos auf den Lehnstuhl. Der Neger fiel auch sofort über meine Stiefel her, bürstete, ölte, frottierte mit sieben verschiedenen Tüchern und erzielte eine glänzende Herrlichkeit, die ich mit Staunen betrachtete, während ich meinen Schädel damit quälte, wie ich elegant fragen könnte, was die Geschichte kostete.

» What does that cost?« meinte ich schließlich.

» A nickel – fünf Cents.« grinste der Neger. »Deutsches, heh? Nix englisch, heh?«

Und tief beschämt gab ich ihm meinen Nickel.

Es war so heiß, daß man kaum atmen konnte; es war, als strömten Fluten glühender Luft aus dem Asphalt der Straße. Ich beneidete die westenlosen Herren mit ihren dünnen Jäckchen und die Damen, die Fächer trugen und sich unablässig Kühlung zufächelten; ich wunderte mich, daß trotz der Hitze alle Leute so rannten; war erstaunt, als ich durch eine Spiegelscheibe in ein Bankgeschäft hineinguckte und lange Reihen von Angestellten in Hemdärmeln sitzen sah; in...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.