Rosenberger | Die Tochter des Gewürzhändlers | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

Reihe: Historischer Roman

Rosenberger Die Tochter des Gewürzhändlers

Historischer Roman
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-96041-289-2
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Historischer Roman

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

Reihe: Historischer Roman

ISBN: 978-3-96041-289-2
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Wenn Liebe Standesgrenzen überwindet - ein facettenreicher historischer Roman, atmospärisch dicht und wunderbar üppig. Württemberg 1514 : Die Bauern erheben sich gegen den tyrannischen Herzog Ulrich. Als die junge Esslingerin Tessa Berthier die Leiche ihres Jugendfreunds Ludwig findet und plötzlich seinem Mörder gegenübersteht, ahnt sie nicht, dass diese Begegnung ihr Leben für immer verändern wird. Im letzten Moment gelingt ihr gemeinsam mit dem geheimnisvollen Corentin Wagner die Flucht ins Remstal, mitten hinein in die Wirren des gerade entfachten Aufstands des 'Armen Konrad'. Doch auch Corentin umgibt ein düsteres Rätsel...

Pia Rosenberger studierte nach einer Ausbildung als Handweberin in Stuttgart Kunstgeschichte, Pädagogik und Literaturwissenschaft. Seit mehr als 20 Jahren lebt sie mit ihrer Familie im mittelalterlich geprägten Esslingen und arbeitet neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit als Journalistin, Museumspädagogin und Stadtführerin.
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1


Ein Sturm zog auf. Theophila stand auf der Anhöhe über dem Neckartal und hob ihre Augen zum Himmel. Weit oben segelte ein Falke im warmen Wind. Ihre Zehen krallten sich in die grasbewachsene Erde, und ihre Hand legte sich schützend auf Leontines Lockenkopf. Das Kind saß im Tuch auf ihrer Hüfte, blickte sich um und saugte an seinen Fingern.

In Richtung Norden lief das Land in den Hängen des Schurwalds aus. Nach Westen, gen Stuttgart hin, lichtete sich der Wald für ein fruchtbares Tal voller Obst- und Weingärten. Weit im Osten und Süden versperrte die Schwäbische Alb den Horizont wie eine im Dunst liegende Mauer. Noch war der Himmel über dem Höhenzug so blau wie Kinderaugen.

Doch über der Residenzstadt ballten sich Gewitterwolken, in deren Grau und Violett die Sonne weißgelbe Risse brannte. Licht leckte daraus hervor wie aus einem kaputten Eimer.

Noch lauerte der Sturm mit seiner Fracht aus Blitzen, Hagel und Regen über Stuttgart allein.

Bald ist er da, dachte Theophila, und dann gnade uns Gott. Aber vielleicht gab es ja Aussichten, dass er die Reichsstadt umschiffte und die Blüte der Apfelbäume verschonte. Sie wusste, wie man das Wetter besang. Das Geheimnis war, ein Teil des Ganzen zu werden.

Theophila suchte festen Halt auf dem kühlen Boden und verband sich mit den Elementen Luft, Erde, Feuer und Wasser, wie ihre Großmutter es sie gelehrt hatte. Sie hob die Arme und begann, Beschwörungen zu murmeln, bis sie den Atem der Kraft in ihrem Pulsschlag singen hörte. Weit im Westen zackte sich ein Blitz ins Grau. Wetterhexe. Es war so leicht, die Dinge zu verändern. Der Donner tobte sich in der Ferne aus.

Theophila lachte auf, doch da durchnässte sie wie zum Hohn ein Schwall Regen aus einer rabenschwarzen Wolke direkt über ihr. Einen Wimpernschlag später traf sie die Vision und brachte sie zum Taumeln. Leontine in ihrem Tragetuch weinte ängstlich und stemmte ihr die kleinen Füße protestierend in die Seite. Theophilas Hände zitterten, als sie das Kind aus dem Tuch holte, sein Röckchen hob und es über der Grasnarbe abhielt, bis sein Bächlein floss.

Durchdrungen von der Kraft des zweiten Gesichts steckte sie ihre Tochter zurück ins Tuch und machte sich auf den Heimweg. Das hier war ungleich stärker gewesen als die Bilder, die erschienen, wenn sie in ihrem Suppenkessel rührte oder im Feuer stocherte, aus dem Traumfunken aufstoben. Die Vision ließ keinen Zweifel zu. Der Sturm hinter dem Sturm würde ihrer aller Leben umwerfen und durcheinanderwirbeln wie der Wind die Herbstblätter.

Es regnete sich ein, sanft zuerst, dann stärker. Unter dem Baldachin des frühlingsgrünen Waldes wanderte sie bergab, bis sie die tiefe Klinge erreichte, in der das Esslinger Filialdorf Wäldenbronn lag. Die Vögel schmetterten Hymnen in den Regen. Es tropfte von den Blättern, bis sie beide vollkommen durchnässt waren.

Leontine protestierte mit lautem Geschrei gegen das unfreiwillige Bad, doch Theophila begrüßte die Kühle des Regens als willkommene Ablenkung gegen die dunkle Last ihrer Gedanken.

Erleichtert erreichte sie den drei Morgen großen Obstgarten mit Weinberg im Quellental, den sie von ihrer Mutter und Großmutter geerbt hatte. Sie betrat ihr kleines Steinhaus, setzte die noch immer schluchzende Leontine aufs Bett, zog ihr das Hemd über den Kopf und rubbelte sie mit einem Leintuch trocken, bis sie vor Wohlbehagen jauchzte.

Auf dem blank gescheuerten Holztisch standen ein frisch gebackenes Brot, ein Laib Käse und ein Stich Butter für ihre nächste Mahlzeit bereit. Duftende Kräutersträuße hingen von der Decke. Ihnen beiden fehlte es an nichts.

Theophila konnte für ihr Kind sorgen, selbst wenn sie nicht über das uralte Wissen verfügt hätte, in dessen Licht die andere Wirklichkeit aufschien. Meist baten sie die Frauen um Rat, wenn sie in Kindsnöten lagen oder einen Liebeszauber brauchten, der ihren launischen Geliebten an sie band. Manche schlichen sich auch nachts zu ihr und fragten sie, was man gegen eine unerwünscht empfangene Leibesfrucht tun konnte.

Wann immer sie es verantworten konnte, half Theophila. Nur Schadenszauber wob sie keine, denn sie wusste, dass so mancher Fluch auf seine Erzeugerin mit siebenfacher Kraft zurückschlug. Doch wenn sie an den Markttagen in die Stadt ging, um ihr Zwetschgengsälz und ihre getrockneten Kräuter zu verkaufen, kreuzten selbst die Bedürftigsten unter ihren Mitmenschen die Finger gegen den bösen Blick. Sie konnte es ihnen nicht verübeln, trug sie doch wie ihre Vorfahrinnen die Merkmale dessen, was sie war, an sich wie ein Brandzeichen. Die Augen eins blau, eins braun und die weiße Strähne im schwarzen Haar.

Wetterhexe, Todesbotin, dachte sie bitter.

Die Leute fürchteten sie zu Recht, denn sie sah ihr zukünftiges Schicksal voraus, auch wenn sie es ihnen nicht verriet.

Leontine schien diese schwere Last nicht geerbt zu haben. Fast täglich prüfte Theophila, ob ihr Äußeres sich wandelte, doch ihre Augen blieben braun, und ihre Haare waren ein dichtes Lockengeriesel ohne jede Beimischung von Weiß.

Nachdenklich strich sie der Kleinen über den Kopf, die besitzergreifend krähte und ihre Arme nach ihr ausstreckte.

»Schon gut.« Sie knöpfte ihr Mieder auf, hob ihre rechte Brust heraus und zog Leontine zu sich heran. Ein scharfer Schmerz erfasste sie, als sich die Kiefer mit den vier Zähnchen um ihre Brustwarze schlossen, dann aber genoss sie die Nähe so wie ihre Tochter, die nach dem Stillen zufrieden einschlief.

Sachte legte Theophila das Kind auf ihr gemeinsames Lager und deckte es mit einer Decke zu, die sie selbst mit Entendaunen gefüttert hatte. Danach trat sie in ihren schlammigen Hof hinaus. Was sie tun musste, war nicht aufzuschieben.

Regenschleier lagen über dem Garten. Auf der Wiese streckten die letzten Himmelsschlüsselchen unter den knospenden Apfelbäumen tapfer ihre Blütendolden in den Wind. Vom Holderbusch tropfte es auf den Boden.

Gelassen griff Theophila nach einem ihrer sauberen weißen Hühner. Seine Federn stachen in ihre Handfläche, als sie ihre Hände um seine Beine schloss. Sie legte das Huhn, das in einem letzten Protest gackernd mit den Flügeln flatterte, auf den Hackklotz und schlug ihm mit der Axt den Kopf ab. Fein säuberlich trennte sie dann mit ihrer Atame seinen Leib auf und betrachtete sein Inneres, das Herz, das zu schlagen aufhörte, den Magen, die Schlangen der Gedärme. Durch das heiße Blut kam die Vision auf der Stelle zurück. Fast hätte sie sich das Huhn sparen können.

Da war er, der Sturm, dessen Himmelsgewalt sie in ihrem Innern gespürt hatte wie den Jüngsten Tag. So weit weg und doch so nah. Sie keuchte auf und schreckte zurück, denn was sie sah, übertraf ihre schlimmsten Erwartungen. Veränderungen kamen auf sie zu, die sie und Leontine und viele andere Bauern in Esslingen und Württemberg betreffen würden, als hätten sie in den letzten Jahren nicht schon genug unter Missernten und Teuerung gelitten. Menschen würden von der Freiheit träumen, auf Gerechtigkeit hoffen und sich um ihre Hoffnungen betrogen sehen. Blut und Feuer würden das Land überziehen. Viele würden durch Willkür, Gier und Gewalt sterben.

Sie keuchte auf, als sie sah, dass auch Leontines Vater, dieser Mistkerl, der sie im Stich gelassen hatte, dem Unheil nicht entgehen konnte. Ihre Tränen tropften auf das kopflose Huhn und vermischten sich mit seinem Blut und dem prasselnden Regen.

»Theophila?«

Sie fuhr herum, die Hände bis zu den Unterarmen nass und rot, und schaute in die hellen Augen von Tessa Berthier, die hinter ihr stand und sie stirnrunzelnd betrachtete.

»Du weinst doch nicht etwa?«

Sie putzte sich über ihre geschwollene Nase. »Ach, Unsinn! Es regnet.«

Das junge Mädchen starrte nachdenklich auf den Hackklotz, von dem Blut und Wasser auf den Boden tropften. »Und was machst du da?«

»Dumme Frage. Ich schlachte ein Huhn fürs Abendessen.« Sie musste ihr die Wahrheit ja nicht auf die Nase binden.

»Am schnöden Werktag?« Tessa zog zweifelnd ihre Augenbrauen zusammen. Theophilas Hühner waren eigentlich zu kostbar, um sie zum Abendessen zu vertilgen, was sie sehr wohl wusste.

»Warum nicht? Es gibt eine ausgezeichnete Suppe gegen Leontines Husten.« Trotzig packte Theophila das erschlaffte Huhn an den Beinen und schwang es durch die Luft, was sie beide mit einem blutigen Tropfenregen überzog. Tessa sprang zur Seite.

»Komm doch mit ins Haus. Ich habe gebuttert. Wir können Honigbrot essen, bis die Suppe fertig ist.«

In der Ferne krachte der Donner. Der Regen verstärkte sich, prasselte in einem letzten Aufbäumen in den Hof und verwandelte den Staub in Schlamm.

Theophila betrachtete Tessa genauer und wunderte sich. »Auf deinen Schultern liegt ein Lamm.«

»Ähmm, ja.« Tessa nickte leicht und legte dem Pelzkragen mit der zitternden Nase ihre Hände auf die Pfoten.

Sie war die jüngere Tochter des reichen Esslinger Gewürzhändlers und Apothekers Matthieu Berthier. Ohne sich um das Gerede der Leute zu kümmern, streifte sie vor der Stadtmauer umher und brachte Theophila die Wünsche ihrer Schwester Veronika vorbei, für die sie Kräuter aus Garten, Feld und Wald sammelte und trocknete. Die Schwestern ahnten nicht, dass sie mit ihrer Kräuterfrau verwandt waren, denn sowohl Matthieu Berthier als auch Theophila schwiegen sich über die Liebschaft aus, die sein Vater Jacob mit ihrer Großmutter geteilt hatte. Der gemeinsame Tropfen Blut bewirkte jedoch, dass sich Theophila seines Schutzes in der Stadt immer sicher sein konnte. Von ihren beiden Basen lag ihr die eigenwillige Tessa besonders am Herzen, weil sie ihr so ähnlich war. Vielleicht auch, weil Tessa die kleine Leontine liebte, die am liebsten an ihrer Hand ihre...


Pia Rosenberger studierte nach einer Ausbildung als Handweberin in Stuttgart Kunstgeschichte, Pädagogik und Literaturwissenschaft. Seit mehr als 20 Jahren lebt sie mit ihrer Familie im mittelalterlich geprägten Esslingen und arbeitet neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit als Journalistin, Museumspädagogin und Stadtführerin.



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