Ross | Der verwunschene Fluss | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 496 Seiten

Reihe: Der verwunschene Fluss

Ross Der verwunschene Fluss


Neuauflage 2023
ISBN: 978-3-7367-9810-6
Verlag: Panini
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 496 Seiten

Reihe: Der verwunschene Fluss

ISBN: 978-3-7367-9810-6
Verlag: Panini
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



DIE MAGIE DER MUSIK. Cadence ist eine verzauberte Insel: Der Wind flüstert geheimnisvoll, Tartans können so stark wie Rüstungen sein, und der kleinste Schnitt eines Messers löst bisweilen unergründliche Angst aus. Die launischen Geister, die die Insel mit Feuer, Wasser, Erde und Wind regieren, treiben ihren Schabernack mit den Menschen, die die Insel ihr Zuhause nennen. Der Barde Jack Tamerlaine hat seit zehn langen Jahren keinen Fuß mehr auf Cadence gesetzt, doch als mehrere junge Mädchen von der Insel verschwinden, wird er gerufen, um bei der Suche nach den Vermissten zu helfen. Der Hilferuf kommt unerwartet, stammt er doch von Adaira - Jacks erklärter Feindin aus Kindertagen. Sie ist bereit, ihren alten Zwist zu vergessen, denn sie weiß, dass die Geister ausschließlich auf die Musik eines Barden reagieren, und so hofft sie, dass Jack sie mit seinem Gesang anlocken kann, damit sie die verschwundenen Mädchen zurückbringen. Doch mit jedem weiteren Lied wird deutlich, dass der Zwist mit den Geistern unheimlicher ist, als sie zunächst erwartet hatten, und ein älteres, dunkles Geheimnis über Cadence lauert, das sie alle zu vernichten sucht ...

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2

Manchmal sah Sidra den Geist von Torins erster Frau am Tisch sitzen. Sie besuchte sie immer, wenn eine Jahreszeit endete und eine andere anfing, wenn die Veränderung in der Luft zu spüren war. Donella Tamerlaines Geist saß gern im Licht der Morgensonne, trug Lederrüstung und Plaid und beobachtete, wie Sidra in der Küche am Feuer stand und für Maisie das Frühstück zubereitete.

Manchmal fühlte sich Sidra unwürdig und so, als würde Donella sie beurteilen. Wie gut sorgte Sidra für die Tochter und den Mann, die Donella zurückgelassen hatte? Aber meist hatte Sidra eher den Eindruck, dass Donella ihr Gesellschaft leistete, weil ihre Seele derart mit diesem Ort und diesem Boden verhaftet war. Die Frauen – eine tot und eine lebendig – waren durch Liebe, Blut und Erde miteinander verbunden. Drei so eng umschlungene Bande, dass sich Sidra nicht einmal wunderte, wieso Donella nur ihr allein erschien.

»Ich muss Maisie diesen Herbst zur Schule schicken«, sagte Sidra und rührte Haferbrei um. Es war still im Cottage, das vom trüben ersten Morgenlicht durchdrungen war, und der Wind setzte eben erst zu seinem morgendlichen Klatschgejaule an. Als Donella schwieg, warf Sidra ihr einen Blick zu. Die Geisterfrau saß auf ihrem Lieblingsstuhl am Tisch, und ihr hellbraunes Haar fiel ihr über die Schultern. Ihre Rüstung schimmerte im Licht und war nur einen Atemzug davon entfernt, ganz durchsichtig zu sein.

Donella war so wunderschön, dass es Sidra zuweilen den Brustkorb zusammenzog.

Der Geist schüttelte widerwillig den Kopf.

»Ich weiß.« Sidra seufzte. »Ich habe ihr die Buchstaben und das Lesen beigebracht.« Doch alle Inselkinder mussten nun einmal in Sloane zur Schule gehen, sobald sie sechs wurden. Was Donella ganz genau wusste, auch wenn sie schon fünf Jahre tot war.

»Es gibt einen Weg, das hinauszuzögern, Sidra.« Donellas Stimme war schwach, nur ein Hauch dessen, wie sie zu Lebzeiten geklungen hatte, allerdings hatte Sidra sie damals noch nicht gekannt. Die beiden Frauen hatten sehr unterschiedliche Lebenswege eingeschlagen, die sie doch wundersamerweise an denselben Ort geführt hatten.

»Meinst du, ich sollte ihr mein Handwerk beibringen?«, fragte Sidra, die ganz genau wusste, dass Donella exakt das dachte. Was sie überraschte. »Ich dachte immer, du würdest dir wünschen, dass Maisie dir nacheifert, Donella.«

Die Geisterfrau lächelte, doch ihr Verhalten wirkte melancholisch, selbst im Licht der aufgehenden Sonne. »Ich sehe in Maisies Zukunft kein Schwert, sondern etwas anderes.«

Sidra rührte langsamer weiter. Unwillkürlich musste sie an Torin denken, der so dickköpfig war wie ein Ochse. In ihrer Hochzeitsnacht hatten sie einander gegenüber in ihrem Bett gesessen – vollständig bekleidet – und stundenlang über Maisie und ihre Zukunft gesprochen. Wie sie sie zusammen großziehen wollten. Er wünschte sich, dass seine Tochter auf der Insel zur Schule ging. Dort würde man ihr alles beibringen: wie man mit Pfeil und Bogen umging, wie man las und schrieb, wie man ein Schwert schärfte, wie man rechnete, wie man einen Mann zu Boden warf, wie man Hafer und Gerste mahlte, wie man sang, tanzte und jagte. Nicht ein Mal hatte Torin davon gesprochen, dass Maisie von Sidra die Kräuter- und Heilkunde erlernen sollte.

Als würde sie ihre Zweifel spüren, fügte Donella hinzu: »Maisie hat schon viel gelernt, indem sie dir einfach nur zusieht, Sidra. Sie genießt es, sich an deiner Seite um den Garten zu kümmern. Sie hilft dir gern beim Zubereiten der Salben und Tonika. Unter deiner Anleitung könnte sie zu einer großartigen Heilerin heranwachsen.«

»Ich genieße ihre Gesellschaft«, gab Sidra zu, »aber ich muss zuerst mit Torin darüber reden.« Und sie wusste nicht, wann sie ihn das nächste Mal sehen würde.

Was sie allerdings wusste, war, dass Torin der Ostwacht zutiefst verpflichtet war. Er bevorzugte die Nachtschicht und schlief tagsüber in den dunklen, ruhigen Eingeweiden der Festung, weil er bei den anderen Wachen in der Kaserne sein wollte. Sie konnte seine Hingabe nachvollziehen und was ihn dazu bewegte. Warum sollte er, selbst wenn er der Hauptmann war, zu Hause schlafen, wo seine Soldaten in der Kaserne bleiben mussten?

Hin und wieder nahm er sein Abendessen mit ihr und Maisie ein, wenn sie frühstückten. Aber selbst dann galten seine Liebe und Aufmerksamkeit seiner Tochter, und Sidra tat alles, weswegen er sie geheiratet hatte – sie kümmerte sich um Haus und Hof und half ihm, sein Kind großzuziehen. Hin und wieder kam er bei Voll- oder Neumond, wenn Maisie ihren Großvater auf dem Hof nebenan besuchte, zu ihr. Diese Vereinigungen verliefen stets spontan und kurz, als hätte Torin nur wenige Augenblicke Zeit. Doch er war immer sanft und aufmerksam, und zuweilen blieb er auch noch bei ihr im Bett liegen und fuhr ihr durch das zerzauste Haar.

»Ich denke, du siehst ihn früher wieder, als du glaubst«, sagte Donella. »Und er wird dir nichts abschlagen, Sidra.«

Diese Worte erstaunten Sidra, die vermutete, dass der Geist übertrieb. Aber dann fragte sie sich: Wann habe ich Torin denn je um etwas gebeten? Und ihr ging auf, dass sie so etwas nur äußerst selten tat.

»Na gut«, meinte sie. »Ich werde ihn fragen. Bald.«

Die Haustür wurde aufgerissen. Donella verschwand, Sidra schrak zusammen und wirbelte gerade noch rechtzeitig herum, dass sie sehen konnte, wie Torin vom Winde verweht und mit rotem Gesicht hereinkam. Seine Tunika war taufeucht, an seinen Stiefeln klebte Sand, und sein Blick fand sie sofort, als hätte er genau gewusst, wo sie sein würde: am Feuer, wo sie das Frühstück für seine Tochter zubereitete.

»Mit wem hast du gesprochen, Sid?«, fragte er und schaute sich stirnrunzelnd um.

»Mit niemandem«, antwortete sie nervös. Torin hatte keine Ahnung davon, dass sie Donella sehen und mit ihr sprechen konnte, und Sidra vermutete, dass sie auch nie den Mut aufbringen würde, es ihm zu sagen. »Du bist zu Hause. Warum?«

Torin zögerte. Sie hatte noch nie nach dem Grund für seine Heimkehr gefragt. Aber wenn er hier war, hatte er auch Hunger, weil er die ganze Nacht über gearbeitet hatte. Er wollte sein Abendessen und seine Tochter umarmen.

»Ich dachte, ich esse zusammen mit dir und Maisie.« Er senkte die Stimme. »Und ich habe einen Besucher mitgebracht.«

»Einen Besucher?« Sidra ließ gespannt den Löffel sinken. Hätte sie an diesem Morgen dem Wind gelauscht, dann wären ihr die Gerüchte zu Ohren gekommen, die er über die Hügel trug. Aber sie war mit dem Geist von Torins erster Liebe beschäftigt gewesen.

Sie ging um den Tisch herum, wobei ihr die Zugluft das offene Haar aufwirbelte, und blieb erst stehen, als ein junger Mann das Cottage betrat, der vor sichtlichem Unbehagen die Schultern einzog. Er hielt etwas in den Armen, das wie ein in eine Öltuchhülle eingeschlagenes Instrument aussah, und Sidras Herz machte vor Freude einen Satz, bis sie sein unordentliches Erscheinungsbild bemerkte. Um seine Schultern lag Torins Plaid, doch die Kleidung darunter war schlicht und hing traurig an ihm herab. Er warf einen langen Schatten aus Sorge und Verbitterung.

Aber das waren die Augenblicke, für die Sidra lebte. Um zu helfen, zu heilen und Geheimnisse zu lüften.

»Ich kenne dich«, hauchte sie lächelnd. »Du bist Mirins Sohn.«

Der Fremde blinzelte und straffte sich, überaus erstaunt darüber, dass sie ihn wiedererkannte.

»Jack Tamerlaine«, fuhr Sidra fort, da ihr sein Name wieder einfiel. »Ich weiß nicht, ob du dich an mich erinnerst, aber vor Jahren hast du den Hof meiner Familie im Tal von Stonehaven zusammen mit deiner Mutter besucht, um Wolle zu kaufen. Meine Katze saß in der alten Ulme in unserem Küchengarten fest, und du warst so freundlich, hinaufzuklettern und sie sicher wieder herunterzuholen.«

Jack wirkte noch immer verdutzt, doch dann wurden die Falten auf seinem Gesicht etwas schwächer, und der Hauch eines Lächelns umspielte seine Lippen. »Daran erinnere ich mich. Deine Katze hätte mir beinahe die Augen ausgekratzt.«

Sidra musste lachen, und es wurde augenblicklich heller im Raum. »Ja, sie war ein zickiges altes Vieh. Aber ich habe deine Kratzer hinterher versorgt, und es scheinen keine Narben zurückgeblieben zu sein.«

Es wurde still in der Kammer. Sidra lächelte noch immer und spürte Torins Blick auf sich. Als sie sich erneut ihm zuwandte, stellte sie fest, dass er sie voller Stolz betrachtete, was sie überraschte. Torin schien ihre Heilkünste bislang nie besonders beachtet zu haben. Das war ihre Arbeit, so wie die Ostwacht die seine war, und sie behielten diese Teile ihres Lebens für sich. Abgesehen von den seltenen Gelegenheiten, wenn Torin eine Wunde hatte, die genäht werden musste, oder wenn sie ihm wieder einmal die Nase richten sollte. Dann überließ er sich, wenngleich widerwillig, ihrer Obhut und Fürsorge.

»Komm nur herein, Jack«, bat Sidra den Jungen in dem Versuch, ihn in ihrem Haus willkommen zu heißen, und Torin schloss die Haustür hinter ihnen. »Das Frühstück ist gleich fertig, aber in der Zwischenzeit … Torin, willst du Jack nicht etwas zum Anziehen heraussuchen?«

Torin bedeutete Jack, ihm in den Nebenraum zu folgen. Der Großteil von Torins Kleidungsstücken befand sich in der Kaserne, aber die besten Stücke bewahrte er in einer mit Wacholderästen ausgelegten Truhe im Cottage auf – Tuniken und Wämser und auch wenige Hosen sowie diverse Plaids.

Sidra deckte rasch den Tisch und holte ihre Reserven heraus, die sie stets für den Fall zur Hand hatte, dass Torin unerwartet nach Hause...



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