E-Book, Deutsch, Band 2, 448 Seiten
Reihe: Schottland Trilogie
Ross Schottenrock
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-641-20645-1
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 2, 448 Seiten
Reihe: Schottland Trilogie
ISBN: 978-3-641-20645-1
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Schottenrock ist eine wahnsinnig witzige, rasante und doch auch zutiefst menschliche Geschichte über Kleinstadtrivalität, Musik, Erwachsenwerden und die Hoffnung auf ein besseres Leben.
David F. Ross wurde 1964 in Glasgow geboren. Nach diversen Gelegenheitsjobs ist er heute Design Director bei einem der größten Architekturbüros Schottlands und hält weltweit Vorträge. Nach Schottendisco und Schottenrock ist Schotten dicht der Abschluss seiner großen Schottland-Trilogie. Mit Frau und zwei Kindern lebt er in Kilmarnock.
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KAPITEL 2
20. Juni 1982
Grant Dale drehte das Radio lauter. Das Runterzählen der Charts war nach wie vor ein fester Termin für ihn, und er versuchte, sich sonntags immer die kompletten Top 40 anzuhören, mit dem Höhepunkt der Nummer eins um fünf vor sieben. Es war allerdings schon eine ganze Weile her, dass eine seiner Lieblingsplatten die Spitze der Charts erreicht hatte. Das Jahr hatte vielversprechend begonnen, als Human League die britische Musiklandschaft mit ihrem »Don’t You Want Me« dominierten. Grant hatte regelmäßig Fantasien über einen New-Romantic-Dreier mit den beiden Human-League-Ladys, Joanne und Suzanne, bei dem das andere Bandmitglied, der Wichser mit dem überhängenden Scheitel, allerdings zugucken musste. Der Look der Kerle, die allesamt aussahen wie reiche Londoner Schwuchteln, war die einzige Kehrseite an der New-Romantic-Welle. In Onthank reichte es schon aus, im Boots dabei erwischt zu werden, wie man sich Rimmel-Kosmetika kaufte, um als Typ derbe auf die Fresse zu bekommen.
Auch die Kraftwerk-Nummer »The Model« hatte Grant geliebt. Er besaß die 7-Inch- und die 12-Inch-Version des Songs, fand die £3.99 für die LP allerdings ein bisschen happig. Kraftwerk sahen cool aus, ein bisschen zu cool vielleicht. Ihr Look – diese Mischung aus Schaufensterpuppen und Geheimdienstaufzug – eignete sich ebenfalls bestens, eine amtliche Abreibung zu kassieren, wenngleich aus vollkommen anderen Gründen.
Ein weiterer Favorit von Grant waren Japan – auch wenn er sich gut genug auskannte, um zu wissen, dass die Typen, ähnlich wie viele andere Acts im aktuellen Pop-Business, bloß Möchtegern-Bowie-Imitatoren waren. Immerhin war der Frontmann von Japan ein verdammt gut aussehender Kerl, der auch manchmal Gitarre spielte, anstatt ausschließlich auf Synthie-Sound zu setzen. Grant hatte sich die Haare wachsen lassen, sie gebleicht und nach dem Vorbild des Japan-Sängers David Sylvian zu einem Feather Cut geschnitten. Sein Dad – allgemein unter dem Namen Hobnail bekannt – hasste die neue Frisur natürlich, doch weil der Alte vor Kurzem abgetaucht war, hatte sich zumindest dieser Ärger erledigt.
Es war Hobnails permanentes Generve gewesen, das Dale bewogen hatte, zu Hause auszuziehen und sich als Handlanger für Fat Franny Duncan zu verdingen, einen örtlichen Kredithai und ausgemachten Spinner, für den auch sein Vater arbeitete. Der Königsweg, um es seinem alten Herrn einmal richtig heimzuzahlen, das wusste Dale, wäre sein fester Einstieg in Fat Frannys Bruderschaft. In Wahrheit jedoch war Grant weder motiviert noch angsteinflößend genug für den Job. Irgendwelchen Rentnern zu drohen, sie mit kochendem Wasser zu verbrühen, nur weil sie dem Halsabschneider des Viertels einen Zehner schuldeten, schien ihm dann doch eine reichlich überspannte Maßnahme, selbst für ein Komplettarschloch wie Fat Franny Duncan. Grant würde nie bei Mastermind gewinnen, doch er war schlau genug, um zu erkennen, wohin der Weg führte, den sein Vater in der Jugend eingeschlagen hatte, und für sich selbst einen anderen zu wählen. Und so war er zur Freude seiner Mutter wieder zu Hause eingezogen. Unterm Strich war er nur zwei Wochen weg gewesen – einen Tag weniger als sein abgetauchter Vater –, aber Senga Dale hatte die Rückkehr des verlorenen Sohns trotzdem wie ein Fest gefeiert, das gute Porzellan ausgepackt und ein Rinderfilet gekauft, während Dale seine sonntägliche Routine wieder aufnahm und in der Badewanne Radio hörte.
»… und jetzt eine neue Nummer eins, die bestverkaufte Single in Großbritannien … es ist Captain Sensible mit ›Happy Talk‹.«
Scheiße, schlimmer hätt’s kaum kommen können, dachte Grant. Captain Sensible war auf Platz eins, und Irene Cara lungerte an der Schwelle der Top 3 herum wie der gottverdammte Kinderfänger aus Tschitti Tschitti Bäng Bäng, um noch mehr Kids per Gehirnwäsche zu ihrem obskuren Kult zu bekehren. Ihr nervender Song, die Nummer aus Fame, war auf Platz vier eingestiegen. Grant Dale war überzeugt, dass er etwas Besseres zustande bringen könnte, wenn man ihm nur eine kleine Chance geben würde.
23. Juni 1982
»Aye, ich versteh schon, was du sagst … klar und deutlich. Bist ja nich zu überhörn!«
»Das hab ich nich gesagt. Das hab ich auch nich gemeint!«
»Scheiße, Mann, hör auf, mir Wörter in den Mund zu legen. Du hast ja keine Ahnung, was du da verlangst. Es is nich so leicht, wie es sich bei dir anhört.«
»Nee … isses verdammt nochmal nich!«
»Na, lass es mich so sagen, im Moment gibt’s keine Band. Es gibt keine Instrumente, weil die alle verschwunden sind. Es gibt keine Songs, kein Geld und ehrlich gesagt auch keine Inspiration. Das braucht man aber alles, wenn man ’ne Band gründen will. Ich sollte es verdammt nochmal wissen, ich hab’s schließlich lange genug versucht.«
»Aye? Wie denn?«
»Max Mojo? Echt jetzt? Das klingt wie der Name von diesem Typen in dem grün-weißen Superheldenkostüm, der den kleinen Kindern über die beschissene Straße hilft!«
»Aber jeder Wichser da draußen wird sich vor Lachen bepissen, Mann.«
»Aye. Aye, hab ich gesagt.«
»Wo? Das kleine Büro in der John Dickie Street? Für das Molly die Grundsteuer zahlt?«
»Gut. Bestens. Ich mach’s später, Mann. Und jetzt gib einfach mal Ruhe, ja? In meinem Kopf dreht sich alles.«
* * *
Molly Wishart hörte ihren Sohn von der Küche aus. Anfangs nahm sie an, er würde mit jemandem telefonieren, doch als sie näher kam, um zu lauschen, merkte sie, dass er nicht im Flur war, wo sich das Telefon befand, sondern im Wohnzimmer. Molly spähte durch einen Spalt zwischen Tür und Rahmen und sah Dale auf und ab laufen. Sie hatte die Haustür nicht zufallen hören und – auch wenn sie nicht das ganze Zimmer einsehen konnte – vermutete deshalb, dass außer ihrem Sohn sonst niemand anwesend war.
»Herrgott, Junge, das ist ja die reinste Festbeleuchtung hier! Mach das große Licht aus … alle können reingucken.«
»Was?! Weil ich ein beschissenes Licht angemacht hab?«
»Hey, pass auf, mit wem du redest!« Die Ärzte hatten Molly Wishart vor Stimmungsschwankungen als häufige Folge von schweren Gehirnerschütterungen gewarnt, doch in den zwei Wochen seit Dales Entlassung aus dem Krankenhaus hatte sie beobachtet, dass seine Ausbrüche an Regelmäßigkeit und Intensität zunahmen. Molly hatte den Spezialisten danach gefragt und für ihren Sohn Termine für weitere neurologische Tests gemacht, doch angesichts seiner offensichtlichen und bemerkenswert raschen körperlichen Genesung hatten die Entscheidungsträger in den Büros des Nationalen Gesundheitsdienstes in puncto Dringlichkeit scheinbar einen Gang runtergeschaltet.
Nachdem durch diverse Untersuchungen drogenbedingte Psychoseformen und andere psychische Erkrankungen ausgeschlossen werden konnten, hatte ein pakistanischer Arzt schließlich eine schizoaffektive Störung diagnostiziert, sich jedoch nicht auf die Prügelei in der Henderson Church als direkte Ursache für selbige festgelegt. Seine Kollegen schlugen beiläufig vor, auf die durch den veränderten Bewusstseinszustand bedingten Fantasien des jungen Mannes einzugehen und den bizarren Forderungen bezüglich seiner neuen Persönlichkeit nachzugeben. Molly und Washer wurde zwar gesagt, dass Wahnvorstellungen und Halluzinationen die klassischen Symptome dieser Art von Psychose seien. Vor dem zusammenhanglosen und mit Flüchen gespickten Redeschwall ihres Sohns hatte sie jedoch niemand gewarnt.
Irgendwann in den folgenden Tagen wurde Dale Wishart per Willenserklärung offiziell zu Max Mojo. Darauf angesprochen, behauptete das nunmehr als Max bekannte Individuum, seine Mutter habe sich lediglich eingebildet, dass er Selbstgespräche führen würde, und deutete schäbigerweise sogar an, dass man diesbezüglich ihre geistigen Fähigkeiten in Zweifel ziehen könnte. Gleichzeitig war sein linkes Auge mittlerweile vollkommen außer Kontrolle geraten und zuckte und flatterte in einem fort, wenn er diese Phasen des inneren Konflikts durchlebte. Molly war inzwischen zu der Überzeugung gelangt, dass das vormals unbeschwerte Gemüt ihres Sohnes zu verschwinden drohte und er langsam, aber sicher von einer dunklen und bösen Macht vereinnahmt wurde.
»Jetzt red doch nich so ’nen Scheiß, Mum. Dein Gelaber hört sich an wie die verkackte Handlung von Das Imperium schlägt zurück«, hatte er zu ihr gesagt. Aber das Fluchen allein reichte als Beleg für eine signifikante Persönlichkeitsveränderung. Der vormals als Dale bekannte Teenager hätte nie so mit seiner Mutter – oder mit irgendeiner anderen Frau – gesprochen. Diesen durchaus positiven Charakterzug hatte er von seinem Vater geerbt, der, ungeachtet seiner Fehler in anderen Bereichen, Frauen nie derart respektlos behandelt hatte, wie es unter den männlichen Vertretern der Arbeiterschicht seiner Generation Sitte war.
Max Mojos Auge hörte auf zu zucken. Er setzte sich. Sein ganzer Körper schien sich zu entspannen, als seine Mutter vor ihm stand.
»Und wann ist nochmal das Bewerbungsgespräch?«, fragte sie ihn.
»Freitag.«
»Morgen, meinst du?«
»Aye. Mensch … ich hab die Tage nich so im Blick, Mum.«
»Dann sieh zu, dass du heute Abend früh schlafen gehst und deine Zeugnisse bereitlegst, ja? Das ist ’n guter Job unten im Gartencenter. Reichlich frische Luft … schöne...




