E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Ross Wilde Pferde in Gefahr
1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-7090-0048-9
Verlag: Ueberreuter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-7090-0048-9
Verlag: Ueberreuter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Christopher Ross schreibt romantische Abenteuer mit Spannung und Gefühl. Durch Bestseller wie 'Das Geheimnis der Wölfe' und 'Mein Freund, der Husky' wurde er einem großen Publikum bekannt.
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1
Peggy Corbett beugte sich im Sattel nach vorn und tätschelte ihrem Wallach den Hals. »Lass mich nicht im Stich, Dusty!«, feuerte sie ihn an. »Ich weiß, dass Dixie kaum noch zu schlagen ist, aber wir müssen es wenigstens versuchen. Zeig den Leuten, dass du schneller bist als ihr weißes Angeberpferd!«
Ein verhaltenes Schnauben zeigte ihr an, dass Dusty wusste, was sie wollte. Sie lenkte ihn mit einem leichten Schenkeldruck zur Ziellinie und blieb vor der Markierung stehen, die Zügel in der linken Hand, die rechte erhoben, um sie beim Startsignal sofort auf die Hinterhand des Pferdes sausen zu lassen.
Sie spürte die erwartungsvolle Spannung, die über den Fairgrounds von Reno lag. Obwohl sie ihren Stetson in die Stirn gezogen hatte und alle ihre Sinne auf den Start konzentriert waren, fühlte sie, wie gebannt die Zuschauer auf den Tribünen saßen. Die Stimme eines kleinen Mädchens, ein nervöses Husten, das Schnauben eines Pferdes in der Koppel hinter der Anzeigetafel, ansonsten herrschte atemlose Stille. Alle warteten auf das Signal des Starters und den letzten Ritt an diesem Nachmittag.
»Ladies and Gentlemen!«, tönte es aus den Lautsprechern. »Zum letzten Ritt beim diesjährigen Barrel Racing stehen Miss Peggy Corbett aus Billings, Montana, und ihr Wallach Dusty bereit. Peggy ist neunzehn Jahre jung und hat in dieser Saison bereits drei zweite Plätze aufzuweisen. Nur sie hat noch die Chance, die führende Dixie Malone vom ersten Platz zu verdrängen.«
Peggy hörte die Worte kaum. Ihr Blick war auf die erste Tonne gerichtet, ihre Ohren warteten auf das Startsignal. Insgesamt drei Tonnen waren wie die Blätter eines Kleeblatts in der Arena angeordnet. Wer sie am schnellsten umrundete und in der besten Zeit über die Ziellinie ritt, hatte gewonnen.
16,4 Sekunden hatte Dixie vorgelegt, eine unglaubliche Zeit. Wer die unterbieten wollte, musste eine erstklassige Reiterin sein und ein schnelles Pferd haben. Und musste einen guten Tag erwischen, einen sehr guten Tag.
»Go!«, rief der Starter.
Peggy ließ die rechte Hand auf das Hinterteil des Wallachs klatschen, presste ihm gleichzeitig die Hacken in die Seite und schoss in die Arena. Weit über den Rücken ihres Pferdes gebeugt und die Zügel locker in der Hand galoppierte sie auf die erste Tonne zu. So eng, dass sie mit den Stiefeln beinahe die Tonne berührte, lenkte sie ihr Pferd um das Hindernis herum. Dusty ging mit der Hinterhand weit nach unten, als sie herum waren, und stürmte nach vorn, preschte unter Peggys wilden Anfeuerungsrufen auf die zweite Tonne zu. Aber er war nicht so flink auf den Beinen wie Bluebonnet, die weiße Stute ihrer Rivalin. Zum Umrunden einer Tonne brauchte er länger. Was er dort verlor, machte er zwar durch Kraft und Entschlossenheit wett, doch bei der letzten Tonne geriet er ins Rutschen und verlor wertvolle Zeit, bevor Peggy ihn im gestreckten Galopp über die Ziellinie jagte.
»16,8 Sekunden, eine erstklassige Zeit«, folgte ihr die Stimme des Moderators, »und damit steht unsere Siegerin fest: Dixie Malone aus Fort Worth in Texas hat gewonnen! Herzlichen Glückwunsch, Dixie!«
Außerhalb der Arena, auf dem sandigen Platz, der den Teilnehmern des Rodeos vorbehalten war, stieg Peggy aus dem Sattel und belohnte Dusty mit einer Mohrrübe. »Das hast du gut gemacht«, lobte sie ihn. »Wir lagen nur vier Zehntel hinter ihr. Das nächste Mal packen wir sie, ganz bestimmt!«
Sie führte ihren Wallach zur Tränke und ließ ihn saufen. Zur Siegerehrung würde sie noch einmal in die Arena reiten und wie bei den letzten Rodeos mit einem kleinen Geldpreis für den zweiten Platz vorliebnehmen müssen. Von den Preisgeldern allein konnte sie nicht leben und musste zwischen den Rodeos als Bedienung in einem Coffeeshop arbeiten. Das große Geld gab es nur in Texas. Bei den Rodeos in Fort Worth und Amarillo kamen auch die Cowgirls auf ihre Kosten.
»Howdy, Peggy. Kein schlechter Ritt.«
Peggy drehte sich um und sah Dixie auf ihrer Schimmelstute sitzen. Mit ihrem Püppchengesicht und den blonden Locken sah sie beinahe so gut aus wie Marylin Monroe, nur drahtiger, wie ein Cowgirl eben. Als einzige Reiterin hatte sie sich geschminkt, Lippenstift, pfirsichfarbenes Rouge und reichlich Eyeliner, der ihre braunen Augen noch glutvoller aussehen ließ. Der Traum aller Männer, wie die sehnsuchtsvollen Blicke der wartenden Cowboys und Bullrenreiter bewiesen.
»Danke«, sagte Peggy.
»Nur vier Zehntel langsamer als ich, so gut war noch keine dieses Jahr.« In ihrer Stimme schwang eine gehörige Portion Arroganz mit. Ihr Pferd hatten ihre Eltern von einem Züchter in Kentucky gekauft, eine Prachtstute, die arabisches Blut in den Adern haben musste, so elegant bewegte sie sich. Obwohl Dixie schon als Kind geritten war, hatte die Familie im vorletzten Winter einen der besten Rodeoreiter des Landes als Trainer verpflichtet, um sie noch schneller zu machen.
»Du kannst nicht immer gewinnen«, sagte Peggy.
Dixie lächelte spöttisch. »Bis jetzt schon. Aber mach dir nichts draus, nicht mal in Texas gibt’s eine, die schneller ist als ich. Sogar die Männer, die gegen mich angetreten sind, waren langsamer.« Sie lächelte und zeigte ihre perlweißen Zähne. »Wir sehen uns später, Peggy.«
Peggy blickte ihr nach und bewunderte ihre lässige und zugleich sehr vornehme Art, im Sattel zu sitzen. An ihr war nichts Derbes oder Burschikoses. Wie eine Prinzessin ritt sie dahin, den Rücken gerade, das Kinn stolz erhoben, ein herablassendes Lächeln in den dunklen Augen. Ihre rot-weiße, mit silbernen Pailletten besetzte Bluse und der weiße Gürtel mit bunten Strasssteinen funkelten im Sonnenlicht. Die Blicke aller Männer folgten ihr.
»Blöde Angeberin«, flüsterte Peggy ihrem Wallach zu. »Was meinst du, was die für Augen machen würde, wenn wir sie wirklich mal schlagen?« Sie stieg in den Sattel und folgte der Texanerin. Ihr war klar, dass sie lange keinen so imposanten Eindruck machte wie ihre Rivalin, dazu war ihr Wallach nicht edel genug und der Sattel viel zu schäbig. Auch ihre weiße Bluse mit den blauen Fransen und ihr einfacher Stetson verblassten gegenüber der edlen Kleidung der Texanerin. Von dem silbernen Stern an Dixies Bluse, den sie von den Texas Rangers geschenkt bekommen hatte, ganz zu schweigen.
Immerhin jubelten die Zuschauer auch Peggy begeistert zu, als sie zur Siegerehrung in die Arena ritt. Eigentlich konnte sie mit ihren dunklen Haaren, die sie wie immer während des Reitens zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte, und ihren leuchtenden blauen Augen jeder Rodeo-Queen das Wasser reichen.
Mit ihrer Urkunde und dem Scheck ritt sie eine Ehrenrunde, natürlich hinter Dixie, aber vor der Drittplatzierten, einem Mädchen aus Wyoming. Obwohl sie wusste, dass der meiste Beifall der Gewinnerin gehörte und die Augen aller Männer auf Dixie gerichtet waren, genoss sie den Jubel. Irgendwann würde sie als Erste durch die Arena reiten, den großen goldenen Pokal in beiden Händen. Sie träumte noch immer davon, eines Tages genug Preisgeld zu gewinnen, um davon leben zu können und die Reiterei zu ihrem Beruf zu machen.
Sie nahm den Stetson ab und winkte dem Publikum ein letztes Mal zu, dann ritt sie zu ihrem angerosteten Pick-up und dem Pferdeanhänger zurück, die hinter der Absperrung am Koppelzaun standen. Anders als Dixie, die ihre Stute von einem Angestellten abreiben ließ und gleich in ihrem vornehmen Wohnwagen verschwand, kümmerte Peggy sich selbst um ihr Pferd. Sie nahm ihm den Sattel ab, wuchtete ihn auf den Koppelzaun und griff dankbar nach dem Wasserschlauch, den ihr eines der anderen Mädchen reichte. Sie nahm einen kräftigen Schluck von dem kühlen Nass, bevor sie Dusty abspritzte.
Nachdem sie den Wallach abgerieben hatte, führte sie ihn in den Anhänger und schloss die Klappe. Sie verabschiedete sich von den anderen Mädchen, winkte einem Cowboy zu, der Pretty, pretty Peggy Sue vor sich hin pfiff, als sie an ihm vorbeiging, und stieg in den Wagen. Sie musste lachen, als sie den Motor anließ. Wenn ihre Eltern gewusst hätten, dass Buddy Holly einmal diesen Song schreiben würde, hätten sie sich bestimmt einen anderen Namen ausgedacht. Seit der Song im Radio lief, stimmte ihn fast jeder an, der sie kannte. Wenn die wüssten, dass mein zweiter Name tatsächlich Susan ist, dachte sie. Aber das blieb ihr Geheimnis.
Der 53er Pick-up, den sie vor einem Jahr von einem Farmer gekauft hatte, zitterte in allen Fugen, als sie mit dem Pferdeanhänger vom Gelände fuhr. Staub drang durch die geöffneten Fenster, und die rhythmischen Klänge der Kapelle folgten ihr bis zur Hauptstraße. »Hey, Peggy, kommst du noch auf einen Drink ins Outlaw Café?«, rief ihr ein Cowboy zu, und sie antwortete: »Nein, Bill! Keine Zeit. Wir sehen uns in Virginia City auf der Fair!«
Der wahre Grund war, dass es Tage wie heute gab, an denen sie einfach keine Lust hatte, mit den anderen Cowgirls und Cowboys zu feiern. Sie war viel zu müde, um die ganze Nacht zu Country & Western Music oder diesem neuen Rock ’n’ Roll zu tanzen. Die Cowboys würden genug andere Mädchen finden, die mit ihnen zu den Klängen aus der Jukebox rockten. Sie brauchte etwas Zeit für sich allein, einen einsamen Ritt unter dem Sternenhimmel. Seitdem ihre Eltern geschieden waren und sie allein wohnte, zweifelte sie manchmal an sich. Nach einem Ritt durch die Wildnis ging es ihr meist besser.
Nachdem Walter Corbett aus dem Koreakrieg heimgekehrt war, hatte er nicht mehr in seinem alten Beruf als...




