E-Book, Deutsch, 360 Seiten
Rossmann Patrioten
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-99037-070-4
Verlag: Folio
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 360 Seiten
ISBN: 978-3-99037-070-4
Verlag: Folio
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Eva Rossmann, 1962 geboren, lebt im Weinviertel / Österreich. Verfassungsjuristin, politische Journalistin, ORF-Pressestunde, Ressortleiterin für Innen- und Europa-Politik, seit 1994 freie Autorin und Publizistin. Sachbücher, Kriminalromane zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen, Köchin, Drehbuchautorin, TV- und Radio-Moderatorin des ORF. Bei Folio die preisgekrönten Mira-Valensky-Krimis, zuletzt: Gut, aber tot (2016). www.evarossmann.at
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[ 1. ]
Sie haben ihn ans Kreuz geschlagen. Die Gäste sind schon gegangen, als Frau Klein es hört. Seit ihr Mann tot ist, dreht sie das Radio auf, wenn sie allein ist. Nicht, dass Jakob viel gesprochen hätte. Im Gegenteil. In den letzten Jahren war er zunehmend verstummt. So, als ob ein Teil von ihm bereits weggegangen wäre. Frau Klein sieht auf die Teller neben dem Geschirrspüler. Kuchenreste. Ulrike isst nie auf. Weingläser. Eines davon ist halb voll. Frau Klein weiß nicht, wer es stehen lassen hat. Sie trinkt es aus. Man lässt nichts übrig. Damit ist sie aufgewachsen. Damals hat es auch weniger gegeben, was man übriglassen hätte können. Sie geht ins Wohnzimmer und schaltet den Fernseher ein.
Will ich wissen, wie es aussieht, wenn einer ans Kreuz geschlagen worden ist? Sie zögert, bevor sie auf Zwei drückt. Sie werden es nicht zeigen. Sie sollte das Geschirr in den Geschirrspüler geben und sich dann eine Tasse Tee machen. Julius Sessler interessiert sie nicht weiter. Auch wenn sie erst gestern über ihn geredet haben. In der Geist-Gottes-Pfarre. Es war mehr als ein Gespräch, eine Diskussion, eigentlich schon ein Streit. Sie hat zugehört, weil so etwas selten ist bei den Damen vom Sozialkreis. Julius Sessler sei ein wahrer Christ, hat Frau Ziegler gesagt. Julius Sessler sei ein Hetzer, hat Frau Weinwurm geantwortet. Jetzt er ein Hetzer. Oder ein wahrer Christ. Wie Jesus ans Kreuz geschlagen. Bringt ihn das Gott näher?
Frau Klein konzentriert sich. Sie hat nicht wahrgenommen, worüber in den Fernsehnachrichten gesprochen wurde. An ihrem dreiundachtzigsten Geburtstag.
Mein dreiundachtzigster Geburtstag, denkt sie.
Sie wundert sich, dass ihr nicht mehr dazu einfällt. Dass es keine Emotionen auslöst. Kein Bedauern, kein Staunen. Keinen Triumph. Man könnte schließlich triumphieren, wenn man so viele überlebt hat. Jetzt auch Julius Sessler. Und den eigenen Mann. Nein, bei ihm sicher kein Triumph. Niemals. Eher ein Gefühl, als ob sie etwas verlegt hätte, das darauf wartet, wiedergefunden zu werden. Sie muss nur ordentlich suchen. Es ist nicht verloren. Er ist nicht verloren. Auch wenn sie seine Sachen vor Monaten zur Caritas gebracht hat. Auch wenn sie natürlich weiß, dass er einen Schlaganfall gehabt hat, nur einen.
Mitten aus dem Leben gerissen, hat der Fernsehdirektor am Grab gesagt.
Jakob war dreiundachtzig. Wie sie. Was weiß der Fernsehdirektor schon davon, wie ihr Mann in den letzten Jahren immer seltener das Haus verlassen hat, wie seine Schritte klein und zögerlich geworden sind, wie er sich immer schwerer entscheiden konnte. Cordsamthose oder Anzughose. Weil Jogginghose für ihn nie in Frage kam, auch nicht daheim. Das ist eine Frage der Haltung, hat er gesagt.
– … Haltung bewahrt, sagt jemand im Fernsehen.
Frau Klein sieht eine schlanke Frau mit blonden Haaren, die von zwei großen Männern in dunklen Anzügen flankiert wird. Sie kennt die Frau nicht. Sie tut ihr leid. Den beiden neben ihr kann man nicht entkommen. Frau Klein seufzt und schüttelt den Kopf. Wenn sie schon fernsieht, dann sollte sie sich konzentrieren. Das ist wohl die Witwe von Julius Sessler und die beiden stützen sie. Für Kinder sind sie zu groß. Zu alt, korrigiert sich Frau Klein. Wahrscheinlich Parteifreunde. Jetzt ist ein Hügel im Bild, der Frau Klein bekannt vorkommt. In dieser Gegend ist sie aufgewachsen. Hügel in der Nähe von Wien.
– … wo Unfassbares geschehen ist, hört sie.
Offenbar auf dem Hügel. Golgatha zwischen Rebzeilen und Sonnenblumenfeldern. Schwenk auf ein Wegkreuz, ein kleines, mit einer verwitterten Christusfigur. Seit ihre Augen gelasert worden sind, sieht sie wieder annähernd scharf. Zwei Finger fehlen dem Jesus. Bleich schaut er ins Land. Stellvertretend jetzt auch für Julius Sessler, den guten Christen oder Hetzer.
– … zurück ins Studio.
Dort wird diskutiert. Eine Frau und fünf Männer.
Frau Klein geht zurück in die Küche.
– Jetzt kann ich endlich glauben, dass euer Christus gestorben ist. Es war im Fernsehen.
– Du kannst nie ernst sein.
– Es gibt doch keinen schöneren Tod für ihn, oder? Weißt du nicht, wie sie ihn genannt haben? Jesus zwei. Cem lacht.
David sieht ihn an und schüttelt den Kopf. – Kannst du dir vorstellen, wen sie verdächtigen?
– Die ganze lange Liste. Islamisten zuerst. Und dann die Linken. Alle Ausländer. Angefangen bei den Flüchtlingen. Mit den Israelis sind die Rechten jetzt ja recht gut. Zumindest mit den orthodoxen Juden, die gegen die Moslems kämpfen. Natürlich auch uns Serben. Die Türken sowieso.
– Sei vorsichtig. Ein Serbe mit türkischem Vornamen ist doppelt verdächtig.
– Was kann ich für meinen Namen? Der beste Freund meines Vaters heißt Cem. In Österreich heißt ja auch nicht jeder Franz oder Karl oder Josef. Was ist mit Kevin und Leonardo, oder Angelique? Ich kenne eine Celine Schulz.
– Opfer. Sie spielen das seit Monaten. Alle sind gegen sie, aber nur sie sind für das Volk.
Cem nickt. – Dann ist doch logisch, dass er freiwillig am Kreuz gestorben ist, oder? Um das christliche Abendland zu retten.
– Sag das lieber nicht laut. Nicht alle werden das witzig finden.
David nimmt eine Flasche Wein aus dem Kühlschrank und setzt sich zu Cem an den Küchentisch. – Du auch?
– Bier.
– Kein guter Muslim.
– Tarnung, mein Freund. Ich trinke, um das christliche Abendland in Sicherheit zu wiegen.
– Du bist Musiker, die haben Narrenfreiheit.
– Du versuchst, bei der Lügenpresse zu landen. Da hört sich die Freiheit auf. Wie war es bei deiner Großmutter?
– Nett. Familie eben.
– Minus deine Mutter.
– Immer minus meine Mutter. Oma ist dreiundachtzig und hat einen Verehrer. Das muss man sich vorstellen. Er ist zweiundneunzig und sieht sie verliebt an. Übrigens ein interessanter Typ. Ehemaliger Rechtsanwalt, wenn auch nur mit einer Mini-Kanzlei. Noch früher war er Deserteur. Hat im Zweiten Weltkrieg nicht bis zum Ende mitspielen wollen. Soll Sabotageakte gegen die Deutschen gemacht haben. Und Kommunist gewesen sein.
– Ich dachte, deine Oma ist so katholisch.
– Wo die Liebe hinfällt. Ich werde ihn interviewen.
– Schon vergessen, du schreibst Online-Nachrichten zusammen.
– Und? Ich kann auch was anderes.
– Wärst du ein richtiger Journalist, dann wärst du jetzt hinter dem Mörder von Salzer her.
– Sessler.
– Politik interessiert mich nicht.
– Typisch Serbe. Und Mörder ist unlogisch. Einer allein kann einen nicht ans Kreuz nageln.
– Ich bin Österreicher, mindestens wie du. Du bist Halbitaliener.
– Wer weiß. Mam hat mir schon an der Wiege gesungen, dass sie keine Ahnung hat, wer mein Vater ist.
– Sie war mit dem Giuliani verheiratet.
– Was ja bekanntlich viel sagt. Er hat sich scheiden lassen, weil sie gesagt hat, das Kind ist nicht von ihm.
– Du siehst aus wie ein Italiener. Würdest du dich nur ein Ding mehr drum kümmern, du könntest sogar gut aussehen.
– Sie kann etwas mit einem anderen Italiener gehabt haben.
– Sag ich doch, Halbitaliener. Du könntest dir einen Bart wachsen lassen. Die Mädels stehen auf so was.
– Damit ich aussehe wie ein Taliban? Kann schon sein, dass eure Mädels auf so was stehen, Bruder.
– Hipster. Darauf stehen sie. Unsere. Du hast keine Ahnung.
– Sie stehen auf vegetarische Musiker. Gib es zu, du bist nur Vegetarier, weil Musiker allein nicht reicht.
– Sonst sagst du, ich bin Vegetarier, weil ich nicht zugeben möchte, dass ich kein Schweinefleisch essen will. – Die haben ihn echt ans Kreuz geschlagen?
– Also doch. Du glaubst auch, es waren mehrere.
– Ja, Mann! Motherfucking österreichische Journalist: Esse kein Schweinefleisch, muss Jesus zwei an Kreuz nageln, gemeinsam mit serbische und türkische und alle andere Brüder in Moslem-Glauben. Weltherrschaft für Islam, du verstehen?
David nimmt einen Schluck Weißwein. – Wir sollten uns nicht darüber lustig machen.
Cem sieht ihn an, klopft ihm auf die Schulter. – Bleibt uns was anderes übrig? Ich kann einen Song schreiben. Über Völkerverständigung. Wird sicher peinlich. Ist der Wein gut?
– Ich hab noch nie schlechten getrunken.
Cem lächelt. Wenn er so lächelt, haben seine...




