E-Book, Deutsch, Band 1, 230 Seiten
Reihe: Crushed-Trust-Reihe
Rotaru Kiss Me Never (Crushed-Trust-Reihe 1)
20001. Auflage 2020
ISBN: 978-3-646-60557-0
Verlag: Impress
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
New Adult Liebesroman
E-Book, Deutsch, Band 1, 230 Seiten
Reihe: Crushed-Trust-Reihe
ISBN: 978-3-646-60557-0
Verlag: Impress
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lana Rotaru verliert sich seit frühester Kindheit nur zu gern in Büchern. Es ist also kein Wunder, dass sie inzwischen selbst Geschichten verfasst. Wenn sie nicht gerade an neuen fantastischen und romantischen Werken arbeitet, verbringt sie ihre Zeit am liebsten mit ihrem Mann und ihrem Sohn an der frischen Luft, wo sie neue Kraft und Inspiration findet.
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Kapitel 1
»Es tut uns wirklich sehr leid, Madam, aber als wir den Unfallort erreichten, konnten wir nichts mehr für Ihren Sohn tun. Der Sturz mit dem Motorrad …« Der Größere der beiden Polizisten, dessen fettes Doppelkinn auffallend war, senkte betroffen den Kopf, was seinen Hals nur noch dicker erscheinen ließ. »Andrew war bereits tot, als wir ankamen.« Auch sein kleinerer und wesentlich schmächtigerer Kollege blickte verlegen zur Seite, anstatt uns anzusehen.
Ich stand neben Mom im Hausflur und zupfte an meinen weißen Baumwollshorts, in denen ich immer schlief. Einen kurzen Augenblick lang fragte ich mich, wieso ich noch meine Schlafsachen trug, obwohl wir längst beim Frühstück gesessen hatten. Meine Eltern hassten es, wenn wir nicht richtig angezogen zu Tisch kamen. Und noch mehr hassten sie es, wenn wir beim Essen gestört wurden. Wie in diesem Moment.
Ich sah die beiden Polizisten mit schräg gelegtem Kopf an. Anstatt über die Worte nachzudenken, die meine Welt ins Chaos stürzte, wunderte ich mich über die Art, mit der wir informiert wurden. Man sollte meinen, dass die hiesigen Polizisten mit einer solchen Situation umgehen konnten. Wurden sie nicht für diese Gespräche geschult? Doch als Mom zu zittern begann und kurz darauf mit einem markerschütternden Schrei an Dads Brust zusammenbrach, blieben sie stumm und schauten betreten zu Boden. Selbst mich blickten sie nicht an, obwohl jeder in unserer Kleinstadt Natchez wusste, wie nah ich meinem Bruder stand – gestanden hatte. Sie hätten wissen müssen, wie sehr mich die Nachricht über Andrews Tod treffen und wie sie mein Leben für immer verändern würde.
»Es tut uns sehr leid, dass das neue Jahr so schmerzhaft für Sie beginnt.«
Ach ja. Heute war der erste Januar.
Gestern war Jennys Silvesterparty gewesen. Eine der wenigen Feiern, zu denen Andrew und ich gemeinsam eingeladen worden waren.
Der dickliche Polizist sah endlich auf und blickte mich aus kleinen, dunklen Schweinsäuglein an. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, entschied sich aber dagegen und schloss ihn wortlos. Mit einer fahrigen Bewegung fuhr er sich durch das schüttere graue Haar, um wenig später seine Wurstfinger an der schiefergrauen Uniform abzuwischen.
War das eine nervöse Geste?
Ich wusste es nicht, aber in diesem Augenblick wollte ich nicht darüber nachdenken. Der Kloß in meinem Hals und die Last auf meiner Brust drohten mich zu ersticken. Gerade als ich dachte in Ohnmacht zu fallen, weil kein Sauerstoff mehr in meine Lungen gelangte, mischte sich unbeschreibliche Wut in den Schmerz und half mir wieder klarer zu denken. »Das ist nicht wahr! Andrew hatte keinen Unfall! Er wurde umgebracht!« Ich wusste es genau! »Sein Motorrad wurde manipuliert!« Der Zorn ließ meine Stimme laut und selbstsicher klingen, auch wenn ich mich völlig anders fühlte.
Meine Worte verhallten, ohne dass sie jemand beachtete. Mit jeder Sekunde, die ich ignoriert wurde, rannen mir immer mehr brennende Tränen über die Wangen und meine Fingernägel bohrten sich schmerzhaft in meine Handflächen. »Wieso hört mich keiner?! Das waren Van Mason und Dante Hawk!« Ich stapfte wie ein Kleinkind mit dem Fuß auf den Boden, aber die beiden Polizisten nickten uns nur ein letztes Mal stumm zu, ehe sie schweigend das Haus verließen und uns mitten in den Trümmern dieser Neuigkeit zurückließen.
***
Ein lautes Schrillen durchdrang das Gefühl von Trauer und Schmerz, das mich wie ein Kokon umhüllte. Langsam verblasste das Bild vor meinem inneren Auge und mein Bewusstsein kehrte zurück an die Oberfläche.
Ich hab nur geträumt.
Für einen winzigen Augenblick durchströmte mich Erleichterung, ehe das Gefühl von der Realität gedämpft wurde. Ich seufzte resigniert. Obwohl es nur ein Traum gewesen war, blieb das Ergebnis dasselbe: Mein großer Bruder war tot. Er hatte in der Silvesternacht einen Motorradunfall gehabt und war seinen Verletzungen erlegen, noch bevor die Rettungskräfte zur Stelle waren. An diesem Umstand würde sich nichts ändern, egal wie oft ich den grauenvollen Albtraum noch durchleben musste.
Mein Herz raste. Ich war nassgeschwitzt und meine Hände zitterten, als ich mir über das Gesicht rieb. Mühsam öffnete ich die Augen und sah mich nach der Quelle des Geräusches um, das mich erlöst hatte. Durch den Vibrationsalarm zum Leben erwacht, tanzte mein Handy auf meiner weißen Nachttischkommode. Ich griff danach und stellte den Alarm aus. Lustlos ließ ich das Handy zurück auf das Möbelstück fallen und setzte mich auf. Tage, deren Morgen mit diesem Albtraum begann, konnten nur ätzend werden. Am liebsten hätte ich mir die Decke über den Kopf gezogen und wäre den ganzen Samstag im Bett geblieben. Aber meine Eltern würden früher oder später nach mir sehen und da ich ihre Art von Unterhaltung und ihre Fragen nach meinem Befinden unbedingt vermeiden wollte, musste ich aufstehen. Ob ich wollte oder nicht.
Mit hängenden Schultern und mattem Verstand sah ich mich in meinem Zimmer um, bis mein Blick am Wandspiegel gegenüber meinem Bett hängen blieb. Ich sah mich selbst aus aufgedunsenen Augen an. Meine langen blonden Haare, die im Sonnenlicht rötlich schimmerten, standen mir unordentlich vom Kopf ab. Die Träger meines weißen Spitzentops waren mir von den Schultern gerutscht. Ich sah ziemlich zerknautscht aus, was mich nur noch schmaler und zierlicher wirken ließ.
Meine Friseurin sagte zwar immer, dass sie mich um meine erdbeerblonden Strähnen und die stahlgrauen Augen beneidete, aber ich teilte ihre Meinung nicht. Mit meiner blassen Haut und den zu vollen Lippen sah ich aus wie eine Puppe. Natürlich barg mein Aussehen gewisse Vorteile, das wollte ich nicht abstreiten, aber der größte Nachteil, der alle Vorteile überwog, war nun einmal, dass man mich nie ernst nahm. Ich war stets nur die kleine, süße, brave Tochter von Jim und Kimberly King. Und die Schwester des verstorbenen Andrew King. Diesen Stempel würde ich mein Leben lang tragen, egal wie gut meine Schulnoten waren, wie viele Trophäen ich beim Sport gewann oder wie sehr ich mich ehrenamtlich in der Gemeinde engagierte.
Ich stöhnte genervt, schnitt meinem Spiegelbild eine hässliche Grimasse und verdrehte die Augen, bevor ich seufzend die Bettdecke zurückschlug. Heute war einer dieser Tage, an denen ich mich selbst nicht leiden konnte. Und auch heute wieder musste ich meine tägliche Show spielen, damit niemand etwas davon mitbekam.
Ich schwang meine Beine aus dem Bett und stand auf. Meine Klamotten klebten an meinem Körper und ich sehnte mich nach einer Dusche. Selbst die Sonne, die durch das Fenster schien und mein Mädchenzimmer mit den weißen Möbeln und den rosafarbenen Dekorationsgegenständen in ein sanftes Licht tauchte, konnte meine Laune nicht heben. Während ich mich ausgiebig reckte, knackte es in meinem Rücken. Vielleicht sollte ich mal wieder zum Sport fahren? Meine eingerosteten Muskeln würden es mir danken. Aber eigentlich hatte ich dazu überhaupt keine Lust.
Ich hatte zu gar nichts mehr Lust, seit Andrew tot war.
Ganz in mein morgendliches Ritual vertieft, tapste ich wie gewohnt ins Bad, um mit einer langen heißen Dusche in den Tag zu starten. Vielleicht würde diesmal mein nach Rosen duftendes Shampoo die Erinnerung an den schlimmsten Tag in meinem Leben ausradieren. Immerhin keimte diese Hoffnung jeden Morgen auf. Irgendwann musste es doch mal funktionieren.
***
Eine halbe Stunde später ging ich in die Küche und traf auf meine Eltern, die am Frühstückstisch saßen. Es war gerade mal halb neun an einem Samstag und normalerweise schliefen wir alle am Wochenende gern etwas länger, aber inzwischen hatte ich mich daran gewöhnt, dass meine Eltern auch an den Wochenenden arbeiten mussten, weshalb es mich nicht überraschte, ihnen so früh in der Küche zu begegnen.
Umgekehrt war das schon eher der Fall. Schließlich hatte ich erst vor Kurzem meinen Highschool-Abschluss gemacht und wollte die letzten freien Tage genießen, bevor ich in die Knechtschaft meines Ferienjobs gezwungen wurde. Da ich direkt im Anschluss mein erstes Semester an der MSU – der Mississippi State University – beginnen würde, wollte ich meinen Biorhythmus nicht aus dem Takt bringen und stellte mir für jeden Morgen um acht Uhr meinen Handywecker.
»Guten Morgen, Schatz. Du bist aber früh auf.« Mom schenkte mir ein liebevolles Lächeln, ehe sie an ihrem O-Saft nippte. Sie hatte strahlend goldblonde Haare und blaue Augen. Die meiste Zeit trug sie einen Pferdeschwanz, der zu ihrem Job als Fitnesstrainerin passte, aber heute fiel ihr das Haar offen über die Schultern und die Enden kringelten sich nach außen. Genau wie ich hatte auch sie einen schrägen Pony, der ihr bis zu den Augenwinkeln reichte.
Mein Dad versteckte sich hinter der Zeitung und schlürfte geräuschvoll seinen Kaffee. Wie immer trug er einen dunklen Anzug. Vermutlich mit einem weißen Hemd und einer dezenten Krawatte – beides konnte ich wegen der Zeitung nicht sehen. Dad war Anwalt und hatte kürzlich einen neuen Fall übernommen, der ihn voll und ganz beanspruchte, weshalb ich es ihm nicht übel nahm, dass er morgens in Ruhe frühstücken wollte. Genauso wie ich.
Anstatt zu antworten, beugte ich mich zu Mom runter und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Ich umrundete den Tisch und begrüßte Dad auf die gleiche Art, was ihm ein liebevolles Lächeln entlockte, als er für einen kurzen Augenblick die Zeitung senkte. »Guten Morgen, Spätzchen.« Mehr würde ich an diesem Morgen nicht von ihm zu hören bekommen.
Ich trat an die Küchentheke und stellte mir mein Frühstücksmüsli zusammen: Haferflocken, gehackte Nüsse,...




