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E-Book, Deutsch, 89 Seiten

Roth Perlefter (Kommentiert)

Erweiterte Ausgabe. Die Geschichte eines Bürgers
1. Auflage 2017
ISBN: 978-80-273-0034-1
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erweiterte Ausgabe. Die Geschichte eines Bürgers

E-Book, Deutsch, 89 Seiten

ISBN: 978-80-273-0034-1
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dieses eBook: 'Perlefter' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Aus dem Buch: 'Es geschah um diese Zeit, daß der Verein zur Hebung des Fremdenverkehrs auf das segensreiche Wirken Perlefters aufmerksam wurde und infolgedessen beschloß, ihn zum Ehrenmitglied zu ernennen. Ein Ehrenmitglied hat, wie Ihnen bekannt sein dürfte, keine Verpflichtungen, aber viele Rechte. Perlefter teilte diesen Aufstieg seufzend mit. 'Das ist wieder eine Sache, die Geld kostet!' sagte Perlefter; obwohl es eine Sache war, die gar kein Geld kostete. Es war im Gegenteil eine Sache, die viele Bequemlichkeiten mit sich brachte. Herr Perlefter bekam immer Schlafwagenplätze; für die Ehrenmitglieder des Vereins zur Hebung des Fremdenverkehrs waren Plätze reserviert. Herr Perlefter bekam Lust zu reisen.' Joseph Roth (1894-1939) war ein österreichischer Schriftsteller und Journalist.

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III


Es geschah um diese Zeit, daß der Verein zur Hebung des Fremdenverkehrs auf das segensreiche Wirken Perlefters aufmerksam wurde und infolgedessen beschloß, ihn zum Ehrenmitglied zu ernennen. Ein Ehrenmitglied hat, wie Ihnen bekannt sein dürfte, keine Verpflichtungen, aber viele Rechte. Perlefter teilte diesen Aufstieg seufzend mit. »Das ist wieder eine Sache, die Geld kostet!« sagte Perlefter; obwohl es eine Sache war, die gar kein Geld kostete. Es war im Gegenteil eine Sache, die viele Bequemlichkeiten mit sich brachte. Herr Perlefter bekam immer Schlafwagenplätze; für die Ehrenmitglieder des Vereins zur Hebung des Fremdenverkehrs waren Plätze reserviert. Herr Perlefter bekam Lust zu reisen.

Er liebte es, seinen Aufenthaltsort häufig zu wechseln. Er liebte es zu reisen. Am liebsten hätte er einmal eine Fahrt in fremde Zonen gewagt, wenn er imstande gewesen wäre, etwas zu wagen. Allein, er wagte nicht gerne, wie man schon aus dem Vorhergegangenen weiß. Er machte niemals eine Reise, ohne zu wissen, daß die Rückkehr wahrscheinlich und leicht war. Und er fuhr niemals fort, ohne eine geschäftliche Notwendigkeit als Grund anzugeben. Er hätte sich geschämt, so, aus reiner Lust an der Eisenbahn, in die Welt zu fahren. Er hätte sonst zugeben müssen, daß ihm die Reise Vergnügen bereitete. Aber er wollte zur Fahrt gezwungen scheinen.

Er wollte sagen können: »Ich muß schon wieder fahren! Ach, dieses Fahren, fortwährend!« Es war ihm lieb, daß seine Familie mit Betrübnis noch einmal fragte: »Kannst du denn die Reise nicht aufschieben?« Und Perlefter erwiderte: »Leider muß ich nächste Woche fort. Wenn ich nicht müßte! Meinetwegen brauchte es überhaupt keine Eisenbahn auf der Welt zu geben. Es ist mir am sichersten zu Hause. Das Reisen kostet nur Geld und bringt gar nichts ein! Man wälzt sich in fremden Betten ganze Nächte schlaflos, ärgert sich mit dem Pack herum, gibt Trinkgelder und hat gar keine Bequemlichkeiten.«

In Wahrheit aber hatte Perlefter nirgends so viele Bequemlichkeiten wie im Hotel, auch wenn seine Trinkgelder nicht hoch bemessen waren. Er liebte den Überfluß an warmem Wasser und weißer Wäsche, das Frühstück in einer großen und teppichbelegten Halle, er liebte die Salonmusik zum Fünfuhrtee und das Getriebe der großen Welt, das Geheimnisvolle der fremden Menschen und diese Atmosphäre, aus der jeden Augenblick ein Abenteuer entspringen konnte.

Ein Abenteuer? War Perlefter ein Abenteurer? Hatte er nicht Furcht vor Abenteuern?

Ich möchte hier eine allgemeine Betrachtung über die verwickelte menschliche Natur einschieben. Es kann jemand ein sehr ängstliches Gemüt haben und dennoch ein Vergnügen an seiner eigenen Ängstlichkeit empfinden. Ein Mensch kann feige sein und sich nach Situationen sehnen, in denen sein Mut auf die Probe gestellt wird. Ja, es ist sogar wahrscheinlich, daß die Menschen das herbeisehnen, was sie fürchten. Sehr sonderbar sind die Menschen.

Und wenn Perlefter auch ein sehr gewöhnlicher Mensch war, so war er doch ein sehr sonderbarer. Er wollte nämlich nicht gewöhnlich sein. Er wollte vielmehr ein Held sein. Er wollte jede Situation beherrschen können; und ich weiß es ganz bestimmt, daß er selbst am meisten unter seiner Feigheit zu leiden hatte. Er selbst wußte nicht, wie sehr er litt. Er wollte Bewunderung und mußte sich begnügen, bedauert zu werden.

Was erwartete er eigentlich für Abenteuer? Oh, es war nichts Bestimmtes! Es hätte ein Überfall sein können, ein Diebstahl, ein merkwürdiger Brief. Allen Menschen, denen Perlefter auf seinen Reisen begegnete, mißtraute er. Ihn schauderte, wenn er in der Zeitung von Räubern las. Es gab kein harmloses Gesicht auf der Welt. Alle Gesichter waren Masken. Fielen sie, so kamen die mörderischen Fratzen zum Vorschein. Deshalb reiste Perlefter nicht gerne allein. Auf dem Bahnsteig sah er sich nach Bekannten um. Fand er einen mit demselben Reiseziel, so wäre er imstande gewesen, jenem ein Viertel seines Vermögens zu schenken. Einem Reisegenossen gab der Herr Perlefter seine ganze Zärtlichkeit. Er zwang jeden, den er im Zuge traf, in sein Abteil. Auch ich bin schon mit Perlefter gefahren.

Perlefter war ein sehr nervöser Reisender. Er ertrug es nicht, von den Gegenübersitzenden angesehen zu werden, solange er sie nicht kannte. Deshalb hüllte er sein Gesicht in den Mantel. Sobald er das Coupe betrat, legte er eine Reisernütze an, eine grünkarierte Reisernütze. Die hatte oben einen Knopf, der lose geworden war und schief lag wie ein Toter. Dann vertiefte er sich in die Zeitungen. Nur wenn er reiste, las er auch Zeitungen anderer Parteien. Dann ärgerte er sich, und er sah zum Fenster hinaus. Hier interessierte ihn die Natur.

Ja, Sie werden es mir vielleicht nicht glauben. Ich versichere Sie: Perlefter war ein Naturschwärmer. Er begab sich in den Korridor, preßte die Stirn gegen die Fensterscheibe und wurde wehmütig, wenn er die weiten Felder sah, ganz gleichgültig, ob sie noch Ähren trugen oder schon gemäht waren. Auch die Schneelandschaften machten ihn traurig. In der Frühe liebte er den Sonnenaufgang, die Nebel, die sich vom Boden langsam erhoben und schnell zerflatterten. Dann dachte Perlefter wahrscheinlich an eine selige Ferienzeit, in der er ein Stückchen Acker bebauen könnte. Er hatte die Sehnsucht der Städter nach dem Lande, die auf einer Wiese liegen wollen, aber ohne Wasserklosett nicht leben können.

Ganz besonders Perlefter hätte ohne dieses hervorragende Merkmal der Zivilisation nicht leben können. Er hatte einmal von verschiedenen Ansteckungsmöglichkeiten gelesen, und er fürchtete sich vor öffentlichen Bedürfnisanstalten. Er mied sie, solange er im Zug saß. Wenn er aber dennoch hinausgehen mußte, so traf er eine halbe Stunde lang allerhand Vorbereitungen. Er nahm Seife, Handtuch, eine Lektüre und Kölnisches Wasser mit und ging zuerst mit dem Päckchen in der Hand alle Toiletten kontrollieren. Er suchte die sauberste für seine Zwecke, und wenn er wiederkam, sah er wie neugeboren aus, frisch gewaschen und heiter und nach Seife duftend, eine neue Zigarre zwischen den gespitzten Lippen.

Die Mitreisenden bereiteten ihm großen Kummer. Sie rauchten zuviel, oder sie machten die Fenster auf, und dann entstand jener gefährliche Zugwind, von dem Perlefter behauptete, er hätte schon manchem unterwegs das Leben gekostet. Auch zu Hause kontrollierte Perlefter den Zugwind. »Es zieht!« sagte er unvermittelt, er fürchtete das »Ziehen«, und er bildete sich ein, daß ihn die Zugwinde verfolgten. Oh, was konnte nicht alles von den Zugwinden kommen! Zahnschmerzen, ein Hexenschuß, Augenentzündungen, Ohrensausen, Halsweh, sogar Lungenentzündungen und, wenn es auf der Toilette zog, eine Magenerkältung, ein Darmkatarrh und Diarrhöen. Perlefter kannte sich in allen Krankheiten aus, denn er fühlte sich von ihnen befehdet und umringt, er studierte sie, um sie bekämpfen, abwenden und um ihnen vorbeugen zu können. Er las gerne im Lexikon und in populären medizinischen Broschüren.

Manchmal »flog ihm etwas ins Auge«. Es wurde eine umständliche Operation mit sauberem Taschentuch und Wasser und Handspiegel. Dann kamen allerdings Bedenken wegen der Sauberkeit des Taschentuches. Perlefter suchte sie in einem kurzen Schlummer zu vergessen. Das waren so kleine Aufregungen. Die großen Abenteuer blieben aus. Nachträglich wuchsen in der Erinnerung Perlefters die kleinen Aufregungen zu größeren Abenteuern. Da konnte er erzählen: »Neulich, wie ich zum Fenster hinaussehe, fliegt mir ein kieselgroßes Kohlenstück ins rechte Auge. Jeder andere wäre in der nächsten Station ausgestiegen, um einen Arzt aufzusuchen. Ich aber lege mich schlafen, fühle im Schlaf, wie mein Auge zu tränen beginnt und gar nicht aufhören will, und wie ich aufstehe, ist das Kohlenstück weg, einfach wie fortgeblasen! « »Welch ein Glück!« jubelte dann die Familie.

Es gab Abenteuer, von denen Perlefter in der Familie nichts erzählte. Man wird sofort wissen, welcher Art diese Abenteuer waren, wenn ich hinzufüge, daß er über sie nur in der Gesellschaft von Männern sprach oder, was richtiger ist, plauderte.

Ich berühre hier ein Gebiet, das sehr verwickelt ist und das ich am liebsten ganz außer acht gelassen hätte, wenn es nicht so ungemein wichtig und für die Erkenntnis der Perlefterschen Gewöhnlichkeit nicht geradezu unentbehrlich wäre. Ja, ich hätte am liebsten das Ganze außer acht gelassen. Denn ich schäme mich, von den eigentlichen und wichtigsten Abenteuern des Herrn Perlefter so vor der ganzen Öffentlichkeit zu sprechen und Dinge zu enthüllen, die nur in der Verborgenheit vor sich gehen. Aber nicht allein die Scham hindert mich; ich gestehe, daß ich nicht abschätzen kann, ob es mir gelingen wird, das Abenteuerlichste im Leben meines Helden nicht nur glaubhaft darzustellen, sondern auch allgemein verständlich zu erklären und zu begründen. Ja, es ist sogar mir selbst rätselhaft geblieben, woher Perlefter den Mut nahm, Vergnügungen zu suchen, die eigentlich Gefahren bedeuteten, und, was noch schlimmer ist, sich Gefahren auszusetzen, die Geld kosteten.

Denn sie kosteten Geld. Perlefter war keineswegs so verführerisch, daß sich ihm die Frauen an den Hals geworfen hätten. Nein! Perlefter mußte alles weit über den Wert bezahlen. Und dennoch scheint es in der menschlichen Natur begründet zu sein, daß ihr Trieb zur Liebe stärker ist als ihr Trieb zur Sparsamkeit. Wahrscheinlich verlieren selbst so ängstliche Menschen wie Perlefter jede Angst, wenn die Stunde ihrer Leidenschaft geschlagen hat. Und gewiß ist die Tugend eines Mannes nicht seine verläßlichste Begleiterin. Das ganze kunstvolle und...



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