Rothschild Die Launenhaftigkeit der Liebe
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-17423-1
Verlag: DVA
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 512 Seiten
ISBN: 978-3-641-17423-1
Verlag: DVA
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Annie ist auf der Suche nach einem Geschenk. In einem Londoner Trödelladen kauft die junge Köchin ein verstaubtes Gemälde für ihren neuen Freund und wird dann doch abends von ihm sitzen gelassen. Das unscheinbare Bild aber bleibt und stellt ihr ganzes Leben auf den Kopf, denn es scheint viel mehr wert zu sein, als sie ursprünglich dachte. Schon bald sind schwerreiche russische Oligarchen, die Gattin eines Ölscheichs und ein Gangster-Rapper hinter Annies Zufallsfund her. Als die junge Frau auch noch ins Visier einer skrupellosen Kunsthändlerfamilie gerät, scheint sie alles zu verlieren – und findet ganz unerwartet eine neue Liebe …
Hannah Rothschild, 1962 geboren, entstammt der berühmten Bankiersfamilie und arbeitet als Autorin und Filmregisseurin. Sie schreibt u.a. für Vanity Fair, The New York Times, Harper's Bazaar und Vogue. Der Kunstbetrieb, in dem ihr Romanerstling spielt, ist ihr aufs Beste vertraut, da sie sich seit vielen Jahren in den Kuratorien renommierter Museen wie z. B. der Tate Gallery engagiert. Seit 2015 steht sie als erste Frau dem Board der National Gallery vor. Bisher liegt auf Deutsch nur ihre Biografie über ihre Großtante Nica Rothschild vor, "Die Jazz-Baroness" (2013). "Die Launenhaftigkeit der Liebe" war nominiert für den Baileys Women's Prize for Fiction und wurde mit dem Bollinger Everyman Wodehouse Prize for Comic Fiction ausgezeichnet. Das Buch erscheint in rund zehn Ländern und hat in der englischsprachigen Welt Leser wie Kritiker begeistert.
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Prolog
Die Auktion (3. Juli)
Es sollte der Verkauf des Jahrhunderts werden.
Schon in den frühen Morgenstunden hatte sich eine Menschentraube gebildet, und am Spätnachmittag reichte sie vom monumentalen grauen Säulenvorbau des Auktionshauses Monachorum & Sons (gegr. 1756) über den breiten Bürgersteig bis hinaus in die Houghton Street. Am Mittag wurden Absperrungen errichtet, um einen Durchgang frei zu halten, und nachmittags um vier rollten zwei uniformierte Monachorum-Türsteher einen dicken roten Teppich von den kannelierten dorischen Säulen bis zum Ende des Bürgersteigs aus. Die Sonne brannte auf die Menschenmenge nieder, und das Auktionshaus verteilte als wohlwollende Geste Wasserflaschen und Eis am Stiel. Als Big Ben sechs dumpfe Schläge von sich gab, leitete die Polizei den normalen Verkehr um und schickte zwei berittene Beamte und acht Beamte zu Fuß los, um die Straße zu patrouillieren. Die Paparazzi mit ihren Trittleitern, Laptops und diversen Objektiven wurden in einem kleinen Gehege am Rand eingepfercht, von wo sie sehnsüchtige Blicke durch die Tür auf drei Fernsehteams und die akkreditierten Journalisten warfen, die von innen über das Ereignis berichten durften.
»Was ist denn hier los?«, fragte ein Passant eine Frau aus der Menge.
»Die verkaufen dieses Bild, das aus den Nachrichten«, erklärte Felicia Speers, die seit dem Frühstück dort war. »Die Lasterhaftigkeit der Liebe.«
»Die Launenhaftigkeit der Liebe«, berichtigte sie ihre Freundin Dawn Morelos. »Launenhaftigkeit«, wiederholte sie Silbe für Silbe.
»Meinetwegen. Weiß doch eh jeder, worum’s geht«, sagte Felicia lachend.
»Rechnen die mit Problemen?«, fragte der Passant und blickte von den Polizeipferden hinüber zu den bulligen hauseigenen Securityleuten.
»Das nicht – aber mit allen möglichen Promis«, sagte Dawn und hielt ihr Smartphone sowie ein Autogrammbuch mit dem Schriftzug »Popstars und Prinzen« in goldgestanzten Lettern in die Höhe.
»So viel Wirbel um ein Bild?«, fragte der Passant.
»Es ist ja wohl nicht irgendein Bild«, sagte Felicia. »Lesen Sie denn keine Zeitung?«
Auf dem breiten Treppenabsatz vor dem Monachorum-Auktionshaus standen vier junge Frauen in schwarzen Kleidern und Highheels mit Klemmbrettern und warteten darauf, Namen abzuhaken. Die Veranstaltung war nur für geladene Gäste. Aus bestimmten Winkeln konnte die Menge draußen einen Blick auf das feudale Interieur erhaschen. Das Monachorum-Haus war der einstige Londoner Sitz der Dukes of Dartmouth und gehörte zu den prächtigsten noch existierenden palladianischen Palästen Europas. Die Halle war groß genug, um darin zwei Doppeldeckerbusse nebeneinander zu parken. Die Stuckdecke, eine Orgie mit Putten und anmutigen Seejungfrauen, war in Rosa- und Goldtönen gehalten. Eine gewaltige Treppe, die breit genug war für acht Reiter Seite an Seite, führte nach oben in den großen Verkaufsraum, ein Atrium aus grün-weißem Marmor, das drei Rotunden von oben erhellten. Es war in verschiedener Hinsicht eher unpassend für das Hängen und Präsentieren von Kunst; ideal jedoch, um eine überwältigende Ehrfurcht und Begehren auszulösen.
In einem Nebenraum erhielten zwei Dutzend makellos herausgeputzte junge Männer und Frauen letzte Anweisungen. Zum Glück sorgte die Klimaanlange an diesem heißesten aller Abende für gleichbleibende achtzehn Grad. Der Hauptauktionator und Drahtzieher des Verkaufs, Earl Beachendon, stand in Abendgarderobe vor ihnen. Er sprach mit fester ruhiger Stimme, die geschliffen war von acht Generationen aristokratischen Lebens und einer unerschütterlichen Gewissheit der eigenen Überlegenheit. Beachendon hatte in Eton und Oxford studiert, doch aufgrund der Schwäche seines Vaters für den Roulette-Tisch war der achte Earl das erste Mitglied seiner illustren Familie, das einer regulären Beschäftigung nachging.
Earl Beachendon lobte sein Team. In den vier Wochen zuvor hatten sie geprobt, alle Eventualitäten von einem Fersenbruch bis hin zu einem Attentatsversuch durchgespielt. Jetzt, wo Presse aus aller Welt und viele der wichtigsten Kunden des Hauses hier versammelt waren, war es unabdingbar, dass die Veranstaltung mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks ablief. Dieser Abend würde eine Wende in der Geschichte des Kunstmarkts markieren: Man ging davon aus, die bisherige Rekordsumme für ein einzelnes Gemälde zu übertreffen.
»Wir stehen im Mittelpunkt des internationalen medialen Interesses«, sagte Beachendon zu seinem andächtig lauschenden Publikum. »Hunderttausende von Augenpaaren sind auf uns gerichtet. Ein winziger Fehler, und aus dem größten Triumph wird ein Fiasko. Es geht hier nicht nur um Monachorum, um unsere Prämien oder den Verkauf eines Gemäldes. Diese Veranstaltung wird eine Industrie widerspiegeln, die jährlich über einhundert Milliarden Dollar umsetzt, und die Art und Weise, wie wir den Abend gestalten, wird über Zeiten und Kontinente hinweg eine Botschaft aussenden. Ich muss Sie nicht eigens daran erinnern, dass wir uns auf internationalem Parkett bewegen. Es wird Zeit, dass unsere Arbeit als Beitrag zur Völkerverständigung anerkannt wird.«
»Wenn’s weiter nichts ist, my Lord«, scherzte jemand.
Earl Beachendon ignorierte den Einwurf seines Mitarbeiters. »Nach unseren Informationen werden Ihre Schäfchen als höchste Bieter auftreten – es ist Ihre Aufgabe, sie zu bezirzen und zu ermuntern, den einen entscheidenden Schritt zu gehen. Überzeugen Sie sie, dass im Kauf Größe liegt; entfachen Sie Neugier und Ehrgeiz. Ziehen Sie alle Register. Schmieren Sie den Leuten Honig ums Maul, und zwar nach allen Regeln der Kunst. Erinnern Sie sie daran, wie besonders, wie unverzichtbar, wie talentiert, wie reich sie sind, und vor allem, dass sie nur hier, in diesem Haus, wirklich geschätzt und verstanden werden. Vergessen Sie für einen Abend Freundschaft und Moral: Konzentrieren Sie sich ausschließlich aufs Gewinnen.«
Beachendon sah reihum in die Gesichter, die gerötet waren vor Aufregung.
»Sie haben dafür zu sorgen, dass die Ihnen zugewiesenen Gäste sich als etwas Besonderes fühlen. Als etwas ganz Besonderes. Selbst wenn der angestrebte Kauf nicht zustande kommt, möchte ich, dass diese hochvermögenden Premium-Kunden nachher mit dem innigen Wunsch unser Haus verlassen, bald wiederzukommen und die nächste Runde zu gewinnen. Niemand darf sich als Verlierer fühlen, oder als weniger wichtig; alle müssen das Gefühl haben, dass es ganz knapp war, dass sie beim nächsten Mal den Zuschlag bekommen könnten.«
Beachendon lief am Spalier seiner Mitarbeiter entlang und blickte jedem ins Gesicht. Für sie war der Abend eine aufregende Erfahrung, an dessen Ende eine potenzielle Prämie winkte; für ihn ging es ums nackte Überleben, nicht mehr und nicht weniger.
»Denken Sie bitte daran, vor allem Sie, meine Damen, man erwartet von Ihnen, dass Sie dienen und beglücken. Ich überlasse es Ihnen, wie Sie dieses ›Dienen und Beglücken‹ interpretieren. Hauptsache, es bleibt diskret.« Nervöses Gelächter breitete sich in den Reihen aus.
»Wenn ich jetzt die Namen der Gäste vorlese, möchte ich, dass der jeweilige Betreuer vortritt. Sie alle sollten sich mit Erscheinungsbild, Vorlieben, Aversionen und den kleinen Sünden Ihres Schützlings vertraut gemacht haben.« Beachendon hielt kurz inne, bevor er seinen einstudierten, bewusst politisch inkorrekten Witz platzierte: »Den Moslems keinen Schnaps anbieten und den Juden kein Schinkensandwich.«
Gefälliges Gelächter aus dem Publikum.
»Wer ist zuständig für Wladimir Antipowski und Dimitri Woldakow?«
Zwei junge Frauen, eine in eng sitzendem Taft, die andere in einem rückenfreien grünen Seidenkleid, hoben die Hand.
»Venetia und Flora, denken Sie dran, die beiden sind sich spinnefeind. Wir haben sie dazu gebracht, ihre Bodyguards auf ein Minimum zu beschränken und ihre Waffen zu Hause zu lassen: Vorbeugen ist die beste Politik. Lassen Sie sie auf keinen Fall aufeinander los. Verstanden?«
Venetia und Flora nickten.
Beachendon warf einen Blick auf seine Liste und las den nächsten Namen vor. »Seine Majestät, der Emir und Ihre Majestät, die Sheikha von Alwabbi.«
Tabitha Rowley-Hutchinson, die erfahrenste Kundenbetreuerin, war ganz in königsblauen Satin gehüllt; nur ihr langer Hals und ihre zierlichen Handgelenke blieben frei.
»Tabitha – welche Themen werden Sie unter allen Umständen vermeiden?«
»Ich werde weder Alwabbis mutmaßliche Unterstützung von al-Qaida zur Sprache bringen, noch die Nebenfrauen des Emirs, noch die Menschrechtsverletzungen in seinem Land.«
»Li Han Ta. Sind Sie gründlich gebrieft worden zu Mr Lee Lan Fok?«
Li Han Ta nickte ernst.
»Denken Sie daran: Auch wenn die Chinesen vielleicht heute noch nicht zum Zuge kommen – sie sind die Zukunft.« Er sah sich im Zimmer um und erkannte, dass sich alle einig waren.
»Wer ist zuständig für Seine Exzellenz, den französischen Staatspräsidenten?«
Marie de Nancy trug einen blauen Seidenfrack und passende Hosen.
»Ich werde ihn zum Thema Käse, zu seiner First Lady und zur französischen Malerei befragen, aber kein Wort zum erneuten britischen Sieg bei der Tour de France, zu seiner Geliebten oder seinem Popularitätsverlust fallenlassen«, sagte sie.
Beachendon nickte. »Wer kümmert sich um Kulturminister Barnaby Damson?«
Ein junger Mann tänzelte nach vorn. Er trug einen rosafarbenen Samtanzug und seine Haare waren zu einer Elvistolle frisiert.
Beachendon...




