E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Reihe: Baumhaus
Rottensteiner Yssilo - Parallele Welt
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8387-2631-1
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Reihe: Baumhaus
ISBN: 978-3-8387-2631-1
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Durch einen sprechenden Laptop kommen die drei Freunde Max, Ali und Fenis nach YSSILO, auf eine exotische Insel mit seltsamen und schaurigen Kreaturen. Die drei müssen ums Überleben kämpfen und ihre Freundschaft wird auf eine harte Probe gestellt. Ihre einzige Hoffnung auf Rückkehr ist der Why-Am-I. Aber können sie dem trauen? Yssilo enthält alles, was eine gute Story für jugendliche Leser ausmacht: Spannung, Action, Abenteuer.
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KAPITEL 1
Das Experiment
Gute zwei Minuten fuhr der Aufzug schon in die Tiefe des Hochsicherheitsversuchslabors auf dem Forschungsgelände von Y-Lab.
»Keine Angst, Pit«, beruhigte Professor Gero Marmorstein seinen Assistenzgehilfen, der einer kleinen Schimpansendame den Hals kraulte und sehr besorgt dreinblickte. Der beleibte Professor zwinkerte ihm aufmunternd zu, was durch die dicken Brillengläser aussah, als blinzle ein Koi-Karpfen aus einem runden Aquarium.
»Nach all den Testläufen wird das ein Spaziergang für Lilu.«
Pit stieg nervös von einem Fuß auf den anderen. Er hatte die letzten zwei Jahre keinen Tag ohne Lilu verbracht. Lilu selbst war gelassener als ihr Trainer, aber sie wusste ja auch nicht, was auf sie zukam.
Sie ließ sich den Hals kraulen, fegte dann Pit die Schirmmütze vom Kopf und begann, ihn hingebungsvoll zu lausen. Der schlaksige junge Assistent drückte seinem Liebling einen Kuss auf die Stirn und steckte Lilu ein Stück seines Müsliriegels in das Maul.
»In spätestens zwei Stunden können Sie Ihre Freundin wieder nach oben ins Quartier bringen, wenn ich das so sagen darf.« Der Professor strich dem grinsenden Schimpansen über den Kopf.
»Jaaaa – und dann bekommt unsere Lilu ihre Zimtkeksi und eine Riesenschüssel Reismilch zum Tunken, gelle?«
Und zu Pit gewandt: »Und wäre diese Schimpansendame unserer Sprache mächtig, dann könnte sie uns hinterher von Dingen erzählen, die vor ihr noch kein einziges Wesen unserer Dimension zu Gesicht bekommen hat.«
»Professor, was wenn die Berechnungen falschliegen? Was, wenn die Rotationsquantenzahl Variable aufweist? Etwa die Schleifenquantengravitation? Ach, schicken wir doch noch mal den PT800 – wenn der Roboter …«
»Papperlapapp!«, unterbrach der Professor. »Wozu sollten wohl all die Rechnereien und Probeläufe der letzten Jahre gut gewesen sein? Spin simuliert, überprüft, gegengerechnet. Lilu hat mit unserem PT800 den perfekten Reiseführer, wenn ich das so sagen darf. Er wird schon gut auf sie aufpassen.«
Pit seufzte, und der Professor legte ihm eine Hand auf die Schulter.
»Hören Sie mir zu, mein Junge, wenn ich das mal so sagen darf. Lilu ist inzwischen im Simulator und im Schutzanzug zu Hause. Sie wird auf festem Boden landen, und wir werden uns nach ihrer Rückkehr alles ansehen, was ihre Helmkamera drüben aufnimmt. Die letzten PT/Alpha-Tests waren mehr als zufriedenstellend, wenn ich das so sagen darf. Jetzt kann Lilu ihren Beitrag leisten, und dann, mein Lieber, dann wird sich einiges ändern, wenn ich …«
Mit einem Ruck hielt der Aufzug.
Pit war froh. Er konnte es nicht besonders leiden, wenn der Professor in pathetischer Manier seine Weltverbesserungstheorien zum Besten gab. Wenn er das mal so sagen durfte.
Hinter der schweren Metalltür, die sich mit einem sanften Hauch aufgeschoben hatte, erwartete sie ein blasser, gedrungener Mann mit schütterem Haar. Er zupfte seinen weißen Labormantel zurecht und fingerte nervös an seinem kleinen Krawattenknoten herum. Schweiß stand ihm auf der Stirn.
»Herr Professor, habe alles noch mal genau überprüft. Koordinaten wie letztes Mal, Gravitationsmodus um 0,22 my angehoben. Fluxwerte stabil. Der Reaktor läuft seit ...«
»Danke, Wassil«, unterbrach Marmorstein, ließ seinen Blick prüfend über die Monitore schweifen und fuhr sich mit seinen Fingern durch den filzigen, grauen Bart.
Der Hauptmonitor, ein wuchtiger 70-Zöller, zeigte den Versuchsraum, der zwei Stockwerke unter ihnen lag. Über die zwölf kleineren Bildschirme liefen in unregelmäßigen Abständen Zahlenreihen, Skalen und Textbänder. Die wichtigsten Informationen und Vergleichswerte für den bevorstehenden Test kamen aus den Datenbanken der Basiszentrale ungefähr einhundertachtzig Stockwerke über ihnen, an der Oberfläche des Laborzentrums.
Der Professor fixierte seinen Mitarbeiter und langjährigen Partner über seine Brillengläser hinweg. Wassil schwitzte noch mehr als sonst. Lampenfieber? Der Professor schmunzelte.
»Nun denn, Wassil. Wir haben alle Eventualitäten in den letzten Testläufen gründlichst durchgespielt, und jetzt stehen wir vor dem Durchbruch. Wir werden, wenn ich das mal so sagen darf ...«
Wassil verschluckte sich, und sein rasselnder Raucherhusten unterbrach den Monolog des Professors. Pit war seinem Vorgesetzten dankbar dafür. Wassil war ein kettenrauchender Kotzbrocken, aber er hatte Sinn für Timing.
»Wassil, ich werde diesmal die Probandin selbst vorbereiten. Bitte prüfen Sie inzwischen ein letztes Mal Ionisationsgrad und die Impulsenergie der Antiprotonenfalle, Spinregulator nicht vergessen. Auf keinen Fall über zwo Komma vier anheben, das reicht für die Dame. Wir wollen unseren schönen Planeten ja nicht durchlöchern, wenn ich das so sagen darf.« Der Professor zwinkerte vergnügt und nahm Lilu bei der Hand.
Pit fasste Marmorstein an der Schulter. »Aber, Professor, ich …«
»Papperlapapp!«, unterbrach Marmorstein. »Jetzt ist nicht die Zeit für Diskussionen. Pit, Sie überprüfen nochmals die Kontaktregler im Generatorraum. Die Fluxwerte müssen unter dem Viererlevel bleiben.«
»Äh, das habe ich schon …«, mischte Wassil sich ein und zog an seinem Krawattenknoten.
Pit sah ihn an. Unglaublich, wie der Mann schwitzen konnte.
»Pit, in den Generatorraum, bitte!«, befahl der Professor streng, ohne Notiz von Wassils Bemerkung zu nehmen. Dann fuhr er, an diesen gewandt, fort:
«Und Sie, mein lieber Wassil, behalten die Daten unserer kleinen Heldin im Auge, nicht wahr? Achten Sie mir genau auf die Geodätenkrümmung! Ich bin gleich wieder hier oben und starte dann den Countdown. Phase Gelb läuft wie geschmiert. Noch einundzwanzig Minuten bis Phase Grün, wenn ich das so sagen darf.«
Mit diesen Worten verschwand Professor Marmorstein durch die Sicherheitstür, dicht gefolgt von Pit, der Lilu noch einen Kuss auf die Stirn drückte und sich dann wortlos zum Generatorraum aufmachte.
Die letzten dreißig Meter in den Kern des Testraumes musste Marmorstein mit Lilu über zahlreiche Metalltreppen zurücklegen – aber diesmal genoss er den Abstieg. Er war zufrieden und aufgeregt, wie am Ende einer langen Reise.
Marmorstein ließ seine Finger über die Sensorfläche einer Konsole gleiten, deren Plasmaoberfläche komplexe Eingaben ermöglichte – ein nützliches Nebenprodukt seiner Forschungen, wenn er das so sagen durfte.
Zwischen den Stäben des Reaktorkerns schwebte ein silberfarbenes schüsselförmiges Objekt auf einem Lichtpolster, umrankt von unzähligen pulsierenden Kabeln. Über der Mitte des geschlossenen Deckels wippte ein mechanisches Auge am Ende einer dünnen Antenne. Aufmerksam folgte es jeder Bewegung des Professors.
Lilus Helmvisier war heruntergeklappt. Sie saß, eingepackt in einen dicken Anzug mit Sauerstofftank, in einer durchsichtigen Kabine und beobachtete das Geschehen unter ihr.
Der Professor räusperte sich.
»Wassil, hören Sie mich?«
»Laut und deutlich«, hallte es aus dem Deckenlautsprecher. Kameraaugen mit kleinen roten Linsen übertrugen jede Bewegung des Professors auf die Monitore der Kommandozentrale.
»Wassil, wenn wir heute fertig sind, erinnern Sie mich bitte daran, den Yttriumprozessor im PT800/Beta auszutauschen. So etwas wie neulich darf nicht mehr passieren, wenn ich das so sagen darf. Die Tangentialbündel für den Dualraum fahren wir heute maximal auf Level vier.«
Tief unter ihnen beleuchteten die spärlichen Notlampen den Rest des Testaufbaus, das Ergebnis jahrelanger Forschungsarbeit. Der gewaltige Sockel der Betonkonsole, auf der die komplexe Stäbekonstruktion schwebte, verlor sich in einem Gewirr von Metalltreppen und Stegen.
»Schicker Anzug, meine liebe Lilu. Wenn ich das so sagen darf.«
Der Professor stand auf dem schmalen Metallsteg direkt vor Lilus transparenter Transportkabine, als ihm ein Schauer über den Rücken lief. Was war das für ein Zischen? Er fuhr herum, erstarrte: Die silberfarbene Schüssel war aufgeklappt, und gelbgrüne Lichtfäden zogen über ihren Rand. Durch den Testraum gellte ein Pfeifton, der Boden vibrierte.
»Wassil, was ist da los? Abschalten – sofort! Ich komme jetzt rauf!«
»Das glaube ich nicht, werter Kollege«, krächzte es aus dem Lautsprecher.
Lilu begann in ihrer Glaskugel zu kreischen.
Dann war da nur noch ein gewaltiger gelbgrüner Blitz.
Pit fluchte. Einer der Kontaktregler war abgeklemmt, zwei weitere waren kurzgeschlossen. »Professor, Professor ... hallo! Professor, hören Sie mich? Countdown abbrechen, sofort – haaallooo!« Pit riss sich fluchend das Headset vom Kopf. Heilige Scheiße, er musste das stoppen! Er sprang auf und hechtete zur Tür. Im Laufschritt peilte er die Treppe an, warf die schwere Metalltür des Generatorraums ins Schloss.
Plötzlich hatte die Panzertür keine Angeln mehr, und Pit wurde der Boden unter den Füßen weggerissen. Den Knall der gewaltigen Implosion hörte er nicht mehr: Die Sogwelle hatte ihn samt Metalltür gegen die meterdicke Zwischenwand gefegt.
Ein Stockwerk darüber griff eine zitternde Hand nach einer Zigarettenschachtel. Dichter Rauch quoll aus den Belüftungsschlitzen, und aus den Trümmern des großen Bildschirms sprühten...




