Rottmann | Fucking fucking schön | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

Rottmann Fucking fucking schön


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-96428-270-5
Verlag: Verlagshaus Jacoby & Stuart
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

ISBN: 978-3-96428-270-5
Verlag: Verlagshaus Jacoby & Stuart
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das erste Mal - In 10 kurzen Geschichten »Wörter für Sex gibt es in drei Kategorien. In der ersten Kategorie sind die Wörter, die im Biologiebuch stehen und die Erwachsene benutzen, wenn sie mit Kindern darüber reden. So Wörter wie ?Geschlechtsverkehr? und ?Koitus? zum Beispiel. Wo du denkst: Das ist definiftiv keine Sache, die Spaß macht. In der zweiten Kategorie sind Wörter wie bumsen, ficken, vögeln, poppen, schrauben, rammeln, knallen, nageln, pimpern, flachlegen und so weiter. Wörter, die nach Baumarkt klingen und nach Schweiß. Auf jeden Fall nach etwas, bei dem du die Zähne zusammenbeißen musst, um durchzuhalten. In der dritten Kategorie sind die weichen Wörter, die Kuschelwörter, die alles ganz rosa und harmlos machen. Sowas wie: Liebe machen. Die Nacht zusammen verbringen. Miteinander schlafen. Und wenn du es noch nie gemacht hast, guckst du dir das an und denkst dir: HOW THE FUCK KÖNNEN ALL DIESE WÖRTER EIN UND DIESELBE SACHE BESCHREIBEN?«

Eva Rottmann, geb. 1983 in Wertheim, lebt mit ihren Kindern in Zürich, schreibt Theaterstücke und Prosa, entwickelt eigene Performance- und Theaterprojekte, arbeitet als Literaturvermittlerin in Schulklassen und als Lehrbeauftragte an der Zürcher Hochschule der Künste. Für ihre Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet, zuletzt war sie mit ihrem Klassenzimmerstück Die Eisbärin für den KinderStückePreis der Mühlheimer Theatertage nominiert.
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David

S-EX


Einmal, als ich acht oder neun Jahre alt war, hat bei uns in der Straße ein Auto aus Stuttgart geparkt. Es war Dorffest an diesem Tag, vielleicht gehörte das Auto jemandem, der für das Fest zu Besuch gekommen war. Die Farbe des Autos habe ich vergessen, aber an das Nummernschild kann ich mich noch sehr gut erinnern. Es lautete: S-EX (dahinter eine dreistellige Zahl, die ich allerdings auch vergessen habe). Ich lief zum Sportheim, wo das Fest bereits in vollem Gang war. Ich trommelte ein paar Kinder zusammen und sagte, ich würde ihnen was Aufregendes zeigen. Sie wollten wissen, was es war, aber ich verriet nichts. Wir liefen gemeinsam durch das Dorf und als wir bei dem Auto ankamen, präsentierte ich das Nummernschild, als hätte ich einen Schatz gefunden. Die meisten Kinder fingen an zu kichern oder wurden genauso rot wie ich, als ich das Nummernschild ein paar Minuten vorher zum ersten Mal gesehen hatte. Aber dann fing ganz hinten in der Gruppe ein Junge an zu lachen. Er war älter als wir anderen, dreizehn oder sogar vierzehn, und wurde im Dorf Zipper genannt. Wir hatten nicht bemerkt, dass er uns gefolgt war, automatisch zogen alle Kinder die Schultern ein. Um diesen Jungen machten wir normalerweise immer einen großen Bogen. Er war brutal, es gab das Gerücht, dass er schon mit elf Jahren einen Erwachsenen krankenhausreif geprügelt hatte. Wenn wir morgens auf den Schulbus warteten, lehnte er manchmal an der Wand des Wartehäuschens und spielte lässig mit seinem Butterflymesser. Er ging auf die Hauptschule und meine Eltern sagten, es sei absehbar, dass aus ihm nichts werden würde. Sie sagten das in einem herablassenden, abschätzigen Tonfall und ich konnte nicht nachvollziehen, wieso sie so wenig Respekt vor ihm hatten. Ich hatte so viel Respekt vor diesem Zipper, dass ich mich wahrscheinlich eingepisst hätte, wenn ich ihm nachts allein auf der Straße begegnet wäre.

»Ihr Babys«, sagte er. »Ein Nummernschild, auf dem SEX steht? Euer Ernst?«

Er lief durch die Gruppe Kinder, die mir gefolgt war, bis er direkt vor dem Auto stand. Dann bückte er sich, fasste das Nummernschild mit beiden Händen und zog daran. Es knirschte und knackte, irgendein Plastikteil brach. Der Junge rüttelte und zog mit ganzer Kraft und schließlich hielt er das Nummernschild in der Hand. Niemand von uns hatte ein Wort gesagt, schweigend hatten wir Zipper dabei zugesehen, wie er das Nummernschild abgebrochen hatte und schweigend beobachteten wir nun, wie er seinen Pullover auszog und das Schild darin einwickelte.

»Wenn ihr’s jemandem sagt, schlag ich euch die Fresse ein«, sagte er.

Es war unnötig, dass er das erwähnte. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass irgendjemand von uns so dumm sein würde, Zipper zu verpetzen.

»Und zu eurer Information«, sagte Zipper, als er sich wieder aufrichtete. »Es gibt Leute, die sich das nicht nur auf ihr Nummernschild schreiben, sondern es tatsächlich tun.«

Er klemmte sich das in den Pullover verpackte Nummernschild unter den Arm und sah uns an. Wir waren zehn oder fünfzehn Kinder, die meisten waren etwa in meinem Alter, aber es waren auch jüngere dabei, kleinere Geschwister und Kindergartenkinder, die uns einfach aus Neugier hinterhergelaufen waren.

»Ich könnte euch was zeigen«, sagte Zipper. »Aber ist nicht ganz jugendfrei.«

Niemand von uns antwortete. Was sollten wir auch darauf antworten, er hatte uns ja keine Frage gestellt. Zipper lachte und klappte einem kleinen blonden Jungen vorne die Schirmmütze runter.

»Wer keine Pussy ist, kommt mit mir«, sagte er und lief die Straße weiter Richtung Wald. Ein Mädchen nahm den kleinen, blonden Jungen, dem Zipper auf die Mütze geschlagen hatte, an der Hand und verschwand mit ihm Richtung Sportheim. Die meisten der anderen Kinder folgten ihnen. Außer mir blieben nur vier andere Kinder stehen: Mirko, ein großer, schlaksiger Junge, der meistens im Tor stand, wenn wir Fußball spielten. Sven Hofer, der mit mir in die Klasse ging. Und ein Junge und ein Mädchen, die bei mir in der Straße wohnten und die im Dorf nie anders genannt wurden als die Zwillinge. Wir sahen Zipper nach, der mittlerweile den Wendeplatz unserer Straße erreicht hatte und sich zu uns umdrehte.

»Was ist?«, rief er. »Traut ihr euch nicht?«

Ohne miteinander zu sprechen, setzen wir uns in Bewegung und liefen ihm nach. Hinter dem Wendeplatz fing der Wald an. Es gab einen ausgetretenen Trampelpfad, auf dem die Leute aus unserer Straße ihre Joggingrouten begannen, bevor sie ein bisschen weiter oben auf den offiziellen Waldweg wechseln konnten. Wenn man diesem Trampelpfad weiter folgte, anstatt auf den Waldweg abzubiegen, kam man schon bald zu einem Jägerhochsitz. Zipper steuerte darauf zu und kletterte die hölzerne Leiter nach oben. Wir anderen blieben stehen und sahen zu, wie er oben in der kleinen Holzkabine verschwand. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir kein Wort miteinander gewechselt, wie eine Herde Lämmer waren wir Zipper in den Wald gefolgt. Nun standen wir verwirrt unter dem Jägerhochsitz und guckten uns an. Wir konnten uns beim besten Willen nicht vorstellen, was es dort oben zu sehen gab. Zipper streckte seinen Kopf aus dem Sichtfenster und grinste.

»Ihr müsst euch aufteilen«, rief er. »Ist bisschen eng hier oben. Ihr zwei zuerst.«

Er zeigte auf die Zwillinge, sie kletterten die Leiter nach oben und verschwanden in der Kabine. Wir drei anderen blieben unten stehen und lauschten. Zipper sagte irgendwas, aber wir konnten es nicht verstehen. Dann wurde es still.

»Was machen die da oben?«, fragte Mirko und zog die Augenbrauen zusammen. Er war ein kleines bisschen älter als Sven Hofer und ich, damals vielleicht schon 10 oder 11 Jahre alt. Später würde er einer von Zippers besten Freunden werden. Auch Sven Hofer und ich würden ein paar Jahre später unseren ersten Joint mit Zipper rauchen. Das Dorf war klein, viele Auswahlmöglichkeiten hatten wir nicht. Und ich glaube, Zipper gefiel es, sich mit Jüngeren zu umgeben. Vielleicht war das für ihn die einzige Möglichkeit, an ein bisschen Respekt zu kommen. Aber wenn uns damals jemand gesagt hätte, dass es eine Zeit geben würde, in der wir fast jeden Tag mit Zipper auf dem Sportplatz chillen würden, hätten wir dieser Person einen Vogel gezeigt.

Die Zwillinge kletterten die Leiter wieder herunter. Sie waren bei uns Dorfkindern eher Außenseiter, vielleicht weil sie bei den Zeugen Jehovas waren und niemand so richtig wusste, was das bedeutete. Zwar spielten sie jeden Abend Fußball mit uns, und sie waren auch meistens dabei, wenn wir andere Sachen machten, Hütten bauten oder im Fluss badeten. Aber so wirklich befreundet waren wir trotzdem nicht mit ihnen. Womöglich nahmen wir es deshalb nicht besonders ernst, als sie kreidebleich und verstört vor uns auf dem Waldboden standen und flüsterten: »Geht da nicht hoch.«

»Warum?«, sagte Sven Hofer. »Was ist denn da oben?«

»Ja«, sagte Mirko. »Hat euch Zipper seinen Pimmel gezeigt, oder was?«

»Nee«, hörten wir Zipper von oben rufen. »Noch viel besser. Lasst euch überraschen.«

Er winkte uns zu, und Mirko begann, die Leiter hinaufzuklettern, ich folgte ihm und zuletzt kam Sven Hofer. Der Hochsitz war so eng, dass wir nicht alle darin Platz hatten. Sven Hofer blieb auf der obersten Leitersprosse stehen, Mirko und ich quetschten uns neben Zipper auf die hölzerne Sitzbank.

»Bereit?«, fragte Zipper und wir nickten, obwohl wir nicht wussten, für was.

Zipper grinste und entsperrte sein Handy, das er in der Hand hielt.

Zuerst verstand ich überhaupt nicht, was es war. Es war viel Haut und etwas, das sich schnell vor und zurück bewegte. Ich dachte an Tiere, die etwas verbuddelten. Aber dann zoomte die Kamera raus, und ich sah, dass es kein Tierfilm war, den Zipper uns zeigte. Zumindest nicht so einer, den meine Oma sich im Fernsehen angeschaut hätte.

Es waren ein Mann und eine Frau, sie standen in einer Küche, die so sauber und leer aussah wie eine Küche in einem Möbelhaus. Die Frau hatte sich nach vorne gebeugt und stützte sich mit den Ellenbogen auf die Arbeitsfläche. Sie war nackt. Der Mann stand hinter ihr. Er hatte noch sein T-Shirt und seine Schuhe an, das sah seltsam aus. Mit seinen Händen umfasste er die Hüfte der Frau und hielt sie fest, während er sein Ding in regelmäßigen Bewegungen in die Frau hineinrammte. Man konnte das wirklich nicht anders nennen. Es sah brutal aus und wie etwas, das sowohl ihm als auch ihr wehtun musste. Sein Ding war riesig, ich hatte noch nie so ein riesiges Ding gesehen. Mein Puller stellte sich auch manchmal auf und wurde ein bisschen größer, wenn ich ihn anfasste. Ich wusste, dass er irgendwann noch größer werden und seine Farbe sich verändern würde, das war normal, ich hatte meinen Vater oder im Schwimmbad auch andere Männer schon nackt gesehen. Ich wusste auch, dass ich ihn dann nicht mehr Puller nennen würde. Ich...


Rottmann, Eva
Eva Rottmann, geb. 1983 in Wertheim, lebt mit ihren Kindern in Zürich, schreibt Theaterstücke und Prosa, entwickelt eigene Performance- und Theaterprojekte, arbeitet als Literaturvermittlerin in Schulklassen und als Lehrbeauftragte an der Zürcher Hochschule der Künste. Für ihre Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet, zuletzt war sie mit ihrem Klassenzimmerstück Die Eisbärin für den KinderStückePreis der Mühlheimer Theatertage nominiert.

Eva Rottmann, geb. 1983 in Wertheim, lebt mit ihren Kindern in Zürich, schreibt Theaterstücke und Prosa, entwickelt eigene Performance- und
Theaterprojekte, arbeitet als Literaturvermittlerin in Schulklassen und als Lehrbeauftragte an der Zürcher Hochschule der Künste. Für ihre Romane wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem LUCHS-Buchpreis, dem Kranichsteiner Kinder- und Jugendliteraturstipendium, dem KIMI-Siegel und den BESTEN 7. Ihr Roman "Kurz vor dem Rand" wurde mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2024 ausgezeichnet. "Fucking fucking schön" wurde u.?a. mit dem Jahres-LUCHS 2024 sowie mit dem Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis 2025 ausgezeichnet. Das Buch ist weiterhin für den Deutschen Jugendliteraturpreis und den Deutsch-Französischen Jugendliteraturpreis 2025 nominiert.



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