Rovere | Wie man mit Idioten umgeht | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

Reihe: Picus Konturen

Rovere Wie man mit Idioten umgeht

Ohne selbst einer zu bleiben
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7117-5540-7
Verlag: Picus Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ohne selbst einer zu bleiben

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

Reihe: Picus Konturen

ISBN: 978-3-7117-5540-7
Verlag: Picus Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wie können wir mit Idiotinnen und Idioten umgehen, ohne uns auf deren Niveau zu begeben und selbst zum Idioten, zur Idiotin zu werden? Mit Humor und Weisheit zeigt der Philosoph und Autor Maxime Rovere, wie wir uns mit dem Unkultivierten, Gewöhnlichen, Niederen oder auch Unflätigen auseinandersetzen können, ohne uns davon u?berrumpeln zu lassen. Weit entfernt von jeder Besserwisserei untersucht er unsere oft missglu?ckten Interaktionen und zeigt mögliche Auswege aus scheinbar unlösbaren Konflikten. In aller Bescheidenheit schlägt dieses Buch eine neue Ethik vor, um diese Geißel unserer Zeit, die unser persönliches Leben vergiften kann, zu durchdenken und zu heilen.

Maxime Rovere, geboren 1977, Philosoph, Schriftsteller und Übersetzer. Er hat mehrere Bu?cher u?ber Baruch Spinoza publiziert und dessen Korrespondenz u?bersetzt und beschäftigt sich in seiner eigenen Philosophie mit interaktioneller Ethik. Rovere ist Associate Researcher an der École Normale Supérieure (Lyon), hält regelmäßig Vorlesungen an den Universitäten von Buenos Aires und Montreal und war 2019 Council of Humanities Visiting Fellow an der Princeton University.
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WIE MAN DEN IDIOTEN INS NETZ GEHT


Es gibt Idioten, die keinen Ärger mit ihren Frauen wollen, und es gibt Idiotinnen, die keinen Ärger mit ihren Männern wollen, andere mit ihren Kindern, wieder andere mit ihren Eltern, mit ihren Nachbarn, andere mit ihren Kollegen, mit ihren Schülern, mit ihren Professoren, mit ihren Chefinnen oder Chefs, mit den Medien, andere mit ihren Kunden, mit der Polizei … Und durch dieses Ausweichen, diesen verzweifelten Versuch, einander aus dem Weg zu gehen, geraten die Idiotinnen und Idioten ständig aneinander.

Hier entdecken wir, dass die Idiotie eine Konstellation ist, mit der die Dummköpfe Sie einfangen. Und wie Sie Ihre Gedanken so lenken können, dass Sie ihnen entkommen.

Idioten tauchen ohne Vorankündigung gerade in dem Moment auf, in dem Sie am wenigsten damit rechnen. Sie waren nicht darauf vorbereitet. Sie wollten nur etwas erledigen, sich fortbewegen oder sich an einer Landschaft erfreuen, arbeiten oder das Leben genießen – also leben, einfach leben und Ihren Weg gehen. Aber da taucht die menschliche Dummheit auf. Ob Sie an diesem Morgen oder diesem Abend gut gelaunt waren, ist jetzt nicht mehr wichtig, Sie verkrampfen sich angesichts dieser Idiotie, sie belastet Sie. Um es, mit Verlaub, etwas dramatischer auszudrücken: Sie verletzt Sie. Auch wenn Sie den Ehrgeiz haben, darüberzustehen, verletzt Sie die Idiotie. Und die Tatsache, dass Sie verletzt sind, ärgert Sie, und das verschlimmert und vergrößert wiederum die Verletzung.

Lassen wir jeden Stolz fahren und wagen wir einen näheren Blick auf die Wunde. In den tausend alltäglichen Fällen – das Auto, das in Ihre Spur schneidet, der Passant, der seinem Hund einen Tritt gibt oder seinen Mist achtlos auf den Boden schmeißt – mangelt es dem Idioten, der Idiotin an Respekt vor anderen sowie an gesundem Hausverstand, und damit zerstört er, zerstört sie letzten Endes die Grundlagen des Zusammenlebens. Um es gleich vorwegzunehmen: Natürlich sind die meisten dieser Verhaltensformen selbst bloß Symptome tiefer liegender Probleme, für die nicht allein die betroffenen Personen verantwortlich sind: schwierige und prekäre Arbeitsbedingungen, eine beängstigend zügellose Unterhaltungs- und Konsumindustrie, das Scheitern der Rahmenbedingungen für zwischenmenschliche Beziehungen … Um die Situation völlig zu verstehen, sollte man bedenken, dass nicht nur die Schwachsinnigen den Rahmen des Zusammenlebens zerstören, sondern dass eine kranke Gesellschaft auch Idiotinnen und Idioten hervorbringt. Dass aber menschliche Ausprägungen das Ergebnis von Umständen sind, ändert nichts an der Tatsache, dass es Idioten gibt.

Daraus ergibt sich also eine erste wichtige Überlegung: Wir definieren Idioten oder Idiotinnen anhand ihres Verhaltens, das wir für unangemessen halten. Und damit stufen wir sie, und sei es bloß für den Augenblick, auf einer moralischen Skala, auf der wir unser eigenes Streben nach Vollkommenheit bemessen, als unter uns stehend ein.

Bevor ich näher darauf eingehe, möchte ich einen möglichen Einwand gleich ausräumen. Hat man, angesichts der Tatsache, dass jede und jeder Einzelne von uns in den Augen von jemandem ein Idiot ist (siehe voriges Kapitel), überhaupt das Recht, jemand anderen Idiotin oder Idiot zu nennen? Vermutlich findet ja genau der oder die, wir seien der Idiot … Wer könnte überhaupt definieren, was ein vollkommener Mensch ist? Wenn man diesen Gedanken zu Ende führt, hieße das, Idiotie existiert gar nicht absolut, sie ist relativ, wie die Wertmaßstäbe, auf denen sie fußt, und folgt ausschließlich subjektiven Gesichtspunkten. So gesehen spiegelt sie nichts als persönliche Vorlieben wider, die nur für den Einzelnen gelten. Nun denn! Mit diesem Relativismus kann ich leben. Ich stimme freimütig zu, dass jede und jeder von uns für jemanden ein Idiot oder eine Idiotin ist; das bedeutet aber noch lange nicht, dass alle Idioten und Idiotinnen gleichwertig sind. Wenn jeder seine eigene Vorstellung von Idiotie hat, dann gibt es zwischen diesen Auffassungen zwangsläufig Übereinstimmungen und Widersprüche. In der lokalen und dringlichen Situation, die unser Thema ist, ist der Idiot oder die Idiotin jene oder jener, die (bei allen Unterschieden) von der größten Zahl anderer so gesehen werden: Objektive Idiotie ist also nichts, was absolut existiert und worauf subjektive Einschätzungen aufbauen könnten, sondern sie entsteht durch die Überschneidung dieser Einschätzungen, man könnte sagen, die Objektivität definiert sich als Schnittmenge der Subjektivitäten, als deren Gemeinsames. Dass der Begriff der Idiotie subjektiv ist, bedeutet aber nicht, dass er keinen Wahrheitsgehalt hätte; ganz im Gegenteil, er drückt die Wahrheit dieser Subjektivitäten aus. Ich folgere also ein weiteres Mal, dass man behaupten kann, dass es Idioten und Idiotinnen tatsächlich gibt, nämlich Menschen, die in ihrem Streben nach Vollkommenheit, und sei es bloß unter den gegebenen Umständen, weniger erfolgreich sind als andere. Selbst wenn es im Detail unterschiedliche Einschätzungen geben mag, weiß das, meines Erachtens, wirklich jeder und jede.

Nur liegt in all dem eine merkwürdige Anomalie. Jene, die sich sozusagen als Zeugen der Idiotie empfinden, müssten die beschriebene Situation aus einer Position der Überlegenheit betrachten können: Wenn jemand auf der moralischen Werteskala, die unser Streben nach Vollkommenheit misst, durch sein Verhalten (und sei es nur für den Moment) als tief stehend betrachtet wird, müssten sich die anderen doch darüber befinden. Wenn sich jemand unanständig, störend oder gefährlich verhält, müsste unsere Überlegenheit uns also ermöglichen, die Situation mit Leichtigkeit – und ohne Wut – in den Griff zu bekommen und den Idioten daran zu hindern, Schaden anzurichten. Genau das ist aber nicht der Fall. Warum? Weil Idiotie nicht bloß Schwäche oder moralische Unterlegenheit bedeutet. Es gibt da eine weitere wichtige Eigenschaft: Idiotie ist nicht bloß Schwäche, sie ist Hässlichkeit. Sie definiert sich als das abstoßende Antlitz der menschlichen Schwäche.

Hier beginnt das eigentliche Problem kompliziert zu werden. Verblüfft darüber, jemanden (aus mehr oder weniger gutem, niemals aber ohne Grund) als minder beurteilen zu müssen, sind wir ebenso überrascht, an uns selbst eine Art von Zurückhaltung, Verachtung und Abscheu wahrzunehmen. Das überfordert uns. Wir wissen, wir spüren, dass wir mehr wert sind als der Schmutzfink, der in der öffentlichen Toilette nicht gespült hat, oder die Baronesse, die glaubt, ihr Geld entschuldige jedes Verhalten, aber unser Selbstwertgefühl genügt nicht, um über ihre Idiotie zu triumphieren. Ganz im Gegenteil! Je mehr wir uns über sie ärgern, je stärker wir das Bedürfnis verspüren, sie festzunageln oder sie aus unserer Welt verschwinden zu lassen, umso mehr identifizieren wir sie als Idiotinnen oder Idioten: als Wesen, die jedes Wohlwollen und jede Liebe abstoßen. Die Identifikation der Idiotie mag auf moralischen Werturteilen begründet sein, diese bewirken aber gleichzeitig eine affektive Beziehung – also eine Emotion –, die per definitionem negativ ist, die uns drängt, unsere Mitmenschlichkeit aufgrund einer unstillbaren Ungeduld reflexartig zu unterdrücken, ohne zu wissen, ob das Rettung oder Untergang bedeutet. Wie man es auch nimmt, wir verabscheuen die Idioten und Idiotinnen – stultitia delenda est.

Das setzt einen merkwürdigen Mechanismus in Gang. Ich werde das in den folgenden Kapiteln mehrmals, aber mit unterschiedlichen Bildern beschreiben, um verschiedene Fallstricke aus dem Weg zu räumen. Wenden wir uns wieder dem Dummkopf zu, um den wir uns versammelt haben, der unser Leben verpestet und bei dem wir uns darauf geeinigt haben, ihn tiefer einzustufen als uns selbst … In dem Moment, in dem wir Abscheu für den Idioten empfinden, leidet unsere Fähigkeit zur Empathie. Tatsächlich! Je mehr Sie erkennen, dass der Idiot ein Idiot ist, umso weniger Wohlwollen werden Sie empfinden können, umso weiter entfernen Sie sich von Ihrem eigenen Ideal des Menschseins, und umso mehr verwandeln Sie selbst sich … im selben Ausmaß … in ein feindseliges Wesen, also einen Idioten (was sich daran erkennen lässt, dass der Idiot nun eben Sie für einen Idioten oder eine Idiotin hält). Natürlich! Was immer dieser Dummkopf tut, verletzt Sie, weshalb Sie ihn weghaben wollen, und sei es nur, um Ihr Unbehagen zu beseitigen. Der andere geht Ihnen einfach auf die Nerven, er stößt Sie ab … aber je weiter Sie abrücken, umso mehr beschimpft er Sie. Also rücken Sie noch weiter ab … und versinken damit immer tiefer in Ihrer Verachtung … Wie sollten Sie ihn denn nicht verabscheuen, wo doch alles nur seine Schuld ist! Aber je mehr Sie ihn verachten … umso tiefer versinken Sie.

Dieser Treibsand illustriert den Prozess, der uns, als Schlussfolgerung dieses ersten Kapitels, aufzeigt, warum es so schwer ist voranzukommen, wenn man mit Idiotinnen und Idioten zu tun hat. Dieser Blick auf die Unvollkommenheit des menschlichen Wesens lässt uns Haltungen einnehmen, die nicht nur das von außen beobachtete Wesen wie ein Objekt herabsetzen, sondern auch das beobachtende Subjekt selbst, den angeblichen Betrachter menschlichen Schwachsinns. Das bedeutet, es ist strukturell unmöglich, bloß Zeuge der Idiotie zu sein. Der Gedanke, die Idiotie würde Ihnen eine neutrale Position erlauben, ist ein Widerspruch in sich: Indem Sie jemanden als Idiot oder Idiotin identifizieren, haben Sie bereits gegen sie Partei ergriffen. Dieser Mangel an Neutralität ist...


Maxime Rovere, geboren 1977, Philosoph, Schriftsteller und Übersetzer. Er hat mehrere Bu¨cher u¨ber Baruch Spinoza publiziert und dessen Korrespondenz u¨bersetzt und beschäftigt sich in seiner eigenen Philosophie mit interaktioneller Ethik. Rovere ist Associate Researcher an der École Normale Supérieure (Lyon), hält regelmäßig Vorlesungen an den Universitäten von Buenos Aires und Montreal und war 2019 Council of Humanities Visiting Fellow an der Princeton University.



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