E-Book, Deutsch, 512 Seiten
Rowell Slow Dance
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98941-103-6
Verlag: Gutkind Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Deine erste Liebe vergisst du nie | Eine zweite Chance für die Liebe - Ein berührender Roman über Vergangenheit, Neuanfänge und das Wiederfinden von Gefühlen
E-Book, Deutsch, 512 Seiten
ISBN: 978-3-98941-103-6
Verlag: Gutkind Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Rainbow Rowell studierte Journalismus und ist Autorin. Mit Eleanor & Park landete sie einen Weltbestseller und war für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Sie hat zahlreiche preisgekrönte Romane, Kurzgeschichten und Comics veröffentlicht. Rainbow Rowell lebt in Omaha, Nebraska - genau wie viele ihrer Figuren.
Weitere Infos & Material
DREI
Diesen Moment hatte Shiloh sich schon ausgemalt, seit dem Moment, als sie Mikeys Einladung erhalten hatte – aber sie hatte sich Cary nicht richtig vorstellen können. Er war nicht auf Facebook. Auf Google hatte sie auch nichts gefunden.
In ihrer Vorstellung sah Cary noch so aus wie zu High-School-Zeiten – komischerweise in seiner Uniform des Reserve-Officers-Training-Corps – obwohl sie ihn seitdem längst wiedergesehen hatte … Bei ihrem fünfjährigen Abschlussjubiläum. Als sie sich mit denselben Freundinnen unterhalten hatte und er ihr gegenüberstand. Cary und sie hatten kaum miteinander geredet an dem Tag. Shiloh hatte Ryan mitgebracht, sie waren bereits ein Jahr verheiratet gewesen. (Sie hatten Cary nicht zur Hochzeit eingeladen.)
Diesen Moment – den Moment, wenn sie Cary wiedersehen würde – hatte Shiloh sich schon seit Monaten ausgemalt. Aber sogar in ihrem Kopf bedeutete es ihm nicht so viel wie ihr. Cary hatte sicher nicht schon den ganzen Tag darüber nachgedacht. Er hatte sich auf keinen Fall nervös gefragt, ob Shiloh heute hier sein würde. Er hatte sich sicher auch kein neues Kleid gekauft, nur für den Fall …
Cary sah gut aus. Hier. Jetzt. Aus der Entfernung. Er sah besser aus als die anderen, weniger von den Jahren gezeichnet. Er war gebräunt. Seine Haare trug er immer noch so kurz …
In dem Moment wandte er sich ihr zu, als ob er bemerkt hatte, dass sie ihn beobachtete. Sie waren zu weit voneinander entfernt, als dass sich ihre Augen wirklich treffen konnten – falls er sie überhaupt erkannte – aber sie lächelte zaghaft und winkte ihm zu. Cary winkte zurück. Wahrscheinlich nur als Reaktion darauf, dass irgendjemand ihm gewunken hatte.
Shiloh ließ ihre Hand wieder sinken. Cary schaute immer noch zu ihr herüber. Jetzt stand er auf und ging zu Mikey, um kurz mit ihm zu sprechen. Er blickte wieder zu Shiloh, dann schob er sich an den Stühlen der Brautjungfern vorbei und kam auf sie zu.
Shiloh strich ihre Jeansjacke glatt. (Warum trug sie eine Jeansjacke?) Cary trug einen marineblauen Anzug – anscheinend lieh man sich keine Smokings mehr für Hochzeiten aus. Er kam auf ihren Tisch zu, und Shiloh stand auf, was sie sogleich bereute – als wäre sie der Gentleman und er die Lady –, aber jetzt war es zu spät, sich wieder hinzusetzen. Sie zupfte wieder an ihrer Jacke. Cary sah sie an, als ob er sagen wollte, Ich komme rüber. Und sie nickte, Ich seh’s, und lächelte. Sie winkte wieder, und er winkte zurück. Er war schon fast da – der Raum war mit Tischen vollgestellt und er kam nur langsam voran. Shiloh fragte sich, ob sie ihn umarmen sollte, wenn er vor ihr stand. Die anderen hatte sie auch fast alle umarmt, inklusive ihrer Ehepartner. Sie war geübt im freundschaftlichen Umarmen.
»Shiloh«, sagte er, als er bei ihr war.
»Cary.« Sie lächelte ihn an.
Er lächelte zurück.
Er sah wirklich gut aus. Auch aus der Nähe. Cary hatte blond-braunes Haar und ein herzförmiges Gesicht mit einem schmal zulaufenden Kinn. Sie hatte ihn noch nie unrasiert gesehen. (Durfte man in der Navy einen Bart tragen?) In der Highschool war er so schmal wie ein Streifen Kaugummi gewesen, aber er wirkte jetzt kräftiger. Erwachsener. Reifer. Er sah aus wie jemand, der es geschafft hatte, North Omaha hinter sich zu lassen.
»Schön, dich zu sehen«, sagte Shiloh.
»Ja«, antwortete Cary und nickte. »Du warst gar nicht bei der Trauung.«
»Nein«, gab sie zu. »Es gab ein Missverständnis mit meinen Kindern.« Wusste Cary, dass sie Kinder hatte?
Er nickte, ganz sicher wusste er es.
»Du bist Trauzeuge.«
»Ich habe mich wohl beim ersten Mal so gut geschlagen, dass ich wieder gefragt wurde.«
Shiloh schmunzelte. »Musst du eine Rede halten?«
»Nein, das macht Bobby. Er ist total betrunken – ich freu mich schon drauf.«
»Vielleicht solltest du dir was überlegen, für den Notfall.«
»Dann fällt mir schon was ein.«
Shiloh nickte. Dann nickte sie noch mal. »Cooler Anzug.«
Cary blickte an sich hinab. »Danke. Beim letzten Mal hatten wir Smokings an, aber diesmal meinte Janine, ›Ihr braucht keine Smokings auszuleihen, ihr könnt euch doch einfach dunkelblaue Anzüge kaufen, die ihr danach noch mal tragen könnt.‹« Cary schaute wieder hoch zu Shiloh. »Ich glaube, sie ist sich nicht im Klaren, dass es viel teurer ist, einen Anzug zu kaufen als einen Smoking zu leihen.«
»Es ist ihr wahrscheinlich egal.«
»Ja, wahrscheinlich. Schließlich ist es ihr großer Tag. Ich bin hier nur zur Dekoration.«
»Bist du hergeflogen?«
»Jepp.« Cary nickte. »Jepp.«
»Aus Virginia?« Shiloh zeigte mit dem Finger irgendwohin.
»Aus San Diego.«
»Oh.« Shiloh zeigte jetzt mit dem Finger in die andere Richtung.
»Eben hattest du’s richtig«, bemerkte Cary und führte ihre Hand wieder nach links.
Sie lachte verlegen. »Norden, Süden …«
Cary lachte auch ein bisschen. »Osten, Westen.«
»Jaja.«
»Ich war in Virginia«, erklärte er. »Aber ich bin vor zwei Jahren nach San Diego versetzt worden.«
»Ich dachte, du bist vielleicht auf einem Schiff unterwegs …«
»Stimmt auch, ich arbeite auf einem Schiff«, antwortete er.
»Ach ja?«
»Ja.« Er nickte wieder. Er lachte immer noch ein bisschen. »Aber ich wohne in einer richtigen Wohnung.«
»Also ist das Schiff sozusagen dein Büro?«
»Ja.«
Shiloh lachte auch immer noch ein bisschen. Obwohl die Situation gar nicht so lustig war, sondern eher merkwürdig. »Ich habe keine Ahnung, wie die Navy funktioniert«, gab sie zu.
»Ist doch okay«, sagt er. »Warum solltest du auch?«
Genau. Wie sollte Shiloh wissen, wie Cary seine Tage und Nächte verbrachte? Oder wo er überall gewesen war. Was er machte, wie er sich fühlte … »Na ja, immerhin zahle ich für dein Gehalt«, entgegnete sie. »Also sollte ich schon etwas besser Bescheid wissen.«
»Darüber wollte ich schon länger mit dir reden …«
Shiloh stieß ein Lachen aus. »Ach, wirklich?«
Lächelnd blickt er ihr direkt in die Augen. Shiloh trug Absätze, also war sie ein bisschen größer als er. »Mikey sagt, du wohnst noch in Omaha«, entgegnete Cary.
Sie steckte sich eine Haarsträhne hinters Ohr. »Das stimmt.«
»Er meinte, du machst Theater?«
»Ich mache nicht Theater – ich arbeite im Kindertheater.«
»Das ist doch Theater.«
»Es ist eher ein Bürojob.«
»Klingt interessant.«
»Es ist …« Shiloh schüttelte den Kopf. »Ziemlich non-profit.«
»Und du hast Kinder. Also, deine eigenen.«
»Genau«, antwortete sie. »Zwei. Ein Mädchen und ein Junge.«
Cary nickte.
»Sechs und fast drei«, fuhr sie fort.
»Ich hätte fragen sollen.«
»Ist keine gesetzliche Verpflichtung.«
»Hast du Fotos?«
»Ähm …« Hatte sie Fotos? Sie schaute hinab in ihre Tasche.
»Schon okay«, sagte Cary mit Bedauern im Blick. Unbehagen. »Sorry. Ich dachte, du wolltest, dass ich dich frage.«
»Irgendwie mache ich das nie – Fotos zeigen. Weil ich nie weiß, was ich sagen soll, wenn Leute mir Bilder von ihren Kindern zeigen. Obwohl ich selbst welche habe.«
»Ich sag dann immer: ›Na, schau mal einer an.‹«
»Guter Satz«, lachte Shiloh. Jetzt wieder mehr sie selbst. »Es ist nicht so, dass meine Kinder nicht süß wären oder so. Sie sind supersüß, das musst du mir jetzt einfach so glauben.«
»Mache ich.« Cary lächelte wieder. Mit geschlossenen Lippen und Falten auf den Wangen. Sein Gesicht war immer schon voller Fältchen gewesen, längs neben seinem Mund, unter den Augen, auf der Stirn. Schon als sie noch zur Highschool gingen. Als ob sein Gesicht ein bisschen zu viel war für die Fläche. Wenn er sich freute, bekam er diese Fältchen, und wenn er sich ärgerte, bekam er richtige Furchen.
Er war ihr so vertraut.
Ihm nah zu sein, fühlte sich so vertraut an.
Sie könnten jetzt auch vor ihren Spinden stehen. Oder neben dem Kombi seiner Mom. Oder in der Schlange vorm Kino.
»Es ist so komisch, mit dir zu reden«, sagte Shiloh. Sie versuchte, dabei zu lachen. Ist es nicht komisch? Ist es nicht super merkwürdig?
Cary wirkte gekränkt. »Wirklich?«
Shiloh spürte, wie sie die Kontrolle über ihre Mimik verlor. »Es ist so komisch, mit dir zu reden«, sagte sie wieder, diesmal ohne zu lachen, »und, na ja, überhaupt nichts … über dich zu wissen.«
Cary berührte mit der Zunge seine Oberlippe.
Und nicht alles über dich zu wissen, dachte Shiloh.
Eine Kellnerin kam mit einem Servierwagen an ihrem Tisch vorbei. Sie hob zwei Teller in die Höhe und sah zu dem älteren Paar herüber. »Hühnchen? Hühnchen?«
Shiloh sah Cary an. Sie musste versuchen, die Situation zu retten. Es war das erste Mal seit vierzehn Jahren, dass sie miteinander sprachen, und sie wollte nicht, dass die Unterhaltung so endete. Sie wollte gar nicht, dass sie endete. »Vielleicht können wir noch ein bisschen …«
»Hühnchen?« Die Kellnerin deutete mit dem Teller auf Shiloh.
»Gerne«, sagte Shiloh....




