Rubert | Die Unordentlichen | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 128 Seiten

Rubert Die Unordentlichen


1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-949203-89-3
Verlag: Berenberg Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 128 Seiten

ISBN: 978-3-949203-89-3
Verlag: Berenberg Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Coming-of-Age-Roman aus der morschen Welt der feinen Leute. Die junge Virginia reist mit ihrem alten Vater zu einer Preisverleihung, bei der das spanische Königspaar dabei sein wird. Preisträger ist Mr Kopp aus England, reich, exzentrisch, frivoler Studienfreund des Vaters und, wie dieser, ein berühmter Wissenschaftler am Ende seiner Karriere, wo alten Männern dicke Preise winken. Mit dabei: seine Frau, Sonya, die junge Frauen für eine beklagenswerte Laune der Natur hält. Und Bertrand. Sohn?? Künstler?? Total Verrückter, der Grand Hotels und öffentliche Feierstunden zum Schauplatz haarsträubender Auftritte macht?? Abstoßend und faszinierend für Virginia, deren Leben nach diesen Begegnungen für immer verändert sein wird.

Xita Rubert, geboren 1996 in Barcelona, studierte Literatur und Philosophie in Barcelona, Warwick und Paris. Sie promoviert derzeit an der Princeton University und ist als Lektorin tätig. »Die Unordentlichen« ist ihr erster Roman.
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II


Es mussten gar nicht viele Tage vergehen. Bald merkte ich, wieder einmal und wie bei jedem Besuch, dass die Freunde meines Vaters nie arm waren.

Damit keine Missverständnisse aufkommen, das war nichts Schlechtes. Im Gegenteil: Ich genoss die Gesellschaft der Kopps, gerade wegen der Extravaganzen, der Feiern, der zwanglosen Konversation, der unerwarteten Ereignisse.

Außerdem sind irdische Ausschweifungen dafür da, den Tod zu vergessen. Jedenfalls geht es mir so. Die Reisen, die Feierlichkeiten zerstreuten meinen angeödeten Geist, der mich schon mit siebzehn Jahren dazu brachte, mich an das Normale und Notwendige zu klammern und das loszuwerden, was nur scheinbar Gewicht hatte, kein wahrhaftiges wie Marmor, und ohne näheres Ansehen die meisten oberflächlichen Haltungen, Äußerungen oder Menschen geringzuschätzen. Heute weiß ich, dass das – nur die Statuen für würdig zu erachten – mein Wissen um den Tod war. Insbesondere um den meines Vaters.

Dennoch überraschte es mich immer wieder, dass all diese sympathischen und lustigen Personen einer, und zwar einer einzigen, immer gleichen gesellschaftlichen Klasse angehörten. Da war keine Prahlerei und erst recht kein Luxus bei Andrew und Sonya Kopp, aber welche Art Leben sie führten, das war offensichtlich: ein ungewöhnliches Leben prall gefüllt mit exklusiven und gerade darum uninteressanten Privilegien, eitel, aber schön, angenehm und – für mich – gelegentlich erhellend.

Sie waren überdies ein seltsames Paar. Die Kopps wirkten wie Freunde, wie zickige Geschwister, sie scherzten und stritten sich ohne Folgen, sie beleidigten einander ohne Rücksicht und ohne spätere Reue. Nie sah ich, wie sie sich küssten oder Händchen hielten, aber sie waren dem anderen gegenüber stets zuvorkommend: Andrew rückte Sonya den Stuhl zurecht, wenn sie sich zu Tisch setzte, und sie dankte ihm diskret. Letztlich schienen ihre – mechanisch funktionierenden, aber für mich bedeutsamen – guten Manieren aus einer anderen Zeit zu stammen, mit einem Verhaltenskodex und einer Erziehung, die in späteren Generationen wie der meinen fast nicht mehr vorkommen. Sosehr ich auch ihre frivole Weltläufigkeit bemerkte, wegen ihrer Manieren bewunderte ich, verehrte ich sie. Beide waren wohl im Alter meines Vaters: Während jener Reise war er allerdings noch nicht ganz senil. Der Älteste und der Jüngste zugleich. Das war – später – der Widerspruch: dass die wachen Augen – die Augen eines energiegeladenen, zerzausten, unsterblichen Kaninchens – erlöschen, erkranken, für immer in Winterschlaf fallen konnten.

Als ich am nächsten Morgen erwachte, empfand ich als Erstes Erleichterung. Darüber, im Bett zu liegen, ohne Geräusche, außer dem Verkehr auf der Hauptstraße. Darüber, dass er zu meiner Rechten schnarchte, randvoll mit Schlafmitteln, den Hemdkragen mit Asche bedeckt, wie jeden Morgen. Im Fernsehen lief eine Astrologie-Sendung. Von draußen drangen weder Krankenwagengeräusche noch Blaulichter herein. Die Sache am Morgen zuvor könnte ein Traum gewesen sein, hätte er mich nicht ein paar Stunden später, nach dem Aufwachen und einer Katzenwäsche – Wasser ins Gesicht und ins graue Haar, bloß keine Dusche –, fest angeschaut und gesagt: »Hör zu, ich möchte dich darum bitten, vorsichtig zu sein. Das gestern …, also, pass ein bisschen auf.«

Er war gar nicht dabei gewesen, war nicht auf die Straße gekommen – wovor also warnte er mich? Manchmal denke ich, dass meine Besessenheit von Wörtern – das Verlangen, sie zu prügeln, ihnen abzuverlangen, was sie verleugnen – das Ergebnis von Situationen wie dieser ist, von meinem Austausch mit Wesen weniger Worte und viel zwischen den Zeilen. Mein Vater sagte mir immer, als wäre es eine Erklärung, ich solle vorsichtig sein. Ich glaube nicht, dass er sich darin von anderen Vätern unterschied, die sich vorsichtshalber und vielleicht unnötig Sorgen machen. Aber jenseits der Worte ließen wir uns treiben. Er bat mich, auf mich aufzupassen, durch mitfühlende Blicke, Gesten übertriebener Beunruhigung, ohne aber mit mir in den Abgrund zu blicken. Am Abgrund fürchtete er sich mehr als ich. Ohne zu wissen, ob man besser zurückweicht oder springt, angreift oder sich verschanzt, ob die Stimme und die Liebe zu etwas taugen oder ob im Gegenteil …

»Gestern Abend haben mir Andrew und seine Frau alles erzählt, was am Morgen passiert ist. Da habe ich wahrscheinlich noch geschlafen, oder? Verzeih mir.«

Immer häufiger sagte mein Vater außerdem das: Verzeih mir. Warum? Ich brauchte ihm nicht zu verzeihen, ich gab ihm keine Schuld, ich beschwerte mich nur, wenn ich mich ungeschützt fühlte, so wie es alle Welpen tun. In jenem Moment reichten mir außerdem seine warnenden Worte, ich nahm sie an und fühlte mich ermutigt, auch wenn ich nicht so genau wusste, was er mir eigentlich sagen wollte, worüber er sich beklagte oder wobei ich vorsichtig sein sollte. Heute würden wir mit den Kopps frühstücken: Darauf freute ich mich.

Am Vorabend waren wir durch das Viertel spaziert, nur wir beide. Wir waren die Allee runtergegangen und hatten die Pflanzen und Blumen in den Gärten bestimmt: Mein Vater kannte fast alle ihre Namen, ich weiß nicht, warum, er war weder Biologe noch Botaniker noch Florist. Je weiter wir gingen und den labyrinthischen Brücken der Allee folgten, desto kleinere Teiche entdeckten wir, mit unterschiedlichen Blumen und Viehzeug, als wäre es das Garten-Äquivalent einer Matrjoschka. Wir verliefen uns zwischen den wilden Pfaden, die von einem Teich zum nächsten führten, aber da wir uns die Namen der Blumen notiert hatten und uns erinnerten, wie sie aussahen, ließen wir uns mehr von ihren Formen und Farben leiten als von der Richtung, und so fanden wir den Rückweg zum Hotel.

Ich hatte beschlossen, ihm nicht zu erklären, was am Morgen vorgefallen war: es auf dem violetten und gelben Spaziergang zu vergessen. Andrew und Sonya hatten sich unserer Expedition nicht angeschlossen, sie waren den Nachmittag über mit Interviews und einer Pressekonferenz wegen Andrews Preis beschäftigt. Erst später, als ich schon schlief, hatten die Kopps und mein Vater noch etwas an der Bar getrunken, wie mir jetzt Andrew erzählte, mit dem wir uns im Foyer trafen, um gemeinsam im Hotelrestaurant zu frühstücken. Ich fragte ihn, kaum dass ich ihn sah, warum und wohin er am vorigen Morgen verschwunden war, zusammen mit dem schwachsinnigen Mann, nach dem Vorfall auf der Straße.

So nannte ich ihn nicht. Ich sagte Bertrand, warum auch immer, das war mir nicht wichtig, es wäre sinnvoller gewesen, ihn den schwachsinnigen Mann zu nennen. Aber Andrew beantwortete meine Fragen nicht.

»Er ist Künstler«, war das Einzige, was er sagte. »Sprich mit ihm. Du wirst schon sehen. Er wird dir alles ganz genau erklären.«

Ich ging ins Zimmer zurück, um mir statt der Puschen Schuhe anzuziehen, fragte mich, was »alles« sein mochte, was mir Bertrand »ganz genau« erklären musste, und hatte jetzt schon keine Lust mehr, ihn wiederzusehen.

Kaum wieder unten, um die anderen im Restaurant zu treffen, sah ich ihn an unserem Tisch sitzen, den Mann, der Bertrand genannt wurde. Er saß zwischen Sonya und Andrew, und die drei meinem Vater und einem freien Stuhl gegenüber, meinem, wie ich annahm. Als Andrew mich kommen sah, wandte er sich direkt wieder an mich:

»Es war ja zu erwarten, dass dein Vater nicht zu einer normalen Zeit fürs Frühstück aufwachen wurde, aber dass er beim Aufwachen Hunger hat, auch wenn es noch nicht Zeit zum Mittagessen wäre. Die Leute vom Restaurant waren so freundlich, das Frühstücksbuffet zu verlängern, also ist das streng genommen ein Frühstücksmittagessen: ein Brunch, wie wir sagen. Vielen Dank nochmal.«

Ein schwarz gekleideter junger Mann – der Verantwortliche für die Küche, nahm ich an – nickte, lächelte, ich glaube, er errötete sogar.

»Sie sind unsere Stargäste heute Morgen«, sagte der junge Mann. »Keine Ursache.«

Der errötete Junge war hübsch. Höflich. Es gelang ihm, ohne schleimig gekünstelten Unterton zu sprechen. Etwas zog sich in mir zusammen. Ich wollte reden, den Jungen berühren, so unbeschwert fröhlich wie Andrew tun, ich wollte auch ein Kopp sein, mich allem ohne Vorurteile nähern und ohne Skrupel. Das Recht haben, einfach so zu handeln, ohne Grund und ohne weitere Erlaubnis einzuholen außer der meinen. Ich suchte in den Augen des Jungen eine ähnliche Neugier, ähnliches Verlangen, aber ich sah nichts als Haltung und Steifheit gut gedrillten Personals.

Das passierte mir immer wieder in letzter Zeit, in den vergangenen Monaten: Ich spürte ein Stechen im Bauch, identifizierbar als die ebenso unvermittelte wie eigensinnige Notwendigkeit nach einem bestimmten...


Xita Rubert, geboren 1996 in Barcelona, studierte Literatur und Philosophie in Barcelona, Warwick und Paris. Sie promoviert derzeit an der Princeton University und ist als Lektorin tätig. »Die Unordentlichen« ist ihr erster Roman.



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