Rubiner | Essentielle Schriften | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 194 Seiten

Rubiner Essentielle Schriften


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3430-8
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 194 Seiten

ISBN: 978-3-8496-3430-8
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ludwig Rubiner war Dichter, Literaturkritiker und Essayist des Expressionismus. Dieser Band umfasst seine Schriften Politisierung des Theaters Fjodor Sollogub Ferruccio Busonis Musikästhetik Die Anonymen Der Dichter greift in die Politik Aufruf an Literaten Brief an einen Aufrührer Untertan Maler bauen Barrikaden Homer und Monte Christo Die Änderung der Welt Hören Sie! Zur Krise des geistigen Lebens Organ Neuer Inhalt Mitmensch Der Kampf mit dem Engel Neuer Beginn Die Erneuerung Blätter für die Kunst Konjunkturbuben Nach Friedensschluß Aus der Einleitung zu Tolstois Tagebuch 1895-1899 Nachwort zu 'Kameraden der Menschheit' Nachwort zu 'Die Gemeinschaft' Dichter Voltaire

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 Die Legende ist der erste Schritt zur Wahrheit.

 Dostojewski

Ein kritischer Dichter griff in die Politik, ein Literat. Viele wollen mich belehren, daß dies gleichgültig sei, daß der Fall überschätzt werde. Ich kann es nicht finden. Es ist zu bedenken, daß hier ein Mann Politik lehrt, der das Kunstdenken einer Generation erzogen hat. Wenn sein Psychologenblatt in einiger Zeit die Öffentlichkeit gewinnt (was nur eine Frage der Beharrlichkeit ist), so wird diese Politik auch wirken.

Gar nicht erst einlassen kann ich mich mit andern Leuten, Schweinen einer skeptischen Naivtuerei, die fragen: Wozu überhaupt man denn Politik treibe – und das Leben – und es komme doch alles von allein ...

Politik ist die Veröffentlichung unserer sittlichen Absichten. Und wenn es irgendwo eine Wahrheit gäbe, die beweisen ließe, daß unsere sittliche Absicht keine sittliche Pflicht ist – so sind noch hunderttausend Menschen da und bereit, sie für eine sittliche Pflicht zu halten. Das ist ausschlaggebend.

Ich weiß einiges, über das zu diskutieren ich nicht mehr bereit bin. Ich weiß, daß es nur ein sittliches Lebensziel gibt: Intensität, Feuerschweife der Intensität, ihr Bersten, Aufsplittern, ihre Sprengungen. Ihr Hinausstieben, ihr Morden und ihr Zeugen von ewiger Unvergessenheit in einer Sekunde. Ich kenne die Kanonaden der Erdkruste, Staub zerfliegt, alte Dreckschalen werden durchschlagen, heraus siedet das Feuerzischen des Geistes. Ich weiß, daß es keine Entwicklung gibt. Ich weiß, daß das Anhäufen von Massen nicht die Motive dieses Anhäufens (im Menschen) ändert. Daß aus Quantitäten nie durch Addition Qualitäten werden (Entwicklungslehre). Sondern daß nur unsere Zivilisation fortschreitet (ohne Hohn!). Wobei zu sagen wäre, daß Zivilisation die Technik ist, unsere Ermüdungen abzulenken. Daß Zivilisation weder zu bekämpfen noch zu erstreben ist, sondern etwas Vorhandenes, welches uns umfängt, uns verbindlich macht, uns gefangenhält – aber nie beherrscht. Genau zu sprechen: der Fortschritt (unserer) Zivilisation wird uns immer mehr verhindern, unserm Tischnachbar ein paar Ohrfeigen runterzuhauen, aber er wird uns nie verhindern, dies zu wollen.

Ich weiß, daß es nur Katastrophen gibt. Feuersbrünste, Explosionen, Absprünge von hohen Türmen, Licht, Umsichschlagen, Amokschreien. Diese alle sind unsere tausendmal gesiebten Erinnerungen daran, daß aus dem fletschenden Schlund einer Katastrophe der Geist bricht. Nur ein sittliches Lebensziel gibt es: von diesen Erinnerungen die neuen sanften Süßigkeiten der kurz vergangenen Zeiten herabzuhauen. Den Fortschritt der Zivilisation aufzuhalten;

herauszustoßen die Selbstverständlichkeit und Sicherheit des Getragenwerdens von der Umwelt. Einen schnellen Augenblick die Intensität ins Menschenleben zu bringen: Unter Erschütterungen, Schrecknissen, Bedrohungen das Verantwortlichkeitsgefühl des Einzelnen in der Gemeinschaft bewußt machen!

Es gibt Helden, und noch wenn sie krepieren, drohen sie Bewegungen des Schreckens an. Die Scharen der Zivilisation, dröhnende Legionen von Gemüsehändlern, Portiers, Journalisten, Bankbeamten, Premierenbesuchern, unglücklichen Lotteriespielern und patriotischen Hurenwirten treten ihre Leichen mit den Stiefelabsätzen zu Brei.

»Wir?«

Nein. Ich bin nicht allein.

Obzwar dies kein Beweis ist. Aber eine Freude.

Wer sind Wir?

Wer sind die Kameraden? Prostituierte, Dichter, Zuhälter, Sammler von verlorenen Gegenständen, Gelegenheitsdiebe, Nichtstuer, Liebespaare inmitten der Umarmung, religiös Irrsinnige, Säufer, Kettenraucher, Arbeitslose, Vielfraße, Pennbrüder, Einbrecher, Erpresser, Kritiker, Schlafsüchtige. Gesindel. Und für Momente alle Frauen der Welt. Wir sind Auswurf, der Abhub, die Verachtung. Wir sind die Arbeitslosen, die Arbeitsunfähigen, die Arbeitsunwilligen.

Wir wollen nicht arbeiten, weil das zu langsam geht. Wir sind unbelehrbar über den Fortschritt, der ist für uns nicht da. Wir glauben an das Wunder, an das Abtun alles Fließenden in uns, daran, daß unsere Körper plötzlich vom feurigen Geist brennend gefressen werden, an eine ewige Sättigung in einem einzigen Moment. Wir suchen Feuerscheine aus unserem Gedächtnis das ganze Leben lang, stürzen hinter jeder Farbe her, wollen in fremde Räume hinein, hinein mit uns in fremde Körper; verwandeln wir uns in Orgelstimmen, ins Schwingen von Instrumenten, schlüpfen wir durch alle Zellklumpen der Musik, heraus und wieder drinnen, wie Blitze.

Wir zünden eine Zigarette an, wir passen uns in einen neuen Rock, wir trinken Schnaps; Frauen lassen sich mit zuen Augen und wirren Armen ins Wasser fallen (auch sind anbetungswürdige brandstiftende Frauen da). Wir stürzen uns, mit vier Armen, grinsend verkrümmt auf lächerliche Chaiselongues, über Gebirge von Röcken hinweg dringen wir ineinander; es sind für uns Wunder. Und wir tun das alles immer wieder, weil wir nie bis ans Ende enttäuscht sind. Unsere Hoffnung ist unermeßlich, daß die übermäßige Pressung der Seligkeit das tägliche Leben der Zivilisation in Trümmer sprenge.

Wer sind wir? Wir sind die Menschen aus den großen Städten. Herausgetrieben in die Luft gepfeilte Silhouetten zwischen Jahrhunderten. Wir sind die, denen ein Aufenthalt auf der Haut schmerzt; Sekunden der Enttäuschung würden unvergeßlich brennende Wunden der Langeweile fürs Leben. Es muß alles so schnell vorüber, daß die Vergangenheit zischend wie ein Staubschweif hinter Motoren in die Luft fährt. Um uns die Luft muß zittern. Niemals warten! Hindurch durch die schnellen Freundschaften und die Wutausbrüche Rußlands, die gelbgoldenen Trompeten-Sermone Frankreichs, unter italienisches Mißtrauen, blitzschnelles Aufdecken zwischen Konventionen, Hingegebenheit, stechende Worte, Sympathien, Überfälle – hindurch durch Englands Docks, morgens um fünf, unter einem stinkenden Berg von Menschen, die auf Arbeit warten, bereit vorzuspringen und den Nebenmann niederzutreten; hindurch durch den heulenden grauen Staub von Whitechapel ... Wir wollen nicht länger warten. Wir können es nicht länger aushalten.

Wir lieben diesen politischen Dichter so, weil er es nicht aushalten kann. Wir waren noch Schuljungen, da hat uns dieser Europäer gelehrt, daß man nicht zu warten braucht. Und daß »Geduld, alles wird sich schon entwickeln«, eine Stammtischparole ist. Der Mann, Deutschland von Gnaden geschenkt, war immer eine lebendige Katastrophe. Sein Leben ist ein schon mythenhaftes Beispiel unseres Nichtwarten-Könnens. Er kam immer mit Sprengungen in eine deutsche Öffentlichkeit, die gewöhnt ist, Schweinereien so lange entrüstet zu bemurmeln, bis sie sich einkalken. Sein Leben wäre klar, wenn man sich diese folgerecht gebaute Spirale ausdenken könnte: Er beseitigt in der großen Stadt Tschikähgo Existenzen; einen herrschenden Kritiker, der von Kritisierten bar Geld und Viktualien erpreßt. Einen herrschenden Dichtersmann, dessen Fett die Beef-Fabrikanten zum Applaudieren bringt. Einen Polizeiregenten, einen Boß, den überhaupt niemand mehr erträgt. Folgerecht ist dies Leben! Wie, und nur, weil dieses Wirken in der fernen Stadt Tschikähgo abläuft, durch die Ferne exotisch umhaucht ist, sollt es uns mehr angehen als, sagen wir, in Berlin? Wär in Berlin nicht dieser Weg viel Unsriger: vom Kritiker Tappert, dem gesellschaftlichen Fall; über den Dichter Sudermann, dem öffentlichen Fall; zum Dirigenten Jagow, dem politischen Fall?

Ich muß immer lachen, wenn ein Synthet ängstet: Destruktion. Uns macht nur die (einzig!) sittliche Kraft der Destruktiven glücklich. Beweis: Dieser politische Dichter hat jedesmal die deutsche Sprache bereichert. Er hat Rüdigkeiten gelehrt, die im deutschen Bereich noch keiner ausgedacht hatte. Immer, wenn er auffliegen ließ, wurden einzig unzerstörbare Geistigkeiten freigelegt; Beziehungen unserer (sorgfältig versteckt gehaltenen) täglichen Erfahrungen zu, ja, zu Seelischem.

Gewöhnung, Konservierung, Einpökelung, Abwendung, Schwindel ist es, wenn man den Fall dieses Europäers aus der Stadt erledigen will: »Er hat Mut, zugegeben!« Schwindel. Mut ist ein Symptom. Mut hat jeder Literat, wenn er dreimal um den Schreibtisch läuft. Es kommt darauf an, den Mut (oder den Unmut) zu wollen. Ich schrieb, vor etwa einem Jahr, und davon werde ich nichts zurücknehmen können.

»Dieser Mann, der Eindrücke empfangen und geben kann wie die Dichter, opfert selbst und bewußt das eilende, helle Leben; er mordet seine Lust. Mit einer ungeheuren Konzentration von Energie wandelt er Gefühlsformen völlig zu Zielen um, macht alle seligen Gleichgewichtsgenüsse seines Relativismus zunicht;...



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