E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Rudolf Herzklopfen inklusive
2. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7568-0539-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Liebesgeschichten
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-7568-0539-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Brigitta Rudolf schreibt Geschichten über Tiere, Kriminalgeschichten und Geschichten aus dem Leben
Autoren/Hrsg.
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Klassentreffen
Unschlüssig stand Karla vor dem großen, ovalen Standspiegel in ihrem Schlafzimmer. Heute Abend würde sie ja zu dem Klassentreffen gehen – nach fünfzehn Jahren sahen sich die Abiturienten ihres Jahrgangs zum ersten Mal wieder. Als ihr vor vier Wochen die Einladung dazu ins Haus geflattert war, hatte sie diesen Brief erst einmal achtlos zur Seite gelegt. Ihr war der Zusammenhalt ihrer damaligen Klasse nie sonderlich stark vorgekommen. Vielleicht hatte das aber auch an ihr gelegen; Cliquenwirtschaft mochte sie noch nie. Auch Alkohol und Zigaretten waren nicht ihr Ding. So war sie sich fast immer ein wenig wie eine Außenseiterin vorgekommen. Wenn ihre guten Noten sie nicht davor bewahrt hätten, wäre sie sicher noch einsamer gewesen. So rechte Lust hatte sie anfangs nicht, an diesem Treffen teilzunehmen Aber je länger sie darüber nachdachte, desto mehr fand sie doch, dass es möglicherweise interessant sein könnte, die eine oder andere ihrer alten Freundinnen von damals wieder zu treffen. Sicher waren die allermeisten von ihnen inzwischen verheiratet, hatten eventuell Kinder, und einige hatten unter Garantie eine steile Karriere gemacht. Sie selbst leitete inzwischen eine kleine Firma, die optische Geräte herstellte. Einige Jahre lang war sie mit einem Kollegen liiert gewesen, und einige andere Mitarbeiterinnen meinten bereits die Hochzeitsglocken läuten zu hören, aber dann hatten sie und Erik sich doch getrennt. Es gab keinen konkreten Anlass dafür, aber sie hatten beide gespürt, dass es zwischen ihnen einfach nicht mehr prickelte, und so hatten sie ihre Beziehung in beiderseitigem gutem Einvernehmen gelöst. Seither war sie wieder Single und damit auch nicht unzufrieden. Als einziges männliches Wesen war lediglich Kater Brummi kurz danach ins Haus gekommen, und den liebte sie über alles!
Ach nein, das blaue Kostüm erschien Karla dann doch zu förmlich für eine solche Gelegenheit. Den braunen Hosenanzug, mit der dazu passenden hellen Seidenbluse, hatte sie ebenfalls schon als einfach zu elegant beiseitegelegt. Wie war es denn mit dem roten Ensemble, aber war das nicht zu auffallend? In dem Kleid zog sie garantiert alle Blicke auf sich, dass wusste sie, aber wollte sie das überhaupt?
„Was meinst Du dazu?“, fragte sie ihren vierbeinigen Lebensgefährten, der träge neben ihr auf dem Bett lag und sie bei ihrer privaten Modenschau beobachtete. So direkt angesprochen sah Brummi kurz auf, um ihr als Antwort nur einen langen Blick aus seinen tiefgründigen, schönen gelben Augen zuzuwerfen. Mehr war von ihm offenbar nicht zu erwarten.
Seufzend zog Karla schlussendlich ihre Lieblingsjeans aus dem Schrank, und entschied sich dafür, die hübsche rote Seidenbluse anzuziehen. Die passenden roten Pumps fanden sich ebenfalls schnell. Dazu wollte sie die kurze Lederjacke, die sie so gern trug, anziehen, und damit war ihr Outfit komplett. Ja, das würde gehen, so konnte sie sich auf jeden Fall sehen lassen. Also noch schnell ins Bad, die langen blonden Haare wurden frisch gewaschen, etwas Make-up aufgelegt, und endlich war sie mit ihrem Aussehen zufrieden. Es wurde jetzt auch allerhöchste Zeit ein Taxi zu rufen, wenn sie pünktlich erscheinen wollte.
Später, auf dem Weg zu dem Lokal in dem das große Klassentreffen stattfinden sollte, überlegte Karla noch einmal, wen sie heute Abend mit Sicherheit treffen würde. Bestimmt Elke und Christiane, die beiden Initiatorinnen dieser Veranstaltung. Dazu die kleine Marga, Sandra und ganz bestimmt auch Martina und Silke, die beiden unzertrennlichen Freundinnen seit Urzeiten. Vielleicht war Renate dort; und Olga und ihre Zwillingsschwester Anna noch einmal wiederzusehen, das wäre auch nett. Wer von den Jungs wohl kommen würde? Gunnar, der Klassenprimus, hatte sich schon damals keine Gelegenheit entgehen lassen, sich in Szene zu setzen, ob das heute noch so war? Sein bester Freund zu der Zeit war Gregor, so erinnerte Karla sich. Ach ja, mit Achim und Johannes hatte er auch ständig herumgehangen. Ob Felix wohl heute auch kommen würde? In Felix war sie sehr verliebt gewesen; fast alle Mädchen aus der Klasse hatten für ihn geschwärmt. Er sah aber auch verdammt gut aus zu der Zeit. Groß, athletisch gebaut, dunkle Haare und lang bewimperte blaue Augen, die immer fröhlich strahlten. Er war gut in der Schule und bei allen beliebt, weil er immer nett und zuvorkommend war. Auch die Lehrer mochten ihn. Es hieß, er habe eine feste Freundin außerhalb der Schule, die allerdings nie jemand zu Gesicht bekommen hatte. Keiner wusste, ob das auch der Wahrheit entsprach oder nur ein Gerücht war. Ob Felix immer noch so toll aussah? Sicher war auch er längst verheiratet oder anderweitig gebunden, dachte Karla etwas wehmütig. Dann hielt das Taxi an und riss sie damit unsanft aus ihren Erinnerungen an die Schulzeit. Schnell zog sie ihr Portemonnaie hervor und zahlte, bevor sie ausstieg. Ein wenig beklommen stand sie vor der Eingangstür des Lokals. Sie mochte zwar nicht gern allein hineingehen, aber da momentan niemand anderer da war, blieb ihr wohl nichts anderes übrig. Also raffte sie ihren ganzen Mut zusammen, drückte die Türklinke herunter und trat ein. Was soll´s, dachte sie dabei, schließlich konnte sie jederzeit wieder gehen, wenn sie sich langweilte.
„Hallo Karla, wie schön, dass Du gekommen bist“, tönte es ihr entgegen. Elke und Christiane standen an der langen Theke im Eingangsbereich, um dort die ankommenden Gäste zu begrüßen und ihren zu zeigen, welcher Raum des Restaurants für ihre Gruppe reserviert war.
„Bis auf Gregor haben alle zugesagt, und die meisten sind auch schon da“, informierte Christiane sie kurz.
„Prima, bis gleich“, antwortete Karla und marschierte in die angegebene Richtung, aus der ihr bereits fröhliche Stimmen entgegen tönten. Eine Frau lachte schallend, das hörte sich nach Martina an, fand Karla. Vielleicht würde es doch ein netter Abend werden, hoffte sie.
Als Karla den Raum betrat, eilte ihr Gunnar entgegen. Er hielt zur Begrüßung ein Glas Sekt in der Hand.
„Ach Karla, altes Mädchen, Du hast Dich gar nicht verändert!“, schmeichelte er, während er ihr das Glas reichte und ihr zuprostete. Du auch nicht, dachte Karla etwas entnervt, während sie ihm das Glas aus der Hand nahm und höflich antwortete: „Ich habe Dich auch gleich erkannt, alter Junge!“
Mit dieser kurzen Antwort schien Gunnar hochzufrieden und wandte sich wieder ab. Das gab ihr Gelegenheit Olga und Anna zu begrüßen, die neben ihm standen, während Gunnar weiter segelte. Dann ließ sie ihren Blick durch den großen Raum schweifen. Tatsächlich, fast alle waren gekommen. Gregor war kurzfristig erkrankt, ließ aber alle herzlich grüßen, erfuhr sie von Silke. Aber wo blieb nur Felix? Karla hatte sich längst eingestanden, dass sie eigentlich nur seinetwegen hierhergekommen war. Etwas enttäuscht lauschte sie dem belanglosen Geplapper der Anderen, die von ihren Familien oder dem Job erzählten. Elke und Christiane hatten sich inzwischen auch zu ihnen gesellt, und Elke verkündete, dass Felix sich soeben per Handy bei ihr gemeldet und angekündigt hatte, dass er sozusagen „im Landeanflug“ sei, aber durch einen Stau auf der Autobahn aufgehalten worden sei. Er freue sich sehr seine „alten Mitstreiter“ wiederzusehen, ließ er weiter ausrichten. So setzte man sich zum Essen nieder, und Karla erfuhr von einigen anderen Klassenkollegen wie es ihnen seit der Schulzeit ergangen war. Sie hörte allen geduldig zu, ließ sich Fotos der Sprösslinge ihrer alten Freundinnen zeigen und gab passende Antworten auf alle Fragen. Trotzdem ertappte sie sich immer öfter dabei, wie ihre Augen zur Eingangstür wanderten, in der Hoffnung, dass Felix auftauchen würde.
Und endlich, das Abendessen war längst abserviert worden, betrat er den Raum. Karla´s Herz begann wie wild zu klopfen. Er strahlte wie früher und begrüßte alle sehr freundlich. Gut sah er aus, immer noch, fand Karla. Einige Frauen waren aufgestanden und ihm entgegengeeilt, um ihn willkommen zu heißen. Karla, die sich neben Olga gesetzt hatte, weil die mit ihrem gebrochenen Fuß nicht aufstehen konnte, blieb sitzen. Olga´s gute Laune war durch diesen Unfall nicht beeinträchtigt worden, und sie hatte es sich absolut nicht nehmen lassen wollen, an diesem Treffen teilzunehmen.
„Der Flunk ist schon wieder auf dem Weg der Besserung!“, hatte sie forsch gesagt, sich aber dennoch gefreut, als Karla, die sich neben ihr niedergelassen hatte und auch nach dem Essen nicht wieder aufgestanden war. Endlich hatte auch Felix sich zu ihnen durchgekämpft. Wie immer, schien er bester Laune zu sein. Essen mochte er nicht mehr, verkündete er. Er hatte sich unterwegs an einer Raststätte schon ein belegtes Brötchen gegönnt, als feststand, dass er es keinesfalls rechtzeitig zum Essen schaffen würde.
„Na, Ihr zwei Hübschen, wie geht es Euch?“, erkundigte er sich freundlich.
„Unkraut vergeht nicht, das weißt Du doch“, ulkte Olga.
Nachdem Felix sein Bedauern darüber zum Ausdruck gebracht hatte, wie schwer sie durch den Gips gehandicapt...




