Rudolph | Zur Geschichte der Eurythmie | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 8, 242 Seiten

Reihe: KONTEXT

Rudolph Zur Geschichte der Eurythmie

Rudolf Steiner und die Architektur der frühen Unterrichtsräume
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8288-5619-6
Verlag: Tectum Wissenschaftsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

Rudolf Steiner und die Architektur der frühen Unterrichtsräume

E-Book, Deutsch, Band 8, 242 Seiten

Reihe: KONTEXT

ISBN: 978-3-8288-5619-6
Verlag: Tectum Wissenschaftsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Von der Reformbewegung des Philosophen und Esoterikers Rudolf Steiner (1861-1925) ist in der breiten Öffentlichkeit vor allem die Waldorfpädagogik bekannt. Die von Rudolf Steiner geschaffene spezifische Kunstform 'Eurythmie' ist dagegen häufig nur Waldorfschülern und deren Familien geläufig. Sibylle Rudolph erschließt nun erstmals, vor dem Hintergrund der Reformbewegungen zu Beginn des letzten Jahrhunderts, die Kunstmittel und die Geschichte der Eurythmie und stellt sie im Zusammenhang dar. Darüber hinaus illustrieren die verwendeten Berichte von Augenzeuginnen und Augenzeugen anschaulich, welches Verhältnis die Anhänger Rudolf Steiners zu ihm persönlich und zu der von ihm entwickelten Anthroposophie hatten und ermöglichen damit eine Rekonstruktion der Lebensumstände und des besonderen Sozialverhaltens am Ersten Goetheanum, dem ersten eigenen Theaterbau für den expressiven Eurythmie-Tanz. Die spezifische Farb- und Formensprache Rudolf Steiners ist heute vor allem in den Eurythmiesälen der weltweit 1003 Waldorfschulen zu finden. Die Recherchen zur Gestaltung und Ausstattung lassen erkennen, dass in den historischen Unterrichtsräumen eine sakrale Stimmung erlebbar war. Durch Berichte von Künstlern und pädagogisch Aktiven der Gegenwart ergänzt Sibylle Rudolph ihre Erkenntnisse und eröffnet den Ausblick auf das Thema wie Architektur und Einrichtung das Unterrichten unterstützen können. Damit liefert das Buch wertvolle Anregungen auch für die aktuelle Bildungsdebatte.

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Quellenlage

Rudolf Steiner hielt in Laut-Eurythmie neben seinem Einzelunterricht für Schülerinnen in den Jahren 1915 und 1924 auch zwei Gruppen-Kurse ab. Eine Heileurythmie-Veranstaltung im April 1921 legte er „für Mediziner und solche Eurythmisten, die länger als zwei Jahre im Studium waren“11 aus. In der Ton-Eurythmie fand ein Kurs im Februar 1924 statt. Die Kurse und Seminare wurden zunehmend professionell mitgeschrieben und seine Vorträge auf Grundlage der Stenographien schriftlich fixiert. Rudolf Steiner äußerte sich häufig zur Eurythmie, so dass sich in seinem Vortragswerk viele Hinweise finden. Die von ihm gehaltenen Ansprachen vor Eurythmie-Aufführungen wurden in einem eigenen Band zusammengestellt.12

Primärliteratur

Als reine Primärliteratur stehen von Rudolf Steiner nur wenige von ihm selbst geschriebene Bücher und einzelne Autoreferate13 zur Verfügung. Die meisten Veröffentlichungen unter seinem Namen sind autorisierte Mitschriften von Ansprachen und Vorträgen. Auch die Antworten auf Fragen, die Rudolf Steiner nach seinen Vorträgen gestellt wurden, wurden festgehalten.14 In den ersten Vortragsjahren ist jedoch noch nicht gezielt mitstenographiert worden. Zum Teil wurden die Veröffentlichungen mit Ablichtungen der Tafelzeichnungen und Faksimiles von Rudolf Steiner versehen. Das gesamte Werk umfasst etwa 360 Bände mit Vorträgen und Schriften. Den größten Teil machen die etwa 6000 Vorträge und Ansprachen aus, von denen rund 4500 mitstenographiert wurden. Rudolf Steiner hinterließ etwa 600 Notizbücher, 7000 Notizblätter und Tausende von Briefen.15 Zu ihrer Herausgabe ist die Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung um präzise Bearbeitung der Vorlagen bemüht.16

Über die frühen Mitschriften berichten Ludwig Kleeberg17 und Andrej Belyj18. Die Zeitgenossin Klawdija Bugajewa erinnert sich: „Die stenographischen Niederschriften, in welchen die Vorträge uns erreichten, waren nicht immer glatt, aber diese Unebenheit gab vielleicht die lebendige Intonation der Stimme besser wieder. Noch bevor ich den Doktor kennenlernte, kannte ich ihn.“19

Auch die faksimilierten Bauentwürfe gehören zur Primärliteratur. Sie finden sich in Veröffentlichungen der Sekundärliteratur. Rudolf Steiners Primärskizzen sind häufig dadurch entstanden, dass jemand mit einer Frage, Idee, einem Wunsch oder Vorschlag auf ihn zukam. Er antwortete, griff zum Stift und entwarf. Von diesen Skizzen liegen nur noch wenige vor. Die erhaltenen Pläne sind dagegen hauptsächlich Nachfolgepläne, die auf Grundlage der ersten Skizzen entstanden oder nach mündlichen Äußerungen angefertigt worden sind. Auf einigen zeichnete Rudolf Steiner Korrekturen ein.20 Es ist davon auszugehen, dass die meisten dieser Eingriffe, die sogenannten Doktor-Korrekturen, befolgt und umgesetzt worden sind.21 Aufzeichnungen wie die von Hermann Ranzenberger zeigen, dass Rudolf Steiners Wort für seine Mitarbeiter eine unbezweifelbare Gültigkeit hatte. Diese AugenzeugInnenberichte sind in der Bibliographie unter der Bezeichnung Weitere historische Quellentexte zusammengefasst.

Die Architekturpläne und Skizzen des Ersten Goetheanums sind, bis auf wenige Ausnahmen, in den Büchern der Primär- und Sekundärliteratur nicht wie andere topographische Karten nach Norden ausgerichtet, sondern nach Osten. Dadurch wirkt die Anlage wie ein Kirchenbau, da sich die beiden runden Räume und die Querbauten zu einem stehenden Kreuz zusammenfügen.

Augenzeuglnnenberichte

Die Erinnerungsliteratur als maßgebliche Quelle stellt ein großes Problem in der wissenschaftlichen Annäherung dar, denn sie ermöglicht einen nur eingeschränkt gültigen Beitrag. „Augenzeugenberichte werden naturgemäß mitbestimmt durch Erwartungshaltung und subjektive Einstellung der jeweiligen Beobachter. Sie sind bestenfalls imstande, Außenansichten zu liefern.“22

Ein weiteres Problem ist der Sprachstil in den Veröffentlichungen. Tritt der persönliche Bezug zu Rudolf Steiner stark hervor, werden dem Leser der Erinnerungen mehr Empfindungen des Autors oder der Autorin vermittelt als sachdienliche Hinweise. Von den Augenzeugen beschrieb vor allem Ludwig Kleeberg die Jahre 1904 bis 1910 und stützte sich dabei auf Tagebuchaufzeichnungen. Der größere Teil der Veröffentlichungen wurde aus der Erinnerung, im Nachhinein, verfasst. Für die Aufarbeitungen des Materials der Eurythmistinnen, die teilweise fünfzig Jahre später vorgenommen wurden, standen fast keine tagesaktuell erstellten Notizen zur Verfügung, und von dem wenigen Dokumentationsmaterial ging später ein weiterer Teil verloren.23

Inhaltlich haben die Zeitzeugen vor allem Handlungen und Anweisungen von Rudolf Steiner beschrieben. Von ihren eigenen Erfahrungen im Umgang mit der Eurythmie und ihren Erlebnissen an den von Rudolf Steiner gestalteten Unterrichtsräumen geben die ersten Eurythmistinnen leider fast nichts bekannt. Auch von den anderen Saalbenutzern schrieben nur drei Personen etwas über die Innenausstattung des Weißen Saals. Diese Aufzeichnungen sind bis dato unveröffentlicht. Die äußeren Gegebenheiten des Eurythmeums in Stuttgart und des Saals in der Rudolf Steiner-Halde I waren über Baupläne rekonstruierbar, jedoch gibt es dazu keine weiteren Beschreibungen.

Die ersten beiden Eurythmistinnen, Lory Maier-Smits und Tatiana Kisseleff, haben ihre Unterrichtsstunden bei Rudolf Steiner aufgearbeitet, wenn auch zum Teil erst viele Jahre später. Von der Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung durch Edwin und Eva Froböse herausgegeben entstand das Buch Rudolf Steiner: Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie, in dem ein großer Teil dieses historischen Materials zusammengestellt ist.

Auch von anderen Eurythmistinnen liegen derartige Aufzeichnungen vor, die Regieangaben aus der Bühneneurythmie beschreiben und eurythmische Anweisungen von Rudolf Steiner wiedergeben. Auch Persönliches wird berichtet, auch von Gesprächen mit Rudolf Steiner. Für das Nacherzählen der Begebenheiten wurde häufig die direkte Rede eingesetzt. Daraus entstanden Formulierungen, die heute umgangssprachlich mit: „Der Doktor hat gesagt“ betitelt werden. (Siehe 2.8.1 ‚Das persönliche Umfeld‘, S. 87)

Diese nachträglich verfassten und zum Teil mehrmals nachgearbeiteten Erinnerungen stellen zwar kein abgesichertes Erhebungsmaterial dar, vermitteln aber trotzdem eine Vorstellung von den damaligen Lebensumständen. Insofern geben sie Aufschluss über den Kontext, aus dem heraus Eurythmie entstand und sich weiter entwickelt hat.

Der Wert dieser Berichte für die Dissertation liegt in der Darstellung und Beschreibung von sonst unbekannten Details. Trotzdem sind die Erinnerungsberichte nur eingeschränkt gültig, da bei jeder Wiedergabe einer Gegebenheit aus dem Verständnis der Gegenwart das vermeintlich Unwichtige ausgesondert wird. Das heißt, dass jede ErzählerIn durch die zwischenzeitlich eingetretenen Lebenserfahrungen im Moment des Erzählens das ehemalige Ereignis verändert. Dabei entstehen Fehler.24 Davon sind manche offensichtlich. Die Erinnerungsliteratur enthält aber auch Fehler, die nach hundert Jahren Entwicklungsgeschichte der Eurythmie nicht mehr unmittelbar erkennbar sind. Hinzu kommen Schreibfehler, die ich abzuklären hatte um sicherzustellen, dass es sich nicht um künstlerischen Eigenwillen handelt.25

Einige der Erinnerungsbücher sind nachgelassene Veröffentlichungen. Dazu gehören Niederschriften aus den Jahren 1927 bis 1929 von Ralph Kux.26

In Büchern und Zeitschriften sind Aufarbeitungen und Ergänzungen aus den Nachlässen erschienen, die häufig Eurythmie-Kolleginnen verfasst haben. Die durch Hedwig Greiner-Vogel posthum zusammengefassten Schriftstücke und Erinnerungsskizzen von Alice Fels machen deutlich, wie Rudolf Steiner mit den werdenden Eurythmistinnen gearbeitet, was und wie er korrigiert hat.27 Magdalene Siegloch veröffentlichte den Lebenslauf von Lory Maier-Smits.28 Und Brigitte Schreckenbach veröffentlichte Autobiographisches von Tatiana Kisseleff.29

Jedoch haben einige der ersten Eurythmistinnen ihre Erinnerungen an Rudolf Steiner auch direkt festgehalten und über die Eurythmie geschrieben. So veröffentlichte Annemarie Dubach-Donath30 1928 das erste deutschsprachige Buch zum Thema.31 Im Jahr 1938 wurde Tatiana Kisseleff von Marie Steiner gezielt um ihre Niederschrift gebeten.32 Angeregt durch Eva Froböse schrieben in der 1960ern Lory Maier-Smits und andere ihre Erinnerungen auf.33

Die Namen der meisten Eurythmistinnen erscheinen im nachfolgenden Text durchgehend als Doppelname, auch wenn viele von ihnen beim Einstieg ins Berufsleben noch unverheiratet waren. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts, als sich die Eurythmie unter Rudolf Steiner entwickelte, blieb den Frauen in der Schweiz bei ihrer Heirat der Mädchenname amtlich erhalten, auch wenn sie von da an unter ihrem neuen Namen arbeiteten und angesprochen wurden. Das Zentrum der anthroposophischen Bewegung, aus der die Eurythmie hervorgegangen ist, befand und befindet sich in der Schweiz. Das führt in den Veröffentlichungen anthroposophischer Verlage zu Doppelnamen, auch wenn die Ehe nicht in der Schweiz geschlossen wurde. Um der Genauigkeit willen setze ich in meiner Dissertation beide Namen ein, auch wenn der Mädchenname abgelegt wurde. Ich schreibe hierbei zuerst den angeheirateten Namen und verbinde ihn mit einem Bindestrich mit dem Mädchennamen. Damit die Zuordnung der Eurythmistin eindeutig ist, verwende ich den Doppelnamen durchgehend und unabhängig von dem Zeitpunkt der Eheschließung. Im Personenverzeichnis entsteht damit die doppelte Nennung des...



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