Rühli / Thier | Weissbuch Corona | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 144 Seiten

Rühli / Thier Weissbuch Corona

Die Schweiz nach der Pandemie. Befunde – Erkenntnisse – Perspektiven
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-907291-55-9
Verlag: Schwabe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die Schweiz nach der Pandemie. Befunde – Erkenntnisse – Perspektiven

E-Book, Deutsch, 144 Seiten

ISBN: 978-3-907291-55-9
Verlag: Schwabe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die COVID-19-Pandemie hat sich in rasantem Tempo ausgebreitet, sie hat die Welt vor umfassende Herausforderungen gestellt und tief in alle Bereiche des menschlichen Miteinanders eingegriffen. Das Gesundheitssystem, die Regierung, die Verwaltung und die Parteien, das Staatsverständnis und das Rechtswesen, die Wirtschaft, der Verkehr, die Wissenschaft, Forschung und Bildung, unser Sozialverhalten, Ethik und Religion - kein Bereich des öffentlichen Lebens blieb von der Krise unberührt. Und die Folgen dieser Umwälzungen sind noch längst nicht abschätzbar. Hier setzt das Weissbuch Corona an: Erstmals in einem interdisziplinär angelegten Band zu diesem Thema versammelt, untersuchen 40 Expertinnen und Experten, Praktikerinnen und Praktiker aus allen Lebens- und Wissensbereichen die mittel- und langfristigen Auswirkungen von Corona für die Gesellschaft und das öffentliche Leben in der Schweiz. Fachliche Analysen und Erfahrungsberichte aus der Praxis vermitteln Erkenntnisse aus der Pandemie. Sie zeigen Perspektiven für die Zeit nach der Krise auf und treiben damit auch gesellschaftliche Debatten voran. Die so gewonnenen Lehren aus der Corona-Pandemie können helfen, die Widerstandsfähigkeit der Gesellschaft für künftige Krisen zu stärken. Mit Beiträgen von Matthias Egger, Eva Maria Belser, Roger de Weck, Katrin Schneeberger, Volker Reinhardt und vielen weiteren.

Frank Rühli (*1971) ist Professor und Direktor des Instituts für Evolutionäre Medizin an der Universität Zürich. Er hatte und hat aktuell diverse Gastprofessuren inne (u.a. University of Adelaide, Nanyang Technological University NTU Singapore). Er präsidiert u.a. die Stiftung für Archäologie und Kulturgeschichte im Kanton Zürich. Andreas Thier (*1963) studierte Geschichts- und Rechtswissenschaften an den Universitäten Tübingen und München. Den beiden deutschen juristischen Staatsexamina und dem Magisterexamen folgte 1997 die Promotion in München. 2003 zum Professor für Bürgerliches Recht und deutsche Rechtsgeschichte an der Universität Münster ernannt, wechselte er 2004 an die Universität Zürich als Professor für Rechtsgeschichte, Kirchenrecht, Rechtstheorie und Privatrecht.
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Konrad Schmid

Religion und Werte

I. Die Schweiz in der Covid-19-Krise: Rückkehr zu Grunderfahrungen

Die Schweiz gehört zu den sichersten und wohlhabendsten Ländern der Welt. Für ihre Einwohnerinnen und Einwohner machte der Ausbruch von Covid-19 eine seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gekannte individuelle und kollektive Vulnerabilität sichtbar: Die Hilflosigkeit gegenüber der Krankheit und deren für viele Betroffene dramatischen Folgen, das anfängliche Fehlen einer medizinischen Prävention und eines Heilmittels sowie die gesellschaftlichen Einschränkungen aufgrund von Shutdowns (eigentliche «Lockdowns» kannte die Schweiz bislang nicht) haben die Menschen auf die Grunderfahrung zurückgeworfen, dass sie Teil, nicht Lenker ihrer Welt sind. Die Schweiz wurde damit zurückgeholt in eine Erfahrungswelt, an die sie sich kaum mehr erinnern konnte: Der kollektive, nicht nur der individuelle Gesundheitszustand ist fragil, das persönliche und soziale Leben ist brüchig und langfristige Planungen sind kaum möglich.

Was früheren Generationen selbstverständlich war, hat sich dem gegenwärtigen Bewusstsein unmittelbar und schmerzhaft wieder aufgedrängt: Unsere Lebenswelt ist nicht nur Verfügungsmaterial, zu schützende Natur oder sozialer Begegnungsraum, sondern sie hat auch unberechenbare, gefährliche Seiten. Dass sich dieses Bewusstsein wieder eine Stimme verschaffen konnte, hängt im Fall von Covid-19 auch damit zusammen, dass die moderne Schweiz Teil einer globalisierten Welt ist, mit der sie auf vielfache Weise vernetzt ist – besonders durch Handel, Wirtschaft und Tourismus. Die Covid-19-Krise ist zwar von aussen auf die Schweiz zugekommen, aber eine Schweiz ohne internationalen Kontext gibt es heute nicht mehr.

Doch nicht nur Not, sondern auch Solidarität hat die Schweiz in der Covid-19-Krise geprägt: Durch die Erfahrung der Pandemie sind grundlegende Verpflichtungen zwischenmenschlicher und ethischer Art wachgerufen worden, die nicht nur, aber auch der längerfristigen religiösen und kulturellen Tradition der Schweiz entstammen: In Notsituationen, in denen Hilfeleistungen nur beschränkt möglich sind, gilt der Schutz, den die Gemeinschaft erbringen kann, zunächst ihren schwächsten Mitgliedern und denen, die sich um diese kümmern. Natürlich ergeben sich auch hier schwierige Abgrenzungsfragen im Einzelnen, doch niemand hat sich dafür eingesetzt, in der Krise zunächst für die mächtigen, starken und wichtigen Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Militär oder welchen gesellschaftlichen Zusammenhängen auch immer zu sorgen. Ein Blick nur schon in die jüngere Geschichte zeigt, dass diese Option keineswegs immer und überall als absurd empfunden worden wäre – in der Schweiz wie auch in vielen anderen Ländern musste man hierüber nicht diskutieren.

Schliesslich hat sich gezeigt, dass das von der Schweiz erträumte, aber auch oft gelebte Modell einer Insel der Glückseligen in einer minderprivilegierten Umgebung weder realistisch noch nachhaltig ist. Die modernen Herausforderungen machen vor den Landesgrenzen nicht halt. Aber auch im Innern zeigt sich, dass man mit einem unkoordinierten Vorgehen von Gemeinden und Kantonen einer Krise wie der Covid-19-Pandemie nicht wirkungsvoll begegnen kann. Isolationismus – auf welcher Ebene auch immer – ist in modernen Problemlagen nicht möglich.

Will man diese Veränderungen schlagwortartig zusammenfassen, so lässt sich festhalten: Die Covid-19-Krise hat die Schweiz schmerzhaft daran erinnert, dass menschliches Leben verletzlich ist und bleibt, dass bestimmte Herausforderungen grösser sind als die ihnen entgegengestellten «Lösungen» und dass man einer Krise wie dieser Pandemie nur in gemeinsamen, koordinierten Anstrengungen begegnen kann. Die Herausforderungen im Zusammenhang mit Covid-19 haben die Schweiz aber auch an ihre solidarischen und humanitären Wurzeln erinnert, deren sachlicher Gehalt zumindest im innenpolitischen Bereich fraglos von allen beteiligten politischen Akteurinnen und Akteuren respektiert worden ist. Das Wahrnehmen internationaler Verantwortung durch die Schweiz ist demgegenüber limitiert geblieben: Die Impfstoffverteilung an ärmere Länder war kein vorrangiges Thema, das Agieren in der gleichzeitig sich abspielenden, nach wie vor dramatischen Flüchtlingskrise in der Ägäis blieb konturlos – um nur zwei Beispiele zu nennen.

II. Religion in der Krise und Religion im Wandel

In Zeiten der Pandemie war die Religion – konkret: die Kirchen und die Religionsgemeinschaften, aber auch die Theologie – auf verschiedenen Ebenen gefragt. Religion umfasst kognitive, soziale und emotionale Dimensionen; in ihren unterschiedlichen Traditionen und Denominationen sind sie beständigen Entwicklungen unterworfen. Die Covid-19-Krise hat zu bestimmten Ausformungen und Akzentuierungen geführt, die für die Zukunft der geglaubten und gelebten Religion von Bedeutung sein werden.

In kognitiver Hinsicht leben alle Religionen nachgerade davon, dass menschliches Leben grundsätzlich stärker durch Unverfügbares als durch Verfügbares bestimmt wird: Der Zeitpunkt und der Ort der eigenen Geburt, die Zufälligkeit prägender Sozialkontakte, die Unvorhersehbarkeit des eigenen Lebens – all dies lässt sich nicht kontrollieren oder steuern und bestimmt die Menschen doch grundlegend. Die Religionen halten mit ihren Traditionen Deutungsmöglichkeiten bereit, diese Unverfügbarkeiten in kultureller Vermittlung zu interpretieren und einzuordnen. Die Pandemie hat sich als eine Chance für sie gezeigt, diese grundsätzliche Dimension der Unverfügbarkeit des menschlichen Lebens hinter seinen konkreten Vollzügen jeweils deutlich herauszustellen – auch wenn diese Herausforderung de facto nicht immer hinreichend angenommen worden ist. Die gesamtgesellschaftliche Aufgabe der Religionsgemeinschaften besteht nicht darin, ihre eigenen Positionen zu propagieren, sondern darin, die «religious literacy» der Bevölkerung zu erhöhen. Sie dienen damit zum Beispiel der Prävention von Verschwörungstheorien, deren Verbreitung in der Covid-19-Pandemie etwa mit der Höhe der Impfbereitschaft umgekehrt proportional korreliert ist. Dass die religiösen Akteure in dieser Hinsicht natürliche Partner der Politik sind, liegt auf der Hand.

Was die soziale Dimension betrifft, so ist zweierlei zu bemerken. Einerseits erfuhren die Kirchen und Religionsgemeinschaften während der Pandemie eine bevorzugte Behandlung, da sie ihre Gottesdienste – mit bestimmten Obergrenzen – oft durchführen konnten, während dies für politische, kulturelle oder gesellschaftliche Anlässe in der Regel nicht möglich war. Die Kirchen und Religionsgemeinschaften leisteten mit ihren Anlässen einen wichtigen Beitrag zur sozialen Kohäsion in einer Zeit stark dezimierter persönlicher Begegnungen. Manche Kirchen wurden auch als Impfzentren zur Verfügung gestellt. Doch es zeigte sich auch, dass das von den Kirchen und Religionsgemeinschaften zumindest im ersten Lockdown geduldete einsame Sterben von Kranken – auch wenn deren Isolation medizinisch nachvollziehbar war – kein Konzept für die Zukunft sein kann. Die Kirchen und Religionsgemeinschaften in der Schweiz, aber auch in Europa haben sich in diesem Punkt vielleicht zu konziliant gegenüber den übergeordneten, restriktiven Bestimmungen gezeigt. So hat sich im Lauf der Pandemie das Bewusstsein ausgeformt, dass an dieser Stelle Justierungsbedarf besteht: Niemand soll allein sterben müssen. Das Sterben, dieser Prozess des Aus-dem-Leben-Scheidens, gehört elementar zum Leben hinzu. Die Begleitung dieses Vorgangs kann nicht Opfer von medizinischen Hygienevorschriften werden. Die «Letzte Hilfe» ist eine Pflicht am Nächsten, für deren Erhalt die Kirchen und Religionsgemeinschaften Verantwortung übernehmen müssen.

In emotionaler Perspektive können die Kirchen und Religionsgemeinschaften einen institutionellen Raum bieten, in dem sich neben den wirtschaftlichen und sozialen Einschränkungen, die eine Pandemie mit sich bringt, auch die seelischen Entbehrungen von Menschen in Notlagen thematisieren lassen. Dies kann öffentlich in Gottesdiensten oder auch nicht öffentlich in persönlicher Seelsorge geschehen. Wichtig ist jedenfalls, dass diesen Dimensionen menschlichen Lebens entsprechende Räume zu ihrer Darstellung und Thematisierung gegeben werden. Sowohl öffentliche Veranstaltungen wie auch seelsorgerliche Kontakte sind unter Wahrung von Distanzmassnahmen möglich – etwa über soziale Medien, Telefon oder andere Kommunikationsmöglichkeiten. Die menschliche Ultrasozialität kann nicht über längere Zeiträume hinweg eingeschränkt werden, ohne dass dies mit einer Schädigung der emotionalen Stabilität der Menschen einherginge. Die Kirchen und Religionsgemeinschaften tragen eine institutionelle Verantwortung, diesen Gefahren kreativ, wirkungsvoll und nachhaltig zu begegnen. Die nicht zu unterschätzenden digitalen Kompetenzen der älteren Generationen sind weiter zu fördern. Die Gedenkminute am 5.März 2021 für die bis damals zu beklagenden 9300 Opfer der Pandemie zeigte, dass das gesamtgesellschaftliche Engagement von Kirchen und Religionsgemeinschaften von der Öffentlichkeit geschätzt und gefordert und auch von der Politik getragen wird.

III. Die Kirchen und Religionsgemeinschaften in künftigen Krisen

Die Kirchen und Religionsgemeinschaften, aber auch die wissenschaftliche Theologie haben zunächst deutlich zu machen, dass kommenden Krisen – besonders wenn sie globales Ausmass haben oder von einer persönlichen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Dramatik wie diejenige der Covid-19-Pandemie sind – mit dem vielleicht...


Frank Rühli (*1971) ist Professor und Direktor des Instituts für Evolutionäre Medizin an der Universität Zürich. Er hatte und hat aktuell diverse Gastprofessuren inne (u.a. University of Adelaide, Nanyang Technological University NTU Singapore). Er präsidiert u.a. die Stiftung für Archäologie und Kulturgeschichte im Kanton Zürich.
Andreas Thier (*1963) studierte Geschichts- und Rechtswissenschaften an den Universitäten Tübingen und München. Den beiden deutschen juristischen Staatsexamina und dem Magisterexamen folgte 1997 die Promotion in München. 2003 zum Professor für Bürgerliches Recht und deutsche Rechtsgeschichte an der Universität Münster ernannt, wechselte er 2004 an die Universität Zürich als Professor für Rechtsgeschichte, Kirchenrecht, Rechtstheorie und Privatrecht.



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