Rühmann | Die Wahrheit, vielleicht | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten, Format (B × H): 127 mm x 195 mm

Reihe: rüffer&rub literatur

Rühmann Die Wahrheit, vielleicht

Roman
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-907351-07-9
Verlag: Rüffer & Rub
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

Roman

E-Book, Deutsch, 224 Seiten, Format (B × H): 127 mm x 195 mm

Reihe: rüffer&rub literatur

ISBN: 978-3-907351-07-9
Verlag: Rüffer & Rub
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Felipe ten Holt ist Verhörspezialist bei einem Geheimdienst. Mühelos bewegt er sich zwischen Sprachgrenzen und erkennt Zusammenhänge, die anderen Menschen verborgen bleiben. In den Antworten der Befragten sucht er nach Übereinstimmungen und Auffälligkeiten und entwickelt die Gabe, im Dickicht zwischen Worten und Gesten, Täuschung und Enthüllung die Wahrheit auszumachen. Er, der aus ihm vorenthaltenen Gründen früh seinen Vater verliert und dessen Mutter zu schwach ist, um sich gegen den Stiefvater durchzusetzen, entwickelt eine geradezu obsessive Suche nach der Wahrheit. Dies prägt sein ganzes Leben: Er lernt den Unterschied zwischen Erkenntnis und Geständnis, zwischen Schuld und Unschuld kennen. Und Felipe gehört zu den Besten, sein Ausbildner wählt ihn bald einmal für die besonders heiklen Fälle aus. Doch in einem schier aussichtslosen Verhör unterläuft Felipe ein fataler Fehler, was den sensiblen jungen Mann dazu zwingt, sich eine neue Aufgabe zu suchen. Nach diesem Rückschlag nimmt sich Felipe vor, die Kommunikation zwischen fremden Menschen nur herzustellen, aber nicht zu lenken. Als Dolmetscher für Menschen, die aus verschiedensten Gründen auf Hilfe angewiesen sind, zieht er sich auf die Rolle des Vermittlers zurück und hofft, so die Kontrolle und Orientierung zu behalten, die er einst verloren hatte. Doch bald beginnt er zu ahnen, dass diese Erwartung eine Illusion ist. Einzig die »Junge Frau«, deren Porträt im Kunsthaus Zürich Felipe immer wieder aufsucht, scheint zu verstehen, was in ihm vorgeht. Und so ist es nur logisch, dass ihn sein Weg in der größten Not zu ihr führt.

Karl Rühmann wurde in Jugoslawien geboren und wuchs dort auf. Er studierte Germanistik, Hispanistik und Allgemeine Literaturwissenschaft in Zagreb und Münster und war Sprachlehrer und Verlagslektor. Heute lebt er in Zürich als Literaturübersetzer und Autor von Romanen, Hörspielen und zahlreichen, international erfolgreichen Kinderbüchern.
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FEYMANN

•Ich bin sicher, dass der Verdächtige der Täter ist. Die Beweise sind eindeutig.

•Sag ihm das.

•Direkt?

•Direkt, ten Holt. Aber erzähl ihm nicht alles, was du weißt.

•Warum nicht?

•Damit auch er etwas zu erzählen hat.

•Aber ich kenne die Geschichte.

•Nicht von ihm.

•Soll er nicht denken, dass er nichts zu verlieren hat?

•Er soll denken, dass er etwas zu gewinnen hat.

Ich besuchte meine Mutter nicht mehr so oft. Vor mir selbst redete ich mich auf das Ende des Schuljahres aus, die Prüfungen und das Zeugnis, was einigermaßen funktionierte. Frinkels Eltern nahmen mir die Ausreden nicht ab, sie drängten mich immer wieder dazu, in die Klinik zu fahren. »Deine Mutter würde sich sehr freuen, Felipe. Sie fragt immer wieder, wann du sie wieder besuchen kommst«, sagte Frau Dinkel. Ich sprach es nicht aus, aber es fiel mir schwer zu glauben, dass meine Mutter mich sehen wollte. Wenn ich bei ihr in der Klinik war, saß sie nur still da, sah an mir vorbei und seufzte. Ich hatte immer weniger Lust, ihr von der Schule zu erzählen, denn ich war mir sicher, dass ihr das alles egal war. Manchmal sagte sie seltsame Sachen, und wenn ich nachfragte, sah sie mich verwundert an und wusste nicht, wovon ich sprach. Das machte mir Angst und es machte mich traurig, aber ich getraute mich nicht, den Arzt, der sich um meine Mutter kümmerte, darauf anzusprechen. Ich wollte nicht hinter ihrem Rücken über sie reden, auch nicht mit einem Arzt.

Als sie wieder nach Hause kam und ich bei den Dinkels auszog, schien es ihr besser zu gehen. Sie sprach zwar immer noch wenig, aber dafür sagte sie weniger oft verstörende Dinge. Sie war erst 36, mir kam das schon vor dem Unfall sehr erwachsen vor, aber nun schien mir, als hätte sie sich in den wenigen Monaten in eine alte Frau verwandelt.

Warst du eine gute Tochter? Sprachen deine Eltern häufiger mit dir oder über dich? Hattest du Geschwister? Vielleicht eine Schwester, auf die du neidisch warst? Warst du die Stille, sie die Lebenslustige, du die Kluge, sie die Flatterhafte? Vielleicht war dein Vater ein vermögender Kaufmann, der dank seines Ansehens und seiner Klugheit mit Descartes und Spinoza verkehrte und dich ihnen vorstellte, stolz, aber ein wenig zu gönnerhaft, wie du fandest, und dann lobte Descartes deine Schönheit und Spinoza deine Anmut. Nach ein paar weiteren Komplimenten musstest du gehen, damit sie ihr gelehrtes Gespräch fortsetzen konnten. Trugst du beim kurzen Austausch der Höflichkeiten die Perlenkette, die du auf dem Bild anhast?

Ich könnte mich noch lange in Klischees ergehen und Fragen stellen. Aber wenn ich in deine Augen sehe, wird mir klar, dass ich die Antworten gar nicht wissen will. Wir müssen nicht voneinander Bescheid wissen, um uns nah zu sein. Auch du verstehst dich auf die Einsamkeit, das genügt.

Meine Mutter konnte nicht mehr im Treuhandbüro arbeiten, die Zahlen und Tabellen strengten sie zu sehr an. Die Versicherung legte ihr eine Umschulung nahe, sie wählte die Gärtnerin. Schon vom ersten Tag an ging sie gern in die Gärtnerei, das war ihr deutlich anzusehen. Ich war sehr erleichtert. Meine Hoffnung, dass sie zu ihrer alten Heiterkeit zurückfinden würde, erfüllte sich hingegen nicht. Zu Hause blieb sie verschlossen, antwortete knapp oder gar nicht auf meine Fragen und wollte nicht wissen, womit ich meine Zeit verbrachte. Es gab Tage, an denen wir einander gar nicht begegneten, und wenn doch, dann nur kurz vor dem Kühlschrank oder am Esstisch bei Kaffee und aufgeschlagener Zeitung.

Meine Mutter hatte wöchentlich Arzttermine, sie machte Psychotherapie und unterzog sich zahlreichen neurologischen Tests, schluckte unglaublich viele Pillen mit unglaublich komplizierten Namen und probierte auch alternative Behandlungsmethoden aus. Ihre Zerstreutheit, Vergesslichkeit und ihre Stimmungsschwankungen blieben, die Kopfschmerzen auch. An den Wochenenden verließ sie kaum ihr Zimmer, und wenn ich nach ihr sehen wollte, fand ich einen Zettel an ihrer Tür, auf dem sie mich bat, sie nicht zu stören und leise zu sein.

Wir hatten weniger Geld, trotz der Rente, die wir nach Pappies Tod bekamen. Frau Gubler sagte, dass das Gericht »den Beschuldigten« sehr wahrscheinlich zur Zahlung einer Entschädigung an uns verurteilen würde. Wir machten uns trotzdem keine großen Hoffnungen, Alfred hatte nie Geld gehabt.

Nach ein paar Wochen verkaufte meine Mutter das Auto. Das war nicht weiter schlimm, wir fuhren ohnehin nirgendwo mehr hin. Vielleicht hatte ihr der Arzt das Autofahren verboten, sie erzählte es mir nicht, ich getraute mich nicht zu fragen.

Der Sozialarbeiter ist jung, vielleicht ist diese Besprechung seine zweite oder dritte. Er ordnet seine Blätter auf dem Tisch, legt die Fingerspitzen aneinander, sagt »so« und »schauen wir mal«, dann weiß er nicht weiter. Sein Klient sitzt ihm gegenüber, ein älterer Mann mit müden Augen, sehr blass, sein Haar lang und schütter. Ich sehe mich im Raum um, keine Bilder an den Wänden, nur Aktenschränke, alle gleich, alle zu, neben der Tür ein unbenutzter Garderobenständer. Der Sozialarbeiter nippt an seinem Wasserglas, räuspert sich und dankt dem Klienten, dass er der Einladung gefolgt sei. Der Klient wartet keine Übersetzung ab. Ich erkläre ihm die Sache mit dem Amtsgeheimnis, er sagt, er habe nichts zu verbergen, das Amtsgeheimnis interessiere ihn nicht. Dann verschränkt er die Hände ineinander und wendet den Kopf zum Fenster.

Der Sozialarbeiter räuspert sich. »Das ist eine Routinebesprechung, wissen Sie«, sagt er. »Alles ist eigentlich in Ordnung, aber es ist wichtig, dass alle auf dem neusten Stand sind.« Dann fragt er, ob der Klient, »wie wir das beim letzten Termin besprochen haben«, die fehlenden Kontoauszüge mitgebracht habe. Ich übersetze, der Klient zieht ein Bündel zerknitterter Papiere aus einer Plastiktüte und schiebt sie über den Tisch. Der Sozialarbeiter sieht mich an, ich verstehe seinen Blick, aber ich will ihn nicht verbal weiterreichen. Ich übersetze nur, was gesagt wird, keine Gesten, keine Andeutungen. Er seufzt und zieht die Papiere zu sich heran, streicht sie widerwillig mit der Handkante glatt, wendet sie und versucht sich zurechtzufinden.

»Ist das alles?«

Der Klient nickt. »Natürlich ist das alles. Was denn sonst?«, fragt er und gibt sich große Mühe, feindselig zu klingen. Der Sozialarbeiter legt wieder die Fingerspitzen aneinander und sagt, ja, das sehe auch für ihn vollständig aus, sehr gut sei das, vielen Dank, er müsse nun alles mit der neusten Aufstellung vergleichen. Ich übersetze, der Klient nickt.

»Wie geht es Ihnen denn sonst? Halten Sie alle Arzttermine ein? Waren Ihre Kinder schon zu Besuch?« Ich denke an Feymann und daran, wie er uns immer wieder einschärfte, nie zwei Fragen auf einmal zu stellen.

»Wie läuft es bei der Wohnungssuche?«

»Schlecht.«

»Warum schlecht? Haben Sie …«

Der Klient fällt ihm ins Wort, antwortet auf Deutsch: »Weil kei Wohnig frei, nix.« Dann sagt er es auch noch in seiner Sprache, sucht meine Zustimmung. Ich schweige, sehe zu, wie sich der lange Arm des Baukrans vor dem Fenster langsam bewegt. Das Seil ist gespannt, aber die Last ist zu weit unten, als dass ich sie sehen könnte.

»Ich werde Ihnen eine aktualisierte Liste mit Adressen und Telefonnummern mitgeben«, sagt der Sozialarbeiter. Dann erklärt er, wie das Arbeitsamt funktioniert und dass man die Termine bei der Beraterin unbedingt einhalten müsse. Ob er noch Fragen habe? Der Sozialarbeiter schaut unsicher zu mir. Der Klient hat keine Fragen, ich sehe ihm an, dass er bloß noch etwas Grobes sagen will, aber es fällt ihm offenbar nichts Passendes ein. Einen Augenblick lang überlege ich, warum er so an seiner Wut festhält und was sein eigentliches Problem ist. Aber dann besinne ich mich darauf, dass ich das nicht wissen will. Der Klient sagt nichts, lässt den Kopf kreisen wie ein Boxer vor dem Kampf, sieht mich an, grinst. Ich suche den Kran vor dem Fenster, er schwenkt nun in die andere Richtung, das Seil schwingt frei, ich wüsste gerne, was für eine Last man ihm gleich mitgeben wird.

»Dann wären wir hier fertig«, sagt der Sozialarbeiter und schiebt...


Rühmann, Karl
Karl Rühmann wurde in Jugoslawien geboren und wuchs dort auf. Er studierte Germanistik, Hispanistik und Allgemeine Literaturwissenschaft in Zagreb und Münster und war Sprachlehrer und Verlagslektor. Heute lebt er in Zürich als Literaturübersetzer und Autor von Romanen, Hörspielen und zahlreichen, international erfolgreichen Kinderbüchern.

Karl Rühmann wurde in Jugoslawien geboren und wuchs dort auf. Er studierte Germanistik, Hispanistik und Allgemeine Literaturwissenschaft in Zagreb und Münster und war Sprachlehrer und Verlagslektor. Heute lebt er in Zürich als Literaturübersetzer und Autor von Romanen, Hörspielen und zahlreichen, international erfolgreichen Kinderbüchern.



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