E-Book, Deutsch, 288 Seiten, Format (B × H): 127 mm x 195 mm
Rühmann Matija Katun und seine Söhne
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-907351-37-6
Verlag: Rüffer & Rub
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Roman
E-Book, Deutsch, 288 Seiten, Format (B × H): 127 mm x 195 mm
ISBN: 978-3-907351-37-6
Verlag: Rüffer & Rub
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Karl Rühmann (1959) verbrachte seine Kindheit in Jugoslawien und studierte Germanistik, Hispanistik und Allgemeine Literaturwissenschaft in Zagreb und Münster. Heute lebt er in Zürich als Literaturübersetzer und Autor von Romanen, Hörspielen und zahlreichen, international erfolgreichen Kinderbüchern. Sein Roman »Der Held« war nominiert für den Schweizer Buchpreis 2020. Weitere Bücher: »Die Wahrheit, vielleicht« (2022), »Glasmurmeln, ziegelrot« (2018), »Eine wundersame Reise« (2018), »Komm mit zum Fluss« (2017), »Leseglück« (2015), »Wer bist denn du?« (2010).
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*
Von unterwegs rief ich Brigitte an, die Kollegin, die ich als Stellvertreterin gewinnen wollte. Sie sagte, sie habe sich soeben von ihrem Freund getrennt, womit eine große Reise durch Südostasien ins Wasser gefallen sei. Sie habe also Zeit und freue sich. Ich war erleichtert. »Es tut mir sehr leid wegen der Trennung«, sagte ich. »Ich werde mit der Schulleitung reden. Du verstehst sicher, dass ich nichts garantieren kann.«
»Klar«, sagte Brigitte. »Ich werde meine Begeisterung an die Leine nehmen. Aber tu dein Bestes, okay?«
Ich versprach es.
*
»Ich will es unumwunden sagen, Ingmar«, begann Rilke, als ich in seinem Büro saß. »Auch nach Tagen fällt es mir schwer, deine Entgleisung von neulich einzuordnen. Nicht dass ich es nicht versucht hätte.«
Ich seufzte und gab ihm recht. »Zwar hatte ich an jenem Morgen eine erschütternde Nachricht bekommen«, fügte ich hinzu. »Aber das rechtfertigt mein Benehmen keineswegs. Wäre ich sonst nicht so ausgelaugt, hätte ich das wie gewohnt weggesteckt. Aber so ...«
Rilke nickte und sah aus dem Fenster: »Eltern haben sich bei mir gemeldet. Manche sind bloß besorgt, andere richtiggehend empört. Ich habe sogar einen handgeschriebenen und versiegelten Brief bekommen, man stelle sich das vor. Wie befürchtet, hat sich auch der Vater von Alexis gemeldet. Er ist Anwalt. Mehr muss ich wohl nicht sagen.«
Wir nippten an unserem Kaffee.
»Nun gut«, sagte Rilke. »Du sagtest am Telefon, du habest eine Idee.«
»So ist es. Ich denke, dass es am besten wäre, wenn ich eine Weile nicht unterrichten, sondern mich weiterbilden würde. So würde ich mein drohendes Burn-out abwenden, und du könntest den besorgten Eltern sagen, die Schule habe Maßnahmen getroffen.«
»Du sprichst von Bildungsurlaub?«
Ich nickte.
Rilke fuhr sich mit der Hand über den Kopf. Die Geste stammte vermutlich aus der Zeit, als er noch Haare gehabt hatte.
»Ab wann?«
»Ab Anfang des kommenden Semesters«, sagte ich. »Zunächst ganz normal, danach unbezahlt. Und wie du sicher weißt, habe ich ein Plus auf meinem Stundenkonto und könnte es so endlich abbauen.«
Rilke runzelte die Stirn. »Das wären dann zwei Semester? Sehr kurzfristig. Das neue Semester fängt in wenigen Wochen an. Wie stellst du dir das vor? Das ist doch ... das ist ...«
Ich erzählte von Brigitte, erinnerte Rilke an ihren letzten Einsatz an unserer Schule und beeilte mich zu versichern, dass ich ihr selbstverständlich mein ganzes Unterrichtsmaterial überlassen würde, alle Bücher, alle Arbeitsblätter, dazu die Keynote- und PowerPoint-Präsentationen und die Passwörter zu den einschlägigen Webseiten, aus deren Fundus ich mich bediente.
»So?«, sagte Rilke. »Das macht die Angelegenheit etwas, nun ja, weniger verfänglich. Aber ...«
»Warte, bis ich dir die Details geschildert habe«, fuhr ich hastig fort. »Ich habe mir alles sehr genau überlegt. Das Projekt wäre nicht nur für mich faszinierend, sondern, und das ist viel wichtiger, nutzbringend für meinen Unterricht.«
Er nickte und notierte etwas in sein Heft. Dann strich er sich wieder über den Schädel und lehnte sich zurück.
»Erzähl.«
*
»Das klingt interessant«, sagte Rilke, als ich geendet hatte. Aber es erschließe sich ihm nicht, welchen Nutzen die Schule aus meiner Beschäftigung mit dem Istrorumänischen zöge.
Zum Glück hatten Anna, Marco und ich bei einer Flasche Pinot Grigio genau diese Frage durchgespielt. Ich tat so, als müsste ich kurz nachdenken.
»Meine Überlegungen werden dir zweifelsohne vertraut vorkommen, Linus. Das Problem ist nicht der Schulstoff, sondern das Desinteresse, das unsere Lernenden ihm entgegenbringen. Unsere Schülerinnen und Schüler sind lernfähig, aber nicht lernwillig, schon gar nicht lernfreudig. Sie sehen im Schulstoff Fakten, keine Ideen; jene bleiben fremd, diese würden Emotionen wecken und sich so ins eigene Leben einweben lassen. Dass das ein weiterer Stressfaktor für uns Lehrkräfte ist, steht außer Frage.«
»Das mag sein. Doch ich weiß nicht, ob man ...«
Ich fiel ihm ins Wort: »Wenn sie den Unterrichtsstoff für interessant hielten, wäre es einfacher für uns, sie zu unterrichten, und einfacher für sie, den Stoff zu bewältigen.«
Rilke nickte und überlegte offensichtlich, worauf ich mit meinen unsäglichen Plattitüden hinauswollte.
»Daher meine Idee. Für dich ist der Gedanke nichts Neues, aber für die Jugendlichen schon: Die Sprache ist lebendig, dynamisch, aufregend in ihrer Widersprüchlichkeit, sie verändert sich im Einklang mit unserem Denken, legt sich um neue Ideen, schmiegt sich an neue Gedanken und gibt ihnen eine Form, in der wir sie anderen zeigen beziehungsweise verständlich machen können.«
»Auch das mag sein.« Er nickte und schrieb wieder etwas in sein Heft. »Aber ich sehe immer noch nicht ...«
»Meine Beschäftigung mit einer für sie unzugänglichen Sprache, die es bald nicht mehr geben wird, wird mich befähigen, ihnen den Weg zur emotionalen Seite von etwas zu weisen, was sie für trocken und langweilig halten. Für eine der Methoden, dagegen vorzugehen, hat sich inzwischen die unschöne Bezeichnung ›Storytelling‹ etabliert. Statt den Verbalaspekt oder das Futur 2 als grammatikalische Kategorien verstehen zu müssen, erleben meine Schülerinnen und Schüler beides als etwas Organisches, Lebendiges, etwas, was aber möglicherweise bald sterben wird. Morphologie, Syntax, Lexikologie im Spannungsfeld von Leben und Tod, von Alt und Neu, von Überlieferung und Entdeckung.«
Rilke strich sich erneut über die Glatze. »Grammatik durch Storytelling, das kann ich mir zur Not vorstellen«, sagte er langsam. »Aber braucht es dafür eine sterbende Sprache?«
»Ich denke schon«, antwortete ich.
Rilke sah aus dem Fenster. »Warum nicht Rätoromanisch?«, sagte er. »Da hättest du eine kleine romanische Sprache, die in viele Dialekte beziehungsweise Idiome zerfällt und staatlich gefördert werden muss, damit sie überlebt.«
Marco hatte in Lugano genau diese Frage gestellt, danach hatten wir eine geschlagene Stunde gegrübelt, wie ich den Schachzug parieren könnte.
Wieder tat ich, als müsste ich nachdenken.
»Du hast die Frage zum Teil bereits beantwortet, Linus«, sagte ich meinen Text auf. »Rätoromanisch, das sind staatliche Subventionen, Literatur, Radiosendungen, Fernsehnachrichten. Rätoromanisch, das ist eine der vier Landessprachen. Zwar klein und ebenfalls gefährdet, zugegeben. Im Verlauf der letzten 100 Jahre hat sich der Anteil der Sprechenden halbiert, von 1,1% auf 0,5%. Aber so klein die Sprache auch ist, sie wird im Umgang mit Behörden verwendet. Sie hat ihre Medien, eine lebhafte Schriftlichkeit und somit ein nicht zu unterschätzendes politisches Gewicht. Das alles fehlt dem Istrorumänischen. Nicht einmal diese Bezeichnung ist unstrittig, sie ist auf der Suche nach einem gemeinsamen Nenner künstlich geschaffen worden, gleichsam aus Verlegenheit. Die Leute selbst nennen ihre Sprachen nach den Dörfern, in denen sie leben: Žejanisch, Šušnjevisch. Oder schlicht Vlachisch ... Manche sagen auch Naški, was so viel bedeutet wie ›Unsrig‹ und auf eine geradezu rührende Weise hilflos klingt.«
»Zeihe mich der Begriffsstutzigkeit, aber ich komme um die Frage nicht herum: Warum ist das für deine Unterrichtstätigkeit von Belang?«
»Weil es um mehr geht als nur um die Grammatik. Es geht um die Frage, wie und wie lange kleine Sprachen im Einflussbereich der großen überleben. Wann schwindet ihre Lebenskraft und mit ihr auch ihre Weltsicht und ihre Überlieferung, sofern sie auf sich selbst angewiesen sind? Letztlich geht es auch um die Frage, ob nicht gerade der Umstand, dass Sprachen sterben können, den überzeugendsten Beweis für ihre Lebendigkeit liefert. Ich möchte den Boden für die Grammatik, die Lexikologie und letztlich auch die Literatur fruchtbar machen, indem ich am Beispiel einer sterbenden Sprache demonstriere, was Sprachen am Leben hält. Wie bereits gesagt: Es geht nicht um Fakten, sondern um Emotionen. Unseren Schülerinnen und Schülern gebricht es nicht an der Fähigkeit, Inhalte aufzunehmen, zu verstehen und anzuwenden. Aber für ihre Motivation, dies zu leisten, brauchen sie eine emotionale Beziehung zu ebendiesen Inhalten.«
Ich merkte, dass ich auf bestem Weg war, den Bogen zu überspannen. Darum lehnte ich mich gespielt ermattet zurück und atmete durch. Doch Rilke nickte nur nachdenklich und behielt die Hände auf dem Tisch.
»Nun gut«, sagte er schließlich. »Reiche möglichst bald ein schriftliches Gesuch ein, und ich werde dich unterstützen.«
Ich bedankte mich gerade so überschwänglich, wie es opportun war. Sobald ich draußen war, zog ich mein Telefon aus der Tasche.
*
»Das sind schöne Nachrichten«, sagte Nada. »Dann wohnst du hier, und wir müssen uns nicht dauernd verabschieden. Und das alles heißt Bildungsurlaub? Du hast einen tollen Brotjob.«
Normalerweise hätte ich an dieser Stelle abgewiegelt und irgendetwas von schönem Schein erzählt, aber dieses Mal musste ich ihr zustimmen.
»Ingmar? Du weißt, dass ich dein Nicken nicht sehen kann, oder?«
Ich spürte, wie ich rot wurde. Das konnte sie allerdings ebenso wenig sehen.
»Ja, ja, ich freue mich über die Aussicht auf ein paar Monate in Istrien«, sagte ich.
»Du freust dich auf Istrien?«
...



