Rüster | Abgedreht | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Reihe: Mörderischer Osten

Rüster Abgedreht

Ein Potsdam-Babelsberg-Krimi
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95958-711-2
Verlag: Bild und Heimat Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Potsdam-Babelsberg-Krimi

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Reihe: Mörderischer Osten

ISBN: 978-3-95958-711-2
Verlag: Bild und Heimat Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die bekannte Film- und Fernsehschauspielerin Sophie Graf wird ermordet im Garten ihrer Potsdamer Villa aufgefunden. Für Hauptkommissar Wolff und seine Kollegen steht schnell fest, dass der Täter nur der Ehemann des Opfers sein kann: Daniel Brandt, Drehbuchautor und Schriftsteller, hat kein Alibi, außerdem berichten Nachbarn und Bekannte von heftigen Auseinandersetzungen zwischen ihm und seiner Frau. Die junge hübsche Anwältin Verena Starke verfolgt eine andere Spur, und kann doch nicht verhindern, dass Brandt in Untersuchungshaft gerät. Als aber dann ein zweiter Mord geschieht, scheint alles wieder offen ... In Abgedreht wirft Susanne Rüster einen Blick hinter die Kulissen der Filmstadt Babelsberg. Ist wirklich alles so glitzernd, wie uns die Hochglanzmagazine weißmachen wollen? Gekonnt spielt die Autorin mit den Klischees, die man mit der schillernden Welt der Stars und Sternchen verbindet, und zeigt sie fernab des Blitzlichtgewitters in einem düsteren, dunklen, blutig roten Licht ...

Susanne Rüster, geboren 1954, arbeitet als Richterin in Potsdam. Weil sie literarische Fremdgänge liebt, entstanden etliche in Zeitschriften und Anthologien veröffentlichte Kriminalgeschichten. Für ihren Kurzkrimi »Einladung zum Dinner« erhielt sie 2011 den KaroKrimipreis. Sie ist Mitglied der »Mörderischen Schwestern« und des Syndikats. Sie lebt mit Mann und Tochter in Berlin. Zuletzt: »Zu hoch hinaus« (2014).
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Sonntag, 30. August

1

Kriminalhauptkommissar Uwe Wolff war dabei, die Schweine auf dem Bauernhof seiner Mutter im Fläming zu füttern. Er entleerte aus einem Metalleimer eine Mischung aus Sojaschrot, Ackerbohnen, Getreide, dazu den Küchenabfall der letzten Woche, der zwar nicht zum artgerechten Futter in ökologisch lizenzierter Qualität gehörte, von den Schweinen aber gern genommen wurde. Suse hatte seit seinem letzten Besuch Ferkel geworfen, die jetzt dicht nebeneinander an den Zitzen der Sau lagen.

»In sechs Wochen geht’s weg von Muttern in die Mast und dann zum Schlachter«, sagte Wolff, der immer mit den Tieren sprach. »Aber bis dahin sollt ihr’s gut haben.« Er verfütterte mehrere Eimerfüllungen, bis im Stall nur noch Schmatzen und Schlürfen zu hören war, und strich Suse, die ihre Ferkel für kurz abgeschüttelt hatte, um selbst zu fressen, über den rosa-schwarzen Rüssel. »Na, altes Hybrid-Schwein, gleich geht’s an die frische Luft.« Nach dem Fressen würde er die Schweine hinaustreiben auf die Wiese, wie er das auch schon vor fünfundvierzig Jahren als Siebenjähriger getan hatte.

Wolff trat aus dem Stall, betrachtete die Kühe und Pferde, die übers Sommerhalbjahr draußen weideten, sog die vertraute würzige Luft ein. Den Hof der Mutter zu übernehmen, hatte er nie ernsthaft überlegt. Wolff brauchte das Treiben und die Geräusche Potsdams, wo er bereits als Volkspolizist bei der 20. VP-Bereitschaft Dienst getan hatte. Aber Wolff genoss die freien Wochenenden auf dem Land, seit in Potsdam immer mehr Neubauten im Einheitsstil für die vielen zugezogenen Menschen errichtet wurden, immer mehr Bioläden und Latte-macchiato-Cafés eröffneten, immer mehr modisch und teuer gekleidete Mütter mit ebenso ausstaffierten Kindern herumspazierten. Nach Erledigung seiner bäuerlichen Pflichten ging er gern in die Wirtschaft im Dorf, und das war immer noch dasselbe Gasthaus, was man von seiner alten Kneipe in der Potsdamer Altstadt nicht mehr sagen konnte.

Nur seine Freunde wussten, dass ihn keine Frau mehr in Potsdam hielt, seit Eleonore ihm vor ein paar Jahren, noch dazu an seinem fünfundzwanzigjährigen Dienstjubiläum, wegen der ständigen Schichtarbeit die Ehe aufgekündigt und sich mit einem Finanzbeamten zusammengetan hatte. Er mietete eine kleine Wohnung in Potsdam, genoss, dass die Ermahnungs- und Kontrollanrufe auf seinem Privathandy abgeebbt waren, und fühlte doch Verlassenheit, Enttäuschung, Wut.

»Uwe, ich denke, das Ding geht am Wochenende nicht!«

Seine achtzigjährige Mutter kam in Schürze und Gummistiefeln durch die Hintertür aus der Küche, sein Handy in der hocherhobenen Hand. Wolff hatte sich Anrufe außerhalb seiner Schicht verbeten, es sei denn, es ginge um Leben und Tod, was bei einem für Tötungsdelikte zuständigen Kommissar keine wesentliche Reduzierung der Anrufe bedeutete.

»Die Sophie Graf is ermordet worden«, schleuderte ihm seine Kollegin, Oberkommissarin Katja Eickelbaum, in einer Lautstärke entgegen, dass er sein Gerät vom Ohr riss. Nach einer Weile, in der sie unentwegt und aufgeregt geredet hatte, stellte er seine knappen, üblichen Fragen, die immer damit endeten, ob nicht sie oder der mit frischer Bachelor-Urkunde aus Nordrhein-Westfalen versehene Kommissar Sven Noack zum Tatort fahren könnten.

»Doch nich bei Sophie Graf«, sagte Katja erregt, und da Wolff schon seit einiger Zeit mit seiner Kollegin zusammenarbeitete, wusste er, dass sie wirklich aufgeregt war.

»Is Sophie Graf jemand, den ich kennen müsste?«

Wolff beobachtete die Nachbarin, die auf der Wiese nebenan in hellen engen Hosen und grasgrünem Poloshirt mit ihrem Gaul in einem großen Oval herumtrabte. Seine Mutter hatte einen Teil ihrer Wiesen an einen Filmfritzen aus Babelsberg verkauft, der sich bodenständig gab und Frau und Kinder auf dem Land leben und reiten ließ. Den Typen selbst hatte Wolff nur einmal beim Notar gesehen.

»Na, die Schauspielerin.« Katja zählte ungeduldig eine Reihe von Titeln auf, wahrscheinlich Filme und Fernsehserien der Graf, und endete triumphierend: »Die Tierärztin. Fällt jetzt der Groschen?«

Kenn ich trotzdem nicht, dachte er und sagte: »Ich denke, mit der kommt ihr allein klar.« Katja rief aber eigentlich nur an, wenn es dringend war.

»Die Graf liegt vor ihrer Villa. Is die Treppe runtergestoßen worden, Genickbruch. Der Gärtner hat sie gefunden. Tatortsicherung hab ich schon angeordnet, der Gärtner is verdonnert, auf keinen Fall mit der Presse zu sprechen. Hier stehn nämlich schon Babelsberg-Touris vorm Grundstück. Wenn du dich gleich auf den Weg machst, kannst du in ’ner Stunde hier sein. Tschüss.« Es knackte.

Also Wochenende abschreiben, dafür unzählige Stunden Freizeitausgleich, die er an Sankt Nimmerlein abbummeln würde, oder vor seiner Pensionierung, was aufs selbe hinauskam. Wolff schnaufte und machte einen ärgerlichen Schritt beiseite, wobei er neben das Brett trat, das schlammfrei aus dem Stall führen sollte, und umknickte. Der Schmerz schoss durch und durch. Sprunggelenk, wieder das kaputte Gelenk. Er zog den Atem scharf ein und wartete auf Linderung. Musste er wickeln. Zur Ablenkung warf er einen letzten Blick auf die Nachbarin, die mit ihrem Gaul die Richtung wechseln wollte, links Druck gab, den Zügel kurz nahm, aber das Tier wollte wohl nicht linksherum laufen, was Wolff nachvollziehen konnte.

»Hast du es wieder mit dem Gelenk?«, fragte seine Mutter, als er in die Küche hinkte. »Arthur hat heute frei.«

Wenn der Hofarbeiter frei hatte, fiel noch einiges an schwerer Arbeit an. Ausmisten und die Tröge für die Zufütterung der Weiderinder vorbereiten, Grundfutter und Proteine, nicht ökologisch optimal, aber Standard bei den meisten Landwirten, wegen der Milchproduktion. Die Nachbarin verwendete für ihre Pferde Getreide aus biologisch korrektem Anbau, wie Wolff bei der stellvertretenden Entgegennahme einer Lieferung gesehen hatte.

»Geht schon.« Er nahm seine zierliche, befehlsgewohnte Mutter in die Arme und gab ihr einen Schmatz auf den weißen Dutt. Je älter er wurde, je wohler fühlte er sich hier, ab und an jedenfalls, und seit Eleonore weg war, umso öfter.

Er wickelte den Fuß und machte sich an die Arbeit. Länger würde sie dauern, als wenn Arthur sie erledigte. Wolff hinkte ein wenig, seit er als junger NVA-Soldat gestürzt und sich einen komplizierten Sprunggelenksbruch am rechten Fuß zugezogen hatte. Damit war seine Karriere als Mitglied der Handball-Nationalmannschaft beendet. Wie der Unfall sich tatsächlich abgespielt hatte, wusste niemand: Wolff hatte sich aus seiner Kaserne in die Kneipe gestohlen und war nach mehreren Bieren und Klaren auf dem Rückweg über eine Wurzel gestürzt. Es war ein Dienstvergehen, unangemeldet die Kaserne zu verlassen. Und es war Dienstpflicht, nach genehmigten Ausgängen nicht den kurzen Weg zur Kneipe durch den Wald zu nehmen, sondern den längeren über die gepflasterte Straße.

Von da an war Wolff nicht mehr Teil der Handball-Nationalmannschaft, außerdem trennte sich seine Freundin von ihm, und das schmeichelhafte Interesse mehrerer junger Frauen aus der Gegend an dem jungen, athletischen Mann erlosch schlagartig. Er wurde mehrmals operiert, aber nie erfolgreich, und seitdem hinkte er. Unfall im Betriebssport, so nannte er seine Gehbehinderung. Seine Legende hatte sich bis heute gehalten. Ob seine Mutter auch daran glaubte, hinterfragte er nicht. Und dass in alten NVA-Akten, so es sie noch geben sollte, was von einer Disziplinarstrafe wegen unerlaubten Entfernens von der Kaserne stand, war nicht einmal bei seiner Einstellung in die Volkspolizei aufgefallen.

Wolff holte, so schnell es ging, die Säcke mit dem Kraftfutter. Es zog ihn nun doch zum Tatort. Das würde sozusagen seine ganz persönliche Premiere werden: Mord in Babelsberg.

2

Neu-Babelsberg. Das einstige Nobelviertel Potsdams, errichtet in den siebziger Jahren des vorletzten Jahrhunderts hinter dem Schloss, war Wolff immer fremd geblieben. Die Villen, in denen einst Industrielle, Bankiers, Künstler oder Wissenschaftler gewohnt hatten, lagen in großem Abstand voneinander, weit hinten inmitten parkähnlicher Gärten. Es gab nur wenige Geschäfte und Autos. Wälzte sich keine Touristengruppe zum Park hinunter, war es still.

Zwei Stunden nach dem Anruf von Oberkommissarin Eickelbaum war Wolff auf seinem Motorroller, den er bei schönem Wetter gern auch für lange Fahrten benutzte, in Babelsberg angelangt. Die Bemühungen Katjas um Absperrung des Tatorts waren vergeblich gewesen. Eine Gruppe älterer Menschen mit Wanderschuhen und Rucksäcken stand vor dem Grundstück, und alle starrten in dieselbe Richtung. Einen Augenblick dachte Wolff an Dreharbeiten in der Villa, aber dann sah er, wie die Schutzpolizei das rot-weiße Absperrungsband zog und ein weiterer Polizeiwagen mit Verstärkung herankam.

»Ge-hen Sie bit-te wei-ter«, befahl eine Megaphonstimme. Niemand ging weiter. Wolff parkte seinen Roller, nahm den Helm ab und genoss das Gefühl, wie der Wind durch sein Haar fuhr. Das konnte sich immer noch sehen lassen, mittlerweile zwar grau, aber dicht und gelockt.

»Willst du ’nen Kamm? Der RBB is vor Ort.« Katja trat auf ihn zu, ihre rote, sackartige Tasche über der Schulter.

»Nee, danke. Meine Haare kommen zerzaust am besten zur Geltung.«

»Wer sagt das?«

»Meine Friseuse. Die is ganz verliebt, jedenfalls in meine Haare.« Wolff musterte grimmig die Passanten, die sich das unerwartete Schauspiel einer vor ihrer Villa liegenden...


Susanne Rüster, geboren 1954, arbeitet als Richterin in Potsdam. Weil sie literarische Fremdgänge liebt, entstanden etliche in Zeitschriften und Anthologien veröffentlichte Kriminalgeschichten. Für ihren Kurzkrimi »Einladung zum Dinner« erhielt sie 2011 den KaroKrimipreis. Sie ist Mitglied der »Mörderischen Schwestern« und des Syndikats. Sie lebt mit Mann und Tochter in Berlin. Zuletzt: »Zu hoch hinaus« (2014).



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