E-Book, Deutsch, Band 4, 272 Seiten
Reihe: Die Duftapotheke
Ruhe Die Duftapotheke (4). Das Turnier der tausend Talente
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-401-80880-2
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 4, 272 Seiten
Reihe: Die Duftapotheke
ISBN: 978-3-401-80880-2
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anna Ruhe wurde in Berlin geboren. Nach einem Abstecher an die englische Küste studierte sie Kommunikationsdesign und arbeitete danach als Grafikdesignerin, bis sie Schriftstellerin wurde. Im Jahr 2015 erschien ihr erster Kinderroman. Seitdem hat sie viele weitere Bücher veröffentlicht. Ihre Werke stehen regelmäßig auf der Spiegel-Bestsellerliste und wurden in viele Sprachen übersetzt. Sie ist Mutter von zwei Kindern und lebt mit ihrer Familie in Berlin. Weitere Informationen zur Autorin unter: www.annaruhe.de
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4
Als ich die Haustür öffnete und mich die Sonnenstrahlen blendeten, hörte ich abwechselnd Hannes und Mas Stimme. Da war Ma also – und plapperte mit unserer Nachbarin über ihr Lieblingsthema. Aus ein paar Wortfetzen hörte ich gleich heraus, dass es mal wieder um die originalgetreuen Reparaturen unserer Villa Evie ging, die vor langer, langer Zeit ein eindrucksvolles und elegantes Gebäude gewesen sein musste. Eindrucksvoll war sie natürlich immer noch, nur elegant traf nicht mehr so ganz zu. Dafür war die Villa einfach viel zu kaputt.
Ma ließ sich von Hanne regelmäßig erklären, wie dieses oder jenes früher am Haus ausgesehen hatte, um es genauso wieder herrichten zu können. Ma liebte nämlich alles Alte und Historische, und wehe, jemand ersetzte ein früheres Detail im Haus einfach durch etwas, nur weil es praktisch war. Nein, Ma wollte die Villa unbedingt in ihren Ursprungsglanz zurückversetzen. Und Hanne van Velden sollte ihr dabei helfen. Schließlich hatte Hanne ihr ganzes Leben lang in diesem Haus gelebt, bevor sie uns den größten Teil verkauft hatte und selbst in die ehemalige Dienstbotenwohnung im hinteren Teil des Erdgeschosses umgezogen war.
Hanne war wirklich ein großes Glück, nicht nur für Ma. Auch ich war froh darüber, dass sie sich so gut mit der Villa Evie auskannte.
Und mit den Geheimnissen der Duftapotheke.
Ich nickte Ma und Hanne nur im Vorbeigehen zu und störte sie gar nicht erst bei ihrem Gespräch, in das ich lieber nicht mit hineingezogen wurde.
Auch Benno war nicht weit, sondern warf auf dem Nachbargrundstück immer wieder einen Ball in die Luft. Und da – da war er.
Mats hockte am Rand des Grundstücks und ich erkannte sogar von hier aus, wie er meinem kleinen Bruder Tipps gab, wie es am besten gelingen würde, den Ball auch in den Basketballkorb an der Hauswand zu bekommen. Dabei lachte er und strich sich durch die dunkelbraunen Locken, als Benno den Ball einmal nur haarscharf an seinem Kopf vorbeisausen ließ.
Auf meinem Gesicht breitete sich automatisch ein Lächeln aus und mein Herz machte einen Hüpfer, während ich auf Mats zulief. Neben ihm entdeckte ich auch Leon, Mats’ großen Bruder, der an der Hauswand lehnte und Benno ebenfalls ein paar Tipps zurief.
»Hi, Luzie«, begrüßte mich Mats. Auch seine Mundwinkel schoben sich in die Höhe, als er mich sah. »Na, wie war der Unterricht gestern bei Daan?«
Ich setzte mich neben ihn auf eine Steinkante. »Gut«, sagte ich. »Mir brummt allerdings ziemlich der Schädel von den vielen Dingen, die er mich hat machen lassen. Ich zeig’s dir demnächst. Ist ganz schön verrückt.«
»Wie jetzt?« Mats sah mich empört an. »Mehr verrätst du uns nicht?«
Auch Leon hob seine rechte Augenbraue. »Komm schon, Prinzessin. Du kannst meinen armen Bruder doch nicht so auf die Folter spannen.«
»Also gut …«, setzte ich an, doch das Quietschen einer Autobremse ließ uns alle gleichzeitig herumwirbeln. Vor unserer Villa Evie hielt ein Wohnwagen, der ganz offensichtlich schon etliche Jahre auf dem Buckel hatte und den ich sofort wiedererkannte. Ich juchzte und sprang auf, genau wie Benno und Mats. Nur Leon brauchte eine Minute länger als wir, um zu verstehen, wer da vor unserer Villa parkte.
Mit Schwung öffnete sich die Wagentür und Helene Boer stieg vom Beifahrersitz. Hinter ihr erkannte ich ihren Sohn Edgar und schon umrundete auch Willem, unser früherer Gärtner, den Wohnwagen und kam mit großen Schritten auf uns zugelaufen.
Ma, die noch immer neben Hanne stand, guckte misstrauisch, als ich mich zu ihr stellte. Sie hatte sogar schon die Arme in ihre Seiten gestemmt und kniff die Augen zusammen. Ich tippte darauf, dass sie Willem einfach nicht erkannte.
»Einen recht schönen guten Tag, Frau Alvenstein!«, begrüßte Willem gut gelaunt meine Ma. Auch Hanne nickte er zu, während er näher kam.
Ma grüßte zurück und beugte sich danach unauffällig zu mir. »Ist das etwa … Willem Boer? Na, dem scheint die Rente ja gut zu bekommen.«
Sie wirkte ehrlich verblüfft, dass unser früherer grummelnder Gärtner sie tatsächlich freundlich begrüßte. Als wir hier eingezogen waren, hatte er kaum ein Wort mit uns gewechselt, geschweige denn, uns ein Lächeln zugeworfen.
Dass Willems gute Laune allerdings nicht an seiner Rente, sondern eher an Helenes und Edgars Befreiung aus der Geiselhaft der Baronin lag, ahnte Ma ja nicht.
Die beiden waren jahrzehntelang in einer Villa in Amsterdam eingesperrt gewesen und mussten dort als Diener Tag und Nacht schuften. So hatte die Baronin einerseits noch mehr Untergebene um sich sammeln können – und andererseits hatte sie so Willem erpresst, ihr immer wieder den »Duft der Ewigkeit« zu schicken.
Erst als Mats und ich in das Zuhause der Baronin eingebrochen waren, konnten die beiden endlich fliehen.
»Was für eine Überraschung!«, trällerte Hanne und streckte Helene und Edgar zur Begrüßung die Hand entgegen. »Schön, dass ihr tatsächlich einmal bei mir vorbeischaut.«
»Aber natürlich! Und wie schön, dass wir euch ebenfalls hier antreffen.« Willem sah erst mich und dann auch die Jungs an. »Wenn man sich so spontan zum Tee anmeldet wie wir, dann ist das ein wirklicher Glückstreffer.« Über meinen Kopf hinweg starrte Willem in Richtung Garten. Er hielt nach irgendetwas Ausschau, während Helene mich herzlich zur Begrüßung umarmte.
»Hey, Luzie, schön dich zu sehen«, hörte ich Edgar sagen, bevor Helene mich wieder losließ. Er lächelte schief und streckte mir seine Hand entgegen.
Genau wie beim letzten Mal, als ich ihn gesehen hatte, schüttelte ich sie zaghaft. »Hi, Edgar«, sagte ich und sah verstohlen an ihm hoch.
Er war ein gutes Stück in die Höhe geschossen – und nicht nur das. Edgar wirkte irgendwie … erwachsener. Das letzte Mal, als wir uns begegnet waren, hatte er ausgesehen, als wäre er nur ein oder zwei Jahre älter als wir. Heute hatte er aber mehr Ähnlichkeit mit einem Siebzehn- oder sogar Achtzehnjährigen.
Während Edgar auch die anderen begrüßte, beugte sich Mats zu mir herüber. »Hat der aufgehört, seinen Ewigkeitsduft zu nehmen, oder warum ist der so … alt?«
Ich grinste. Mats war seinem Tonfall nach alles andere als begeistert, dass Edgar plötzlich größer war als er selbst. Insgeheim musste ich zugeben, dass mir Edgar nicht nur erwachsener vorkam, sondern dass er mittlerweile auch ziemlich gut aussah. Er trug nicht mehr diesen strengen Seitenscheitel und hatte sich die dunklen Locken stattdessen etwas länger wachsen lassen.
Aber all das sagte ich besser nicht laut. Zumindest, wenn ich nicht wollte, dass Mats Edgar noch skeptischer beäugte, als er es sowieso schon tat.
Edgar musste bemerkt haben, dass wir ihn heimlich beobachteten, denn er drehte sich noch einmal zu mir. »Ich freue mich wirklich, dass wir uns mal wiedersehen«, sagte er. »Immerhin bist du ja so was wie meine Lebensretterin, stimmt’s? Ohne dich wäre ich gar nicht hier.«
Von der geballten Aufmerksamkeit, die sich plötzlich auf mich richtete, schoss mir das Blut in den Kopf. Sowohl Hanne als auch Willem und Helene sahen mich an. Nur Ma hatte den Kommentar zum Glück nicht mitbekommen.
Wie peinlich! Bestimmt glühten meine Wangen rot. Hoffentlich interpretierte Edgar das jetzt nicht falsch.
»Daran waren aber auch noch ein paar andere beteiligt«, grummelte Mats leise neben mir.
»Nun kommt endlich! Der Tee ist längst fertig«, rief Hanne, verabschiedete sich kurz von meiner Ma und winkte die anderen zum seitlichen Hauseingang in ihre Wohnung.
»Wie läuft der eigentlich rum?« Noch im Gehen deutete Mats auf Edgars Stoffhose und die dunklen Mokassin-Schuhe, die er trug.
»Sieht doch gut aus«, sagte ich nur und zuckte die Schultern.
Hanne schloss ihre Wohnungstür auf und führte Helene an ihrem Arm hinein, Willem folgte mit ein paar Schritten Abstand.
»Weißt du noch, was Willem Hanne nach unserem Ausflug nach Paris alles vorgeflunkert hat, damit wir keinen Ärger bekommen?« Ich kicherte, als ich Mats in den Arm stupste. Willem hatte damals wirklich alles so gedreht, dass am Ende absolut gar nichts unsere Schuld gewesen war.
Mats zwinkerte mir zu. »Ist jedenfalls ziemlich gut für uns, dass sich Hanne und Willem wieder verstehen.«
»Luzie!«, hörte ich Bennos Stimme nach mir rufen. »Wo bleibst du?«
Mein kleiner Bruder wurde also schon unruhig. Die leckeren Schokokekse, die Hanne immer zum Tee reichte, hatte er sicherlich auch längst aufgegessen.
In Hannes Wohnzimmer standen alle mit einer Tasse Tee in der Hand herum und unterhielten sich.
Mats und ich setzten uns neben Leon und Benno, während Edgar sich etwas abseits zu seiner Mutter stellte. Ich konnte nicht anders – mein Blick schnellte immer wieder zu ihm.
»Großvater«, sagte Edgar ins Geplauder hinein und räusperte sich. »Wolltest du nicht etwas mit Luzie besprechen?«
Willem seufzte. »Natürlich. Aber wir warten noch.«
Ich lehnte mich nach vorne. »Was denn besprechen?«
»Nun. So sehr ich mir wünschte, dass wir nur zum Teetrinken vorbeigekommen wären … ich fürchte, es gibt einen weniger fröhlichen Anlass.«
Im Wohnzimmer wurde es plötzlich so still, dass wahrscheinlich selbst ein fallendes Watteknäuel ein Geräusch verursacht hätte. Doch bevor Willem weiterreden konnte, wurde er von der Türklingel unterbrochen.
»Ah, sehr gut. Wie immer pünktlich«, meinte Willem.
Jetzt, da ich meine Aufmerksamkeit voll auf ihn lenkte, und der nur noch schwache modrige Geruch, der von seinem Ewigkeitsduft ausging, zu mir drang … da...




