E-Book, Deutsch, Band 6, 296 Seiten
Reihe: Die Duftapotheke
Ruhe Die Duftapotheke (6). Das Vermächtnis der Villa Evie
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-401-80964-9
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der finale Band der Bestsellerreihe
E-Book, Deutsch, Band 6, 296 Seiten
Reihe: Die Duftapotheke
ISBN: 978-3-401-80964-9
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anna Ruhe wurde in Berlin geboren. Nach einem Abstecher an die englische Küste studierte sie Kommunikationsdesign und arbeitete danach als Grafikdesignerin, bis sie Schriftstellerin wurde. Im Jahr 2015 erschien ihr erster Kinderroman. Seitdem hat sie viele weitere Bücher veröffentlicht. Ihre Werke stehen regelmäßig auf der Spiegel-Bestsellerliste und wurden in viele Sprachen übersetzt. Sie ist Mutter von zwei Kindern und lebt mit ihrer Familie in Berlin. Weitere Informationen zur Autorin unter: www.annaruhe.de
Weitere Infos & Material
1
Unser Haus war anders als andere Häuser. Es war nicht nur uralt und versteckte mehr Rätsel, als ich sie zählen konnte, es hatte sogar einen eigenen Namen. Die Villa Evie war nicht nur das zauberhafteste Haus, das ich je gesehen hatte, es war auch das geheimnisvollste. Immer wieder überraschte es mich und zeigte mir Dinge, mit denen ich niemals gerechnet hätte.
Zugegeben, der Wind zog immer noch durch jede Ritze und alles, was man bewegte, quietschte oder knarrte. Der Lack blätterte von allem ab, worauf er eigentlich halten sollte, und auch fließend warmes Wasser stand erst nach einer Stunde Ofenheizen zur Verfügung. Und trotzdem war die Villa Evie für mich das wundervollste Zuhause, das es gab. Mein .
Innerhalb der maroden Mauern fühlte ich mich sicher, selbst wenn draußen etwas Schreckliches lauerte. Etwas, das nur darauf wartete, mich zu erwischen. Aber mit dieser Angst lebte ich bereits seit unserem Umzug hierher. Sie war zusammen mit dem alten Haus in mein Leben getreten – und ließ mich seitdem nicht wieder los.
So war es auch an diesem Sonntagnachmittag. Und daran änderte weder die Spätsommerwärme etwas noch das Sofa, auf dem ich es mir allein gemütlich machte. Nicht mal das Wochenende, das hinter mir lag, oder der Kakao, den Pa für Benno und mich gekocht hatte, ließen mich die Angst vergessen. Obwohl der Duft heißer Schokolade immer noch wohlig in der Luft hing und sich mit all den anderen Gerüchen mischte, die durch unser Wohnzimmer zogen. Heute waren es Anis, Holz und Bergamotte. Zwar war der Kakao längst ausgetrunken und Pa mit Benno zum Einkaufen gefahren, aber der Schokoladenduft würde noch eine Weile im Wohnzimmer bleiben. So war es immer in der Villa Evie. Düfte verweilten bei uns länger, als sie es sonst überall taten.
In genau solchen Momenten, wenn mich das Haus mit seinen wechselnden Düften umwehte, vergaß ich für eine kurze Weile die Angst in meinem Hinterkopf. Ich wusste, diese Sorglosigkeit würde nicht anhalten – dafür war das, was uns bevorstand, zu gefährlich –, aber für ein paar Minuten erlaubte ich mir, mich in den Düften zu verlieren.
Sie mischten sich immer wieder neu und entwickelten unbekannte Kompositionen, die sich durchs Haus bewegten. Fast als besuchten sich die verschiedenen Gerüche in den Zimmern, um sich neu zu verbünden. Ich liebte jeden einzelnen von ihnen. Die Düfte unseres Hauses waren ein nicht mehr wegzudenkender Teil meines Lebens.
Meine Hand fuhr über den alten Wohnzimmertisch. Eines wusste ich ganz sicher: In der Villa Evie hatte ich Wurzeln geschlagen, die sich täglich tiefer gruben. Das Haus war mein Anker, meine Burg, mein Lieblingsort. Hier fühlte ich mich stark, immer und zu jeder Zeit.
Hier gehörte ich einfach hin.
Dafür gab es noch einen Grund. Unser Haus hütete nämlich ein Geheimnis, das tief verborgen lag und mein Leben seit unserem Umzug hierher komplett auf den Kopf gestellt hatte: die Duftapotheke. Bei dem Gedanken an die versteckten Räume unter dem Haus hievte ich mich aus den Sofakissen in die Höhe. Es war schön gewesen, meine Sorgen für ein paar Minuten auszublenden, aber ich hatte zu viel zu tun, um ewig hier herumzusitzen. Ich musste dringend zurück ins Labor.
In der Diele zog ich mir meine Halskette über den Kopf. Daran trug ich seit einiger Zeit den Schlüssel zum Fahrstuhl, der nach unten in die Duftapotheke führte. Ich kniete mich ans Ende des Treppengeländers und drehte an einer geschnitzten Blüte. Keine zwei Sekunden später knarrte die Holzvertäfelung unter den Stufen der Treppe. Stück für Stück schoben sie sich ineinander und gaben den Blick auf die Metallstreben unseres Fahrstuhls frei. Ich trat ein und drückte mich in die Enge. Mit geübten Bewegungen steckte ich den Schlüssel ins Schloss und schon bewegte sich der Fahrstuhl nach unten.
Seit wir aus Venedig zurück waren, bereiteten wir uns auf das Schlimmste vor. Früher oder später würde Edgar uns hier aufsuchen. , wiederholte ich innerlich und eine Gänsehaut zog über meine Arme.
Es hatte eine Zeit gegeben, in der ich Edgar vertraute – eine Zeit, in der er nur der Enkel unseres Gärtners Willem gewesen war. Ich hatte Edgar sogar als Freund ins Herz geschlossen. Er wirkte schließlich bloß etwas älter als ich und er konnte verdammt nett sein, wenn er es drauf anlegte.
Außerdem hatte ich geglaubt, dass uns der Schrecken aus Edgars Vergangenheit – die Gefangenschaft, aus der wir ihn herausgeholt hatten – eng miteinander verband und Edgar somit zu uns gehörte.
Doch genau das Gegenteil war der Fall. Er hatte sich nicht nur gegen die Ewigen gestellt, die ihm bislang das Leben zur Qual gemacht hatten. Nein, Edgar hatte auch uns ins Visier genommen. Und die Angst vor dem, was er nun vorhatte, war in jedem von uns allgegenwärtig und bestimmte unsere Tage.
Schließlich waren Elodie und ich Sentifleurs. Wir besaßen ein Talent, mit dem wir mithilfe von Düften die Gefühle in anderen lesen und sogar auf sie einwirken konnten. Und dass Edgar alles dafür tun würde, uns zuerst dieses Talent zu nehmen, um es danach überall auf der Welt auszurotten, das hatte er uns erst in Venedig bewiesen. Sein Hass auf alle, die das Sentifleurtalent besaßen, kannte keine Grenzen. Und der Gedanke daran, was er bereit war zu tun, um sein Ziel zu erreichen, trieb mir immer wieder einen neuen Schauer über den Rücken.
Edgar hätte unser Freund sein sollen, unser Verbündeter. Doch wir hatten ihn vollkommen falsch eingeschätzt.
Und nun war alles anders gekommen.
Der Fahrstuhl hielt mit einem Ruck. Ich schob das Gitter beiseite, und anstatt den Knauf zu drehen, der an der Tür angebracht war, drückte ich die Klinke daneben hinunter. Im nächsten Moment kam das Labor in mein Sichtfeld. Nur eine Sekunde lang schloss ich die Augen und ließ mich von einem unbekannten Duftmischmasch aus Patschuli, Zedernholz und Weihrauch begrüßen, der mit jedem Schritt kräftiger wurde.
»Hallo!«, rief ich Daan de Bruijn entgegen, während ich auf die brodelnde Destille im Raum zutrat und eine himmelblaue Duftwolke im Raum betrachtete. »Haben Sie hier schon wieder übernachtet?«
»Luzie. Guten Abend«, brummte der alte Duftapotheker, ohne dabei den Kopf zu heben.
Umringt von Blechdosen, Fläschchen und Holzkisten kritzelte er gerade etwas in eins seiner Notizbücher. Dabei schob er die vielen Behälter, in denen unsere unterschiedlichen Rohstoffe zur Duftherstellung lagerten, unschlüssig hin und her.
Wenn man Daan dieser Tage finden wollte, gab es eigentlich nur zwei Orte: die Duftapotheke oder das Labor. Dort arbeitete er an neuen Düften, und das täglich von morgens bis abends.
»Sie müssen ab und zu auch mal schlafen«, sagte ich. »Wann waren Sie denn das letzte Mal auf Ihrem Hausboot?«
»Die Sessel nebenan sind im Grunde recht bequem.« Daan nuschelte seine Antwort noch unverständlicher als seine Begrüßung, während er sich weiter auf sein Notizbuch konzentrierte. Wahrscheinlich hörte er mir sowieso nur mit halbem Ohr zu. So wie er es in letzter Zeit meistens tat.
Ich betrachtete den Pflanzenmatsch, der in der Destille brodelte, um eine Idee zu bekommen, welchen Duft Daan gerade Duft ansetzte, konnte es aber nicht bestimmen.
»Wie weit sind Sie denn?«, fragte ich.
Daans Antwort war nur ein weiteres unentschiedenes Brummen, also ging ich ein paar Schritte auf ihn zu, bis ich neben ihm stand. Das Rezept, das er in sein Notizbuch kritzelte, war viele Male von ihm überarbeitet worden. Mehrere Zeilen waren durchgestrichen. Zahlen, Zutaten, Reihenfolgen, alles schien noch ungelöst in diesem Rezept.
Besser, ich ließ ihn weiter seine Notizen machen. Mittlerweile kannte ich Daan gut genug, um zu wissen, wie wichtig diese Momente des Aufschreibens waren. Besser, ich lenkte ihn nicht ab.
Seit wir wieder zu Hause waren, arbeiteten wir unter Hochdruck daran, die Villa Evie wie eine Festung zu sichern. Wir entwickelten und brauten Rezepte für allerlei Schutzdüfte. Drei neue Varianten hatte ich erst kürzlich hergestellt und war sogar ganz zufrieden mit dem Ergebnis. Bereits vor zwei Wochen hatten Mats und ich die gesamte Villa damit besprüht und sie dadurch wie einen Kokon eingeschlossen. Von außen betrachtet, sah sie kaum anders aus als sonst auch. Niemand würde bemerken, dass magische Düfte am Werk waren. Düfte, die jeden, von dem wir es wollten, daran hinderten, sich der Villa Evie auch nur auf ein paar Schritte zu nähern.
Selbst Edgar würde es nicht gelingen.
Zumindest hofften wir das.
Vor mir auf der Arbeitsfläche reihten sich ein paar neue Flakons fertig abgefüllt...




