E-Book, Deutsch, 298 Seiten
Rump / Blöing Tabula rasa 1961
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-8300-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Vom Schulstreit zu Politikum
E-Book, Deutsch, 298 Seiten
ISBN: 978-3-6957-8300-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hans Hermann Rump ist Honorarprofessor an der RWTH Aachen University, Historiker und Naturwissenschaftler.
Autoren/Hrsg.
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2. Neu-Orientierung nach 1945 in Westdeutschland, Lübeck und Altena
Werfen wir zunächst einen Blick auf die umstü rzenden militärischen, politischen und schulpolitischen Ereignisse bei Kriegsende und während der folgenden Jahre, um die Vorgänge des Schulstreits in Altena nach 1960 einigermaßen einordnen zu ko?nnen. Manche Motive der hierbei handelnden Personen werden so besser verständlich. Die Kampfhandlungen kurz vor Kriegsende in Nordwestdeutschland - der späteren britischen Besatzungszone - und speziell in der Umgebung der Städte Lü beck und Altena sind dabei fü r uns von besonderem Interesse. Die Lage zur selben Zeit im Südosten Deutschlands wird am Ende von Kap. 3.3 beschrieben, das über die Militärzeit von Ernst-Jü rgen Freese in der Nähe von Budweis/Südbo?hmen berichtet.
Die Schlussphase des Krieges beginnt im April 1945 mit dem Angriff der Sowjetarmee auf Berlin, der Einschnü rung von ca. 325.000 deutscher Soldaten im sog. „Ruhrkessel“ durch amerikanische und britische Großverbände, dem amerikanischen Vorstoß nach Mittel- und Süddeutschland und dem Vordringen der Briten nach Norddeutschland.4 Als am 25.4.1945 bei Torgau an der Elbe sowjetische und amerikanische Truppen zusammentreffen, zerfällt das von Deutschen noch gehaltene Territorium in einen Sü d- und einen Nordraum, letzterer bestehend aus dem no? rdlichen Niedersachsen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg. Oberbefehlshaber auf deutscher Seite ist hier seit dem 20. 4. der langjährige Chef der deutschen U-Boot-Flotte, Großadmiral Karl Do? nitz. Als die Rote Armee in diesen Tagen in Vorpommern große Geländegewinne erzielt und dabei riesige Flü chtlingsbewegungen Richtung Westen auslo? st, versucht Do?nitz, die Linie der Elbe zu verteidigen, um diesen Menschen den Zugang nach Schleswig-Holstein offenzuhalten. Außerdem mo?chte er eine zu frü he Besetzung dieser Region durch die Briten vermeiden, weil schon seit Wochen etwa 2,4 Millionen ostdeutsche Flü chtlinge über die Ostsee fliehen und die Schiffe vor allem schleswig-holsteinische und dä nische Hä fen ansteuern.
Premierminister Churchill drängt jedoch auf ein schnelles Vordringen britischer Truppen Richtung Lübecker Bucht, um möglichen sowjetischen Angriffen zuvorzukommen. Dö nitz, der am 22.4. in das provisorische Hauptquartier seiner Seekriegsleitung bei Plö n kommt, lässt nun Vorbereitungen fü r die militä rische Verteidigung dieses Gebietes treffen, wobei ihm nur noch die Reste von sieben Infanteriedivisionen zur Verfügung stehen, die den Briten weit unterlegen sind. Um weiter nach Nordosten vorzustoßen, greift die Royal Air Force ab dem 24.4. deutsche Stellungen, Eisenbahnlinien und die Städte Oldesloe, Elmshorn, Barmstedt, Büchen und Kiel an. Dabei wird irrtümlich auch das Flü chtlingsschiff „Cap Arcona“ mit Begleitschiff attackiert und versenkt, über 7000 festgehaltene KZ-Häftlinge finden den Tod.
Am 29. 4. setzen britische, amerikanische und kanadische Truppen über die Elbe und gehen in Richtung Lübeck, Wismar und Schwerin vor. Am 30.4. trifft in Plö n um 18:35 Uhr die Nachricht von Hitlers Tod zusammen mit der Ernennung von Dönitz zum Reichsprä sidenten ein. Am 2. 5. erreichen erste kanadische Einheiten Wismar, wenige Stunden bevor sowjetische Panzerspitzen im Osten der Stadt ankommen. Eine Konfrontation zwischen den beiden Verbündeten wird nur vermieden, weil der kanadische Befehlshaber damit droht, das Feuer zu erö ffnen, falls die sowjetischen Panzer versuchen sollten, durch Wismar hindurch weiter nach Westen vorzustoßen. In dieser militä rischen Lage werden in noch unbesetzten deutschen Gebieten Hä ftlinge des KZ Auschwitz am Ende ihrer Todesmärsche Richtung Westen in die Kampfhandlungen hineingezogen. In Blankenburg am Harz setzt sich z.B. SS-Oberscharfü hrer Johann Mirbeth mit Hunderten dieser Menschen des KZ-Nebenlagers Mittelbau-Dora nach Nordosten in Bewegung, vereinigt sich mit einer Häftlingsgruppe des SS-Mannes Max Schmidt und gelangt ü ber die Elbe und den Elbe-Lü beck-Kanal in die Hansestadt. Viele Häftlinge sterben bis dahin; am 30.4. übergeben die SS-Schergen Uäberlebende in die Obhut von Graf Bernadotte vom Schwedischen Roten Kreuz. Mirbeth findet anschließend im Sachsenwald nahe Schloss Schönau, dem Eigentum von Mitgliedern der Familie von Bismarck, als Forstarbeiter Unterschlupf.5
In Lübeck überzeugen deutsche Truppenoffiziere den Kampfkommandanten, Generalmajor Lottner, und den NSDAP-Kreisleiter Clausen von der Aussichtslosigkeit der Lage, so dass Sprengladungen von Brü cken und Hafeneinrichtungen entfernt werden können. Der Lübecker Oberbü rgermeister Drechsler, bis 1944 Generalkommissar im Reichskommissariat Ostland in Riga, akzeptiert Lottners Entschluss. Am 2.5. nachmittags rollen britische Panzer des 11. Bataillons unter Major Coolay vom Mühlentor im Süden und vom Holstentor im Westen in den Altstadtbezirk. Sie setzen Drechsler im Rathaus fest und sperren Polizeiprä sident Schröder im Zeughaus ein; die NSHerrschaft in Lü beck ist zu Ende. Am 3. Mai ordnet Generalmajor Wolz als Hamburger Kampfkommandant den Rü ckzug deutscher Truppen aus dem von den Briten umgangenen Hamburg an. Bis zum Kriegsende befreit die britische Armee das von Resten der belgischen 5. SS-Sturmbrigade Wallonien gehaltene Ahrensbö k mit seinem inoffiziellen Konzentrationslager im Ortsteil Holstendorf, und setzt nach Ende der Kampfhandlungen die Reste der zivilen deutschen Reichsregierung in Flensburg fest, neben Dö nitz die Minister Speer, von Ribbentrop, Rosenberg, Rust und Dorpmü ller. Sie halten noch bis zum 23.5. die Wahnvorstellung von der Weiterexistenz des „Dritten Reiches“ aufrecht. 6
Wenige Wochen zuvor waren amerikanische und britische Truppen nach Uä berquerung des Rheins bei Remagen und Nierstein darangegangen, große deutsche Militärverbände von Norden und Süden her im „Ruhrkessel“ einzuschließen. Nördlich des Ruhrgebiets gelingt dies den Briten rascher als den Amerikanern in dem gebirgigen Gelände von Siegerland und Sauerland. Ziel der Einkesselung ist es, verlustreiche Straßenkämpfe in den stark zerstö rten Städten und in unübersichtlichen Waldgebieten zu vermeiden. Am 1.4. treffen beide Armeegruppen bei Lippstadt zusammen, der Ring ist geschlossen.7 Nach dem Siegerland erreichen US-Truppen nach schweren Kämpfen im Gebiet um Schmallenberg und Winterberg am 12. 4. die Stadt Plettenberg und richten dort das Hauptquartier der 86. Infanteriedivision („Black Hawks") ein. Die Einheit unter Generalmajor Melasky , bestehend aus den Infanterieregimentern 341, 342 und 343 teilt sich hier auf: Das 341. Reg. dringt durch das Volmetal auf Hagen vor, das 342. Reg. am 12.4. Richtung Lü denscheid und das 343. Reg. unter Colonel Bloomquist auf der Landstraße des Lennetals über Werdohl und Altena (14.4.) in Richtung Letmathe.8 Die riesige Militäroperation zur Eroberung des Ruhrgebiets gelingt angesichts der bisherigen Verluste im Krieg überraschend gut: „Nur“ etwa 1500 alliierte Soldaten und 10.000 deutsche Soldaten und Volkssturmmänner sterben bis Mitte April 1945.
Noch vor dem endgü ltigen Sieg der Alliierten beginnt für die meisten Deutschen eine Phase der Ungewissheit. Die Besatzungsmächte ü bernehmen in ihren jeweiligen Zonen die oberste Kontrolle ü ber die zivile Verwaltung des Landes und sehen sich sofort je nach Region ungeheuren Schwierigkeiten gegenü ber. Sie stellen bald fest, dass sie ohne die noch mehr oder weniger gut funktionierenden deutschen Behö rden und deren Mitarbeiter nur wenig erreichen können. Vergleicht man die Situation fü r die Menschen in der großen Stadt Lübeck und derjenige der Kleinstadt Altena miteinander – beide in der späteren britischen Besatzungszone gelegen – so wird deutlich, dass Altena weit glimpflicher davonkam. Die Stadt erlebte während des Krieges so gut wie keine Luftangriffe, seine überwiegend kleinteilige Metallindustrie in den tiefen Tä lern von Lenne, Rahmede und Nette schien von Bombenflugzeugen kaum angreifbar zu sein. Erst kurz vor dem Eintreffen der Amerikaner wurden die Brü cken über die Lenne gesprengt, ohne deren Vormarsch aufhalten zu können. Berichtet wurde nur von einer Salve amerikanischer Panzer auf von der „Egge“ mit Maschinengewehren schießende deutsche Soldaten; ein Waldbrand war die Folge. Nicht zuletzt durch Verhandlungen des gut englisch sprechenden Unternehmers Fritz Berg mit amerikanischen Offizieren gelingt jedoch die unblutige Einnahme der Stadt.9 Größere deutsche Einheiten in den nahen Waldgebieten des Sauerlandes, darunter Reste einer SS-Panzerlehrdivision, lösen sich auf oder ergeben sich im Zuge der Operation „Ruhrkessel“ den alliierten Truppen. Riesige Mengen an Fahrzeugen und Munition bleiben dabei in den Wäldern zurück und sind noch jahrelang für die Land- und Forstwirtschaft und für Jugendliche mit Drang zum Abenteuer eine große Gefahr.
Wie knapp die Stadt größeren Zerstörungen entging, belegt ein späterer Bericht im „Altener Kreisblatt“:10 In Kreisen des deutschen Militärs war bekannt, dass...




