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E-Book, Deutsch, 118 Seiten
Ruppert Nebenan Leben
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-6357-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 118 Seiten
ISBN: 978-3-6957-6357-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Astrid Ruppert studierte Literaturwissenschaft und arbeitete mehrere Jahre als Producerin und Redakteurin für das Fernsehen, bis sie während einer eher unfreiwilligen Auszeit ein neues Leben neben ihrem eigenen entdeckte, in dem sie zu schreiben begann und gar nicht mehr damit aufhören wollte. Ihr erster Roman »Obendrüber da schneit es« (2008), der mit großer Publikumsresonanz für das ZDF verfilmt zum Weihnachtsklassiker wurde, half ihr dabei auf die Sprünge. Seitdem schreibt sie mit Erfolg Romane, Drehbücher und Kurzgeschichten. Mehr dazu: www.astridruppert.de
Autoren/Hrsg.
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Doktor Lin
Als er vor mir steht, sind seine und meine Augen direkt auf einer Höhe. So etwas passiert mir selten, ich bin nämlich klein. Meistens schaue ich auf zu den Menschen, mit denen ich spreche, manchmal tut mir hinterher der Nacken weh. Doch Doktor Lins Gesicht ist mir genau gegenüber. Ich fühle mich riesig.
»Bitte, Sie kommen …« Er dreht sich um, und ich folge seinem schmalen, weißen Rücken durch den Flur in sein Büro. Auch sein Büro ist klein. Ich fühle mich irgendwie ungelenk und stoße mich an seinem Tisch, der fast den ganzen Raum einnimmt. Wir setzen uns hin. Ich bekomme den Besucherstuhl, und er setzt sich mir gegenüber auf seinen Platz. Er blickt auf und schaut mich ernst und interessiert an.
Ich werde nervös. Er schaut mich an, ohne etwas zu sagen, und ich frage mich, ob ich jetzt das Gespräch eröffnen muss, oder ob es bei chinesischen Ärzten üblich ist, dass man nur angeschaut wird. Dass man nicht gefragt wird, wo es denn fehlt oder was einen plagt, oder irgendeine andere dieser Floskeln. Ich hätte Inge genauer fragen sollen, wie das eigentlich geht, bei chinesischen Ärzten. Jetzt sitze ich hier und weiß gar nicht, was ich machen soll. Doktor Lin ist sehr aufmerksam. Aber er schweigt immer noch. Hat er denn ewig Zeit? Ich sitze hier bestimmt schon zwei Minuten, das sind einhundertzwanzig Sekunden, und bestimmt wartet draußen schon der Nächste und wir haben noch nicht einmal angefangen, Ich muss noch einkaufen, bevor der Gemüseladen um ein Uhr schließt, und zur Post wollte ich auch noch, und jetzt sind mindestens schon drei Minuten um, und wir schweigen noch immer …
»Wie geht es?«, fragt er leise und unvermittelt mit einem aufmerksamen, kleinen Lächeln.
Eine Frage! Plötzlich weiß ich keine Antwort. Was soll ich denn jetzt sagen? Gut, sage ich beinahe, weil man das ja meistens sagt, wenn man gefragt wird, wie es einem geht, wer will schon etwas anderes hören? Aber nein. Stimmt gar nicht. Sonst wäre ich doch nicht hier.
»Ich bin müde«, höre ich mich sagen. Meine Güte, was ist denn bloß in mich gefahren? Jetzt sitze ich hier minutenlang und schweige vor mich hin und dann, als ich endlich gefragt werde, wie es mir geht, da sage ich, dass ich müde bin. Müde!
»Sehr müde«, sagt er und nickt ernst. Er dehnt jedes einzelne Wort in eine gemütliche Länge.
Ich will noch hinzufügen, warum ich eigentlich glaube, zu ihm gekommen zu sein, die Allergien und der Rücken und was war es gleich noch, es waren doch drei Sachen, drei, ich hätte mir vielleicht doch einen Zettel schreiben sollen, es fällt mir nicht ein. Doktor Lin schaut mich noch immer interessiert und still an, und ich beginne zu merken, wie müde ich tatsächlich bin. Himmel, bin ich müde. Ich beginne, in Müdigkeit zu versinken. Gerade wollte ich noch etwas sagen, aber ich bin viel zu müde.
Er nickt ernst und schaut meiner Müdigkeit eine ganze Weile zu. Davon werde ich so müde, dass ich nur noch ein ganz klein bisschen daran denke, dass nun bestimmt schon wieder mindestens drei Minuten vergangen sind. Oder vier.
Darf ich Puls fühlen, bitte? Er streckt einladend seinen Arm zu mir über den Tisch. Ich reiche ihm meine müde rechte Hand, die in seiner feingliedrigen Hand riesig und klobig aussieht. Er nimmt meine Hand, als wäre sie eine Gabe. Mit einem höflichen Nicken bedankt er sich dafür und tastet den Puls. Seine kühlen, zarten Finger tanzen über mein Handgelenk. Er schaut dabei reglos an mir vorbei, als versuche er, mit seinem Blick das makellose Weiß der Wand zu durchdringen, durch die Steine hindurch und bis auf die andere Seite ins nächste Zimmer. Ab und zu blickt er prüfend zu mir und murmelt leise seine Feststellungen: »Haut trocken.«
Das stimmt. Ich nicke. Er kritzelt kleine, rätselhafte Zeichen auf ein Blatt.
»Füße kalt.«
Ich nicke wieder. Er registriert mein Nicken, aber eigentlich fragt er gar nicht, er erwartet keine Antwort, mein Nicken ist bloß eine Bestätigung für etwas, was ihm anscheinend schon längst sonnenklar ist.
»Sind traurig.«
Jetzt nickt er selbst.
Was mein Puls diesen kleinen Händen alles anvertraut. Ich bin müde, und ich bin traurig. Und meine Füße sind kalt.
»Wie ist der Schlaf?« – »… ah, gut! Sehr gut!«
Er freut sich richtig, dass ich gut schlafen kann. Er dehnt das »gut« so lange, dass ich mich fast darin ausruhen kann. Er lächelt zum ersten Mal, und ich lächele zurück. Ich schlafe gut! Ich bin plötzlich ganz stolz, gut schlafen zu können. Das kann anscheinend nicht jeder, sonst würde sich Doktor Lin bestimmt nicht so darüber freuen.
Sehr höflich bittet er mich um meine andere Hand. Mit der gleichen Konzentration fliegen seine Finger jetzt zart und sorgfältig über mein linkes Handgelenk. Er schaut mich prüfend an und kritzelt kleine Notizen auf das Blatt, das vor ihm liegt. Nach einer Weile gibt er mir vorsichtig meine Hand zurück.
»Darf ich Sie akupunktieren, bitte?« Gerne! Gerne erfülle ich ihm diese Bitte. Ich fühle mich auserwählt und besonders. Ich habe fast vergessen, dass ich ja genau deshalb einen Termin gemacht habe. Inge war es, die gesagt hatte, ich solle mich doch mal akupunktieren lassen. Es täte so gut, wenn die Energien wieder sprudeln. Das klang gut, das mit den sprudelnden Energien. Das wollte ich auch. Deshalb hatte ich mich angemeldet bei Doktor Lin. Doch Anmeldung hin oder her, jetzt hat er mich erwählt. Er möchte genau mich genau jetzt akupunktieren. Freudig lächele ich ihn an: »Ja!«
Er erhebt sich und neigt kurz den Kopf: »Bitte, Sie kommen.« Wieder folge ich seinem schmalen, weißen Rücken.
In einer kleinen Kabine, die von Stellwänden aus dunklem, verziertem Holz umgeben ist, halten wir an. Leise chinesische Musik rieselt von irgendwo auf uns herab. Es klingt falsch. So als wäre eines der Instrumente entsetzlich verstimmt. Irgendwo brennt ein Räucherstäbchen. Hoffentlich bin ich nicht allergisch dagegen.
Er betrachtet mich von oben bis unten und diktiert dann sehr bestimmt, was ich auszuziehen habe. Schuhe und Strümpfe. Er denkt eine Weile nach und beobachtet mich aufmerksam dabei, wie ich die Socken von den kalten Füßen ziehe. Plötzlich komme ich mir ganz komisch vor. Hat mich jemals jemand beim Sockenausziehen beobachtet? Kann man Socken auch ganz falsch ausziehen? Wer weiß, was ihm das nun wieder über mich verrät. Mein Puls war ja auch schon recht freigiebig mit Informationen. Er zeigt auf die Liege: Dahin, bitte.
Ich setze mich vorsichtig darauf und schaue ihn fragend an, ob ich mich hinlegen soll? Er schüttelt den Kopf und geht in die Knie, um zu prüfen, wie weit sich meine Hosenbeine nach oben krempeln lassen, er prüft vorsichtig die Dehnbarkeit des Pullovers am Hals, und er prüft, wie hoch sich die Ärmel ziehen lassen. Dann nickt er bedächtig. »Nichts mehr ausziehen. Hinlegen«, sagt er mit seinen gemütlichen Worten.
Er dreht mich an den Schultern sanft zur Seite und bettet mich auf die Liege. Er klopft das Kissen unter meinem Kopf zurecht und korrigiert dessen Position dreimal, bis er ganz zufrieden ist. Dann schiebt er mir eine Rolle unter die Knie, legt meine Füße sorgfältig parallel in einen ganz bestimmten Abstand zueinander. Er zieht meine Arme an den Seiten lang und legt meine Hände flach auf die Liege. Ich fühle mich wie eine Puppe, deren Puppenmama erst zufrieden ist, wenn die Puppe genau so daliegt, wie die Puppenmama es sich in den Kopf gesetzt hat. Seltsames Spiel. Aber der ganze Besuch hier ist schon so seltsam, dass ich einfach mitspiele.
Dann tritt er einen Schritt zurück und betrachtet sein Werk. Schaut mich an mit seinen kleinen dunklen Augen. Vom Kopf zu den Füßen und wieder zurück. Er hat alle Zeit der Welt. Er hat so viel Zeit, dass ich schon wieder ganz unruhig werde. Die Post wird geschlossen sein, bis wir hier ausgespielt haben.
»Gut liegen? Bequem?«
Ich nicke. Zu heftig gerät mein Nicken, das Kissen verrutscht. Jetzt muss erst die Position des Kissens wieder korrigiert werden. Und das dauert. Er ist die Ruhe selbst, ist aufmerksam und konzentriert. Ich dagegen werde von Sekunde zu Sekunde nervöser.
»Ganz ruhig«, sagt er lächelnd.
Ruhig! Ja, aber wie denn um Himmels willen? Wie?
»Nicht bewegen. Entspannen.«
Ich liege still. Ganz und gar nicht entspannt. Ob das bei Inge auch so war? Und jetzt geht es ja erst richtig los, das mit den Nadeln und allem. Bang erkundige ich mich danach, wie viele Nadeln er denn nun in mich zu pieksen gedenke. Er wirft den Kopf in den Nacken und lacht so herzhaft, wie ich es ihm nie zugetraut hätte.
»Weiß nicht«, sagt er, nachdem er sich endlich wieder beruhigt hat. »Zwei, zehn, zwanzig, Ist nicht wichtig, wie viele.« »Doch«, sage ich. »Ich habe Angst. Es tut doch bestimmt weh …«
Da wird er sofort ernst, stellt sich neben mich und legt behutsam seine Hand auf meinen Arm....




