E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Ruppert Wenn nicht jetzt, wann dann?
11001. Auflage 2011
ISBN: 978-3-8437-0009-2
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-8437-0009-2
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Astrid Ruppert lebt mit ihrem Mann im Vogelsberg, wo sie Romane und Drehbücher schreibt.
Autoren/Hrsg.
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2
Nina Winter rief Fabian schon morgens an, um ihn zu fragen, ob er denn nun mitkommen wolle zu dem Termin bei der Hochzeitsplanerin. Sie ahnte schon, dass er die Verabredung sozusagen »vergessen« hatte und alles lieber ihr und ihrem Vater überlassen würde. Er wollte Nina heiraten, zumindest sagte er das so deutlich, dass es keinerlei Zweifel daran gab. Aber wie und wo und mit wem, also das ganze Drumherum, das alles war ihm völlig gleichgültig.
»Vergesst nur nicht, meine Eltern mit auf die Gästeliste zu setzen!«, scherzte er, und Nina schluckte die leise Irritation hinunter, die dabei in ihr aufstieg. Konnte es einem denn wirklich egal sein, wie man heiratete? Ihr war es sicherlich nicht egal. Ganz im Gegenteil, sie hatte eine sehr genaue Vorstellung davon, wie ihre Hochzeit zu sein hatte. So wie sie von vielen Dingen in ihrem Leben eine sehr genaue Vorstellung hatte. Aber sie beschloss schnell, die Verwunderung beiseitezuschieben und es stattdessen wirklich süß von ihm zu finden, dass er ihr völlig freie Hand ließ. Schließlich ahnte er wahrscheinlich, dass er sowieso nicht zu Wort käme, weil Nina stets ganz genau wusste, was sie wollte. Unsicherheiten pflegte sie zuverlässig und streifenfrei wie ein frisch ausgewechselter Scheibenwischer zu beseitigen.
Sie hoffte, dass die Hochzeitsplanerin ihre anspruchsvollen Pläne verwirklichen konnte. Wenn sie an ihre Hochzeit dachte, dann stellte sie sich weiße Geradlinigkeit vor, eine gewisse Sachlichkeit, die ruhig ein wenig kühl wirken durfte, und darin sollten wie bunte Tupfer, wie Zitate aus einer anderen Welt, die traditionellen Elemente hervorstechen, die zu einer Hochzeit gehörten. Vater führt Braut zum Altar. Ehegelöbnis, Hochzeitstorte, Hochzeitswalzer, Brautstrauß werfen. Ansonsten alles in betont schnörkelloser Geradlinigkeit. Und um Gottes willen nichts Rührseliges. Wenn ihr Vater nun auch Zutrauen zu dieser Liz Baumgarten gefasst hatte, und so hatte er ja nach dem Telefonat mit ihr geklungen, umso besser. Denn Ninas Hochzeit war schließlich keine reine Privatsache. Das Ganze war auch eine öffentliche Angelegenheit. Sie gehörten nun einmal zu den bekannten Familien in der Stadt. Als Verkäufer von teurem Luxusschmuck, den sich nur wenige leisten konnten, würden sie von der Öffentlichkeit sehr genau beobachtet werden. Und sie wollte, dass die Familie gut dastand.
»Es wird dir bestimmt gefallen, was wir planen.«
»Das wird es«, versicherte Fabian ihr. »Es wird ein toller Tag werden. Du hast ein Händchen für so was, ich bin da hoffnungslos. Sag mir, was ich zu tun habe, und ich tue es.«
»Pass auf, was du sagst«, schmunzelte Nina. »Ich nehme dich beim Wort!«
»Nur die Ringe, die sind meine Sache!«
Nina lächelte. Es gab sicherlich nicht viele Frauen, die ihren Ring von ihrem zukünftigen Ehemann selbst geschmiedet bekamen. Fabian war einer der Goldschmiede, die eine Lehre bei Winter gemacht hatten und sofort übernommen worden waren. Er war sehr sorgfältig, er hatte keine extrem abgehobenen Ideen, aber ein gutes Gespür für das Besondere, das ihrer zahlungskräftigen Kundschaft, die oft nicht gerade zum Understatement neigte, gefallen könnte.
Das Juweliergeschäft, das ihr Urgroßvater Emil Winter vor über hundert Jahren gegründet hatte, konnte in der Kaiserzeit stark florieren, nicht zuletzt, weil die Kaiserin sich dort während ihrer Kuraufenthalte so manches Schmuckstück hatte anfertigen lassen, was sowohl der russische Adel als auch der heimische Geldadel zur Freude des Winter’schen Betriebes gerne nachahmten. Ihr Großvater und Vater hatten es weitergeführt, und nun war es an Nina, das Geschäft in den nächsten Jahren zu übernehmen. Die Verbindung mit Fabian war in dieser Hinsicht einfach ideal, denn Nina hatte zwar kaufmännisches Talent, aber sie machte sich überhaupt nichts aus Schmuck, und das Goldschmiedehandwerk hatte sie noch nie interessiert. Sie schätzte diese Kunst, und aus Traditionsbewusstsein heraus würdigte sie das Können einzelner Goldschmiede durchaus, schließlich hatte ihre Familie es deshalb zu etwas gebracht. Aber sie hätte niemals die Geduld aufbringen können, mit diesen Miniaturgeräten und hinter Brillen und Lupen versteckt Metalle so zu verarbeiten, dass ein Schmuckstück dabei herauskam. Sie selbst trug auch selten Schmuck. Ein paar goldene Ohrstecker, in denen kleine Aquamarine funkelten, das war eigentlich alles. Nina war eher der sportliche Typ, und während viele ihrer Freundinnen sie beneideten, dass sie bei Gesellschaften einfach irgendeinen tollen Schmuck aus dem Laden ausführen durfte, empfand Nina selbst das sogar als lästig. Da Goldschmiedin für sie deshalb als Berufsfeld ausfiel, hatte sie sich entschlossen, wie ihr Vater den kaufmännischen Weg einzuschlagen, den Laden zu führen und sich, was die Schmuckherstellung und den Einkauf der Bestände betraf, lieber an ihren Lieblingsgoldschmied Fabian zu halten. Zusammen, da war sie sich sicher, würden sie ein hervorragendes Team abgeben.
Nach dem Telefonat ging Nina hinunter, um ihren Vater zu suchen. Sie bewohnten eine kleine Gartenvilla aus der Gründerzeit, die Urgroßvater Winter vor über hundert Jahren gebaut hatte. Wobei »klein« eine sehr relative Angabe war. Im unteren Geschoss befanden sich die Gesellschaftsräume, eine Eingangshalle, am Ende eine Küche. Daran grenzte ein privates kleines Esszimmer, in dem Nina und ihr Vater gewöhnlich aßen, wenn sie alleine waren, und gegenüber lag noch der größere Speisesaal, in dem mit Gästen diniert wurde. Dazwischen gab es zwei Wohnzimmer. Ein gemütliches und ein repräsentatives. Im ersten Stock hatte ihr Vater sein Reich, zu dem sein Schlaf- und Ankleidezimmer, sein Arbeitszimmer, eine Bibliothek und ein Bad gehörten. Ein Stockwerk darüber lagen Ninas Räume und ganz oben unterm Dach standen noch verschiedene Gästezimmer zur Verfügung. Es war völliger Unsinn, dass das junge Paar auszog und den Vater alleine in der großen Villa wohnen ließ. Obwohl Fabian noch seine eigene Wohnung hielt, wohnten sie praktisch schon gemeinsam dort in Ninas Stockwerk. Sie hatten überlegt, einen Architekten zu Rate zu ziehen, wie man unter Einbeziehung des Dachgeschosses noch eine Küche, eine Werkstatt für Fabian und eventuelle Kinderzimmer unterbringen könnte. Aber die Pläne waren noch nicht weit gediehen, es gab meistens irgendetwas, das dringender schien. Wenn Nina ehrlich war, dachte sie immer wieder darüber nach, ob sie nicht vielleicht doch ein eigenes Haus haben könnten. Etwas Modernes, Helles. Stein, Holz, Glas. Auch in dieser Frage war Fabians Wille so wenig ausgeprägt, dass es sie manchmal irritierte, selbst wenn er stets gute Gründe dafür hatte.
»Von welchem Leben träumst du? Wie sollen wir wohnen?« Das hatte sie ihn erst vor ein paar Tagen gefragt.
»Natürlich wäre ein eigenes Haus toll«, hatte er geantwortet. »Aber weil ich es nicht selbst bezahle, kann ich doch nicht einfach sagen, ja, ich will ein Haus! Gleichzeitig lassen wir deinen Vater dann alleine in diesem Riesenhaus sitzen. Und ich weiß nicht, ob du das überhaupt willst.«
In dieser Frage kamen sie nicht wirklich weiter. So zielstrebig und entschieden Nina sonst immer war, in diesem Punkt war sie unsicher, auch wenn sie das noch nicht einmal vor sich selbst zugeben würde. Gleich neben der Sehnsucht, ihr Elternhaus zu verlassen, machte sich in ihr ab und zu eine Verunsicherung breit, die sie sofort mit dem Argument beschwichtigte, dass sie ihren Vater nicht alleine lassen könne. Er hatte so viel für sie getan, sie konnte doch jetzt nicht einfach ausziehen. Eine gute Tochter würde ihren Vater jedenfalls nicht in einem Haus zurücklassen, das viel zu groß für ihn war und die Abwesenheit einer Frau in seinem Leben noch sehr viel spürbarer machen würde als bisher. Eine gute Tochter würde bleiben. Nina war bisher immer eine gute Tochter gewesen. Mehr als das. Sie hatte sich stets bemüht, eine perfekte Tochter zu sein. Keine Schulprobleme, ein Spitzenabitur. Keine wilden Partys, keine Drogen, nur die richtigen Jungs in Ralph-Lauren-Hemden. Ein Bachelorabschluss in BWL, exzellent und zielstrebig abgeschlossen, die richtigen internationalen Praktika in den richtigen Betrieben, darunter auch Cartier und Tiffany. Drei Fremdsprachen, fließend. Und nun würde sie den richtigen Mann heiraten, auf den auch ihr Vater große Stücke hielt. Sie war die perfekte Tochter, und genau deshalb würden sie in der Villa bleiben.
Und doch. Und doch war der Gedanke auszuziehen irgendwie auch verlockend. Aber das würden sie irgendwann ja immer noch tun können. Nina war dreiundzwanzig und hatte bereits mehr von dem verwirklicht, was ihr wichtig war, als andere in ihrem Alter. Und wenn das mit dem Nachwuchs schnell klappte, dann wäre sie mit Mitte vierzig schon wieder frei. Für Reisen, für Filialengründungen in aller Welt, für was auch immer sie wollte.
Nina suchte ihren Vater zunächst in der Bibliothek, doch er saß an seinem Tisch im Arbeitszimmer und sah nicht in die Papiere, die vor ihm lagen, sondern aus dem Fenster. Er war so in Gedanken versunken, dass er sie gar nicht eintreten hörte und überrascht aufschaute, als sie plötzlich vor ihm stand.
»Hallo, Papa«, begrüßte Nina ihn lächelnd. »Wo bist du denn mit deinen Gedanken? Ganz weit weg?«
»Ziemlich«, lächelte Claus Winter wehmütig. »Ich musste plötzlich an meine eigene Hochzeit denken.«
»Ach Papa.« Nina seufzte verständnisvoll....




