E-Book, Deutsch, Band 4, 408 Seiten
Reihe: Clara Niklas
Rusch Die Todesgabe
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98690-793-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman: Ein Fall für Rechtsanwältin Clara Niklas 4
E-Book, Deutsch, Band 4, 408 Seiten
Reihe: Clara Niklas
ISBN: 978-3-98690-793-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Veronika Rusch studierte Rechtswissenschaften und Italienisch in Passau und Rom und arbeitete als Rechtsanwältin in Verona sowie in einer internationalen Anwaltskanzlei in München, bevor sie sich selbständig machte. Heute lebt sie als Schriftstellerin wieder in ihrem Heimatort in Oberbayern. Neben Krimis schreibt sie historische und zeitgenössische Romane sowie Theaterstücke und Kurzgeschichten. Ihre Werke wurden mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem 2. Platz im Agatha-Christie-Krimiwettbewerb und dem DELIA-Literaturpreis. Die Website der Autorin: https://www.veronika-rusch.de/ Die Autorin bei Instagram: instagram.com/veronikarusch Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin ihre Krimireihe um die Anwältin Clara Niklas mit den Bänden »Das Gesetz der Wölfe«, »Brudermord«, »Seelengift« und »Die Todesgabe«.
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EINS
»Ich hab’s kommen sehen. Da war ein Unheil im Dorf, seit die da waren. Ich kann nicht sagen, woran es lag. An den Kindern vielleicht. Man hat’s ihnen angesehen, dass etwas nicht stimmt.«
Zeugenaussage Leichensache Wolfsberg
1. November 1998
Die Kälte kam über Nacht. Wie eine Diebin schlich sie sich in die schlafende Stadt, schickte Windböen die Fassaden der Häuser entlang und ließ die Fensterscheiben erzittern. Gegen drei Uhr morgens begann es zu regnen; es war ein alles durchdringender, eisiger Regen, der den goldenen Herbst schlagartig in weite Ferne rückte.
Am nächsten Tag war die Temperatur auf neun Grad Celsius gesunken, und das welke Laub lag nass und braun in den Rinnsteinen.
Clara hatte schon den ganzen Tag Kopfweh; mit einem einseitigen, pochenden Schmerz reagierte ihr Körper auf den plötzlichen Temperatursturz. Sie rieb sich die Schläfen, trank einen Schluck schal gewordenen Kaffee und senkte dann den Blick wieder auf die Monatsabrechnung ihrer Kanzlei, die ihr, wie die vorherigen auch, unverändert Kopfzerbrechen bereitete, gleichgültig, wie oft sie die Zahlen addierte. Wenn es so weiterging, würde sie aufgeben müssen.
Vor über einem Jahr hatte ihr Kollege und alter Freund Willi Allewelt die gemeinsame Kanzlei verlassen, und seitdem war es sowohl mit ihrer Motivation als auch mit ihren Einnahmen stetig bergab gegangen. Clara seufzte und schaltete die Schreibtischlampe ein. Obwohl es erst halb fünf war, war es bereits düster in dem großen Raum, der sich über zwei Ebenen erstreckte und der jetzt, da sie allein war, langsam den Geruch staubiger Verwahrlosung annahm. Aber vielleicht war es auch der Geruch der Einsamkeit, der sie nach und nach einhüllte und der ihre Schritte begleitete, wenn sie die Stufen hinunter in das verwaiste Sekretariat ging, den Kopierer einschaltete oder auf das Piepen des Faxgeräts wartete, mit dem das erfolgreiche Versenden eines Schriftstücks gemeldet wurde. Hatten ihre Schuhe immer schon so laut auf dem Dielenboden geklappert? Hatte sie ihre Schritte überhaupt jemals gehört, als Willi und Linda, ihre gemeinsame Sekretärin, die mittlerweile Willis Ehefrau war, noch da gewesen waren?
Im Augenblick hörte sie nichts als den Regen, der in Wellen gegen die großen Fensterscheiben der ehemaligen Buchhandlung prasselte, und einen gelegentlichen tiefen Seufzer von Elise, ihrer kalbgroßen grauen Dogge, die ausgestreckt auf dem Boden lag und träumte. Clara wandte sich um und sah zum Fenster hinaus. Die Straße war kaum wiederzuerkennen. Wo die Münchner erst gestern noch viel braune Haut, lackierte Zehen und schicke Sonnenbrillen präsentiert hatten, fegte jetzt ein ruppiger Wind Plastiktüten über den Asphalt. Ritas Café wirkte verlassen, die Stühle standen aufeinandergestapelt neben dem Eingang, und man konnte durch das Regengrau kaum erkennen, ob im Inneren überhaupt Licht brannte. Eine alte Frau kam mühsam den Gehsteig entlang. Sie hatte einen durchnässten Hut über ihr graues Haar gestülpt und hielt den Kopf gegen den Regen gesenkt. Ihre Hände umklammerten einen Rollator, an dessen Gummireifen nasse Blätter klebten. Meter für Meter schob sie sich vorwärts, und Clara konnte sogar von ihrem entfernten Platz hinter dem Fenster erkennen, dass die Frau am Ende ihrer Kräfte war. Clara stand auf, um ihr ihre Hilfe anzubieten. Doch es erwies sich als unnötig, nach draußen zu gehen, denn noch bevor sie an der Tür war, schellte die altmodische Klingel, und Clara konnte durch die regenverspritzte Scheibe erkennen, dass es die alte Frau war, die geklingelt hatte.
Clara öffnete rasch, und die Frau stolperte herein. Der Rollator rumpelte über die Dielen, und schmutzige Pfützen breiteten sich auf dem Holzboden aus. Clara reichte ihr den Arm und führte sie zu einem Stuhl. Die Frau ließ sich keuchend darauf nieder und nahm dann mit einer erschöpften Bewegung den Hut vom Kopf. In dem Moment erkannte Clara sie. Es war Lilly Groman, eine sechsundachtzigjährige Dame, die im St. Anna-Stift lebte, einem Altersheim nur wenige Straßen von ihrer Kanzlei entfernt. Sie hatte keine Angehörigen und litt unter zunehmender Vergesslichkeit. Clara hatte ihr schon früher bei verschiedenen Angelegenheiten unter die Arme gegriffen, und seit zwei Jahren, seit Frau Gromans Vergesslichkeit durch die Heimleitung den neuen, hässlichen Namen Altersdemenz erhalten hatte, war sie auch ihre rechtliche Betreuerin.
»Frau Groman! Wie kommen Sie denn hierher?«, rief Clara überrascht. Sie hatte geglaubt, Lilly Groman könne kaum mehr ihr Zimmer verlassen.
»Auf meinen zwei Beinen!«, antwortete Frau Groman, doch die für sie so typische, schnippische Antwort kam nur gehaucht, und Clara konnte das angestrengte Zittern hören, das ihre Worte begleitete.
»Möchten Sie eine Tasse Tee?« Clara half ihr aus dem nassen Mantel und hängte ihn an die Garderobe.
Lilly Groman schüttelte stumm den Kopf. Sie war dünn und winzig und schien so zerbrechlich wie ein kleiner Vogel. Den Blick auf ihre blau geäderten, knotigen Hände gesenkt, versuchte sie, wieder zu Atem zu kommen. Clara setzte sich zu ihr und wartete. Nach endlosen Minuten qualvoller Stille hob Lilly Groman plötzlich den Kopf. »Sie müssen helfen!«, sagte sie. Clara nickte. »Gerne, wenn Sie mir sagen, worum es geht? Sie hätten auch anrufen können ...«
Lilly Groman schüttelte wieder den Kopf.
»Nein. Es ist nichts ... was ...« Sie hob fahrig die Hand und fuhr sich über die zerfurchte Stirn, als müsse sie einen Schatten wegwischen, der ihr die Sicht versperrte.
»Es ist etwas passiert! Etwas Furchtbares ...«
»Etwas passiert?«
»Menschen verschwinden ...«
»Wie?« Clara runzelte die Stirn. »Was meinen Sie?«
Lilly Groman packte Clara am Arm und krallte sich mit so unerwarteter Kraft fest, dass Clara zusammenzuckte.
»Sie werden getötet«, sagte die alte Frau und starrte Clara aus weit aufgerissenen Augen an. »Getötet!«
Clara wich zurück und versuchte vergeblich, ihren Arm zu befreien. »Was reden Sie denn da, Frau Groman? Niemand wird getötet!«
Lilly Gromans Griff verstärkte sich. »Sie müssen mir glauben. Er hat es mir gesagt!«
»Wer?«
»...«
»Wer, Frau Groman? Wer hat Ihnen so etwas gesagt?«
Die alte Frau zögerte, und ihre Augen füllten sich langsam mit Tränen. »Ich ... ich kann mich nicht erinnern ...« Sie ließ Claras Arm los und schlug beide Hände vor das Gesicht. Ihre Stimme klang gedämpft dahinter hervor, als sie weitersprach. »Dieser verdammte Kopf. Man müsste ihn mir abschlagen. Ich wusste es noch, als ich losging ...« Sie ließ die Hände verzagt sinken.
Clara legte ihre Hand auf Lilly Gromans Schulter. »Ich mache uns jetzt doch eine Tasse Tee, und dann fällt es Ihnen sicher wieder ein«, sagte sie aufmunternd und ging in die Küche. Während sie auf den Wasserkocher starrte und dazwischen immer wieder einen Blick hinunter in den Raum warf, wo Lilly Groman zusammengesunken auf ihrem Stuhl saß, überlegte sie, was das zu bedeuten hatte. Sie kannte sich mit Demenz nicht aus. War die Krankheit weiter fortgeschritten? Bildete sich Lilly Groman Dinge ein? Oder hatte irgendjemand im Altersheim ihr diesen Unsinn erzählt? Angesichts der täglichen Schreckensmeldungen in den Nachrichten bekamen die alten Leute oft Angst und brachten dann das eine oder andere durcheinander.
Als Clara mit zwei Bechern Tee zurückkam, schenkte ihr Lilly Groman ein zittriges Lächeln. »Sie denken, jetzt ist die alte Schrulle völlig verrückt geworden, nicht wahr?«
Clara erwiderte ihr Lächeln. »Es klingt schon ein wenig merkwürdig, was Sie mir da erzählen«, gab sie zu.
Lilly Groman nickte nachsichtig. »Da haben Sie recht. Doch es ist die Wahrheit.«
»Was macht Sie so sicher?«, wollte Clara wissen.
»Ich kann es spüren.« Lilly Groman klopfte sich mit einer Hand gegen die flache Brust.
Clara wusste nichts zu erwidern. Demenz war eine teuflische Krankheit, die den Menschen nach und nach ihre Würde und alles raubte, was sie als Person jemals ausgemacht hatte. Sie wollte sich nicht in den Reigen derer einreihen, die Menschen wie Lilly Groman automatisch wie dreijährige Kinder behandelten, und beschloss, zumindest den Versuch zu machen, sie ernst zu nehmen. »Wer ist verschwunden, Frau Groman?«, fragte sie daher. »Wer wird getötet? Jemand aus dem Altersheim?«
Lilly Groman warf ihr einen entrüsteten Blick zu. »Aber nicht doch! Das würde doch jemandem auffallen.« Sie zögerte und fügte dann unsicher hinzu: »Hoffe ich jedenfalls.«
»Wer dann?«
»Ich weiß es nicht ...«
»Und was soll ich jetzt tun?«
Lilly Groman zwinkerte angestrengt. »Ich denke ... Sie müssen auf die Zeichen achten ...«
»Auf die Zeichen ...? Welche Zeichen?«
»Ich weiß nicht ...« Lilly Gromans Hände zitterten so, dass sie ihren Tee verschüttete. Clara half ihr, die Tasse abzustellen. Sie wartete, doch Lilly Groman schüttelte verzagt den Kopf und verfiel in ein grüblerisches Schweigen. Eine Weile waren nur der Regen zu hören, der immer wieder in Böen gegen die Scheibe prasselte, und das leise Rauschen der Reifen vorbeifahrender Autos auf dem nassen Asphalt.
»Äh, ja dann ...« Clara trank ihren Tee aus und stand auf. »Ich denke, ich sollte Sie jetzt nach Hause bringen lassen, Frau Groman ...«, begann sie, wurde aber von Lilly Groman unterbrochen, die plötzlich den Kopf hob und sie aus rot geränderten, wässerigen Augen ansah.
»Salamander!«, rief sie, und ihre Stimme war dünn und hoch vor Aufregung. »Sie müssen auf die Salamander achten!« Sie erhob sich mühsam von ihrem Stuhl und umklammerte Claras Arm mit beiden Händen. »Salamander! Ich weiß es wieder!...




