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Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, 116 Seiten
Ruschel Sitzend sammeln für Schüler und Sieche
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7412-1774-6
Verlag: Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Die Almosenstühle der Handwerksmeister in den Pfarrkirchen St. Sebald und St. Lorenz zu Nürnberg
E-Book, Deutsch, 116 Seiten
ISBN: 978-3-7412-1774-6
Verlag: Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Adalbert Ruschel kam über den zweiten Bildungsweg und studierte Wirtschaftspädagogik, Deutsch, Geschichte und Philosophie. Nach Tätigkeit in der Wirtschaft war er 25 Jahre Professor für Personalwirtschaft und Berufs- und Arbeitspädagogik und zuletzt sechs Jahre Dekan an der betriebswirtschaftlichen Fakultät der Georg Simon Ohm TH in Nürnberg. Nach über zwanzig Buchtiteln aus seinen Fachgebieten widmet er sich im Alter der Geschichte seiner Wahl-Stadt Nürnberg. Über ihn und seine Veröffentlichungen informiert seine Website www.adalbert-ruschel.de ausführlich.
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1. Geschichtlicher Hintergrund
Eine der großen Plagen des Mittelalters und weit in die Neuzeit hinein war das Bettel(un)wesen. Betteln galt jahrhundertelang als eine legitime Form der Unterhaltssicherung. Arme, Kranke, körperlich Behinderte und Kriegsinvaliden waren im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit für ihren Lebensunterhalt meistens auf Almosen angewiesen. Zusammen mit ihren Kindern und anderen Bettlern lagerten sie an Stadteingängen und Kirchentoren, klopften an Haustüren und Klosterpforten und belästigten Bürgerinnen und Bürger auf Straßen und Plätzen, um von ihnen Almosen zu erhalten.
Nur eine sehr kleine Oberschicht lebte im Mittelalter und weit in die Neuzeit hinein ohne Nahrungssorgen. Wenn in den städtischen Urkunden nicht selten die Formel auftaucht, macht das schon deutlich, dass es jenseits von reich nur noch arm gibt. Alle nicht reichen Menschen lebten "von der Hand in den Mund", waren demnach streng genommen arm, weil sie sich Vorratshaltung nicht leisten konnten. Jede Krise, ob Krieg, Unwetter, Missernte, Seuche, Arbeitsunfähigkeit, Feuersbrünste, Überschwemmungen, Teuerung, machte aus diesen Armen Hungernde und aus Hungrigen Bettler. Wie so oft sind es Sprichwörter, die Erfahrungen weitertragen. "1
Angesichts der bis heute fortwährenden Existenz von Armut2 in der Realität menschlicher Gesellschaften, kann es nicht verwundern, dass Fragen nach ihren Ursachen und nach Art und Weise der Versorgung von Armen Gegenstand theoretischer Betrachtungen und schließlich rechtlicher Regelungen waren und noch immer sind. Der Flüchtlingsstrom von heute hatte bereits im 11. bis 14. Jahrhundert seinen Vorläufer, wenn auch regional enger, die Landflucht. Die daraus entstandenen Probleme waren den heutigen sehr ähnlich und führten zu vergleichbaren Reaktionen und Lösungsvorschlägen. Das macht die Beschäftigung mit den geschichtlichen Ereignissen hochinteressant und nutzbringend.
Aus einer Reihe sich überlagernder Gründe hat sich in damaliger Zeit die Bevölkerung im Gebiet des heutigen Deutschlands mehr als verdoppelt. Ein großer Teil des ländlichen Bevölkerungsüberschusses wanderte in die Städte ab, deren Zahl sich in derselben Zeit fast verzehnfachte. Auch die Zahl der Armen und Bettler stieg unaufhörlich. Bereits kurz nach den Kreuzzügen3 begannen deshalb zunächst die Städte, sich nachhaltig mit dem Bettelwesen und mit der Armenfürsorge zu beschäftigen. Das fand Ausdruck im Erlass von Bettel- und Almosenordnungen und in der Errichtung städtischer Hospitäler, Siechen- und Findelhäuser, aber auch von Kornhäusern, um die Brotpreise regulieren zu können.
Diese städtischen Bemühungen wurden nicht zuletzt wegen der zunehmenden Armutswanderung erforderlich. Vor allem bei Klöstern wussten Bettler von vornherein, wann jeweils eine Verteilung von Almosen stattfinden würde, z.B. an bestimmten Festtagen. Das zog Bettler von weither an. Für sie ergaben sich auf diese Weise zeitlich eine Art von Reisekalender und regional immer gleiche Marschrouten von Kloster zu Kloster, bei denen sie auf angemessene Zuwendung rechnen konnten. Andererseits verstärkten viele Städte in Europa die Mobilität der Menschen, indem sie mit erheblichen propagandistischen Unternehmungen versuchten Pilgerströme anzuziehen. Die in diesen mitreisenden Armutspilger wurden jedoch bald lästig und beeinträchtigten das Erscheinungsbild der Städte negativ.
Die Mobilität bisher unbekannten Ausmaßes führte nicht nur zu ökonomischem Aufschwung in den Städten, sie brachte in ihrem Gefolge auch neue Formen sozialer Unsicherheit. 4 Die "neuen Armen" brachten nicht nur nichts mit als ihre Arbeitskraft (primäre Armut), ihnen gelang auch nur in den seltensten Fällen die Integration in die bestehende Standesgesellschaft (sekundäre Armut). Selbst wenn sie hier und da Arbeit fanden, reichte das daraus bezogene Einkommen oft zum Leben nicht aus - und bei geringsten sozio-ökonomischen Veränderungen drohte ihnen der Verlust des Arbeitsplatzes.
Nach damaliger allgemeiner Vorstellung musste es Arme und Bettler geben, die dem braven Christenmenschen immer wieder Gelegenheit gaben, gute Werke zu tun. In den Predigten des Dominikanerpaters Giordano da Rivalto aus Pisa (1260-1311) wurde das Almosen ausdrücklich als Tausch- und Vertragsverhältnis bezeichnet: Im Austausch für diesseitige Güter bietet der Bettler seinem Wohltäter das Gebet an, und er ist auch verpflichtet, den Vertrag auf Gegenseitigkeit zu erfüllen. Das schlägt sich schließlich in der Haltung der Bettler selbst nieder, die sich ihrer Nützlichkeit bewusst sind. Innerhalb der gesellschaftlichen Aufgaben- und Arbeitsteilung finden die Bettler so die äußeren Formen ihrer Existenz. Auf eine sehr subtile Art und Weise war es sogar .5 Mancherorts waren Bettler gar eine anerkannte Berufsgruppe wie andere auch. 6
Durch das Wirken der Bettelmönche wurde Betteln sogar zur Tugend erhoben, die dann von Müßiggängern nur allzu gern praktiziert wurde. Für den gläubigen Christen war die Versorgung der Bettler auch ein Werk der Barmherzigkeit, also allgemeine Christenpflicht und das Betteln stand auch noch unter dem Schutz der Kirche. Stiftungen zugunsten der Armen, wie ganze Hospitäler, Geld- und Materialspenden und Gaben an Arme und Bettler jeglicher Art, gehörten zum mittelalterlichen Leben ganz selbstverständlich dazu. Die religiös-ethische Pflicht zum Almosengeben ist jedoch unabhängig von jeglicher Verknüpfung mit dem Bußsakrament zu sehen.
Dem bildlichen Verständnis der Heilslehre entsprach damals die Vorstellung, dass am Jüngsten Tag die Seelenwaage über die ewige Seligkeit oder ewige Verdammnis jedes Einzelnen entscheiden wird. Wenn dabei die Sünden eines Menschen auf der einen Seite der Waage nach unten zogen, dann konnten auf der anderen Seite seine guten Werke für Ausgleich sorgen. Almosen waren somit eine Art Schlüssel für das Tor zum Leben und zu ewiger Seligkeit.
Almosen und Spenden7 wurden demnach nicht in erster Linie aus Mitleid gegeben, sondern im Hinblick auf das eigene Leben nach dem Tod. Die Gabe selbst, das Almosen, muss aus Mitleiden und um Gottes Willen heraus erfolgen, um verdienstlich zu sein. In der Soziallehre des Thomas von Aquin (um 1225 bei Aquino in Italien bis 1274) findet sich jedoch schon die Betonung der Arbeitspflicht der Armen und die scharfe Ablehnung des Bettelns aus Faulheit.8 Grundsätzlich sollten die Armen ihren Lebensunterhalt durch eigene Arbeit sicherstellen. Nur wenn sie unverschuldet in eine echte Notlage gerieten, sollte ein Anspruch auf Almosen bestehen. Zwar ist echte Not Voraussetzung für ein Almosen, eine Pflicht des Helfenden, die Bedürftigkeit zu überprüfen, lässt sich jedoch nicht immer und kaum hinreichend erkennen. Auf jeden Fall ist das Geben von Almosen eine individuelle und nicht eine soziale Tat, die standesgemäß und allein durch christliche Nächstenliebe motiviert sein soll. Erfolgt die Almosengabe unter den aufgezeigten Voraussetzungen, so erfolgt sie nach zeitgenössischem Verständnis als angemessen. Das Almosen ist aus diesen Beweggründen heraus während des gesamten Mittelalters eine Massenerscheinung, es wurde sowohl von Klöstern und Herrschern, aber auch zunehmend von wohlhabenden Bürgern verteilt.9
1 Eduard Graf, Matthias Dietherr: Deutsche Rechtssprichwörter, Nördlingen (Beck) 1864, Seite 389. Dort zitiert aus Reinke de Voss: " ...des hungers nôt geit boven alle nôt."
2 Das Wort Armut hat seine sprachliche Wurzel im 8. Jahrhundert: ahd. n. bzw. f. bedeutet nhd. Elend, Mangel, Not. In: Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. 16 Bde. in 32 Teilbänden. Leipzig 1854-1961. Abgerufen von der Online-Version am 03.01.2016. Der mittelalterliche Begriff Armut war vielschichtig und wurde nicht nur ökonomisch gesehen. Das Neue Testament verknüpfte Armut mit Heilserwartung: " (aramäisch) /
3 Während des Kreuzzugs der Armen (1096) gaben Bettler ein sehr unrühmliches Bild ab. Sie zogen sengend und brennend den Rhein aufwärts und hinterließen dabei eine Spur der Verwüstung.
4 Sachße, Christoph, Tennstedt, Florian: Vom Almosen zur frühmodernen Sozialpolitik : Armut und Armenfürsorge im Spätmittelalter. In: dieselben (Hrsg.): Bettler,...




