E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Russell Macht
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-905811-46-9
Verlag: Europa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-905811-46-9
Verlag: Europa Verlag
Format: EPUB
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Bertrand Russell (1872-1970) war Mathematiker und als solcher, was seine philosophischen Neigungen anbelangt, zunächst an der Ergründung einer Prinzipienlehre als Grundlage einer 'Universalmathematik' interessiert. Als sein philosophisches Hauptwerk gilt dem gemäß auch ganz folgerichtig das gemeinsam mit seinem Lehrer Alfred North Whitehead verfasste dreibändige Werk Principia mathematica (1910-1913). Doch früh schon wandte sich Russell populär- und sozialphilosophischen Themen zu. Letzteren auch als 'Aktivist', was ihm neben dem Verlust seiner Dozentur in Cambridge 1918 eine sechsmonatige Gefängnisstrafe einbrachte. Nicht nur hatte er öffentlich und vehement die Beendigung des Ersten Weltkrieges gefordert, er hatte darüber hinaus lautstark und kompromisslos zur Kriegsdienstverweigerung aufgerufen. Von dieser brennenden Jugendlichkeit ist das gesamte sozialphilosophische Werk geprägt. Neben dem mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichneten Essay Ehe und Moral (1950) insbesondere die ebenso kraftvoll-naive wie hellsichtig-analytische Studie Macht aus dem Jahre 1938, die der Europa Verlag nun neu aufgelegt hat. In 18 Kapiteln analysiert Russell den menschlichen Machttrieb, seine institutionellen Manifestationen, das Verhältnis von Führern und Geführten, das Phänomen der nackten Gewalt und auch subtile Formen der Macht, wie die wirtschaftliche oder jene über die (öffentliche) Meinung. Und auch wenn das globale Organisationsmodell, das Russel als Ausweg aus der Macht-Falle anbietet, als in jeder Hinsicht überholt gelten dürfen sollte, seine Einsichten in die Strukturregeln von Machtverhältnissen sind dies zweifellos nicht. Und seine grundsätzlichen Überlegungen zu den anthropologischen Ursachen, Bedingungen und Konsequenzen des Phänomens der Macht als eines der zentralen gesellschaftlichen Probleme lohnen nach wie vor die Lektüre. --Andreas Vierecke -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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DER TRIEB ZUR MACHT
Zwischen dem Menschen und anderen tierischen Wesen gibt es einige Unterschiede, von denen die einen intellektueller, die anderen emotionaler Natur sind. Eine der wesentlichen gefühlsmäßigen Differenzen besteht darin, dass gewisse menschliche Begierden, ungleich den tierischen, durchaus grenzenlos und niemals gänzlich zu befriedigen sind. Die Boa constrictor schläft nach der Mahlzeit bis zum Wiedererwachen des Hungers; wenn andere Tiere anders handeln, so weil ihre Mahlzeiten weniger umfangreich sind oder weil sie Feinde fürchten. Die Handlungen des Tieres werden, mit wenigen Ausnahmen, von den ursprünglichen Bedürfnissen des Überlebens und der Fortpflanzung bestimmt und überschreiten nicht die Grenzen des durch diese Bedürfnisse Notwendigen.
Anders ist es mit den Menschen. Es trifft sicherlich zu, dass ein großer Teil der Menschheit gezwungen ist, so schwer zu arbeiten, um das Notwendigste zu erhalten, dass nur wenig Energie für andere Ziele übrig bleibt; aber jene, deren Lebensunterhalt gesichert ist, hören deshalb nicht auf, tätig zu sein. Es mangelte Xerxes weder an Nahrung noch an Kleidung noch an Frauen, als er sich einschiffte, um gegen Athen zu ziehen. Newton war eines angemessenen Lebens sicher von dem Augenblick an, da er zu einem Fellow of Trinity wurde, aber es war nach dieser Zeit, dass er die Principia schrieb. Der Heilige Franziskus und Ignatius von Loyola mussten keine Orden gründen, um der Not zu entgehen. Diese alle waren hervorragende
Männer, aber die gleichen Züge finden wir in wechselnder Stärke bei allen, ausgenommen eine kleine, ungewöhnlich träge Minderheit. Mrs. A, die des geschäftlichen Erfolges ihres Mannes durchaus sicher ist und keine Angst vor dem Armenhaus hat, wünscht besser gekleidet zu sein als Mrs. B, obwohl sie die Gefahr einer Lungenentzündung auf viel billigere Weise vermeiden könnte. Sowohl sie als auch Mr. A freuen sich, wenn er zum Ritter geschlagen oder ins Parlament gewählt wird. In Tagträumen ist dem imaginären Triumph keine Grenze gesetzt, und wenn sie als möglich angenommen werden, wird die Anstrengung folgen, sie zu verwirklichen.
Vorstellung ist der Stachel, der menschliche Wesen in pausenlose Bemühungen treibt, sobald ihre nächstliegenden Bedürfnisse befriedigt sind. Die meisten von uns haben nur seltene Momente gehabt, in denen sie sagen durften:
Gält' es jetzt zu sterben,
Jetzt wär mir's höchste Wonne; denn ich fürchte, So volles Maß der Freude füllt mein Herz,
Dass nie ein andres Glück mir diesem gleich Im Schoß der Zukunft harrt.
Und in unseren wenigen Augenblicken völligen Glückes ist es natürlich, dass wir uns wie Othello den Tod wünschen, denn wir wissen, dass Erfüllung nicht dauern kann. Was wir zu dauerndem Glück brauchen, ist unmöglich für irdische Geschöpfe: Nur Gott kann in vollkommener Seligkeit sein, denn Sein ist »das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit«. Irdische Königtümer sind von anderen begrenzt; irdische Macht wird vom Tode entmachtet; irdische Herrlichkeit vergeht mit dem Schreiten der Jahrhunderte, selbst wenn wir Pyramiden errichten oder »unsterblichem Vers verbunden« sind. Jenen, die nur wenig Macht und Herrlichkeit besitzen, mag es scheinen, dass um ein geringes mehr sie zufrieden stellen würde, aber sie irren; diese Begierden sind unstillbar und unendlich, und nur in der Grenzenlosigkeit Gottes könnten sie Ruhe finden.
Während Tiere mit Dasein und Fortpflanzung sich zufrieden geben, will der Mensch über sein eigenes Maß hinaus wachsen, und seine Begierde wird in dieser Beziehung nur von dem eingeengt, was die Vorstellungskraft als möglich empfindet. Jedermann würde Gott gleichen wollen, wenn das möglich wäre; einige empfinden Hemmungen, die Unmöglichkeit zuzugeben. Dies sind Menschen, die nach dem Vorbild von Miltons Satan gemacht sind und gleich ihm Adel und Unfrömmigkeit in sich vereinen. Unter »Unfrömmigkeit« verstehe ich nichts von theologischem Glauben Abhängendes: Ich meine die Weigerung, die Begrenzung der individuellen Macht anzuerkennen. Die titanenhafte Verbindung von Adel und Unfrömmigkeit tritt uns am deutlichsten bei den großen Eroberern entgegen, aber einige ihrer Elemente finden sich in allen Menschen. Es ist gerade dies, was die gesellschaftliche Zusammenarbeit so schwierig gestaltet, denn jeder von uns würde sie gern nach dem Vorbild des Zusammenwirkens von Gott und den ihn Verehrenden sehen, wobei wir selbst die Stelle Gottes einnehmen. Daher Wettbewerb, die Notwendigkeit von Kompromiss und Regierung, der Trieb zur Rebellion, der mit Unsicherheit und periodischer Gewaltanwendung einhergeht. Und daher die Notwendigkeit des Moralischen zur Eindämmung anarchischer Selbstbehauptung.
Von den unendlichen Begierden des Menschen zielen die wesentlichen nach Macht und Herrlichkeit. Diese sind nicht identisch, wenn auch eng verbunden: der Ministerpräsident hat mehr Macht als Herrlichkeit, der König mehr Herrlichkeit als Macht. Im Allgemeinen führt jedenfalls der Weg zur Herrlichkeit über die Macht. Dies ist besonders der Fall bei Menschen, die im öffentlichen Leben tätig sind. Die Begierde nach Herrlichkeit veranlasst daher im wesentlichen die gleichen Handlungen, wie die Begierde nach Macht sie hervorbringt, und die zwei Motive mögen aus praktischen Gründen als eines betrachtet werden.
Die orthodoxen Ökonomen so gut wie Marx, der in dieser Beziehung mit ihnen übereinstimmte, irrten in der Annahme, dass das wirtschaftliche Eigeninteresse das grundsätzliche Motiv in der Gesellschaftswissenschaft sei. Der Wunsch nach Gütern, sofern sie von Macht und Herrlichkeit getrennt sind, ist endlich und kann völlig durch eine maßvolle Wohlhabenheit befriedigt werden. Die wirklich unbegrenzten Begierden sind nicht von der Liebe zu materiellen Dingen diktiert. Güter wie eine durch Korruption dienstbar gemachte Legislatur oder eine Privatgalerie von alten Meistern, die durch Experten ausgesucht wurden, werden um der Macht und der Herrlichkeit willen erstrebt, nicht als fruchtbringende Bequemlichkeiten, auf denen man sitzen kann. Wenn ein mäßiger Stand des Komforts gesichert ist, werden sowohl Individuen als auch Gemeinschaften eher nach Macht als nach Reichtum streben: Sie mögen Reichtum suchen als Mittel zur Macht, oder sie mögen zunächst eine Zunahme an Reichtum vornehmen, um ein Anwachsen der Macht zu sichern, aber im ersteren wie im letzteren Fall ist ihr grundsätzliches Motiv nicht wirtschaftlicher Art.
Dieser Irrtum in der orthodoxen und in der marxistischen Ökonomie ist nicht allein ein theoretischer, er ist vielmehr von der größten praktischen Bedeutung und hat Missverständnisse in Bezug auf einige der grundlegenden Ereignisse der jüngsten Vergangenheit verursacht. Nur durch die Erkenntnis, dass Machtliebe die Ursache der im Gesellschaftlichen zählenden Handlungen ist, kann Geschichte, gleichviel, ob alte oder moderne, richtig interpretiert werden.
In diesem Buch werde ich mich um den Beweis bemühen, dass der Fundamentalbegriff in der Gesellschaftswissenschaft Macht heißt im gleichen Sinne, in dem die Energie den Fundamentalbegriff in der Physik darstellt. Wie die Energie hat die Macht viele Formen, so etwa Reichtum, Rüstung, Staatsautorität, Einfluss auf die Meinung. Nicht eine von diesen Formen kann als einer anderen untergeordnet betrachtet werden, und es gibt keine einzige, von der die anderen sich ableiten ließen. Der Versuch, eine bestimmte Form der Macht, zum Beispiel Reichtum, gesondert zu behandeln, kann nur zu einem Teil erfolgreich sein, ebenso wie das Studium einer bestimmten Energieform in mancher Hinsicht Mängel aufweisen wird, sofern nicht andere Formen in Betracht gezogen werden. Reichtum mag sich von militärischer Macht oder vom Einfluss auf die Meinung ableiten, gerade so wie jeder dieser beiden Faktoren vom Reichtum stammen kann. Die Gesetze gesellschaftlicher Dynamik können nur in Begriffen der Macht an sich, nicht aber in Begriffen dieser oder jener Form von Macht ausgedrückt werden. In früheren Zeiten war die militärische Macht isoliert, so dass Sieg oder Niederlage von den zufälligen Qualitäten der Kommandierenden abzuhängen schien. Heutzutage pflegt man wirtschaftliche Macht als Ursprung zu behandeln, aus dem alle übrigen Formen sich herleiten; das ist ein nicht geringerer Irrtum, behaupte ich, als jener andere, der scheinbar von diesem überholt wurde – ich meine den Fehler, den die reinen Militärhistoriker begingen. Dann gibt es solche, die Propaganda als die fundamentale Form der Macht ansehen. Das ist keineswegs eine neue Meinung; sie drückt sich in solchen hergebrachten Worten aus wie: »magna est veritas et praevalebit« und »das Blut der Märtyrer ist die Saat der Kirche«. Sie hat etwa denselben Gehalt an Wahrheit und Falschheit wie die militärische oder die ökonomische Anschauungsweise. Wenn die Propaganda eine nahezu einstimmige Meinung hervorzubringen vermag, so kann sie eine unwiderstehliche Macht zeugen; dagegen können jene, die die militärische oder wirtschaftliche Kontrolle innehaben, sie, wenn sie wollen, zu Propagandazwecken benutzen. Um zu dem Vergleich mit der...




