Ruttmann | Das Ultimatum | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 100 Seiten

Ruttmann Das Ultimatum

Roman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-945944-04-2
Verlag: makrobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Roman

E-Book, Deutsch, 100 Seiten

ISBN: 978-3-945944-04-2
Verlag: makrobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Im November 1958 fordert Chruschtschow den Abzug der Alliierten aus dem Westteil Berlins. Die beiden Studenten Jenny und Robert leben im Osten der Stadt und interessieren sich eigentlich nicht so sehr für die Politik, aber als ein enger Freund verhaftet wird, kadertreue Nachbarn in die Gemeinschaftswohnung einziehen und ein Verhör droht, müssen sie eine Entscheidung treffen. Ein wichtiges Buch zur deutsch-deutschen Trennung, in dem die beklemmende Atmosphäre in der sich teilenden Stadt authentisch eingefangen ist.

Irene Ruttmann wurde 1933 in Dresden geboren, studierte unter anderem Germanistik und Theaterwissenschaft und arbeitete als Dozentin an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, bei Verlagen und für den Hörfunk. Sie lebt in Bad Homburg und wurde vor allem durch ihre Kinder- und Jugendbücher bekannt. "Das Ultimatum", ihr erster Roman, erschien 2001. 2015 erscheint "Adele", eine Liebesgeschichte aus dem Ersten Weltkrieg.

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2.
Das war im Mai. Jetzt, wo ich das Heft wieder zur Hand nehme, haben wir Oktober. Einen traumhaften, rauschhaften, goldenen Oktober. Bei dem Wort rauschhaft zusammen mit Berlin zucke ich allerdings etwas zusammen. Aber im Grunewald und am Müggelsee explodieren die Farben, wenn die Sonne scheint und man den richtigen Augenblick erwischt hat. In ein paar Tagen ist das vorbei, und hier, in der neuen Wohnung, merkt man nichts von goldenem Licht. Dennoch ist sie das reine Vergnügen. Zuerst hatte die Frau auf dem Wohnungsamt gesagt, ein großes Leerzimmer käme überhaupt nicht in Frage, aber dann sah sie ein, daß wir immerhin zwei kleine Zimmer freimachten. Robert wedelte mit dem neuen Familienbuch vor ihrer Nase herum und sagte klagend, daß weder sein Vermieter noch meine Wirtin uns auch nur eine einzige Nacht zusammenbleiben ließen, selbst als Ehepaar nicht. Meine Wirtin hatte kategorisch erklärt, so etwas gäbe es bei ihr auf gar keinen Fall, was immer sie unter so etwas versteht. Später schenkte sie mir ein ganzes Pfund Karstadt-Kaffee als Hochzeitsgeschenk, und ich dachte an die Fehlgeburt und den weggelaufenen Mann und lud sie zu einem Stück Kuchen ein. Natürlich geht das Fenster auf einen Hinterhof, und an die Sonne erinnert nur einige Stunden lang ein spitzwinkliges, helles Licht-Dreieck am Boden. Aber die Wände haben wir weiß gestrichen und die Dielenbretter hellbraun lackiert. Wir haben Bücherregale und von zu Hause mein Bett und ein altes Gastbett, die bringen einen Hauch von Bauhaus herein. Dazu meinen Schrank und einen neuen hellen Eichentisch mit Stühlen von den Deutschen Werkstätten, das Hochzeitsgeschenk meiner Eltern. Und eine Bastmatte an der Wand: Dreißig farbige Kunstpostkarten aus der Bücherstube Marga Schöller vom Kurfürstendamm, kreuz und quer angepinnt und vom Bett aus gut zu sehen, sind unser Beitrag zur Formalismusdebatte. Da stehen die bunten Strichmännchen von Miró auf der Gesellschaft der Prinzessin herum, Braque huldigt mit geometrischen Überschneidungen Johann Sebastian Bach, und Klees gelbe Vögel zwischen violetten Unterwasserkorallen und die strahlend gelben Zitronen von Matisse und Picassos karierte Musikanten und Dufy, Kandinsky, Heckel und Chagall, sie alle triumphieren mit uns über jeden Bannstrahl aus verkniffenen Mündern. Schade nur, daß sie so klein sind, die Triumphierenden. Notre-Dame mit der Flèche auf dem Dach hängt wieder an der Tür. Sehr realistisch und unerreichbar weit entfernt. Kochen, sogar ein Schnitzel braten dürfen wir am Ende des langen, dunklen Korridors in der großen Küche, deren schwarzweiße, an vielen Stellen abgestoßene Kacheln an wohlhabende Bewohner erinnern. «Das riecht nach Leben», erklärte der Hauptmieter, der kleine uralte Herr Kuhnke und lächelte vorsichtig, weil er mit dem neuen Gebiß noch nicht so gut zurechtkommt. Ich glaube, er war sehr erleichtert, als er schon in den ersten Tagen den Rias aus unserem Zimmer hörte, und stellte den seinen gleich etwas lauter. Mit ihm gemeinsam die Toilette und die Zinkbadewanne zu benutzen ist eine Wohltat nach der Leibesfülle und dem exzessiven Kaffeegenuß von Frau Dankelmann und der stark behaarten Brachialität von Roberts ehemaligem Vermieter. Herr Kuhnke riecht nach gar nichts, und bei seinem Anblick fällt einem sehr altes, sehr sauberes und zart geädertes Pergament ein. Eines Tages will er uns sein zweites Zimmer geben, das ihm wegen einer Behinderung zusteht, sagt er. Aber das hat keine Eile. Die Gegend ist günstig. Nur zehn Minuten bis zur S-Bahn Warschauer Straße und noch ein paar weniger zur U-Bahn, die mit der nächsten Station schon in Kreuzberg im Westen ist. Schneller Fluchtweg, wenn es mal hart auf hart kommt. Aber daran denken wir im Augenblick nicht. Bei unserer Heirat trafen die unterschiedlichsten Motiv- und Gefühlslinien aufeinander, weil es zwar eine ganz kleine, aber auch eine kirchliche Hochzeit gab. Meine Mutter wünschte sie sich, weil sie sich gar nichts anderes vorstellen kann und nicht gern den Zorn des Himmels auf uns ziehen will, mein Vater murmelt in solchen Fällen beharrlich, aber kompromißbereit etwas von seinem pantheistischen Weltbild, und ich rufe mir ja immer die großen Traditionslinien, in denen ich mich sehe, herauf: Vaterunser und Johann Sebastian Bach. Das Problem war der zwar getaufte, aber in den Wirren der Fluchtjahre oder doch eher nach dem Willen der Eltern nicht kon?rmierte Robert, der einer gewissen Unterweisung bedurfte. Daß er das auf sich nahm, wundert mich immer noch ein wenig. «Weil es denen hier nicht paßt, machen wir es gerade», hatte er beschlossen. Aber vielleicht war er auch nur neugierig, wie immer. Und dann traf er auf einen jüngeren Pfarrer, der nur auf einen Gesprächspartner wie ihn gewartet zu haben schien. Sie redeten und redeten, und ich stand mir wie so oft über die verabredete Zeit hinaus an irgendeinem Treffpunkt die Beine in den Bauch. Seitdem flicht Robert hin und wieder Begriffe wie Römerbrief oder Rechtfertigungslehre in die Diskussionen und genießt die Verblüffung der anderen. Wir heirateten in der Gemeinde, in der Roberts Bude lag. Es ist die älteste Berliner Kirchengemeinde, und so ein traditionsschwerer Ort versetzte mich gleich in Begeisterung. Nur mußte die sich dann allein am Namen und an einem verblaßten Kupferstich entzünden, denn die Kirche gibt es nicht mehr, nur einen wiederaufgebauten Saal und ein Höfchen mit der Linde aus alten Tagen. Vielleicht war es bei den ersten Hugenotten in Berlin auch so karg, dachte ich, und schon hatte ich mein historisches Fluidum. Es saß dann eine etwas verloren wirkende kleine Gesellschaft versammelt vor dem Altar mit all den widerstreitenden Gedanken, die man nicht hören und sehen konnte: meine Eltern und Gudrun, Roberts Bruder mit Frau und Kind und seine Mutter, fest und ein wenig trotzig die Beine nebeneinander gestemmt, als könne sie damit ihre Mißbilligung ausdrücken. Und wir beide natürlich. Und wir wußten, daß wir uns über alle Maßen lieben. Die Seminargruppe hatte für einen großen Blumenstrauß gesammelt. Hannes reagierte verwirrt, als ich ihm die Heirat ankündigte. «Hättest du nicht noch etwas warten können», sagte er mißmutig, und dann mit einem süffisanten Unterton, der gar nicht zu ihm paßt: «Braucht ihr vielleicht bald die Kinderkrippe der Universität?» Wir nicht. Dafür wird Peter sie brauchen, der von der Ostsee, der mit in Potsdam war. Er hatte sich gerade 100 Mark von mir geborgt, um schnell zu heiraten, aber dann schafften sie das nicht mehr, weil seine Freundin eine Sturzgeburt hatte. Sie mußten das Baby aus der Kloschüssel herausziehen, und diese Geschichte beschäftigte alle tagelang, so daß unsere Heirat an den Rand des Interesses geriet. Die beiden, das heißt die drei, haben aber auch gleich zwei Zimmer bekommen. Nach dem Hochzeitsessen in einem HO-Restaurant hinter der Weidendammbrücke weinte meine Mutter heftig. Als wenn ich mich nun auf eine Reise begäbe, die drei Wochen dauerte, bis ich mein Schloß in der Provence erreicht haben würde. Leider nicht. Es änderte sich nichts. Ganze fünf Tage konnten wir nach Rügen in ein Privatquartier fahren, und dieses Kleinod hatte über mehrere Kollegennetze hinweg meine Mutter für uns vermittelt. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich nach dem Meer sehnen. Es macht mir eher angst, und es langweilt mich auch. Monotonie und Weite des Meeres, das mit lähmendem Fatalismus seine Wogen heranwälzt . . ., so sehe ich das meistens. Vielleicht wäre es am Mittelmeer anders: hell und blau und eine weiße Säule im Augenwinkel! Aber dieses kalte nördliche Meer, immer der Wind und der feine Salz?lm auf der Haut. Robert sage ich das nicht. Es würde ihn unglücklich machen. Denn er reckt die Nase, zieht tief die Luft ein, stößt ein langes klares Ah aus und verwandelt sich in den Knaben, der barfuß und mit zu langen kurzen Hosen im weißen Sand die Danziger Bucht entlangläuft. Seine Augen werden noch ein wenig blauer, und er erklärt mir voller Eifer, daß die dicken Holzpfähle mit den Muschelnestern und den grünen Tangbärten, auf denen die Möwen sitzen und ihr Territorium beobachten, Dückdalben heißen und daß es einfache Baken und Leuchtbaken gibt, um die Fahrrinne für die Schiffe anzuzeigen, und wie es kommt, daß man Steuerbord und Backbord sagt. Ich muß nicht danach fragen, er erklärt es mir, auch wenn er es mir schon fünfmal erklärt hat. Diesmal war das Meer ganz anders. Ich dachte nicht ein einziges Mal an Schiffskatastrophen und bleiche Auswanderer im Zwischendeck, wenn hohe Wellen heranrollten. Die unendliche, unruhige und im Licht ?irrende Fläche machte mir das Herz weit, und den fauligen Geruch von Salzwasser und angespültem Tang mag ich sowieso. Das kleine Fischerdorf liegt im äußersten Norden der Insel, mehr zum Bodden hin, so daß der Wind schon die Schärfe und die volle Kraft verloren hat, wenn er auf die niedrigen Fischerhäuser mit den reetgedeckten Dächern trifft. Unseres war ein Bilderbuchhaus mit einer winzigen Veranda vor dem Zimmer, die sie Anfang der dreißiger Jahre für Sommergäste angebaut hatten und in der wir frühstücken konnten. Davor ein Bauerngarten mit Buschbohnen, Gurken, kräftigem Dillgeruch und flammendroten Dahlien. Das Bett hoch, gedrechselte Pfosten an den Ecken und eine zu schwere Zudecke, wie immer. Wenn wir die gestärkten Spitzengardinen an den kleinen Sprossenfenstern zurückschoben, waren der große Birnbaum und die gelben Birnen, von denen immer zwei auf dem Frühstückstisch lagen, fast im Zimmer. Wir hatten Kaffee mitgebracht und den Wirtsleuten sofort ein...



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