Ryan | Die Informantin | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 448 Seiten

Ryan Die Informantin

Roman
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-641-11193-9
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 448 Seiten

ISBN: 978-3-641-11193-9
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In der Kälte der Nacht

Alexei Koroljow, Hauptmann der Moskauer Kriminalmiliz, wird zu einem Mordfall an ein Filmset gerufen. Die allmächtige Staatssicherheit erwartet rasche Aufklärung des Falls und insbesondere Diskretion, da die Tote eine Geliebte des wichtigen Tschekisten Rodinov war. Koroljow, dem die junge Kommissarin Slivka zur Seite gestellt wird, weiß, was ihm blüht, wenn er diesen Fall nicht aufklärt. Doch schon bald stellen sich ihm mächtige Widersacher entgegen.

William Ryan, 1965 in London geboren, ist in Irland aufgewachsen. Er hat als Anwalt und Justiziar gearbeitet, bevor er sich dem Schreiben zuwandte. Nach „Russisches Requiem“ ist "Die Informantin" William Ryans zweiter Roman um Kriminalkommissar Alexei Koroljow.
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1


Wie Rauch wirbelte Schnee oder Schneeregen oder irgendetwas dazwischen um sie herum und schien bei der Berührung mit Stoff sofort festzufrieren, denn auf ihren Kleidern bildete sich ein weißer Guss. Schon seit Tagen regnete oder schneeregnete es, je nachdem, wie man es betrachtete, und sie mussten ihre Schritte vorsichtig wählen, um ihr Ziel zu erreichen.

Mit unguten Vorahnungen folgte Hauptmann Alexei Dimitrjewitsch Koroljow dem Direktor des Mikojan-Kombinats für Landmaschinen – zusammen mit zwei Uniformierten und seinem Kollegen Jasimow. Koroljow wusste, dass ihm eine unangenehme Aufgabe bevorstand. Es roch einfach danach. Das hatte auch der Direktor angedeutet, als sie ihm mitteilten, dass sie einen von seinen Leuten verhören wollten. Zunächst hatte er sich sehr hilfsbereit gezeigt, doch als sie ihm den Namen des Mannes nannten  – Schischkin – und er nachgesehen hatte, wo sie ihn finden konnten, änderte sich auf einmal seine Haltung.

»Schischkin, Schischkin, Schischkin.« Er ging die Karteikarten in seinem Aktenschrank aus Holz durch. »Ah, da haben wir ihn. Arbeiterwohnheim sieben. Das hätte ich mir denken können.«

Koroljow konnte keine Gedanken lesen, doch die Vermutung lag auf der Hand, dass das Arbeiterwohnheim sieben einen gewissen Ruf hatte, und während sie darauf zumarschierten, verdichtete sich in ihm ein düsterer Verdacht. Der Direktor deutete auf ein langes, einstöckiges Holzgebäude, dessen Schrägdach sich unter dem dicken Schneebelag zu biegen schien. Das Heim hatte keine Regenrinnen, und an den Seiten reichte ein Vorhang aus gefrorenem Schmelzwasser hinunter zu den Schneewehen, die sich bis auf halbe Höhe der Außenwände türmten. Die wenigen kleinen Fenster lugten hoch unter dem Dachvorsprung hervor, und mehrere Scheiben waren mit dem Erstbesten ersetzt worden, was man gefunden hatte. Es war ein Ort, an dem die frisch vom Land eingetroffenen Arbeiter sich nach innen wandten und versuchten, auf einer Fläche von der Größe einer Viehscheune ihr Heimatdorf wiederzuerschaffen.

Für Außenstehende hatten diese Leute garantiert nichts übrig. Wahrscheinlich mochten sie nicht einmal die Bürger, die in den umliegenden Wohnheimen lebten. Nein, dieser Ort war eine winzige Insel im weiten Meer der Großstadt. Und im Grunde genommen lag diese Insel gar nicht in Moskau und nicht einmal in der Sowjetunion  – sie lag in einer völlig anderen Sphäre.

»Ich setze da keinen Fuß hinein, Genosse.« Der Direktor blieb stehen. »Und auch Ihnen möchte ich davon abraten. Ich habe Ihnen gezeigt, wo er nächtigt. Aber an Ihrer Stelle würde ich warten, bis er rauskommt.«

Achselzuckend warf Koroljow einen Blick auf Schischkins Fotografie und zeigte sie noch einmal den anderen, um ihr Gedächtnis aufzufrischen. Ein breites, glattrasiertes Gesicht mit einem dichten blonden Haarschopf, ein rundes, stark wirkendes Kinn, gerade Lippen. Wie ein Mörder sah er nicht aus – eigentlich hatte sein Gesicht sogar etwas Offenes und Frisches. Doch offenbar hatten Schischkin und sein Bruder miteinander getrunken, und Koroljow wusste nur allzu gut, dass Alkohol einen Heiligen in einen Teufel verwandeln konnte. Der Bruder war Vorarbeiter einer Gummifabrik im Stadtbezirk Frunse gewesen und hatte anscheinend Schischkins Bitte um eine Stelle abgelehnt. Wenn Wodka durch die Adern von Männern floss, konnte eine kleine Zurückweisung zu einer tödlichen Beleidigung werden. Koroljow hatte einmal einen Fall gehabt, in dem zwei Männer wegen einer Essiggurke zerstückelt worden waren.

»Wie viele Leute sind da drin?«, erkundigte sich Koroljow.

»Fünfhundert Seelen, ein paar mehr oder weniger«, antwortete der Direktor.

Koroljow war klar, was er meinte. Es gab Freunde und Verwandte, die nicht bei der Genossenschaft arbeiteten, dazu kamen Todesfälle und Geburten. Vor dem Wohnheim trieben sich rund zwanzig abgerissene Kinder herum, und bestimmt war mehr als die Hälfte davon auf keiner Liste eingetragen, die dem Direktor vorlag.

»Sie müssen schon verstehen.« Mit einem Nicken deutete der Direktor auf einen Pulk Männer, die beim nächsten Eingang aufgetaucht waren. »Dort endet meine Autorität. Über diese Schwelle trauen sich nicht einmal Parteiaktivisten. Die Bewohner haben ihre ganz eigenen Regeln, und es ist für alle Beteiligten das Beste, wenn wir ihnen ihren Willen lassen.«

Koroljow spähte hinüber zu den Arbeitern an der Tür – ölverschmierte, zähe, rabiate Muskelpakete, die bestimmt nicht besonders gut auf die Miliz zu sprechen waren. Noch einmal schielte er auf Schischkins Schnappschuss. »Trotzdem. Wir müssen rein und mit ihm reden.«

Die Laune seiner beiden uniformierten Begleiter schien nicht unbedingt gestiegen zu sein seit dem letzten Blick, den er ihnen zugeworfen hatte. Jasimow wirkte schicksalsergeben, und Koroljow ertappte ihn dabei, wie er auf die Jackentasche klopfte, in der sein Revolver steckte. Sie alle kannten solche Wohnheime, in denen ganz andere Gesetze herrschten als im Rest der Stadt, geduldet von Männern wie dem Direktor, die verzweifelt darum rangen, die Fabrikquoten einzuhalten. Koroljow steuerte auf den Eingang zu und hoffte, dass ihm die Uniformierten folgten. Als sie sich näherten, machten die Arbeiter Platz, aber in ihren harten Augen leuchtete kein Funke von Freundlichkeit, und er konnte hören, wie sie sich hinter ihnen zusammendrängten und ihnen den Rückweg abschnitten.

Er drückte die Tür des Wohnheims auf und trat ein.

Es war genau so, wie er es erwartet hatte – wie das Innere eines Ameisenhaufens –, sofern man sich im Jahr des Herrn 1937 in Moskau lebende Menschen als Ameisen vorstellte. Überall Leute und ihre Habseligkeiten. An einer Wand waren kleine, stallartige Verschläge für Familien errichtet worden, in deren leere Türrahmen die glücklichen Besitzer Decken oder Laken gehängt hatten, um ein wenig für sich sein zu können. Ansonsten jedoch war jeder Zentimeter Boden mit Betten, Matratzen und Sackleinen bedeckt, auf denen die restlichen Bewohner des Heims schliefen, saßen, Karten spielten, tranken, rauchten oder anderen Beschäftigungen eines zufriedenen Bürgers in seinen eigenen vier Wänden nachgingen – nur dass er diese Wände hier mit einem halben Tausend anderer teilen musste. Über den Menschen baumelten an kreuz und quer durch den Raum gespannten Wäscheleinen feuchte Kleidungsstücke und Bettzeug und machten jeden Blick zur Decke unmöglich. Koroljow hielt kurz inne, um die Szenerie auf sich wirken zu lassen. Als er schließlich langsam seinen Weg fortsetzte, musterte er im Vorbeigehen jedes einzelne Gesicht und wurde umgekehrt genauso sorgfältig in Augenschein genommen.

Sanft, aber beharrlich, schob sich Koroljow vorbei an den Leuten, die vor den Betten und Schlafplätzen herumstanden, und hielt nach Schischkin Ausschau. Wenigstens war es warm, auch wenn es die Wärme eines vollen Viehstalls war. Wahrscheinlich gaben die Gussöfen, die auf halber Höhe des Raums alle sieben oder acht Meter aufgestellt waren, weniger Hitze ab als die zusammengepferchten Bewohner. Es hatte keinen Zweck, nach dem Mann zu fragen. Hier würde ihm niemand Auskunft geben. Schon jetzt wirkte die Anwesenheit von Milizionären wie ein Stein, der in einen Teich gefallen war: Vor ihnen rollte eine Welle der Stille her, bis es ihm vorkam, als wäre das lauteste Geräusch im ganzen Heim der schwere Tritt seiner genagelten Absätze auf den Holzdielen. Er verwünschte diese Stiefel, erst vier Monate alt und von erlesener Qualität, die hier so fehl am Platz waren wie ein Kronleuchter aus Kristall. Außerdem drückten sie ihm einen Stempel auf, und es war ein Stempel, den er nicht mochte. Wenigstens wandten sich ihm die Gesichter, die sich weiß von der fleckigen Arbeitskleidung abhoben, eines nach dem anderen stumm zu und erleichterten ihm dadurch die Suche nach Schischkin ein wenig.

Das Wohnheim war in zwei Haupträume aufgeteilt, dazwischen lag ein Koch- und Waschbereich. Je weiter sie zur Mitte des Gebäudes vordrangen, desto weniger waren seine Stiefel zu hören. Andere Geräusche wurden stärker: Husten, das Rascheln von Kleidern, das Schnarchen schlafender Arbeiter, tropfendes Wasser, das Gackern eines zwischen den Betten herumtrippelnden Huhns. Noch immer keine Spur von Schischkin, aber das war im Moment wohl das geringste Problem. Frauen und Kinder wurden in die Schlafnischen gewinkt und jüngere Männer geweckt, damit sie aufstanden und das Vorrücken der Milizionäre aus trüben Augen beobachten konnten. Koroljow registrierte, dass ihnen Leute durch den ganzen Bau folgten, doch er wandte sich nicht um. Denn dann hätte er ihnen die Stirn bieten und sich auf Scherereien gefasst machen müssen. Mit straff gespannten Schultern marschierte er weiter durch die plötzliche Wärme aus dem Kochbereich, wo sich Frauen mit roten Gesichtern über Petroleumkocher beugten, die brausten wie Hochöfen.

Der zweite Raum war genauso wie der erste, und auch hier zog ihre Ankunft deutliche Auswirkungen nach sich. Ein Bursche mit zerzaustem Haar spielte Akkordeon, doch die Musik brach jäh ab, als er die spitzen braunen Budjonowkamützen der beiden Uniformierten bemerkte. Andere graue Wintergesichter wandten sich um, und in ihren wachsamen Augen leuchtete die Frage, was die vier Eindringlinge hier wollten. Hinten in einer Ecke las ein weißhaariger Greis mit dünnem Bart unter der Hakennase einem Kreis von Männern und Frauen vor, die den Kopf geneigt hielten. Koroljow ging es nichts an, aber er hätte einen ganzen Monatslohn darauf verwettet, dass der Alte ein ehemaliger Priester war und aus einer Bibel vortrug. Er blickte auf und sprach, ohne den Blick von den Eindringlingen zu nehmen, ein paar ruhige Worte, die zur stillen Auflösung der Zuhörer...


Ryan, William
William Ryan, 1965 in London geboren, ist in Irland aufgewachsen. Er hat als Anwalt und Justiziar gearbeitet, bevor er sich dem Schreiben zuwandte. Nach „Russisches Requiem“ ist "Die Informantin" William Ryans zweiter Roman um Kriminalkommissar Alexei Koroljow.



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