Rydahl | Der Einsiedler | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 608 Seiten

Rydahl Der Einsiedler

Kriminalroman
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-641-18904-4
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 608 Seiten

ISBN: 978-3-641-18904-4
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Am Strand von Fuerteventura wird die Leiche eines kleinen Jungen gefunden. Niemand scheint das Kind zu vermissen, und so versucht die Polizei, den Fall unter den Teppich zu kehren, um die anstehende Feriensaison nicht zu gefährden. Als der Taxifahrer Erhard Jorgenson, knapp 70 Jahre alt und ein Einzelgänger par excellence, davon Wind bekommt, macht er sich mit unerschütterlicher Hartnäckigkeit auf die Suche nach der Wahrheit. Aber kann ein alter Mann, der aus der Zeit gefallen scheint, ein Mordkomplott aufklären, das weit über die Küste Fuerteventuras hinausreicht?



Thomas Rydahl, 1974 in Aarhus geboren, lebt mit seiner Familie in Kopenhagen. Er studierte Philosophie und Psychologie und ist ausgebildeter Feuerwehrmann. Nach seinem Abschluss an der Dänischen Schriftstellerakademie veröffentlichte er 1999 eine erste Kurzgeschichtensammlung. Seit 2001 arbeitet er in der Kommunikationsbranche, wo er Storytelling als Strategie vermittelt. »Der Einsiedler« ist sein erster Roman.

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10

Ein Mann steht draußen vor der Tür. Erhard betrachtet ihn durch das kleine Fenster, zählt bis dreißig, vielleicht geht er ja wieder. Der Mann – ein gewisser Francisco Bernal – reibt sich die Lider unter der Sonnenbrille, als wäre er müde oder hätte etwas ins Auge bekommen. Einunddreißig, zweiunddreißig, dreiunddreißig. Doch der Mann bleibt und starrt bloß die Tür an, als könnte sie jeden Augenblick von allein aufspringen. Ein hübscher junger Mann Ende dreißig. Er hat Kinder und eine Frau, die in einem der Hotels arbeitet.

Erhard macht die Tür auf, und der Polizist sieht ihm direkt ins Gesicht.

»Ermitaño«, sagt er zur Begrüßung.

»Kommissar.«

»Ich bin kein Kommissar.«

»Und ich kein Eremit.«

Bernal lächelt. »Okay, Jorgenson. Wie geht es Ihnen?«

»Gut, und Ihnen? Den Kindern?«

»Der Jüngste hat gerade die Masern gehabt.«

Erhard nickt. Er kennt den Vizepolizeikommissar schon seit Jahren. »Ihr Kollege hat gestern Nachmittag angerufen.«

»Wir hätten es ja vorgezogen, Sie wären aufs Präsidium gekommen.«

»Ich war gestern verhindert.«

»Dann kommen Sie jetzt mit.«

»Nee, jetzt sind Sie ja hier. Außerdem verstehe ich nicht, was Sie noch wissen wollen. Ich hab Ihnen doch alles gesagt, mehr weiß ich nicht.«

Der Polizist nimmt die Sonnenbrille ab. Er sieht müde aus. »Ich kann Sie mitnehmen und wieder zurückbringen.«

»Klingt nett, trotzdem danke.«

Bernal wirft einen Blick auf den Wagen. »Was ist mit dem Seitenspiegel passiert?«

»So was passiert, wenn man Taxi fährt.«

»Jorgenson, ich soll Sie abholen. Machen Sie es mir nicht so schwer.«

»Nennen Sie mich Señor Gegendieregeln.«

Bernal lächelt. Ein ehrliches Lächeln. Genau deshalb mag Erhard ihn.

»Warum haben Sie am Telefon nicht Ihren Namen genannt?«

»Die Verbindung war schlecht«, sagt Erhard. »Sie wissen, wie das hier draußen sein kann.«

»Soweit ich weiß, ist es deutlich besser geworden, seit die neuen Kabel verlegt worden sind.«

»Ach ja?«

»Warum haben Sie nicht noch mal angerufen?«, fährt Bernal fort.

»Es war die Silvesternacht, und ich war müde.«

»Waren Sie auch müde, als Sie die Leiche gefunden haben?«

»Ja.« Erhard muss wieder an die Worte denken, die aus Bill Hajis Augen kamen, an die er sich aber nicht mehr erinnern kann. Solche Informationen fördern nicht eben die eigene Glaubwürdigkeit.

»Wann waren Sie zuletzt beim Arzt?«

»Ach, hören Sie auf«, sagt Erhard und holt seinen Führerschein heraus. Ein Taxifahrer muss ihn immer dabeihaben, er hat ihn aber noch nie jemand anderem als Bernal gezeigt, der ihn Mal ums Mal kontrolliert.

Er wirft einen Blick aufs Datum. Oktober 2011.

»Keine Probleme mit der Nachtsicht?«

»Natürlich nicht.«

»So was soll vorkommen. In Ihrem Alter.«

»Das ist doch Schikane. Es gibt hier zwei Taxifahrer, die noch älter sind als ich.«

»Das stimmt nicht ganz. Alberto Ramírez ist achtundsechzig, Luis Hernaldo Espósito sechsundsechzig.«

»Schau an, junge Männer also. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich ein guter Fahrer bin.«

»Das weiß ich, aber für Ihren Starrsinn sollte ich Sie eigentlich festnehmen.« Sein Blick wird schlagartig ernst. »Ermitaño, ich muss Sie etwas fragen.«

Er wird diesen Namen einfach nicht los. Vor ein paar Jahren hat ihn das noch so wütend gemacht, dass er alles Mögliche unternahm, damit die Leute ihn Jorgenson nannten. Genützt hat es nichts. Es gibt nichts Langlebigeres als einen missverstandenen Spitznamen.

»Schießen Sie los«, sagt er.

»Es gibt da was … über Bill Haji … was wir gern wissen würden.« Bernal sieht sich um.

»Keine Angst. Außer uns ist niemand hier. Außer uns und den Ziegen.«

»Ich hab Pérez-Lúñigo gebeten, im Auto zu warten.«

Erst jetzt bemerkt Erhard den dunklen Schatten im Streifenwagen. Lorenzo Pérez-Lúñigo ist Arzt, ein mittelmäßiger zwar, aber der einzige Rechtsmediziner auf der Insel. Kein bisschen engagiert, aber ein arroganter Teufel und geradezu verliebt in Leichen. Eine ätzende Persönlichkeit, Erhard wollte ihn vor ein paar Jahren wegen Leichenschändung anzeigen, aber Bernal konnte ihn überreden, von der Anzeige abzusehen.

»Was auf einer Taxifahrt passiert, bleibt für immer ein Geheimnis des Fahrers, heißt es.«

Bernal lächelt. »Können wir reingehen?«

Erhard führt ihn ins Wohnzimmer, das gleichzeitig auch die Küche ist. Er lehnt sich an den Küchentisch und gibt Bernal mit einer Geste zu verstehen, dass er das gern auch tun darf.

»Sie haben noch immer kein fließend Wasser?«, fragt der Polizist und mustert die leere Cognacflasche auf dem Tisch.

»Wasser ist für Schildkröten«, sagt Erhard.

»Na ja, Sie leben ja auch wie eine Schildkröte, ich mache mir Sorgen um Sie.«

»Lassen Sie’s. Ich hab schon Schlimmeres überlebt.«

Bernal zuckt mit den Schultern. »Sie haben am Telefon gesagt, die Hunde hätten ihm ins Gesicht gebissen?«

»Ich hab gesagt, sie würden sein Gesicht fressen.«

»Und dass sie oben auf dem Wagen gehockt und sich über ihn hergemacht hätten.«

»Ja, so sah es für mich aus.«

»Sind Sie sich wirklich sicher, dass es das Gesicht war?«

»Ich hab seine Koteletten gesehen, Haare. Und seine Augen.«

»Waren Sie vielleicht übermüdet?«

»Ich weiß, was ich gesehen habe.«

»War es vielleicht der Rücken?«

»Wenn er hinten Augen hatte …«

Der Kommissar lächelt erneut. »Wir können seinen Ring nicht finden. Der ist außergewöhnlich, wenn auch ohne großen materiellen Wert.«

»Wer weiß, was diese Tiere sonst noch gefressen haben.«

»Wir haben in der Gegend alles abgeschossen, was vier Beine hat. Sogar ein paar Hunde, die gar nicht wild waren. Lorenzo hatte die Arme bis zu den Ellenbogen in den Hundedärmen. Nichts. Kein Ring.«

»Dann war er ja in seinem Element. Vielleicht haben die Viecher den Ring ja nicht runtergekriegt. Möglicherweise liegt der jetzt irgendwo, wer weiß, wo die sich rumtreiben.«

»Wir hätten ihn gefunden. Haben die ganze Gegend abgesucht. Das Problem ist, dass alles, was in diesen Hunden war, nach drei bis vier Stunden so aufgelöst ist, dass man es nicht mehr erkennen kann. Den Ring hätten wir trotzdem finden müssen. Und wenn das Gesicht wirklich das Letzte war, was diese Hunde gefressen haben, hätten wir auch das finden müssen.«

»Wann waren Sie dort?«

»So schnell wie möglich.« Der Polizist blickt zu Boden. Das Laminat ist an manchen Stellen gerissen und mit Klebeband geflickt. »Wir gehen von einem Unfall ohne Fremdeinwirkung aus.« Ohne Fremdeinwirkung. Er murmelt es gleich mehrmals vor sich hin.

Erhard will nicht, dass der Polizist ihm die Erleichterung ansieht. Er dreht sich um und räumt willkürlich ein paar Gegenstände auf der Anrichte um.

»Wie lang hat es gedauert?«

»Der Mann war ja schon tot. Außerdem war es in der Silvesternacht, wie Sie ja schon gesagt haben.«

»Wo liegt dann das Problem?«

»Die Familie sitzt uns im Nacken. Liebe macht ungerecht. Sie wollen irgendetwas in den Sarg legen können. Nicht nur einen Stein von Alejandros Weg. Der Schwester geht es vor allem um den Ring.«

»Eleanor können Sie nichts vormachen. Das würde nicht gut gehen.« Er muss wieder an die Schwester denken. Hat sie in seinem Rückspiegel gesehen. Sie ist doppelt so maskulin wie Bill Haji.

»Deshalb suchen wir auch weiter. Dieser Ring ist so etwas, na, Sie wissen schon, so etwas wie seine Persönlichkeit. Ich würde der Schwester gern den Ring geben und ihr sagen, dass er jetzt in Hajis Sarg liegt. Nicht nur die Reste seiner Schuhe und die Leber, die diese Höllenviecher aus irgendeinem Grund nicht angerührt haben.«

Erhard wagt es nicht, zum Küchenregal hinüberzublicken, zur Kaffeedose mit der Aufschrift »Mokarabia 100 % Arábico«, in der der Finger liegt. »Ich kann Ihnen nicht helfen.«

Der Polizist sieht sich um, als wollte er noch etwas sagen. Sein Blick bleibt an einer Stelle hängen, wo sich die Tapete von der Wand gelöst hat. Man sieht das blanke Holz, die blasse Maserung mit Kritzeleien des Zimmermanns.

Erhard begleitet ihn noch raus zum Wagen. Pérez-Lúñigo blickt ungeduldig...


Rydahl, Thomas
Thomas Rydahl, 1974 in Aarhus geboren, lebt mit seiner Familie in Kopenhagen. Er studierte Philosophie und Psychologie und ist ausgebildeter Feuerwehrmann. Nach seinem Abschluss an der Dänischen Schriftstellerakademie veröffentlichte er 1999 eine erste Kurzgeschichtensammlung. Seit 2001 arbeitet er in der Kommunikationsbranche, wo er Storytelling als Strategie vermittelt. »Der Einsiedler« ist sein erster Roman.



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