Rytchëu | Wenn die Wale fortziehen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 136 Seiten

Rytchëu Wenn die Wale fortziehen

Erzählung
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-293-30461-1
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erzählung

E-Book, Deutsch, 136 Seiten

ISBN: 978-3-293-30461-1
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nau ist die Urmutter des Menschengeschlechts. Aus Liebe zu ihr wird Rëu, der Wal, zum Menschen und zeugt mit ihr Waljunge und Menschenkinder. Rëu stirbt, wie alle folgenden Generationen. Nur Nau überlebt sie, gibt das Wissen von der Abstammung des Menschen und von der Verehrung der Wale weiter. Doch die Achtung vor ihr und vor den Meeresriesen schwindet. Niemand nimmt mehr diese steinalte Frau ernst. Eines Tages brechen die Männer zum Walfang auf. Die Wale ziehen davon, Menschen voller Eroberungs- und Machtgelüste stehen vor einem leeren Meer, das einst von Lebewesen brodelte. Diese poetische Schöpfungslegende der Tschuktschen von der ursprünglichen Gemeinschaft von Mensch und Wal, von der Einheit von Mensch und Natur, ist zugleich eine Vorahnung der Fragen und Probleme unserer Zeit.

Juri Rytchëu, geboren 1930 als Sohn eines Jägers in der Siedlung Uëlen auf der Tschuktschenhalbinsel im äußersten Nordosten Sibiriens, war der erste Schriftsteller dieses nur zwölftausend Menschen zählenden Volkes. Mit seinen Romanen und Erzählungen wurde er zu einem berufenen Zeugen einer bedrohten Kultur. Juri Rytchëu starb 2008 in St. Petersburg.
Rytchëu Wenn die Wale fortziehen jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


I


Nau suchte mit den Augen diesen überraschenden Glanz, der sich zum Ufer hin immer deutlicher abhob – die Fontäne schoß hoch auf, und das Sonnenlicht ließ in ihr einen vielfarbigen Regenbogen funkeln.

Nau lief über das kühle feuchte Gras. Das Geröll auf dem Ufer kitzelte ihre Füße, und das leise Lachen des Mädchens mischte sich mit dem Klang der glattpolierten Kieselsteine, die die Brandung hin und her rollte.

Nau fühlte sich eins mit dem kräftigen Wind, dem grünen Gras und dem feuchten Kiesel, mit den hohen Wolken und dem endlosen blauen Himmel.

Und als zwischen ihren Beinen die aufgescheuchten Vögel davonliefen, die Hörnchen und die sommers leicht graufarbenen Hermeline, rief Nau ihnen zu, freudig und laut, und die Tiere verstanden sie. Sie schauten dem hoch gewachsenen Mädchen nach, mit seinem wehenden, flügelgleichen schwarzen Haar.

Nie betrachtete sie sich mit fremdem Blick. Sie dachte nicht darüber nach, wodurch sie sich von den Bewohnern der Erdlöcher unterschied, von den in den Felsen Nistenden und den im Grase Kriechenden. Selbst die düsteren schwarzen Steine waren für Nau lebend und nah.

Und allem, was sie sah – dem Lebenden, welches Stimme kannte und Schrei, dem Stummen, doch sich Bewegenden, und dem in der ewigen Ruhe Verweilenden –, trat sie gleichermaßen ruhig und still entgegen.

Und dies war so bis zu der Zeit, da sie noch nicht die Fontäne des sich nähernden Wales bemerkt hatte, die hoch emporschoss und hörbar war in Ufernähe, da sie noch nicht den langen, kräftigen, leuchtenden Körper des Meeresriesen gesehen hatte – den Körper Rëus.

Der Wal schwamm auf das Ufer zu, und der Kiesel knirschte unter seinem Gewicht. Die Welle, die er aufsteigen ließ, rollte heran, ließ vor Kälte Naus bloße Füße brennen.

In den ersten Tagen wurde das Mädchen von etwas zurückgehalten, und es hütete sich, in die Nähe des Wales zu kommen. Etwas Starkes und Mächtiges hielt sie zurück an der Brandungslinie, an der Grenze, wo die kleinste Berührung durch die Welle ausgetrocknete Muscheln zu Staub zerfallen lässt, wo die im Meerwasser von Salz durchtränkten Rindenstücke liegen und manchmal auch ganze Baumstämme.

Nau schaute von Weitem auf den Wal, auf den riesigen schwarzen Körper, in dem sich die Sonnenstrahlen tief spiegelten, und es schien ihr, als leuchtete der Wal aus seinem Innern mit einem ihm eigenen Licht.

Mit lautem Gurgeln flossen das Wasser und mit diesem kleinste rote Muscheltiere und Quallen in seinen Rachen, und über Rëus Kopf, im Wasserstaub, bildete sich ein sonniger Regenbogen.

Dieser lockte das Mädchen, rief es, zwang es, das unausgesprochene Verbot zu überschreiten, die unsichtbare Schwelle, welche die Kette aus bunten, von den Wellen ans Ufer getragenen Steinen kennzeichnete. Es wollte sich dem Regenbogen nähern, damit wenigstens ein einziger Tropfen, in dem eine kleine Sonne funkelte, auf sie falle.

Eines Tages ging Nau so nahe an den Wal heran, dass sich die Fontäne über sie, von Kopf bis Fuß, ergoss. Dies geschah unerwartet, doch alles war so, wie sie es geahnt hatte – die Tropfen waren warm, glänzend, und Nau fühlte, wie Sonnenstrahlen sie einhüllten, wie durch ihren ganzen Körper sich ein neues, nie gekanntes Gefühl weicher Zärtlichkeit ergoss, und eine Art Beklemmung in der Brust. Ihr schneller gehender Atem brach ab, es schwindelte ihr, so als habe sie lange von einer Anhöhe auf die über das Wasser laufenden Schatten der Wolken geschaut.

Und der Wal ließ sie in warmen Wasserstrahlen baden, die von Sonnenlicht durchtränkt waren, streichelte sie mit weichen, zärtlichen Klapsen seiner Fontäne und deren leisem Gemurmel.

Nau spürte, wie ihr kleines Herz wuchs in ihrer Brust und diese ausfüllte, sodass regelmäßiges Atmen schwer wurde. Ihr Blut erwärmte sich, denn es nahm die Wärme der Walfontäne in sich auf. In ihrer Verwirrung stand sie reglos, nicht wissend, was zu tun sei. Aber früher hatte sie doch nie überlegt, was zu tun sei. Wie der Wind, die Wellen, die Wolken, das sprießende Gras und die sich in ihm versteckenden Blumen, wie die Hörnchen und die fliegenden Vögel, wie die im Meer schwimmenden Tiere und Fische … Sie war ein Teil dieser gewaltigen Welt gewesen, die lebend war und tot, die leuchtete und in Finsternis versank, die in den Schlaf gewiegt wurde von der Stille des hohen Himmels und der Decke aus weichen Wolken, die reißend wurde, wenn ein unerwartet hereinbrechender Wirbelsturm die Wellen in Bewegung setzte und sie über das Ufer sich ergießen ließ in dem Versuch, die Gräser zu erreichen, in denen Nau ihre kalten Füße schützend verbarg.

Jetzt aber überflutete sie etwas anderes. Es war, als sei sie eben erst erwacht und der Moment des Erwachens dauere fort, als sehe sie den Himmel wie neu, das blaue Meer, die Hügel mit ihren grünen Grashängen, und als höre sie zum ersten Mal das Pfeifen der Ziesel, den Gesang der Vogelberge an den Felsen, das Murmeln des Baches … Als hätte sie plötzlich entdeckt, dass der Geschmack des Meerwassers sich von dem des Baches unterscheidet und dass die Morgenkälte in dem Maße weicht, wie die Sonne sich über dem Meer erhebt.

Wenn Nau nun durch die Tundra lief, wobei sie sich geschmeidig von den federnden Bülten abstieß, hielt sie plötzlich ein in ihrem Lauf und beugte sich über ein winziges blaues Blumenfleckchen, das einem aus dem Zenit gefallenen Himmelssplitter glich. Die tiefblaue Blattknospe wiegte sich auf dem zarten grünen Stängelchen, und Nau hörte einen durchdringenden, sich in der Ferne verlierenden Klang.

Die Welt der Töne und der Bilder klärte sich auf, und Nau wusste nun, woher das Dröhnen der sich gegen die Felsen brechenden Wellen kam, das Rauschen des mit unsichtbarer Riesenhand über das Tundragras streichenden Windes, das Plätschern der seichten Wellen in der Lagune, das Murmeln des Wassers im steinige Abhänge hinunterfließenden Bach.

Verschieden begannen die Vögel und Tiere zu sprechen.

Der schwarze Rabe krächzte mit schwarzen Lauten, und diese Laute waren dunkel und kalt wie der Schatten an jenem Ufer, welches kein Sonnenstrahl je erreichte und wo ewiger, vom Alter dunkel und porös gewordener Schnee lag.

Die Polarfüchse mit ihrem zotteligen Sommerfell kläfften, als spuckten sie die kleinen Kerne der Moltebeeren, die sich in ihrem Rachen festgesetzt hatten, wieder aus, spitz und durchdringend pfiffen die Ziesel, als riefen sie Nau bei ihrem Namen, riefen sie herbei, damit sie in die schwarzen Eingangslöcher der unter dem Schutz des Steines ausgehobenen Baue schaue.

Es tönten die Meeresvögel, die an den Uferfelsen nisteten, und von Zeit zu Zeit, wenn sie, durch einen Vielfraß in Schrecken versetzt, alle zugleich aufflogen, ertrank jeder andere Laut in ihrem Lärmen, und die Welt wurde trostlos-einförmig, grau und reizlos.

Nau entdeckte, dass Töne angenehm sein können für das Ohr oder aber derart, dass man fortlaufen und sich weit entfernt verstecken möchte. Dem Vogelgesang über einem morgendlichen Bache konnte sie endlos lauschen. Er hatte irgendetwas gemein mit dem Regenbogen über der Fontäne des Wales, und das Vogelgezwitscher weckte in ihrer Seele eine lichte Erwartung des bevorstehenden Wunders.

Von Tag zu Tag wurde die Tundra leuchtender und farbenreicher. Naus Füße wurden vom Saft der Beeren geschwärzt. Die alte Tundrawölfin leckte sie und schaute Nau mit hingegebenem und schwermütigem Blick in die Augen. Sie witterte den nahenden Winter und auch ihren eigenen Tod, denn sie war bereits zu nichts mehr nutze: Das beschwerliche Leben und das Alter hatten ihre Zähne stumpf gemacht …

Wie immer weckten an diesem Morgen die Sonnenstrahlen Nau.

Noch glänzten sie so hell wie zuvor, doch schon war in ihnen nicht mehr die einstige, alles durchdringende Wärme. Wie sie Naus geschlossene Lider berührten, war eine Warnung zu spüren, ein Widerhall der sich nähernden Unwetter.

Nau erwachte gänzlich und stillte ihren Hunger mit einer Hand voll Moltebeeren.

Ihr feines Gehör vernahm das gewöhnliche Rauschen der Brandung, den Vogelgesang über dem Bach und das Rascheln des Grases.

Nau erhob sich und begab sich zum Meer.

Der Tau war ungewöhnlich kalt. Um sich zu wärmen und letzte Spuren des Schlafes abzuschütteln, rannte sie. Die Ziesel pfiffen ihr nach, und die erschrockenen Rebhühner flogen unter ihren Füßen auf, doch Nau hielt nicht ein, ein ängstlich-freudiges Vorgefühl bewegte sie. Normalerweise sammelte sie, um ihr kärgliches Frühstücksmahl zu bereichern, an der letzten Reihe der vom Meer angespülten Steine Ranken von Algen. Aber heute verlangsamte sie nicht einmal ihren Schritt.

Schon drang durch das Meeresgetöse das vertraute Pfeifen der sich zum Himmel erhebenden Walfontäne an ihr Ohr.

Der Glanz des Meeres blendete sie, und Nau konnte das Ufer nicht deutlich erkennen.

Plötzlich erblickte sie etwas Außergewöhnliches … Im ersten Augenblick dachte sie, es könnte eine Vision der vom Wasser geblendeten Augen sein.

Die Fontäne, in der sich der Sonnenschein brach, gab es zwar, und auch den Wal, der bis an das Ufer gekommen war. Doch je genauer sie den Meeresriesen zu betrachten suchte, um so durchsichtiger...


Passet, Eveline
Eveline Passet, geboren 1958, studierte Slawistik in Paris. Sie übersetzt aus dem Französischen und dem Russischen (u. a. Constant, Musset, Pennac, Rosanow und Kuprin) und schreibt Rundfunkfeatures.

Rytchëu, Juri
Juri Rytchëu, geboren 1930 als Sohn eines Jägers in der Siedlung Uëlen auf der Tschuktschenhalbinsel im äußersten Nordosten Sibiriens, war der erste Schriftsteller dieses nur zwölftausend Menschen zählenden Volkes. Mit seinen Romanen und Erzählungen wurde er zu einem berufenen Zeugen einer bedrohten Kultur. Juri Rytchëu starb 2008 in St. Petersburg.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.