E-Book, Deutsch, 272 Seiten
S. Daveron / Loup Beyond Eternity. Der Fluch des Vampirs: Knisternde Vampire Romance
3. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7584-1136-6
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-7584-1136-6
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Nika S. Daveron stellte bereits im frühen Alter von 8 Jahren fest, dass das Beste am PC die Tastatur war - neben dem väterlichen Gratisvorrat an leeren Blättern. Geboren 1985 im schönen Köln, lebt sie derzeit in Neuss und verkauft ihren Kunden IT Lösungen. Wenn sie sich nicht gerade im Sattel oder auf den deutschen Galopprennbahnen herumtreibt, glüht die Xbox oder die Maus; Computerspiele können auch schon mal den Schlaf kosten. Krach geht bei ihr durchaus als Musik durch, wenn sie sich auf Industrial-Partys die Nacht um die Ohren schlägt.
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Kapitel 1
Wie ein Schwarz-Weiß-Bild, dachte Andie und blendete das dumpfe Gemurmel um sich herum einfach aus. Ihr Blickfeld schien zu schrumpfen und sie sah nur noch das dunkle, feucht glänzende offene Grab, in das der cremefarbene Sarg soeben hinabgelassen wurde.
Der Schneeregen, der seit Tagen über das Land zog, bedeckte alles wie ein nasses, schweres Tuch, dämpfte die Geräusche und die eintönige Litanei des Pfarrers, der mit gesenktem Haupt vor ihr stand. Sie mochte Schnee, sie mochte auch Regen und ganz besonders mochte sie diesen kleinen, fast unbekannten Friedhof mitten in Brooklyn, auf dem heute Tante Dru ihre letzte Ruhe fand. Eigentlich war sie gar nicht ihre Tante gewesen, eher die Großtante ihrer Mutter und Andie stellte sich vor, dass sie sich jetzt im Sarg mehrmals wütend herumdrehte, weil ihr Name so verschandelt wurde.
»Andressa Filipa Franklin!«, hatte sie zu sagen gepflegt. »In meinem Haus dulde ich es nicht, wenn Schindluder getrieben wird!«
Für Tante Drusella Eugenie Erincourt, die sich damit gebrüstet hatte, dass sie einem alten englischen Geschlecht abstammte, das durch die barbarischen Kommunisten sein Vermögen und sein Land verloren hatte, war alles Schindluder. Schuld waren natürlich die Gewerkschafter. Und die Feministinnen. Die roten Khmer sowieso. Andie hatte nie verstanden, wie Kommunisten in England Fuß gefasst haben sollten, um Tante Drus Familie zu einer Flucht nach Amerika zu bewegen, aber als sie ein gewisses Alter erreicht hatte, war sie schlau genug gewesen, sich derartige Fragen zu ersparen.
Es ihrer Tante recht zu machen, hatte sie ohnehin nicht vermocht. Sie war zu in sich gekehrt, wenn sie schwieg, und zu patzig, wenn sie sprach. Sie hatte kein Benehmen – »Dein Vater, dieser Gewerkschafter! Er hat dir viel zu viel durchgehen lassen.« –, wählte ihre Kleidung zu freizügig (Andie hatte es einmal gewagt, ein Poloshirt zu tragen), war dumm, faul und ungehorsam. Sie bemühte sich nicht, ihrer armen Tante zur Hand zu gehen, war nie zu Hause, wenn man sie brauchte, und wenn sie es war, völlig nutzlos, weil sie nur über ihren Büchern gesessen oder vor sich hingeträllert hatte.
Andie seufzte lautlos und tauchte für einen Moment aus ihren Erinnerungen auf. Es hatte sich nichts geändert. Der Pfarrer intonierte noch immer eine Grabrede, von der sie annahm, dass Tante Dru sie ihm vorgeschrieben und mitsamt einem gewaltigen Obolus für die Kirche hinterlassen hatte. Die wenigen anderen Trauergäste, denen in dem matschigen Boden sicher die Zehen abfroren, hatten sich tief in ihre schwarzen Jacken und Mäntel vergraben und ihre Schirme vor ihr Gesicht gezerrt, als wollten sie die Welt, den heulenden Wind und die Schneeschauer von sich abgrenzen. Andie kannte keinen von ihnen und das war ihr nur recht so. Tante Dru hatte sich nie die Mühe gemacht, ihre Stimme zu senken, wenn eine ihrer seltsamen Bibelkreisfreundinnen kam. Sie erzählte ihnen von Andie, beschwerte sich, dass es ihre Großnichte gewagt hatte, zusammen mit ihrem Mann – »dem Gewerkschafter!« –, einen tödlichen Autounfall zu haben und ihr dieses unchristliche und undankbare Balg zu hinterlassen, um das sie sich als einzige Angehörige kümmern musste.
Auf dem Dachboden schaffte Andie sich eine Zuflucht. Versteckt von mächtigen, alten, mit Spinnweben bedeckten Truhen und einem antiken Sekretär, kuschelte sie sich in eine löchrige Decke, die sie hier oben hinter einem Dachsparren gefunden hatte. Jedes Wort hörte sie. Wie ein bösartiger, spitzer Pfeil bahnte sich die hohe, durchdringende Stimme Tante Drus immer einen Weg in ihr Gehör. Sie war erst sieben, als ihre Eltern starben, und brachte über ein Jahr lang keinen Ton mehr heraus, so geschockt war sie. Nicht nur, dass sie bei dem Unfall dabei war und alles mit ansehen musste, sie überlebte ihn ohne einen Kratzer, eine Tatsache, die ihr Tante Dru immer zum Vorwurf machte.
Doch auf dem Dachboden war sie sicher. Niemals, nicht ein einziges Mal, kam ihre Tante auf die Idee, sie dort oben zu suchen. Im Laufe der Jahre schlich sie sich immer dorthin, wenn sie die schrillen Beschwerden nicht mehr ertragen konnte, und hier war es auch, dass ihr ein altes Gesangsheft in die Hände fiel. Bis zu diesem Tag hatte sie dem Musikunterricht keine große Aufmerksamkeit geschenkt, doch als sie die vergilbten Blätter des muffigen Buches umblätterte, schien es ihr, als würde sie in eine andere Welt tauchen. Die Lieder und Gesänge waren so ausdrucksstark, gefühlvoll, so berührend – sie wollte und musste sie selbst singen können. Und Mr Algins, der alte Musiklehrer, war mehr als erfreut, als er das Interesse des zurückhaltenden Mädchens erkannte. Oft nahm er sich die Zeit, ihr nach dem Ende der Stunde Noten, Notenschlüssel und Taktfolgen zu erklären.
Seine Freude kannte keine Grenzen mehr, als sie sich zum ersten Mal traute ihm etwas vorzusingen. Tränen standen in seinen Augen, als sie vor der gesamten Klasse das Halleluja vortrug. Leise, ganz leise hatte sie begonnen, doch mit jedem Ton, mit jeder Strophe war ihre Stimme sicherer und kräftiger geworden und als sie endete, schwiegen ihre Klassenkameraden. Minutenlang. Ergriffen von einem ihnen scheinbar unerklärlichen Gefühl, das sie nicht zu beschreiben vermochten, welchem sie aber auch nicht durch ihren üblichen Spott Ausdruck verleihen wollten. Mr Algins war es auch, der sie mit zu einem alten Freund nahm, dem das kleine Sherman Theater gehörte. Mr Sherman war ein knurriger, alter Mann, mit einer Haut so braun und verrunzelt, dass man meinen konnte, sie sei Baumrinde, und Andie hatte anfangs Angst vor ihm.
Ihre Angst hielt jedoch nicht lange vor. Der kleine Mr Sherman war ein Goldstück, dem nichts mehr am Herzen lag, als ihre Stimme auszubilden. »Du hast großes Talent, mein Kind«, waren seine Worte. »Aber dafür musst du üben, üben, üben. Immer wieder.«
Und das tat sie auch. Jeden zweiten Tag machte sie sich auf den Weg zum Theater und schon mit siebzehn war ihre Stimme so ausgeprägt, dass sie nach Shermans Meinung jeder Opernsängerin das Wasser reichen konnte. Sie besaß die Fähigkeit, über vier Oktaven reine und klare Töne zu singen, und die Theaterleute hatten sie verehrt.
Andie seufzte. Ihr Traum, als Opernsängerin aufzutreten, war vorbei gewesen, bevor er richtig begonnen hatte. Ihre Tante hatte ihr von Anfang an verboten ihr »schreckliches Gesinge« zum Beruf zu machen und hatte ihr nur unter der Voraussetzung zu studieren erlaubt, dass sie »vernünftige« Fächer belegte. Offiziell war sie jetzt im vierten Semester Literaturwissenschaft, doch selbst das war ihr genommen worden. Tante Drus Testament, das ihr heute Morgen der Anwalt persönlich vorbeigebracht hatte, war eindeutig. Sämtliche Vermögenswerte von Tante Dru, einschließlich des von ihr verwalteten Geldes, das Andie gehört hatte, waren verschwunden. Es gab nichts zu erben. Tante Dru selbst hatte – entgegen ihren Worten – nie etwas besessen und sie hatte es sich nicht nehmen lassen, Andies Erbe großzügig für sich auszugeben.
Andie stand vor dem Nichts. Sie wusste nicht, wie sie das alte zweistöckige Haus halten sollte, in dem sie mit Tante Dru gelebt hatte, ja, sie wusste nicht einmal, wovon sie ab morgen leben sollte. Ihr letztes Geld war für die Sargträger draufgegangen und jetzt befanden sich in ihrer Tasche nur noch zwei Dollar und achtundachtzig Cent.
Der Schneeregen war in einen festen, heftigen Regen übergegangen. Ohne zu wissen, was sie tat, griff Andie nach einer Handvoll Erde und warf sie auf den Sargdeckel. Teilnahmslos beobachtete sie, wie es ihr die anderen Anwesenden nachmachten. Niemand von ihnen hielt es für nötig, ihr zu kondolieren. Andie strich sich eine nasse Strähne ihres lockigen Haares zurück, das in dem Zwielicht eher schwarz als dunkelrot wirkte, starrte einen Moment lang verloren in das Grab, in das die Friedhofsarbeiter hastig die matschige, schwere Erde schaufelten, und wandte sich ab.
Sie hatte Besseres zu tun, als um die Vergangenheit zu trauern. Sie musste ihren Lebensunterhalt verdienen.
***
Die Bar wirkte klein und schäbig. Eines der Lichter draußen war zerschlagen und so leuchtete von dem Schriftzug Wild Dog nur noch ld Dog. Die verwitterte Eingangstür hätte schon längst einen Anstrich nötig gehabt und das Rot blätterte ab. Es gab nur ein kleines Fenster, links von der Tür, doch es war abgedunkelt und gewährte keinen Blick nach drinnen. Andie atmete tief durch. Sie hatte bereits in vier Restaurants vorgesprochen, keines davon hatte sie gewollt, zu wenig Erfahrung. In den Bars war es genau das Gleiche gewesen und zuletzt war es ihr Äußeres, das einen Absagegrund darstellte.
»Nicht sexy genug«, hatte der Besitzer gesagt und sie ohne weitere Worte stehen lassen. Andie war darüber verärgert gewesen, denn was hatte er erwartet? Dass sie bei diesem Wetter im Bikini zum Vorstellungsgespräch erschien? Dann war der Ärger verschwunden. Es hätte sowieso nicht zu ihr gepasst. So war sie einfach nicht – keine dieser sexy Kellnerinnen aus Coyote Ugly, die sich tanzend ins Koma tranken und ihre Gäste scharf machten. Das vage Gefühl beschlich sie, dass das im Wild Dog wohl auch gefordert sein würde, jedenfalls wenn man sich den Laden von außen betrachtete. Aber eine andere Wahl hatte sie mittlerweile nicht mehr. Es gab keine weiteren Etablissements in ihrer näheren Umgebung und sie konnte sich die U-Bahn nicht mehr leisten. Doch eins stimmte sie positiv – an der maroden Tür klebte ein Zettel:
Aushilfe gesucht!
Andie nahm allen Mut zusammen und öffnete die rote Tür. Der Gestank von kaltem Rauch und schalem Bier stieg ihr in...




