S. / Mann | Marie, Engel der Vergangenheit | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 272 Seiten

S. / Mann Marie, Engel der Vergangenheit


1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7597-4474-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

ISBN: 978-3-7597-4474-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Kriminalbeamtinnen Marie und Eva ermitteln in Hamburg in einem Mordfall, der Parallelen zu einer zwanzig Jahre zurückliegenden Tat aufweist. Die beiden Kolleginnen kommen dem Mörder auf die Spur, dabei spielen Maries Eingebungen und ihre Vergangenheit eine entscheidende Rolle. Aber so sehr sie sich bemühen, der Täter ist ihnen immer einen Schritt voraus. Eine riskante Jagd beginnt...

Thomas S. stammt gebürtig aus dem nördlichen Emsland, wo er auch heute noch lebt und arbeitet. Zunächst hatte er seinen Freund Herr Mann bei dessen ersten Büchern unterstützt, zusammen haben sich die beiden dann diesem Krimi gewidmet.
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EINS


Hamburg, ein Samstag im Oktober


Es waren genau zwanzig Jahre vergangen, seit Marie ihre ersten Visionen gehabt hatte. Heute konnte sie sich an nichts mehr erinnern. Sie war schon längst von zu Hause ausgezogen und hatte Schweden verlassen.

Marie war zweisprachig aufgewachsen. Ihr Vater Theo stammte aus Deutschland, daher besaß sie die doppelte Staatsangehörigkeit, die es ihr ermöglichte, ihre Ausbildung in Deutschland zu absolvieren. Sie hatte sich für ein duales Studium bei der Polizei entschieden, die meiste Zeit verbrachte sie dabei in Wiesbaden. Während sie ihr siebenmonatiges Praktikum bei der Länderdienststelle in Hamburg machte, verliebte sie sich in die Hansestadt.

Nach dem erfolgreichen Abschluss ihres Studiums lebte sie mittlerweile dauerhaft in Hamburg, in einer Wohngemeinschaft mit Linda und Eva.

Linda Weber, siebenundzwanzig Jahre alt, war ein verrücktes Huhn. Sie war sehr lebhaft, und ihre freundliche Art steckte alle an, die mit ihr zu tun hatten. Wo sie war, herrschte milde ausgedrückt ein gepflegtes Durcheinander. Im Prinzip war sie das genaue Gegenteil von Marie. Sie hatten sich durch eine Annonce in einer lokalen Zeitung kennengelernt, in der stand: »Suche Mitbewohnerin, die mir hilft, mein Chaos zu beseitigen«. Da wurde Marie neugierig und hatte sich bei Linda gemeldet.

Sie verstanden sich von der ersten Minute an blendend. Marie bemerkte sofort, was Linda mit Chaos meinte. Bei ihr wirkte alles etwas unaufgeräumt und durcheinander. Sie hielt halt Ordnung auf ihre Weise, aber genau das machte Linda so sympathisch.

Die sechsundzwanzigjährige Eva Stöwer komplettierte das Wohn-Trio rein zufällig. Sie arbeitete zusammen mit Marie bei der Mordkommission, oder wie es offiziell heißt, im Fachkommissariat Tötungsdelikte/Todesermittlungen. Eva ähnelte Marie, jedoch war sie etwas launischer. Sie hatte oft Stress mit ihrem Freund und drohte ihm jedes Mal mit Trennung, wenn sie sich stritten. Dann weinte sie sich immer bei Marie aus. Oft saßen die beiden nächtelang in der gemeinsamen Wohnung von Marie und Linda, bis sie dann schließlich die Idee hatten, alle zusammen in ein übergroßes Apartment zu ziehen. Seitdem waren die drei unzertrennlich. Sie unternahmen in ihrer Freizeit alles zusammen, so auch heute.

Marie war zunächst für ein paar Stunden ins Präsidium gefahren, um ein wenig Schreibarbeit zu erledigen, ihr Schreibtisch drohte überzuquellen. »Geschafft!« Voller Vorfreude kam sie nach Hause.

Sie musste ins zweite Obergeschoss, wo sie mit ihren Freundinnen das Loft bewohnte. Sie führte den Schlüssel ins Schlüsselloch und drehte ihn langsam um. Sie gab der Tür einen Schubs und diese öffnete sich mit einem lauten Knarren. »Das muss ich unbedingt mal in Ordnung bringen lassen«, dachte Marie bei sich. Es war bemerkenswert ruhig, offenbar war niemand zu Hause.

»Hallo, ist jemand da?«, rief Marie in die Wohnung hinein. Sie erhielt jedoch keine Antwort.

Im Flur hingen Bilder, die Linda gemalt hatte. Linda liebte Kunst. Ein Bild zeigte eine Rose, die sich in den schönsten Aquarelltönen präsentierte. Auch ein paar Skulpturen hatte sie gefertigt, die den Korridor aufwerteten. Marie ging auf die Küchentür zu und gab ihr einen leichten Stoß.

Als die Tür bereits halb offen stand, kam plötzlich Linda auf Marie zugerannt. Sie hatte eine Trillerpfeife in der Hand und für eine erwachsene Frau einen durchaus albernen Hut auf dem Kopf. Hinter ihr tauchte Eva auf, ähnlich gekleidet und ebenfalls mit einer Trillerpfeife bewaffnet.

»Happy birthday to you, happy birthday to you, happy birthday, liebe Marie, happy birthday to you!” Erklang es wie aus einem Mund. Im Anschluss an dieses kleine Ständchen wurde dann noch mit voller Kraft in die Trillerpfeifen geblasen, ein ohrenbetäubender Lärm ertönte.

Linda sprang Marie direkt in die Arme, drückte ihr einen Kuss auf die linke Wange und fing an zu kichern. »Alles Liebe zum Geburtstag, Marie.« Wobei Marie mit dem Gleichgewicht zu kämpfen hatte, denn Linda umklammerte sie mit ihrem ganzen Körper.

Eva war etwas zurückhaltender, aber auch sie ließ ihrer Freude, dem Geburtstagskind gratulieren zu können, freien Lauf. Sie war nah am Wasser gebaut, und es kullerten ein paar Tränen der Rührung.

Da Eva keine Chance hatte, Marie allein in den Arm zu nehmen, umarmte sie schließlich alle beide. »Ich habe euch so lieb«, sagte sie, und schließlich passierte das, was passieren musste. Marie verlor das Gleichgewicht und alle machten Bekanntschaft mit dem Küchenboden. Das Gelächter war riesengroß.

»Heute Abend gehen wir aus«, sagte Linda.

Bis dahin war es allerdings noch etwas hin. Sie unterhielten sich ausgelassen den ganzen Nachmittag und hatten dabei sehr viel Spaß. Dann wurde es Zeit sich aufzuhübschen.

Es war bereits acht Uhr am Abend, als sie den Flur entlangliefen und die Haustür öffneten, die sich wieder mit ihrem Knarren bemerkbar machte.

Sie gingen zur Tiefgarage, wo Marie ihren roten VW Käfer abgestellt hatte. Sie liebte diesen alten Wagen, der ihr stets treu war und sie nie im Stich ließ. Er sprang immer sofort an und brachte Marie sicher von A nach B.

Marie drehte den Schlüssel im Zündschloss. Der alte Boxermotor im Heck des Käfers erwachte sofort zum Leben. Hin und wieder merkte man dem Auto sein Alter an. Irgendetwas klapperte, jedoch hatte Marie diese Stelle am Wagen einfach nicht finden können. Sie machte dann einfach die Musik etwas lauter, und das Klappern war nicht mehr zu hören. Am Armaturenbrett links neben dem Lenkrad hatte Marie einen Marienkäfer aus Plüsch angebracht, er sollte ihr Glück bringen.

Marie legte den ersten Gang ein und fuhr langsam aus der Tiefgarage. Linda war an diesem Abend gut drauf und sang lautstark zur Musik mit. Auch Eva stimmte mit ein, alle drei waren sehr gut gelaunt. Marie war, wie gesagt, etwas zurückhaltender. Sie bevorzugte es, zuzuhören und nicht unbedingt zu singen.

Über das Ziel ihrer Fahrt hatten sie sich bisher keine Gedanken gemacht. Sie fuhren erst einmal in Richtung Zentrum.

Marie war glücklich, in Gedanken schwelgend bugsierte sie ihren Oldtimer durch den Hamburger Abendverkehr. Solche Freunde hatte sie sich immer gewünscht, als sie noch ihre Ausbildung zur Kriminalkommissarin absolvierte.

Mit ihren gerade mal einen Meter neunundfünfzig hatte sie es nicht immer leicht gehabt. Um zum Studium zugelassen zu werden, musste sie ein wenig mogeln, denn als Einstellungskriterium für den Polizeidienst galt eine Mindestkörpergröße von einem Meter sechzig. Aber schließlich hatte sie es doch geschafft und sich durch ihren Ehrgeiz dahin gebracht, wo sie heute stand.

Nach erfolgreichem Abschluss ihres dualen Studiums beim Bundeskriminalamt durfte sich Marie nun »Bachelor of Arts« nennen und startete ihre Berufskarriere als Kriminalkommissarin auf Probe beim LKA in Hamburg im Bereich Deliktorientierte Ermittlungen. Sie hatte sich sehr schnell und erfolgreich eingearbeitet, so dass sie sich bereits in einem Beamtenverhältnis auf Lebenszeit befand und nun offiziell den Titel »Kriminalkommissarin« trug.

Zum Fachkommissariat gehörten neben ihrer Freundin Eva noch Peter Sander, Thomas Petersen und Gerald Schmitt, zwischen vierundzwanzig und dreißig Jahre alt. Eine junge Truppe, deren Altersdurchschnitt nur durch ihren Chef, Kriminalhauptkommissar Hermann Lüders, mit seinen zweiundfünfzig Lenzen etwas ramponiert wurde.

Aber das alles war an diesem Abend nicht wichtig. Heute ging es darum, Maries Geburtstag ordentlich zu feiern. Die drei hatten sich dazu entschlossen, zu ihrer Lieblingsdiskothek »DAS APEX« zu fahren, hier hatten sie schon viele Nächte gemeinsam zugebracht. Als sie auf dem Parkplatz des Lokals ausstiegen, waren zumindest zwei der drei jungen Frauen heiser.

Bereits beim Betreten der Diskothek bewegte sich Linda rhythmisch zur Musik. Die tiefen Bässe ließen die Körper der drei Besucherinnen regelrecht vibrieren. Nach kurzer Zeit befanden sich alle drei auf der Tanzfläche. Linda ließ es an diesen Abend richtig krachen. Marie wollte nichts trinken, zumindest nichts Alkoholisches. Somit stand auch fest, wer zurückfahren würde.

Sie feierten ausgelassen bis in die Nacht hinein. Es war schon weit nach Tageswechsel, als sie beschlossen, nach Hause zurückzukehren. Marie setzte sich hinters Steuer ihres roten Käfers. Linda hatte einige Probleme, die Beifahrertür aufzubekommen, aber schließlich schaffte sie es, kippte die Rückenlehne des Beifahrersitzes nach vorn und ließ sich der Länge nach auf die Rückbank fallen. Man hörte nur noch »Von mir aus können wir«, und dann war Funkstille. Eva krabbelte zu Linda nach hinten. Dann fuhren sie los.

Auf den Straßen war nicht mehr viel los. Linda hatte bereits die Augen geschlossen. Ihr Kopf lag mittlerweile auf Evas Schultern, die ebenfalls damit zu kämpfen hatte, nicht einzuschlafen. An einer Ampelkreuzung musste Marie halten.

Die Ampel wechselte gerade von Orange auf Rot. Marie wollte...



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