Sachs | Namenlos | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 96 Seiten

Sachs Namenlos


1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7407-0347-9
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 96 Seiten

ISBN: 978-3-7407-0347-9
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Namen sind Schall und Rauch. Das denkt sich auch die junge Frau, die den Unbekannten am Nachbartisch anspricht. Sich gegenseitig vorstellen, interessant finden, verabreden, ausgehen und am Ende intim werden? Ein alter Hut. Wie lernt man sich am besten kennen? Rückwärts, findet sie. So bestehen die unkonventionellen Dates der beiden Protagonisten aus schwarzhumorigen und tiefsinnigen Gesprächen über Literatur, Arbeit, Liebe und dem magischen Moment der Zweisamkeit mit einem unbekannten Menschen. Vor allem aber beinhalten sie eines nicht: die Frage nach dem Namen. Wie so oft folgen Leben und Liebe aber ihren ganz eigenen Gesetzen und komplizieren das Vorhaben mit der möglichst späten Auflösung des Geheimnisses.

Über die Autorin Nika Sachs ist 1987 in Frankfurt am Main geboren und lebt mit ihrer Familie unweit ihres Geburtsortes. Bereits in der Kindheit und Jugend zeichnete, sang und schrieb die vielseitig kreative Synästhetikerin. Ne-ben Erzählungen und Bilderbüchern für Kinder schreibt sie leidenschaftlich gerne über das Komische und Unkonventionelle des Alltags.
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Fischvogel


Sie ist spät für ihre Verhältnisse und hat ein rotes Gesicht von der unangenehm feuchten Kälte, die sie durch die Tür mit reingebracht hat. Der namenlose Schreiber hat in weiser Voraussicht einen Tisch reserviert, weil sie es nicht getan hätte. Das ist wortlose Kommunikation, die ausnahmsweise funktioniert. Er kann zwischen den Zeilen lesen, auch wenn ihm die Initiative wie ein biologisches Programm vorkommt. Dafür hat er kein neues Buch dabei, sondern die Zeitung vor sich liegen.

»Ist das Ihr ernst? Die FAZ? Sie kommen in ein Café, um sich die Nachrichten reinzuziehen, die sie doch schon seit mindestens um sieben über Twitter verfolgen? Ich bin enttäuscht!« Sie hat diesen Pseudotonfall voller Mitleid und ist damit ja nicht im Unrecht. Der Namenlose hat jedoch noch kein neues Buch auserkoren, dessen Thema ihn beflügeln könnte. Die Zeit ist begrenzt, da verschwendet man sie doch nicht an irgendein Letternwerk!

»Kann man es Ihnen denn niemals recht machen? Was ist denn falsch an den Nachrichten?«, fragt der Schreiber sie im Gegenzug zu ihrer gesprächseröffnenden Beleidigung belustigt.

»Ach, wissen Sie, wenn ich mich den ganzen Tag mit den Nachrichten befassen müsste, würde ich mich als gestrandet empfinden.« Sie lacht und kratzt sich am Kopf, setzt sich ihm gegenüber.

»Gestrandet sagen Sie? Wo? Auf einer einsamen, gedanklichen Insel, der Realität oder der Hypothese?«

»In der großen Depression natürlich, Sie Scherzkeks! Aber es sei Ihnen verziehen, immerhin scheinen Sie in derselben Depression gestrandet zu sein wie ich. Ich empfehle Ihnen, ›Bartleby & Co‹ zu lesen.« Leider hat sie damit recht, aber das Ausmaß des Desasters hat sie noch nicht erfasst.

Wie sie darauf komme, will er von ihr wissen, und lehnt sich mit verschränkten Armen zurück, zieht die Augenbrauen in trügerischer Selbstsicherheit hoch und wartet auf die Antwort.

»Offensichtlich sind Sie unglücklich, weil Sie hier nicht nach Entspannung, sondern verzweifelt nach Inspiration suchen. Ich beobachte Sie doch schon länger. Erfüllung sieht anders aus. Was sind Sie? Schriftsteller?« Noch ist das nicht bedrohlich, findet der Namenlose. Wenn die unbekannte Kunstkennerin hier so oft rumhängt, hat sie einfach den Aufmerksamkeitsbonus und kann gut kombinieren. Bevor die Tür zu seinen Gedanken wieder zu ist, fällt die ganze Mauer drum herum in sich zusammen.

»Wurden Sie verlassen? Jemand gestorben? Vielleicht hat Sie aber auch einfach die Leere des verblassten Idealismus eingeholt?«, ergänzt sie ihre Analyse und lässt den Inspirationslosen ohne Namen emotional gegen die Wand fahren.

»Die Frau ist weg und ich blogge nebenberuflich. Sonst gehe ich an mangelnder Selbstreflexion kaputt.« Er wundert sich im selben Moment darüber, dass er diese Frage nicht als Stilelement unbeantwortet lässt und stattdessen eine Gegenfrage stellt. Kein zynischer Kommentar folgt darauf von ihr.

»Wie lange ist sie schon weg?«, fragt sie stattdessen mit einer seltsam befremdlichen Distanzlosigkeit, deren ernsthafter Charakter das Netz nur noch weiter verschnürt.

»Fast sieben Monate.« Dabei wird sein Gesicht ausdruckslos. Wieder folgt keine emotionale Bewertung von ihr, sie nimmt seine Aussage einfach zur Kenntnis, fragt nicht mal nach dem Blog.

»Haben Sie den gesehen? Den Film, meine ich.«

»Welchen?«

»›Gestrandet‹, mit Sylvie Testud.«

»Nein.« Hat er nicht. Sylvie kennt er nur aus ›Jenseits der Stille‹, ein farbenfrohes Meisterwerk des Schwermuts, fast zwanzig Jahre ist der Film schon alt.

»In ›Gestrandet‹ flüchtet sie vor ihrem Leben und den Erinnerungen, die es mit sich bringt. Dabei beobachtet sie in der Einsamkeit Vögel und konfrontiert nicht nur sich, sondern auch andere Menschen mit ihren Abgründen. Aber die Vögel sind gut für die Metapher. Frei, ungebunden und ein Hoffnungsschimmer auf den Ausbruch vom innerlichen Festland, verstehen Sie? Als Ornithologe beobachtet und erfasst man deren Leben. Man analysiert sozusagen die Freiheit, die Fähigkeit, von der Welt abzuheben. Ich fand den wahnsinnig gut. Immer diese durchgängige Schwere, das typisch französische Flair darin. Eigentlich passiert gar nicht viel. Der Film bleibt konstant dunkelblau, spannend und leise«, merkt sie an und empfiehlt dem blockierten Schreiber nach einer seinerseits wortlosen Pause den Film. »Wenn er Ihnen gefällt, hören Sie sich im Nachgang das Album ›Here be Dragons‹ vom Kilimanjaro Darkjazz Ensemble an.«

Der Namenlose hakt mit einem mehr als charmanten Lächeln nach, wieso sie davon ausgehe, dass er sich den Film antun werde. Ihre Antwort ist banal, beinahe fatal. Zumindest für ihn. Noch eine Masche enger im Fischernetz der kreativen Abhängigkeit. Diese Frau mit den kurzen Haaren und dem hübschen Gesicht scheint eine multikriminelle Institution zu sein, denn alles, was sie auf seine Frage antwortet, ist die grausame Wahrheit, die sie durch ihre Direktheit mehr als effektiv verpacken kann. Ihr trauriges Lächeln ist ihr Kapital und der Schreiber leider kein Kommunist. »Nicht für mich, ich bin nur das Mittel zum Zweck für Sie. Nein, Sie werden es tun, weil Sie auf der Suche nach Inspiration sind, ohne die Sie untergehen. Mehr nicht.«

Stille, wenn auch nur für einen Moment.

»Ich möchte nicht den Anschein erwecken, Sie zu benutzen.«

»Da sind sie nicht der Erste.« Klingt auch nicht gerade nach einer entspannten Lebenssituation.

»Es obliegt mir nicht, Sie danach zu fragen«, findet er.

Ihr Lachen verstummt wieder. Nur das leise Schmunzeln bleibt, ehe sie ihren Kaffee austrinkt. »Sind sie ein Bartleby?« Die Frage ist berechtigt, denn das Syndrom weist Merkmale auf, die in sein Leben passen. Versagung, Verweigerung und die aufkommende Depression.

»Ich ziehe es nicht vor, es lieber nicht zu tun. Ich weiß nur nicht, was ich lieber tun soll. Der Verlauf der Depression ist hoffentlich ein anderer.«

»Das gestaltet sich einfach, wenn Sie einfach konstant überhaupt etwas tun. Sie erreichen nichts durch die dauerhafte Entreizung. Die ist schon zu lange vorhanden. Jetzt wird es Zeit für Sie, sich ins Leben zu werfen. Wie alt sind Sie?« Sie hat den ironischsarkastischen Tonfall am Ende, den er bei Miriam so oft vermisst hat. Die sprachliche Herausforderung hat mit ihr oft gefehlt. Miriam war in keiner Weise boshaft dem Leben gegenüber. Eher naiv-verträumt, eine erwachsene Geisterscheinung ihrer kindlichen Gedankenpfade.

»Ich lebe bereits. Seit dreiunddreißig Jahren. Aber danke für die Empfehlung«, sagt er besserwisserisch.

Wieder muss sie lachen, weil er ihr so viel Angriffsfläche bietet, dass sie diese einfach schamlos ausnutzen muss. »Ach, kommen Sie schon, Sie wirken nicht wie ein Asket, eher wie ein abgestürzter Emotionsmulti, der keinen Spaß mehr an seinen Spielzeugen hat. Sie sind bestimmt ein absoluter Idealist, der gelernt hat, sich seiner verhassten Parallelwelt anzupassen.«

»Das Geld muss reinkommen, von Luft und Liebe kann man ja offensichtlich nicht leben!« Das sei korrekt, aber auch keine großartige Reflexion des eigenen Wesens, denn ohne Luft und Liebe gehe es auch nicht, sagt die Fremde, die heute aus optischer Sicht fast schon unscheinbar dasitzt. In Jeans und leuchtend grellen Sneakers. Sie bedient den Mainstream, stellt er fest, und doch hat sie etwas an sich, das sie vom Rest abhebt. Keine schiefe Nase oder etwas anderes Auffallendes in ihrer Erscheinung. Nein, sie ist einfach nur eine Frau mit kurzen Haaren, einem hübschen Gesicht und einer guten Auffassungsgabe.

Das, was sie ausmacht, ist ihre Ausstrahlung. In ihrer Aura sind Sarkasmus, Ironie und Hoffnung zugleich. Hoffnung nicht auf einen Leidensgenossen, der ihr Gehör schenkt, sondern auf einen Menschen, der in all dieser lebensfeindlichen Gedankenanalyse noch ihren eigenen melancholischen Idealismus erkennt. Sie verschenkt ihn gerne, weil sie es liebt, andere glücklich zu machen. Philosophischer Altruismus. Ihre Gedanken sind ungehörte Poesie für die Frankfurter Gosse, die Liebe zum unscheinbaren Detail. Ein ständiger Abgleich mit der Umwelt und eine hundertprozentige Aufmerksamkeit auf die Feinheiten des Lebens, ohne die man als Opfer des kreativen Triebes im Bartleby-Syndrom erstickt. Die Versagung des Lebens, Selbstaufgabe, Sinnkrise und die Flucht vor der Herausforderung.

»Ich bin da eher dem Camus zugetan, die Aufgabe meiner selbst liegt nicht in meinem Interesse«, sagt er darauf.

Die Fremde sieht ihn kurz fragend an und winkt danach unauffällig die Bedienung herbei.

»Ein Existenzialist sind Sie also? Erfüllt Sie denn diese Erkenntnis über das Wesen des Seins an sich, dem keine übergeordnete Macht vorausgehen muss?«

Ihre Frage wirft weitaus mehr Gedankengänge in ihm auf, als ihm lieb ist, aber für den Anfang sagt er einfach nur das, was als Erstes durch den Hohlraum im Kopf geflattert kommt.

»Ich lehne nur die endgültige, selbst inszenierte Selbstaufgabe ab, was nicht...



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